WESTFALEN-BLATT

SERIEABI IM DOPPELPACKMittwoch, 16. Mai 2012

Abi im Doppelpack

Der Doppeljahrgang 2013 sorgt für eine Abiturientenflut. 217 junge Leute machen dann allein in Schloß Holte-Stukenbrock ihren Abschluss. WESTFALEN-BLATT-Redakteurin Monika Schönfeld begleitet zwei von ihnen bis zur Schulentlassung und in den ersten Monaten danach.

Julia Feuerborn (18) macht nach neun Jahren Abitur. Pascal Pollmeier (16) gehört zu den ersten, die schon nach acht Jahren am Ziel sein werden. Beide besuchen das Gymnasium Schloß Holte-Stukenbrock. Abi im Doppelpack - bedeutet das »Pech gehabt« oder liegt darin auch eine Chance? Eine Langzeitbetrachtung.

Schloß Holte-Stukenbrock
Anders lernen an längeren Lerntagen
03.02.12
18:10
103 days
03.02.2012
- 19:05
Halbzeit für doppelten Abiturjahrgang: Schulleiterin Marion Blome zieht Bilanz
Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Das Doppelabitur im Jahr 2013 stellt das Gymnasium Schloß Holte-Stukenbrock vor besondere Anforderungen. Statt bisher durchschnittlich 100 Abiturienten werden nach derzeitigem Stand 217 junge Leute das Abitur machen – die Hälfte nach altem Muster, nach neun Jahren am Gymnasium (G9), die andere Hälfte nach acht Jahren, dem »G8«. WESTFALEN-BLATT-Redakteurin Monika Schönfeld fragte Schulleiterin Marion Blome, wie das Gymnasium mit der doppelten Zahl von Abiturienten umgeht. Was hat zu Beginn der Umstellung am meisten Kraft gekostet?
Marion Blome: Wir fühlten uns manchmal wie auf der Autobahn, auf der wir uns selbst überholt haben. Kraft kostet das Nebeneinander von G9 und G8. Wir müssen die Inhalte angleichen, ohne dass wir komplette Kernlehrpläne haben. Erst 2011 sind die Lehrpläne für die Fächer Musik, Sport, Religion und Kunst vom Schulministerium in die Praxis eingebunden worden. Bewährt hat sich aus meiner Sicht, dass wir bereits im ersten Jahr G8 und G9 gemischt haben. Nur in Deutsch, Englisch und Mathematik sind die Jahrgänge nicht gemischt worden. Für die Lehrer war es eine Umstellung, weil sie mehr Oberstufenunterricht leisten müssen. Aus dem 6-zu-3-Verhältnis zwischen Unterricht in der Sekundarstufe I und in der Sekundarstufe II wurde ein 5-zu-4-Verhältnis. Eine weitere Herausforderung ist der Stundenplan mit riesigen Kopplungsgruppen und bis zu zwölf Kursen gleichzeitig. Aufwändig sind jetzt die Laufbahnberatung und Klausurpläne für mehr als 200 Schüler.

Halbzeitbilanz: Was ist bei der Zusammenführung der G8er und G9er gelungen, welche Unterschiede werden nie überbrückt werden?
Blome: Im Jahr 2013 gibt es keine Unterschiede mehr, dann gibt es bei den Abiturprüfungen nur noch einen Erwartungshorizont für alle Schüler. Bevor wir soweit sind, werden die Schüler noch viele Vergleichsklausuren schreiben und Absprachen in den Fachteams getroffen. Zurzeit läuft eine weitere Befragung der Schüler und Lehrer im Doppeljahrgang.

Müssen die Schüler, die ihr Abitur nach acht Jahren machen, schneller lernen?
Blome: Sie müssen anders lernen bei längeren Lerntagen. Das ist eine Umstellung für alle Beteiligten. Es gibt mehr Doppelstunden und vermehrt Wochenplanarbeit. Die zweite Fremdsprache bereits in der Klasse 6 fordert die Gymnasialeignung ein Jahr früher ein. An der Realschule kann die zweite Fremdsprache abgewählt werden.

