
Von Christian Althoff
Paderborn (WB). Die Treibjagd war zu Ende, als plötzlich doch noch ein Schuss fiel. Von einem Zwölf-Millimeter-Geschoss getroffen sank Schülerin Lena W. (14) schwerverletzt zu Boden.
Der Jagdunfall, der am 28. Dezember 2008 in Marienmünster im Kreis Höxter geschehen war, wurde am Freitag vor dem Landgericht Paderborn verhandelt. Auf der Anklagebank saß Norbert P. (56) aus dem lippischen Lage. Er ist Büchsenmacher, arbeitet als Handelsvertreter für Jagdwaffen, besitzt seit 33 Jahren einen Jagdschein - und will den Schuss nicht abgefeuert haben. Das Gericht hatte jedoch keinen Zweifel: Es verurteilte den Mann nach zehnstündiger Verhandlung wegen fahrlässiger Körperverletzung zu acht Monaten Gefängnis auf Bewährung.
Lenas Vater Joachim W. (47) hatte neun Jäger und sechs Treiber in sein Revier eingeladen, um Hasen nachzustellen. Der Jagdherr gab außerdem die Erlaubnis, Rehe zu schießen. Aber nur, falls die sich nicht bewegen und ihr Geschlecht deshalb zweifelsfrei zu erkennen ist. Denn für die im Winter oft geweihlosen Böcke galt die Schonzeit.
Gegen Mittag näherte sich die Jagdgesellschaft über einen Acker einer etwa zwei Meter hohen Schwarzdornhecke, an der die Jagd enden sollte. Einige Jäger entluden ihre Gewehre, schwenkten nach rechts und gingen parallel zur Hecke zum verabredeten Sammelpunkt.
Lena W. und zwei weitere Treiber sti egen durch die Hecke und suchten auf einer dahinterliegenden Wiese nach einem angeschossenen Hasen. Was die drei nicht sehen konnten: Auf dem Acker jenseits der Hecke tauchte plötzlich ein Reh auf. Ein Jäger sagte im Zeugenstand: »Ich sah, wie der Angeklagte die Munition wechselte und seine Schrotflinte mit einem Bleigeschoss lud. Dann legte er auf das Reh an, folgte dem fliehenden Tier mit dem Lauf in Richtung Hecke und schoss.« Das Reh entkam unverletzt, Jagdteilnehmer hörten Lena W. aufschreien. Ein Treiber alarmierte den Jagdherrn: »Schnell, Achim, deine Tochter!«
Lena W. war in den rechten Oberarm getroffen worden. Die 25 Gramm schwere Kugel, ein sogenanntes Brennecke-Geschoss, hatte drei Zentimeter des Knochens zerfetzt, Nerven und Adern durchtrennt. Bis heute hat Lena W. vier Operationen hinter sich, aber sie kann den Arm nicht richtig bewegen. Noch immer stecken Splitter tief im Gewebe. »Bei jedem Wetterumschwung habe ich Schmerzen. Ich kann nicht mehr Tennis spielen, das Schwimmen fällt mir schwer, und meine rechte Hand ist häufig kalt«, sagte sie.
Mehrere Jäger und Treiber erklärten, Norbert P. habe damals den Schuss zugegeben und beteuert, er habe das Mädchen nicht mit Absicht getroffen. Vor Gericht ließ er nun durch seinen Anwalt verkünden, dieses Geständnis sei falsch gewesen, er habe es »unter Schock« gemacht. Er habe nicht in Richtung Hecke gefeuert, ein anderer Jäger müsse der Schütze gewesen sein. Allerdings: Kein Zeuge hatte einen zweiten Schuss gehört.
Ein ballistisches Gutachten half dem Gericht diesmal nicht weiter. Diplom-Ingenieur Helmut Kinsky von der Deutschen Versuchs- und Prüfanstalt für Jagd- und Sportwaffen in Altenbeken: »Der glatte Lauf einer Schrotflinte hinterlässt auf einem Bleigeschoss keine Spuren. Eine Zuordnung ist unmöglich.«
Den Richtern reichten jedoch die zahlreichen übereinstimmenden Zeugenaussagen. Der Vorsitzende Bernd Emminghaus: »Was Sie getan haben, war extrem fahrlässig. Sie wussten, dass die Jagd zu Ende war und hätten nicht schießen dürfen.« Der Richter sagte, er habe noch nie erlebt, dass sich jemand so verbissen vor seiner Verantwortung gedrückt habe. Als straferschwerend wertete er zudem die schweren Verletzungen des Opfers.
Für Lena W. ist die Verurteilung ein Stück Genugtuung: »Bis heute hat sich der Mann nicht bei mir entschuldigt. Ich hätte ein wenig mehr Mitgefühl erwartet.« Für die heute 16-Jährige steht fest: »Es war meine erste und letzte Treibjagd.«
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