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Bielefeld
»Das ist einfach ungerecht«
Rollstuhlfahrer Constantin Grosch soll nach dem Studium seine Betreuung fast komplett selbst bezahlen

Rollstuhlfahrer Constantin Grosch studiert Jura an der Universität Bielefeld. Der 20-Jährige ist ständig auf Hilfe angewiesen: Abwechselnd sieben Betreuer – darunter auch Dursun Oruc – stehen parat, um ihn im Studentenwohnheim aus dem Bett zu heben, ins Bad zu begleiten oder in den Rollstuhl zu heben.

Dienstag, 30. Juli 2013
- 08:33 Uhr
269 days
Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, 31. Juli 2013
um 17:11 Uhr
Von Sabine Schulze und Hans-Werner Büscher (Foto)
Rollstuhlfahrer Constantin Grosch soll nach dem Studium seine Betreuung fast komplett selbst bezahlen.
Rollstuhlfahrer Constantin Grosch soll nach dem Studium seine Betreuung fast komplett selbst bezahlen

Bielefeld (WB). Constantin Grosch sitzt im Rollstuhl. Er ist auf Hilfe angewiesen. Derzeit wird sie dem Jurastudenten 16 Stunden am Tag gewährt. 7000 bis 8000 Euro kostet diese »Assistenz«, wie er sagt, im Monat. Wenn der 20-Jährige aber einmal als Rechtsanwalt oder Richter arbeitet, muss er diese Hilfe weitgehend selbst bezahlen. Dagegen kämpft er jetzt.

Für seine im Internet gestartete Petition hat der Student schon fast 56000 Unterschriften gesammelt. Auch juristische Schritte seien möglich.

Constantin Grosch ist stark gehandicapt, er hat eine genetisch bedingte seltene Form der Muskeldystrophie: Die Muskeln werden abgebaut, die Kraft schwindet. Hände und Unterarme kann er noch bewegen, die Hand aber nicht zur Begrüßung nach oben reichen. Der 20-Jährige ist auf Hilfe angewiesen: Abwechselnd sieben Betreuer – zum Teil Studenten – stehen parat, um ihn im Studentenwohnheim aus dem Bett zu heben, ins Bad zu begleiten, ihn anzuziehen und in den Rollstuhl zu heben.

Auch beim Treffen in der Universität ist einer dieser Helfer, Dursun Oruc, dabei. Constantin Grosch hat Pflegestufe 3 – viel mehr geht nicht. Lediglich nachts kann er, nachdem er zu Bett gebracht wurde, alleine sein – und auch das nur, weil er ein Bett mit spezieller Mechanik hat, mit dessen Hilfe er sich umdrehen kann. Finanziert hat er es selbst. Hätte er das nicht, stünde ihm auch nachts eine Assistenz zu – vom Sozialamt bezahlt. »Das wäre deutlich teurer. Trotzdem wird so ein Bett nicht gezahlt«, wundert er sich über eine eigentlich unlogische Regelung.

Dennoch: Constantin Grosch, der ein Einser-Abi gepackt hat, klagt nicht über sein Schicksal. Was ihn fuchst: Dass ihm in dem Moment, in dem er ins Berufsleben eintritt, nur noch während seiner Arbeitszeit eine Hilfe zusteht. »In der gesamten Freizeit, am Wochenende, im Urlaub müsste ich die Assistenz selbst bezahlen. Da würde nichts übrig bleiben.«

Denn die Einkommensgrenze läge bei 1600 Euro. Alles darüber müsste er mit 40 bis 60 Prozent versteuern. »Und selbst wenn ich es dann schaffen würde, etwas zur Seite zu legen: Ich dürfte kein Vermögen – und dazu zählen Auto oder Wohneigentum – haben, das mehr als 2600 Euro wert ist.« Geld anzusparen – zum Beispiel für ein Auto – wäre nicht drin.

Derzeit hat Constantin Grosch einen Kia, der für ihn umgebaut wurde: So kann er am Wochenende alleine nach Hause, nach Hameln, fahren. Finanziert wurde der Umbau aus den Ersparnissen der Eltern. »Einen Fahrdienst bekäme ich gestellt. Und auch der wäre auf Dauer viel teurer.«

Constantin Grosch weiß, dass er einiges vom Steuerzahler verlangt. Schließlich sitzt der 20-Jährige für die Piraten im Kreistag seiner Heimatstadt. »Ich kenne die Finanzprobleme.« Was ihm aber bizarr erscheint ist, dass, wenn er berufstätig wird, quasi bestraft würde, was doch offiziell politisches Ziel ist: seine Inklusion. »Ich möchte arbeiten, Geld verdienen, eine Leistung erbringen und Steuern bezahlen. Ich könnte auch sagen: Ich gehe in ein Heim mit Rundum-Betreuung. Das würde komplett bezahlt«. Und wäre wieder teurer als Betreuung.

Constantin Grosch denkt auch an eine Familie. »Eine Frau zu finden, ist für einen Behinderten schwer genug. Sie würde aber zusätzlich noch bestraft, weil auch sie mit ihrem Einkommen haften müsste.« Auch das würde herangezogen, um seine Betreuer zu bezahlen. »Das ist einfach ungerecht.«

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  • 1781
  • Bielefeld
 
 
cj, 30-07-13 10:30
Da hat er einfach Recht.

Schade, dass die genannte Petition nicht dem Beitrag beigefügt würde, ich hätte sehr gerne unterschrieben!
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