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Mi., 18.07.2018

Geschäftsführer Markus Rejek über seine Ambitionen mit Arminia – mit Video Rejek: »Ziel ist nicht, die 2. Liga zu verwalten«

Markus Rejek hat den Wunsch, »dass wir uns ein Festgeldkonto aus eigener Kraft erarbeiten können«.

Markus Rejek hat den Wunsch, »dass wir uns ein Festgeldkonto aus eigener Kraft erarbeiten können«. Foto: Thomas F. Starke

Kaprun (WB). Ursprünglich hatte der Verkauf des Stadions, der als wesentlicher Bestandteil des Arminia-Sanierungskonzepts gilt, längst abgeschlossen sein sollen. Warum ihn die Verzögerungen im Zeitplan nicht nervös machen, wie konkurrenzfähig er Bielefeld in der neuen Fußball-Zweitligasaison sieht und warum es in Deutschland eigentlich schon gar keine 50+1-Regel mehr gibt, erklärt Markus Rejek (50) im Gespräch mit Redakteur Jens Brinkmeier. Der DSC-Finanzgeschäftsführer über ...

… den Stand der Dinge zum Thema Stadionverkauf:

»Wir sind weiter auf einem sehr guten Weg. Die Namen der Bieter können wir allerdings nicht nennen, sonst laufen wir Gefahr, dass am Verhandlungstisch Plätze frei werden. Jeder, der mal eine Immobilie verkauft hat, weiß, was damit alles verbunden ist. Zumal das Stadion kein gewöhnliches Haus, sondern eine Sonderimmobilie ist. Es geht um steuerliche und juristische Dinge, die Grundbuchthematik, den Kauf- und Mietvertrag. Die potenziellen Käufer lassen aktuell eine wirtschaftliche Prüfung durchführen. Dabei geht es nicht nur um die Wirtschaftlichkeit des Stadions, sondern auch um die des Mieters. Diese Prozesse werden sicher bis Ende Juli dauern. Wir hoffen, in den nächsten Wochen vor dem Notar zu stehen und die Unterschrift unter das Papier zu bekommen.«

 

… die ursprüngliche Verkaufs-Deadline 30. Juni 2018:

»Wir hatten uns absichtlich diesen Druck gegeben. Jeder, der sich mit der Thematik auskennt, hat uns gesagt, dass das nicht funktionieren wird und die Zeit viel zu kurz ist. Darum fühlt sich die Verzögerung für uns auch nicht wie eine Niederlage an. Wir wissen, wo wir stehen.«

 

… die elementare Bedeutung des Stadionverkaufs im Sanierungskonzept:

»In Diskussionen mit den maßgeblichen Gläubigern, insbesondere den Banken, ist das Konzept entwickelt worden, dass sich Banken und private Gläubiger am Schuldenschnitt beteiligen. Im Gegenzug müssen durch die Einnahmen aus dem Stadionverkauf auch die Restschulden getilgt werden. Aus Sicht der Gläubiger ist das verständlich: Wer sich an der Entschuldung beteiligt, möchte komplett raus aus dem Risiko. Für uns wirkt sich der Stadionverkauf insofern positiv aus, als dass wir dann Banken-frei sind. Wir haben dann die Verbindlichkeiten aus der Alm KG gelöst und können erstmals für die Zukunft arbeiten.«

In der Vorsaison kamen durchschnittlich 18.000 Fans zu den Spielen. Rejek: »Diesen Schnitt wollen wir idealerweise ausbauen.« Foto: Thomas F. Starke

… die Restschuld bei der Stadt Bielefeld:

»Es bleibt auch nach dem Stadionverkauf eine Restschuld gegenüber der Stadt (rund 2 Millionen Euro, Anm. der Redaktion), mit der wir einen Tilgungsplan vereinbaren werden. Auch in der KGaA bleiben noch Verbindlichkeiten. Dabei handelt es sich um kleinere Beträge gegenüber privaten Gläubigern und unserem Vermarktungspartner Lagardère. Das werden wir über die Jahre bewerkstelligen können.«

 

… die für DSC-Verhältnisse ungewohnt hohen Transfereinnahmen für die Verkäufe von Roberto Massimo (2,5 Millionen Euro, VfB Stuttgart) und Henri Weigelt (1,2 Millionen Euro, AZ Alkmaar): »Ohne die konkreten Summen zu bestätigen, muss man erst einmal sagen, dass das überragend ist. Transfererlöse wie in diesem Sommer hat Arminia seit vielen Jahren nicht erzielen können. Das ist Ausdruck und Ergebnis einer herausragenden Arbeit in unserem Nachwuchsleistungszentrum und unserer Profiabteilung. Trotz der Transfererlöse haben wir den Spieleretat im Vergleich zur Vorsaison nicht wesentlich erhöht. Die Einnahmen helfen uns, das operative Geschäft zu finanzieren. Wir sind auch nach dem Stadionverkauf immer noch ein Sanierungsfall. Und das wird auch noch über ein, zwei Jahre so bleiben – wenn wir gut arbeiten. Wir müssen schauen, dass wir von uns aus heraus Erlöse steigern. Wir können zum Glück auf das ›Bündnis Ostwestfalen‹ bauen. Aber es ist nicht so, dass bei uns jetzt Milch und Honig fließen. Die Erlöse aus den Transfers helfen uns in der laufenden Lizenzierung und zur Finanzierung der neuen Saison.«

