Sa., 02.09.2017

TV-Duell gegen Merkel als letzte Chance? 90 Minuten Schlagabtausch mit strengen Regeln Den Druck hat Schulz

Das Rededuell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz wird am Sonntagabend von ARD, ZDF, RTL und Sat1 gleichzeitig übertragen. Es moderieren (großes Foto, von links) Claus Strunz, Sandra Maischberger, Maybrit Illner und Peter Kloeppel.

Das Rededuell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz wird am Sonntagabend von ARD, ZDF, RTL und Sat1 gleichzeitig übertragen. Es moderieren (großes Foto, von links) Claus Strunz, Sandra Maischberger, Maybrit Illner und Peter Kloeppel. Foto: dpa

Von Jörg Blank und Tim Braune

Berlin(dpa). Kann Martin Schulz seine Emotionen im Zaum halten? Der SPD-Chef kann aufbrausend sein, wenn er provoziert wird. Oder – kaum vorstellbar – zeigt Angela Merkel doch mal Nerven?

Bis jetzt hat die Kanzlerin alle Angriffe des Herausforderers an sich abtropfen lassen. Und Sonntag? 15 bis 20 Millionen Fernsehzuschauer werden wohl zugucken, wie Schulz im Studio in Berlin-Adlershof versucht, die Kanzlerin aus der Reserve zu locken. Auf ihm liegt der größte Druck: Viele halten den Schlagabtausch mit Merkel für seine vielleicht letzte Chance, den Umfragetrend bis zum 24. September zu drehen. Seit Wochen liegt die SPD wie festgenagelt rund 15 Punkte hinter der Union. Die früheren TV-Duelle zeigten jedoch: Die Show beeinflusst die Wählergunst kaum.

Streit um Modalitäten

Zwei Moderatorenpaare von ZDF, RTL, ARD und Sat 1 befragen Merkel und Schulz, wie bei früheren Spitzen-Duellen. Schon um die Modalitäten gab es Streit. Merkel drohte, gar nicht erst anzutreten, falls die Sender wie geplant das Format verändern, um mehr Drive in den 90-Minuten-Schlagabtausch zu bringen. Am Ende setzte sie sich durch.

Schulz sieht sich benachteiligt – und wird von Ex-ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender bestätigt, der den Merkel-Leuten Erpressung vorwarf: »Das Kanzleramt verlangt ein Korsett für die Kanzlerin, in dem sie sich nicht bewegen muss. Und zugleich eines für Schulz, in dem er sich nicht bewegen darf.«

Antworten zwischen 60 bis 90 Sekunden

Fest steht, die Antworten sollen jeweils nicht länger als 60 bis 90 Sekunden sein – unter dem Strich werden beide gleich lang reden. Studiopublikum gibt es nicht. Die Auslosung hat Merkel gewonnen – sie wählte die Schlussfrage. Wohl in der Hoffnung, dass dieses Statement bei den Zuschauern am besten im Gedächtnis haften bleibt.

Auf der Agenda des Abends dürfte wenig Überraschendes zu finden sein: Abgas-Affäre, Terror, Türkei, Trump, Putin, Nordkorea, Aufrüstung, Flüchtlinge. Von Schulz wird erwartet, dass er einen Schwerpunkt beim Sozialen, den Renten, der Bildung setzt. Für Merkel dürften die Gerechtigkeitsthemen die schwierigsten sein, sie weiß: Hier kann sie gegen den Sozialdemokraten kaum gewinnen. Anders könnte es bei den internationalen Themen sein: Da setzt die Kanzlerin auf ihre Erfahrung mit den schwierigen Männern der Welt.

Persönliche Angriffe – ein schmaler Grat

Vielleicht noch wichtiger als die Inhalte sind beim Duell Gestik, Mimik und Tonfall. Verheddert sich ein Kandidat in Details, schwitzt, stottert? Knöpft sich der Herausforderer die Kanzlerin richtig vor? Am vergangenen Wochenende war Schulz in den Attacke-Modus gewechselt, warf Merkel aggressiv Abgehobenheit vor.

Solche persönlichen Angriffe sind oft ein schmaler Grat: Übertriebene Härte kann abstoßend wirken. So sagt Schulz nun vor dem Duell: »Ich habe nicht die Absicht, Frau Merkel persönlich zu attackieren. Ich respektiere Frau Merkel sehr, ich kenne sie gut.« Die CDU-Chefin fliege in ihrer »Air Force One« über den Wolken, kriege gar nicht mit, was die Bürger bewege: »Aber für das Duell muss die »Air Force One« ja landen, muss die Frau Merkel auch aussteigen«, sagt Schulz.

Vor vier Jahren sprach Merkel am Ende des Duells mit treuem Augenaufschlag ihren Satz »Sie kennen mich« in die Kamera. Kommt sie wieder damit durch? Schulz grübelt wohl noch über berühmte letzte Worte. »Es ist vollbracht«, will er zumindest am Wahlabend in sein Tagebuch schreiben.

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