
Von Oliver Horst
Versmold (WB). Die Kripo Aachen hat mehr als 100 Eltern informiert, dass ihre Töchter in ihren Kinderzimmern von einem Computerhacker beobachtet worden sind. Viele der Familien leben in Ostwestfalen-Lippe. Polizeisprecher Michael Houba bestätigte einen entsprechenden WESTFALEN-BLATT-Bericht vom Freitag.
»Wir ermitteln gegen einen Mann aus dem Raum Aachen. Eltern, die von uns keinen Brief bekommen haben, können sicher sein, dass ihr Kind zumindest von diesem Täter nicht beobachtet worden ist.« Allerdings steht inzwischen fest: Auch andere Internetkriminelle nutzen die Möglichkeit, über Webcams in Kinderzimmer zu blicken, und viele Täter sind noch nicht enttarnt. Wie berichtet, soll ein 43-Jähriger die Computer der Mädchen mit einem Schadprogramm infiziert haben, mit dem er die Web-Kameras der Kinder und Jugendlichen steuern und die Opfer beobachten konnte.
Ein Schwerpunkt der Attacken war der Kreis Gütersloh. Oberstaatsanwalt Alexander Geimer aus Aachen erklärte, die polizeilichen Ermittlungen seien weit fortgeschritten. Die Staatsanwaltschaft führe das Verfahren derzeit wegen des Ausspähens von Daten. »Ob und inwieweit es auch zu Verstößen gegen den Jugendschutz oder anderen Straftaten gekommen ist, muss noch geklärt werden.«
Anzeige hatte unter anderem ein Polizeibeamter aus Versmold (Kreis Gütersloh) erstattet, dessen Tochter zum Kreis der ausgespähten Mädchen gehört. Aufgedeckt hat die Machenschaften Datenschutzexperte Thomas Floß aus Versmold. Er hatte Vorträge in Schulen gehalten und dabei Hinweise auf die Tat erhalten. »Schülerinnen haben mir berichtet, dass die Leuchte ihrer Webcam ab und zu von selbst angehe«, sagte Floß. Er untersuchte daraufhin die Computer zweier Mädchen. Dabei stellte der Experte fest, dass der Täter ihnen ein als Bild getarntes Schadprogramm untergeschoben hatte. Der Mann hatte zuvor das Profil eines Gymnasiasten beim Internetdienst »ICQ« geknackt und unter dessen Namen das Trojaner-Programm unter den arglosen Mitschülerinnen verbreitet.
»Es haben sich nach und nach immer mehr Mädchen bei mir gemeldet, bei denen sich die Webcam selbstständig anschaltete«, sagt Floß. Als die Polizei zugriff, sollen in der Wohnung des Tatverdächtigen Live-Videos aus mehr als 100 Kinderzimmern auf den Computer-Bildschirmen gewesen sein. Floß geht zudem davon aus, dass sich der Täter auch private Fotos von fremden Computern gesichert hat.
Céline (16) berichtet:
»Mein Virenscanner hat nichts genutzt«
Von Oliver Horst
Versmold (WB). »Jedes Mal, bevor ich mich umziehe, drehe ich meinen Laptop zur Wand«, sagt Céline. Die 16-jährige Schülerin ist Opfer einer Ausspäh-Attacke per Internet geworden. Ein Krimineller hatte ihren Computer unter seine Kontrolle gebracht.
Der Internet-Angriff auf ihre Intimsphäre wirkt bei der Gymnasiastin noch heute nach. Längst hat sie den mit einem Schadprogramm infizierten Computer ausrangiert. »Und über die Webcam meines neuen Laptops habe ich sofort ein Stück Papier geklebt. Damit so etwas nie wieder passieren kann«, sagt Céline.
Trotzdem fühlt sich die Schülerin nach den Erfahrungen in ihrem Zimmer nicht mehr ganz unbeobachtet. Das Wegdrehen des tragbaren Computers zur Wand ist für die Schülerin zu einem Reflex geworden.Wie sich der Trojaner auf ihrem Computer einnisten konnte, ist der 16-Jährigen ein Rätsel. »Vielleicht habe ich ihn mir über Musikdateien oder Bilder eingefangen, die ich mit Freunden getauscht habe.« Genau weiß sie es aber nicht.