Welche Hilfestellungen gibt es für die Schüler, die aufgrund des Turbo-Abiturs Defizite in der Oberstufe haben?
Blome: Wir bieten Angleichungs- und Vertiefungskurse an. Entsprechend der Leitidee des Schulgesetzes werden die Schüler in allen Fächern individuell gefördert. Das und die intensive Beratung ist jetzt aufwändiger als vorher.

Halten Sie es persönlich für sinnvoll, Schüler mit 18 Jahren das Abitur machen zu lassen?
Blome: Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, ja. Das ist ein Beschluss unserer Schulkonferenz und breiter politischer Konsens in NRW und bundesweit. Wir müssen G8 auch im europäischen Kontext betrachten. In Frankreich zum Beispiel gehen die Schüler pro Tag länger in die Schule. Die Ansprüche an die Bildung werden europäischer, globaler. Schule und Erziehung brauchen aber Zeit, sich auf die geänderten Bedingungen einzustellen.

Mit dem Abitur ist es nicht getan, der doppelte Jahrgang macht sich bei der Studienplatz- und Jobsuche selbst Konkurrenz. Wie muss Schule darauf reagieren?
Blome: Wir können die Abiturienten nur fit machen für die Situation. Das heißt, wir versuchen, bundesweit Studienorte bekannt zu machen und die Schüler dazu anzuregen, sich überregional umzusehen. Gefragt ist hier allerdings nicht nur die Schule, sondern ganz deutlich auch die Politik. Bei allem, was wir den Schülern bieten, ist doppelter Organisationsaufwand gefragt, zum Beispiel bei unserem Modul »Abitur und wie weiter?« muss das Gildenhaus doppelt so viele Moderatoren zur Verfügung stellen. Dieses Modul wird zur Hälfte von Sponsoren getragen – das bedeutet für den Doppeljahrgang den doppelten Betrag. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich bedanken. Die Laufbahnplanung setzt für die G8er früher ein und ist aufwändiger. Die G8-Schüler sind in der Regel ein Jahr jünger bei der endgültigen Wahl ihres Studiums oder Berufs. Natürlich fehlt ihnen das eine Jahr an Reife und Lebenserfahrung. Was das bedeuten kann, sehen wir an den Studienfahrten. Bei der Studienfahrt in Jahrgangsstufe 13 im Sommer 2011 waren alle Schüler volljährig, bei den künftigen Fahrten in Q2 aber nicht mehr.

