Paderborn
»Das Leben meiner Mutter ist in Gefahr«
07.05.12
22:30
9 days
09.05.2012
- 16:43
Eugenia Timoschenko geißelt im Exklusiv-Interview das ukrainische Regime und kritisiert Fifa-Präsident Joseph Blatter
Bielefeld (WB). Seit die ukrainische Oppositionsführerin Julia Timoschenko im Gefängnis sitzt, ist Tochter Eugenia zu ihrer Botschafterin geworden. Vehement fordert die 32-Jährige die sofortige Freilassung ihrer Mutter, die sich seit nunmehr knapp drei Wochen im Hungerstreik befindet.
Im Exklusiv-Interview mit dem WESTFALEN-BLATT richtet Eugenia Timoschenko einen eindringlichen Appell an Bundeskanzlerin Angela Merkel: »Ich bitte Sie, den Druck weiter hochzuhalten, weil das ukrainische Volk alleine dazu nicht in der Lage ist.« Mit ihr sprach unser politischer Korrespondent Reinhard Brockmann.
Wie geht es Ihrer Mutter?
Eugenia Timoschenko: Sie ist heute am 18. Tag ihres Hungerstreiks. Sie hat am 20. April begonnen, als die Behörden sie geschlagen haben und sie ins Krankenhaus musste. Unser Protest betrifft nicht nur ihre Situation, sondern die gesamte Ungerechtigkeit und die Verletzung der Menschenrechte in der Ukraine. Meine Mutter ist körperlich geschwächt, aber stark im Willen.
Dürfen Sie Ihre Mutter regelmäßig sehen?
Eugenia Timoschenko: Als ihre Verteidigerin kann ich sie an sich ständig sehen ohne Begrenzung. In Wirklichkeit bin ich aber der Willkür ihrer Wärter ausgeliefert. Die Gefängnisverwaltung ist sehr wankelmütig, mal erlauben sie mir den Zugang, mal ist es unmöglich.
Hungerstreik in einer solchen schwierigen körperlichen Verfassung ist lebensgefährlich. Haben Sie versucht, ihrer Mutter das auszureden.
Timoschenko: Ja, selbstverständlich haben die Familie und ich das immer wieder versucht. Sie sagt, jetzt ist die Zeit für besondere, für außergewöhnliche Schritte. Ihr Leben ist jetzt in Gefahr, weil es keinen Mediziner gibt, der auf sie achtet. Heute soll wieder ein deutscher Arzt zu ihr kommen. Außerdem ist sie in Gefahr, weil die Gefängniswärter sie jederzeit attackieren können.
Am Freitag waren deutsche Ärzte und Diplomaten bei ihr, um sie zu überreden, sich in der Ukraine behandeln zu lassen. Hat Ihre Mutter das akzeptiert?
Timoschenko: Am Freitag hat die deutsche Delegation mit den Behörden gesprochen, um sie in einem lokalen Krankenhaus behandeln zu lassen. Wir bezweifeln, dass dort ein Arzt ihre gesamte Behandlung übernehmen kann, zumal meine Mutter Angst vor Ärzten des staatlichen Gesundheitssystems hat. Es hat viele Fehlbehandlungen gegeben. Meiner Mutter selbst haben die Ärzte die Behandlung verweigert, als sie vor zwei und drei Monaten deren Hilfe dringend benötigte. Jetzt sagen sie schon wieder, sie sei gar nicht krank. Die Ärzte arbeiten mit dem Strafverfolgungsbehörden und dem Regime direkt zusammen. Das haben wir während des Prozesses erlebt. Es geht darum, sie möglichst lange wegzusperren und neue Anschuldigungen gegen sie zu finden. Am 21. Mai ist eine weitere Anhörung. Dabei müsste sie nach Maßgabe des europäischen Menschenrechtsgerichtshofes im Krankenhaus sein.
Würde Ihre Mutter freiwillig in die Ukraine zurückkehren, wenn sie in Berlin behandelt werden dürfte?
Timoschenko: Es geht ihr darum, Zugang zu den Professoren zu haben, denen sie traut. Außerdem hat sie sich nicht ausgesucht, illegal inhaftiert und illegal verurteilt zu werden. Für sie ist es schwierig, ihr Land zu verlassen und niemals zurückzukehren, weil ihr Leben und ihre Politik der Ukraine gewidmet sind.
Ist es für sie eine Frage des Patriotismus oder die Sorge, Eigentum und politischen Einfluss zu verlieren?
Timoschenko: Das Regime hat ihr fast alles genommen, was sie hat. Sie ist in großer Sorge um ihr Land, und auch ihr Land braucht sie dringend.
Was denkt Ihre Mutter, soll die Fußball-EM nicht in der Ukraine stattfinden?