Auch davon, dass sie in ihrem eigenen Zimmer beobachtet wurde und ein Unbekannter Zugriff auf ihre privaten Daten wie Fotos und Unterlagen hatte, ahnte sie nichts. »Ich hatte einen Virenscanner und fühlte mich sicher!« Erst als Datenschutzexperte Thomas Floß bei einem geschäftlichen Termin im Februar Célines Mutter von der Trojaner-Gefahr erzählte, flog die Sache auf. »Er hat sich auf Bitten meiner Mutter den Computer angeschaut und den Trojaner gefunden«, sagt Céline. »Ich habe danach nur noch meine persönlichen Daten gesichert und den Computer seitdem nie wieder angestellt.«
Der Gedanke, im eigenen Zimmer beobachtet worden zu sein, löse bei ihr Unwohlsein aus. »Ich habe mich immer wieder gefragt, was er gefilmt hat, wie lange er mich wohl überwacht hat und was ich in meinem Zimmer in dieser Zeit gemacht habe. Ich war ziemlich sauer.« Die Erfahrung hat für die Schülerin Folgen für den Umgang mit dem eigenen Computer. »Ich bin sehr vorsichtig geworden. Ich klicke nicht mehr einfach irgendwelche Dateien an, die mir geschickt werden. Auch wenn sie von Freunden kommen.«
Über den Vorfall erschüttert ist Célines Mutter. »Dass es so weit geht, dass sogar die persönlichsten Bereiche nicht mehr sicher sind, hätte ich niemals gedacht«, sagt Carola S. »Dabei haben wir immer sehr auf die Sicherheit geachtet und unsere Tochter vor den Gefahren im Internet gewarnt. Passiert ist es trotzdem.«
WESTFALEN-BLATT-Bericht vom Freitag:
Mädchen in ihren Zimmern beobachtet
Von Oliver Horst
Versmold (WB). Ein Computerkrimineller aus dem Rheinland soll mehr als 150 Mädchen in ihren Kinderzimmern beobachtet haben, darunter etliche Schülerinnen aus Ostwestfalen. Er hatte mit einem Schadprogramm die Computer der Mädchen so manipuliert, dass er deren Webcams über das Internet steuern konnte.
Bei den Opfern der Ausspäh-Attacke soll es sich unter anderem um eine Gruppe von 60 Schülerinnen aus dem Kreis Gütersloh handeln.
Aufgedeckt wurden die kriminellen Machenschaften im Zuge eines Datenschutz-Schulprojekts. Thomas Floß, Mitglied im Berufsverband der Datenschutzbeauftragten (BvD), hatte in Schulen ehrenamtlich Aufklärungsarbeit geleistet. Der Experte aus Versmold (Kreis Gütersloh) wurde einige Tage später von zwei Schülerinnen auf das merkwürdige Verhalten ihrer Internetkameras angesprochen. »Die Schülerinnen berichteten, dass ab und an die Kontrollleuchte der Webcam an ihrem Laptop leuchtet, obwohl sie die Internetkamera gar nicht eingeschaltet hatten.«
Der Datenschutzexperte nahm sich der Sache an. Bei seinen Untersuchungen stellte er fest, dass die Computer von einem Schadprogramm befallen waren. »Der Täter hatte es geschafft, die Computer der Mädchen fernsteuern zu können«, sagt Floß. Seine Erkenntnisse gab er an die Polizei weiter. Über die IP-Adresse wurde der Wohnsitz des Mannes festgestellt. Als die Ermittler bei ihm klingelten, sollen auf seinem Computer gerade Videos aus etlichen Kinderzimmern gelaufen sein.
Den Trojaner habe der Mann aus dem Rheinland den Schülerinnen durch E-Mails mit gefälschtem Absender als Bildschirmschoner untergeschoben. »Viele Adressen hatte er sich durch das Knacken des Internetprofils eines Versmolder Gymnasiasten besorgt«, sagt Floß.
Der Täter habe dann offenbar über einschlägige Internetforen noch eine Vorauswahl getroffen, welchen Mädchen er das Schadprogramm unter dem Namen des Schülers zusendet.
Viele der Mädchen hätten zu leichtfertig die vermeintlich von dem Schüler geschickte Mail geöffnet und sich das Schadprogramm damit auf ihrem Computer eingefangen. Das Ausspähen von etlichen Kinderzimmern sei über Wochen nicht bemerkt worden. »Das liegt auch daran, dass zu wenig darauf geachtet wird, ob der Computer noch angeschaltet ist, während man selbst schon nicht mehr daran sitzt«, sagt Floß.
Mit den bislang nur sporadischen Unterrichtsprojekten will der Berufsverband der Datenschutzbeauftragten Schüler für den Umgang mit persönlichen Daten sensibilisieren. Nicht zuletzt die Ausspäh-Attacke zeige den großen Bedarf an Aufklärungsarbeit, sagt Thomas Floß.
16.07.2010
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