Schloß Holte-Stukenbrock
Zwei Wege – ein Ziel
31.12.11
01:18
138 days
02.01.2012
- 10:19
WESTFALEN-BLATT begleitet Pascal (G8) und Julia (G9) zum Abitur
Schloß Holte-Stukenbrock (WB). G8/G9 – das ist die Abkürzung für den Doppel-Abiturjahrgang im Jahr 2013. Das Gymnasium Schloß Holte-Stukenbrock, das seit dem Jahr 2000 aufgebaut worden ist, wird in seinem fünften Abschlussjahrgang nicht um die 100 Abiturienten verabschieden, sondern mehr als die doppelte Zahl: 217 Schüler machen dann das Abitur. Zwei davon begleitet das WESTFALEN-BLATT. Die schwarz-gelbe Landesregierung hatte in der vorherigen Legislaturperiode den Weg zur allgemeinen Hochschulreife um ein Jahr verkürzt. Das Gymnasium stellte um – dann der Wechsel der Landesregierung zu Rot-Grün – am 6. Oktober 2010 gab es bei der Bezirksregierung eine Informationsveranstaltung, bei der der Schulversuch »G9 neu« vorgestellt worden ist. Einen Rückwärtsschwenk lehnte die Schulleitung des Gymnasiums Schloß Holte-Stukenbrock aber ab. »Verantwortungsvolle Bildungspolitik denkt langfristig, erlaubt die langfristige Planung von Schülerlaufbahnen und verzichtet auf die Addition unvollendeter Reformen«, sagt Schulleiterin Marion Blome. Eine strategische Entscheidung wie der Modellversuch »G9 neu« habe nicht mit Zufallsmehrheiten in einem Zeitfenster von acht Wochen getroffen werden können. Zu diesem Zeitpunkt habe G8 die Oberstufe erreicht. »Es widerspricht einer verantwortungsvollen Sachpolitik, während eines laufenden Verfahrens, ohne Betrachtung der Ergebnisse, aus politischen Gründen eine Änderung herbeizuführen.« Eine Rückkehr zu G9 hätte erhebliche Kosten verursacht, zum Beispiel im Bereich der Schulbuchversorgung, aber vor allem die bisher geleistete erhebliche Mehrarbeit zur Lehrplanumstellung entwertet. »Die Energie ist sinnvoller in die Weiterentwicklung des täglichen Unterrichts und der Erziehung investiert.« Da die Stadt Schloß Holte-Stukenbrock über den sechsjährigen Besuch der Sekundarstufe I in der Realschule und anschließender Sekundarstufe II am Gymnasium auch das Abitur nach neun Jahren ermöglicht, bedürfe es keines weiteren Angebotes durch »G9 neu« am einzigen Gymnasium in der Stadt, meint die Schulleitung übereinstimmend mit der Schulkonferenz. »Unser Plädoyer für G8 erfolgt trotz der gegenwärtigen Probleme. Das sind die Verdichtung der Lernzeit, der Verlust an Übungszeit und die teilweise Überforderung der Abstraktionsfähigkeit. Mit dem G8 werden thematische und kognitive Anforderungen zum Teil verringert«, sagt Marion Blome. Deshalb müsse über die Weiterentwicklung von G8 nachgedacht werden – und das bedeute, den Unterrichtsstoff zu verringern, auf den Ganztag zu gehen, und den Widerspruch zwischen individuellen und verbindlichen Standards abzumildern. »Und vor allem: Verglichen mit den Anforderungen in anderen Kulturen und Ländern ist die Klage der Überlastung häufig eine Dramatisierung.« Lerneifer steckt an - Pascal Pollmeier (16) ist ein G8er »Der größte Unterschied? Julia kommt mit dem Auto zur Schule. Ich darf erst Auto fahren, wenn ich das Abitur habe.« Pascal Pollmeier (16) war nach dem Besuch der Pollhansschule erst auf der Realschule. »Ich bin zur 9. Klasse gewechselt. Nach der 10 hätte ich sonst ein Jahr wiederholen müssen, da am Gymnasium die 10 schon die Oberstufe ist.« Alle hätten ihn gewarnt, dass er am Gymnasium einen Notenpunkt in allen Fächern abrutschen wird. »Ich habe jetzt einen besseren Notendurchschnitt als ich je an der Realschule hatte.« Ganz anders sei am Gymnasium der Lerneifer der Schüler. »Die Schüler machen mit. Das war an der Realschule nicht immer der Fall. Der Spaß am Lernen steckt an.