
»Haiti nach dem Beben« Teil 1
Florenc, der Buchhändler
Ein Besuch auf Haiti sieben Wochen nach dem Beben
Von Reinhard Brockmann
Port-au-Prince (WB). »Kabrio-Haus« lautet das erste Wort, dass mir durch den Kopf schießt. Beim letzten Bogen im Anflug der 18-sitzigen Turbo-Prop auf Port-au-Prince geht der Blick steil nach unten auf ein Haus ohne Dach. Je weiter die Maschine sinkt, um so mehr geborstene Wände, eingesackte Dächer und daneben wieder unversehrte Gebäude rücken in den Blick.
1992 hatten die Serben monatelang den Bosniern unten im Kessel von Sarajevo die Dächer weggeschossen. Flüchtlingskinder vom Balkan brachten das Wort »Cabrio-Haus« nach Deutschland.
Baustahl bringt Geld, das Sammeln ist lebensgefährlich
Haiti liegt wie eine riesige graue Endlosmasse in einer weiten Ebene, ein urgewaltiger Erdstoß hat am 12. Januar gereicht, um das Desaster zu bringen. Hier hat das Trauma noch kein Wort gefunden. Kaum einer auf der Straße braucht den französischen Fachbegriff »seisme«, man spricht furchtsam von »événement«, dem Ereignis.
Der Flughafen liegt in Zone sieben, leichte Zerstörungen, moderate Erschütterungen der Bausubstanz. Das Epizentrum, Zone zehn, ist 40 Kilometer entfernt.
Aber schon die City von Port-au-Prince, 30 Minuten Fahrzeit weiter, bietet ein Bild des totalen Schreckens. Menschen über Menchen, dazwischen ragen Häuser, oder was davon übrig geblieben ist, dramatisch quer in den Himmel, Schuttberge reichen weit in die notdürftig freigeräumte Fahrbahn, geborstene Betonstreben, wild verknäulte Moniereisen, die einmal massiven Beton zusammenhielten. Erzählungen der Eltern vom Luftangriff auf deutsche Städte kommen dem Besucher unwillkürlich in den Sinn.
Eines von zehntausenden zerstörten Gebäude in Port-au-Prince
Eine Million Menschen leben auf den Straßen von Port-au-Prince. Keine Grünanlage, kein Kreisverkehr ohne Zelte oder blaue und graue Planen. Nichts ist geplant, erst langsam erfüllen Dixiklos die allernötigsten Bedürfnisse.
Die ersten schweren Schauer der Regenzeit sind schon niedergegangen. Große Plastiktüten müssen herhalten. Wohl dem, dem ein Stuhl geblieben ist wie zum Beispiel Florenc.
Wie alle hier, machte er sich regelmäßig auf die lebensgefährliche Tour durch die Trümmer. Händler mit Waagen warten schon auf den Baustahl, den er mit bloßen Händen abknicken muss. In jedem Moment können dabei die geborstenen Gebäude unter oder über ihm zusammenstürzen. Auch findet sich allerlei. Ob Zahnstocher oder Küchensieb, jedes Stück ist wertvoll unter Menschen, die alles verloren haben.
Kein Platz, keine ehemalige Grünanlage in der Hauptsadt ohne selbstgebaute Notunterkünfte
Mit elf Büchern und einem Spielzelt aus dem Geröll hat Florenc eine neue Existenz. Weil er eingerollt wie ein Embryo schlafen kann, wohnt der 1,80 Meter große Student jetzt in einer winzigen Lücke von ein mal einem Meter zwischen hunderten anderer Selbstbau-Shelter direkt gegenüber dem eingestürzten Präsidentenpalast. Das knappe Dutzend Bücher liegt ausgebreitet auf dem Bürgersteig davor. Voilà, Florenc ist bouquinist.