Timoschenko: Meine Mutter, die Opposition und das ukrainische Volk möchten nicht, dass ihr Land isoliert wird. Dafür ist allein das Regime verantwortlich. Das hat die Chance, das noch vor der EM zu korrigieren und die politische Krise zu lösen. Der Druck steigt gewaltig, und es ist der Zeitpunkt für die Wende durch die Regierung von Viktor Janukowitsch gekommen. Nur so kann das Turnier zu einem Fest des Sports werden.
Fifa-Boss Joseph Blatter bestreitet den Zusammenhang zwischen Politik und Sport.
Julia Timoschenko: Falsch. Seit den Olympischen Spielen 1936 in Berlin hat es diese Verknüpfung immer wieder gegeben. Die Partei und das Regime wollen versuchen, sich gut darzustellen. Dabei haben diese Leute so unendlich viel korruptes Geld aus den EM-Baumaßnahmen gezogen, und jetzt versuchen sie, auch noch politisches Vertrauen aus der Euro 2012 zu schlagen.
Fußballfans wollen Fußball sehen. Reicht nicht der politische Boykott im Ehrengastbereich der Stadien?
Timoschenko: Ja. Wir verstehen europäische Staatsmänner gut, die jetzt mit einem politischen Boykott der Spiele ihre Form demokratischen Protests zeigen. Das ist nicht gegen das Volk und nicht gegen die EM gerichtet. Fußballanhänger sollten die Spiele sehen und die EM genießen, aber sie sollten sich fernhalten von den hochrangigen Politikern unseres Regimes. Sie lassen die Gewalt gegen politisch Andersdenkende zu und erlauben Folter und Misshandlungen in den Gefängnissen.
Wie soll es weitergehen?
Timoschenko: Ich möchte nicht, dass unser Land isoliert wird. Jeder wählt sein eigenes Mittel zum Protest. Meine Mutter hat sich für den Hungerstreik entschieden, andere Leute protestieren auf ihre Art. Wir alle wollen, dass dies nicht in der Ukraine geschieht und dass der Schrecken bald vorbei ist.
Was erwarten Sie von Bundeskanzlerin Angela Merkel?
Timoschenko: Zunächst einmal danken wir Frau Merkel, Elmar Brok und auch dem deutschen Volk für ihr großes Interesse an diesem Fall. Das gibt uns Kraft und Hoffnung, dass die Verhandlungen, die Herr Westerwelle führt, das Problem meiner Mutter lösen können. Frau Merkel danke ich für alles, was sie bisher getan hat. Ich bitte sie, den Druck weiter hochzuhalten, weil das ukrainische Volk alleine dazu nicht in der Lage ist. Es ist sehr gefährlich, ohne Freunde dazustehen.
Wie steht es um Ihre persönliche Sicherheit?
Timoschenko: Seit Beginn der Regierung Janukowisch vor zweieinhalb Jahren machen sich viele Menschen Sorgen, einige brauchen Bodyguards. Ich persönlich fühle mich nicht gefährdet und habe auch keine Angst, angeklagt und weggesperrt zu werden. Ich halte einfach durch.
Zur Person
Mit dem berühmten Familiennamen ihrer Mutter kämpft Eugenia (Jewgenija) Timoschenko schier unermüdlich gegen die international umstrittene Inhaftierung der ukrainischen Ex-Regierungschefin Julia. Den Ehenamen Carr hat die 32-Jährige abgelegt und ihre braunen Haare blond gefärbt – für Gegner von Julia Timoschenko muss die Tochter wie ein Spiegelbild der Feindin erscheinen.
Ob in Washington, Straßburg oder gestern in Berlin und dann sogar in Bielefeld sowie Paderborn: Der für prowestliche Werte stehende Name verschafft Eugenia Zugang zu höchsten politischen Kreisen. Und als früheres Model weiß sie sich darzustellen und Menschen für sich einzunehmen. Der postsowjetische Aufstieg ihrer Mutter im Gasgeschäft machte es möglich, dass die am 20. Februar 1980 in Dnjepropetrowsk geborene Eugenia früh englische Schulen besuchte. Später studierte Eugenia auf der London School of Economics. 2004 heiratete sie den britischen Rockmusiker Sean Carr. »Dass ich nach Kiew zurückkehren würde, schien mir damals doch sehr unwahrscheinlich«, sagt sie.
Als studierte Juristin kümmert sich Eugenia auch als Anwältin um ihre Mutter. Langfristige politische Ambitionen lägen ihr aber fern, sagt die Betreiberin von zwei Gaststätten in Kiew: »Ich tue nichts anderes, als meine Mutter zu schützen«, sagte sie in einem Interview.