
Von Christian Althoff
Gütersloh (WB). Das Jugendamt der Stadt Gütersloh hat darauf verzichtet, einen Kinderschänder anzuzeigen. So blieb der Verbrecher lange unbehelligt auf freiem Fuß.
Im Frühjahr vergangenen Jahres hatte sich ein 13-jähriges Mädchen aus Gütersloh der Sozialarbeiterin in der Schule offenbart und erzählt, dass es etwa zwei Jahre lang vom Freund der Mutter missbraucht wurde. Die Sozialarbeiterin wandte sich an den »Wendepunkt« - eine Beratungsstelle für Opfer sexuellen Missbrauchs, die vom Kreis Gütersloh und der Stadt betrieben wird.
Die »Wendepunkt«-Mitarbeiter kümmerten sich um das Mädchen und informierten das Jugendamt der Stadt. Aber: Keine der Stellen informierte die Polizei!
Das Mädchen, das bereits früher von einem Onkel missbraucht worden war und den Ablauf eines Ermittlungsverfahrens kannte, soll darum gebeten haben, die Polizei außen vor zu lassen. Sie schäme sich, soll die Schülerin als Grund angegeben haben.
Erst viel später soll das Jugendamt die alleinerziehende Mutter des Mädchens über den Missbrauch informiert haben. Carola L., eine enge Freundin der Familie: »Die Mutter war außer sich und wollte den Mann sofort anzeigen, aber die Jugendamtsmitarbeiterin drohte mit Ärger, sollte die Mutter zur Polizei gehen.«
Deshalb habe die Frau, die zu diesem Zeitpunkt bereits seit Monaten von dem Täter getrennt war, die Information für sich behalten. Irgendwann erzählte sie Carola L. doch davon.
Carola L.: »Ich habe dann ein langes Gespräch mit der 13-Jährigen geführt. Sie hat mir den Missbrauch beschrieben und gesagt, sie traue sich nicht mehr aus dem Haus, weil sie Angst habe, auf den Mann zu treffen. Er habe einmal versucht, sie nach der Schule abzupassen. Sie wolle, dass er endlich ins Gefängnis komme.«
Carola L. überzeugte die Mutter, mit ihr zur Polizei zu gehen. Am 7. Dezember 2009 erstatteten die Frauen Anzeige bei der Kripo Gütersloh. Der verdächtige Volker N. (48) kam in U-Haft.
In der vergangenen Woche verurteilte das Landgericht Bielefeld den vorbestraften Kinderschänder zu achteinhalb Jahren und anschließender Sicherungsverwahrung.
Susanne Zimmermann, die Sprecherin der Stadt Gütersloh, sagte gestern, das Jugendamt habe versucht, das Mädchen von der Notwendigkeit einer Anzeige zu überzeugen. Das Kind sei aber nicht bereit gewesen, bei der Polizei eine Aussage zu machen. »Und eine Anzeige gegen den Willen eines Betroffenen kann eine ebensolche Traumatisierung bedeuten wie der Missbrauch selbst«, sagte die Sprecherin.
Es stimme auch nicht, dass das Jugendamt auf die Mutter eingewirkt habe, keine Anzeige zu erstatten.
Niemand weiß, ob Volker N. in den Monaten, in denen das Jugendamt von den Taten wusste, aber keine Anzeige erstattet hat, weitere Kinder missbraucht hat.
Carola L.: »Ich habe beispielsweise erfahren, dass der Mann in dieser Zeit Kontakt zu einer allleinerziehenden Mutter hatte, die eine geistig zurückgebliebene Tochter hat.«
Ein Jugendamt, das Sexualverbrecher schützt? »Das ist leider gängige Praxis«, sagt Rechtsanwalt Georg Ehrmann aus Werther, Vorsitzender der Deutschen Kinderhilfe. Er behauptet: »In den Akten deutscher Jugendämter stehen die Namen tausender Kinderschänder, die die Polizei nie erfahren wird.«
Denn in vielen Jugendbehörden gelte die Einstellung, man habe den Auftrag, das Kindeswohl zu schützen, und nicht, Pädophile an die Staatsanwaltschaft auszuliefern. Ehrmann: »Wer das Wohl der Kinder im Auge hat, sollte aber auch an jene Kinder denken, die die nächsten Opfer eines solchen Menschen werden könnten.«
06.07.2010