« Sein Bruder Patrick hat 2011 das Abitur am Gymnasium gemacht. Pascals Leistungskurse sind Mathematik und Sozialwissenschaften. Weitere Abifächer sind Deutsch und Religion. »Religion will ich noch gegen Musik tauschen.« Das verwundert nicht. Seit elf Jahren spielt Pascal Schlagzeug, seit zwei Jahren Klavier, seit drei Monaten auch Sakralorgel. Er ist Schlagzeuger im St.-Johannes-Jugendblasorchester Stukenbrock. »Bisher war jeder Schlagzeuger ein Holter«, führt er die »Tradition« fort. Zum Blasorchester ist er über einen Kennenlern-nachmittag gestoßen. Natürlich spielt er auch Schlagzeug in der Schloss-Combo des Gymnasiums und spielt in der Band »Stones Airlines«. Außerdem gibt er selbst Unterricht – privat im heimischen Keller. Neben der Musik betreibt Pascal Rettungssport bei der DLRG. »Mit meinem Freund Mark Burckardt trainiere ich eine Gruppe Neunjähriger«, berichtet er. Er war bei den Deutschen Meisterschaften in Itzehoe dabei und mit der Verler DLRG bei den Westfalen-Landesmeisterschaften. »Im Einzel trete ich aber nicht mehr an. Ich kann nur noch einmal in der Woche trainieren. Aber beim Wachdienst an der Nordsee in Burhave bin ich dabei.« Schule und Musik fordern ihren Tribut. Mit seiner band »Stoned Airlines« hat er bei beiden Disaster-Festivals des Evangelischen Jugendhauses mitgespielt, vor allem war er bei den Festivals aber im Sanitätsdienst eingespannt. Pascal ist in die kirchliche Arbeit der Gemeinde St. Ursula eingebunden. »Nur mit ein bisschen Messdienen«, sagt er. Relativ entspannt - Julia Feuerborn (18) ist eine G9er »Mit meinen Noten bin ich absolut zufrieden. Das hätte ich so nicht erwartet. Ich habe mit mehr Aufregung gerechnet. Es ist aber relativ entspannt.« Julia Feuerborn ist 18 Jahre alt und gehört zu den G9ern, die 2013 ihr Abitur machen. Wer es gern genau wissen will: Sie ist in der Qualifikationsphase Q1/12. Die G8er, sagt sie, haben zwar die gleichen Kurse wie sie, haben aber drei Stunden mehr Unterricht die Woche. Julia ist in Höxter geboren und hat eine jüngere Schwester, die nächstes Jahr in die Oberstufe kommt. Von der Katholischen Grundschule Stukenbrock ist Julia aufs Gymnasium gewechselt. Ihre Leistungskurse sind Biologie und Geschichte, weitere Abifächer sind Mathe und Englisch. Sie will aber Englisch noch gegen Deutsch tauschen. »Als ich hörte, dass die Klausuren in den Leistungsfächern drei Stunden dauern, in Deutsch vier, dachte ich, dass das ganz schön nervenaufreibend wird. Ist es aber gar nicht. Die Zeit vergeht unheimlich schnell. In der 11 sind wir gut darauf vorbereitet worden.« Schule ist nicht alles. Die Zeit für Hobbys und ehrenamtliche Tätigkeit bleibt. Julia ist in der ehrenamtlichen Leiterrunde der katholischen Kirchengemeinde St. Johannes Baptist, die die Messdiener und Ferienfreizeiten betreut. Die Leiterrunde ist seit dem zweiten Weihnachtstag in Erfurt. Julia war im Planungsteam, das für die elf Teilnehmer die Unterkunft und Führungen gebucht hat und Anträge auf finanzielle Unterstützung gestellt hat. Seit ihrem sechsten Lebensjahr tanzt sie – zuerst in einer Tanzschule in Oerlinghausen, jetzt bei der Royal Dance Academy bei Emma Jürgens. »Wenn man so lange Ballett gemacht hat, will man nicht aufhören«, sagt sie. Zeitlich sei das machbar. »Es geht.« In der Schule ist sie im Kurs Darstellen und Gestalten, mit dem Stück »Lammkeule« hat ihr Kurs an der Schultheaterwoche in Bielefeld teilgenommen. »Wir haben nicht gewonnen, aber es hat viel Spaß gemacht.« Das Literaturtheater plane schon ein neues Stückchen. »Das ist eine nette Abwechslung zum Schulalltag.« Vor den Sommerferien hat Julia den Binnen-Segelschein beim Yachtclub Paderborn am Lippesee gemacht. Mit ihrer Freundin Lisa Fernitz freut sie sich schon auf die nächste Saison. »Ich stehe im Trapez.«