 

… die neue Eintrittskarten-Preisstruktur:

»Wir waren in der Vorsaison der einzige Zweitligist mit einer derart einfachen Preisstruktur. Mit der neuen Preisdifferenzierung wollen wir verschiedene Zielgruppen ansprechen. Da geht es vor allem nach dem Gerechtigkeitsprinzip. Es gibt Fälle, bei denen wir die Preise angehoben haben. Aber wir haben auch Fälle, bei denen wir attraktivere Strukturen geschaffen haben; Stichwort Familienblock und Studentenblock. Auch der ›Sechzehner‹ ist erstmals frei zugänglich für alle. Wir haben festgestellt, dass Bielefelder gern in Gruppen ins Stadion kommen. Der ›Sechzehner‹ bietet eine gute Gelegenheit, sich dort zu treffen und außerhalb der Tribünen ein neues Ritual aufzubauen. Die Preisstaffelung wird sich in der darauffolgenden Saison gegebenenfalls nochmals erweitern, was nicht heißt, dass wir die Preise unendlich steigern wollen. Wir wollen für möglichst jedes Portemonnaie ein passendes Angebot zur Verfügung stellen. Das geht nur über Differenzierung. Mit den bisher verkauften 7500 Dauerkarten sind wir sehr zufrieden. Unser Ziel bis zum Saisonstart Anfang August sind 8500 verkaufte Dauerkarten. In der Lizenzierung haben wir mit 17.500 Besuchern im Schnitt geplant. In der Vorsaison hatten wir mit durchschnittlich 18.000 Zuschauern pro Heimspiel einen neuen Zweitligarekord für Arminia aufgestellt. Diesen Schnitt wollen wir mindestens halten, idealerweise ausbauen. Aufgrund unserer attraktiven Spielweise und der attraktiven Auf- und Absteiger hoffe ich auf viele volle Buden.«

 

 

… die 50+1-Regel:

»In Deutschland führen wir diesbezüglich eine sehr emotionale Diskussion, auch weil es viele Fußballromantiker gibt, die die Kultur des Fußballs hier bewahren wollen. Ich glaube, dass gerade unser Modell mit dem ›Bündnis Ostwestfalen‹ sehr gut zeigt, wie man so etwas auch regeln kann. Ich bin der Meinung, dass man immer bedenken muss, für wen wir diesen Sport und auch dieses Geschäft betreiben. Das sind am Ende die Fans im Stadion und vor dem Fernseher. Wir müssen aufpassen, dass wir die Schraube nicht überdrehen und nicht nur noch dieses Spielchen Höher-Schneller-Weiter spielen. Das Beispiel Leipzig zeigt, dass wir in Deutschland in Wahrheit gar keine 50+1-Regel mehr haben. Man muss sich fragen, was erst passiert, wenn wir die 50+1-Regel offiziell öffnen. Dann bewegen wir uns nur noch in Entertainmentmaschinen. Der Fußball in Deutschland hat meiner Meinung nach aber einen Stellenwert, der anders zu beurteilen ist. Er ist ein wichtiges Stück unserer Kultur.«

 

… das Saisonziel:

»Ziel ist ein einstelliger Platz. In der 2. Liga gilt – vielmehr als in der 1. Liga – dass jeder jeden schlagen kann. Die Tabelle der Bundesliga sortiert sich dagegen deutlich stärker nach den finanziellen Möglichkeiten der Klubs. Wichtig ist, dass wir unsere Heimspiele gewinnen. Es muss ein Miteinander sein mit den Zuschauern, das hat letztes Jahr gut gekappt. Wir müssen die Schüco-Arena zu einer Festung machen. Es muss bei jedem Spiel das Ziel sein, dass die drei Punkte in Bielefeld bleiben.«

 

… das Ziel 1. Liga:

»Wir sind nicht dafür geboren worden und haben nicht bei Arminia angefangen, um die 2. Liga zu verwalten. Natürlich haben wir die Ambition, Arminia in die 1. Liga zu führen. Aber das kann nicht das Ziel für eine Saison ein, das muss man sich erarbeiten. Und wir müssen auch bedenken, wo wir herkommen. Im Winter war es mehr als eng. Jetzt sind wir froh, dass wir dieses zweite Leben haben. Diesen Schwung wollen wir nutzen, aber in einem, sagen wir, ostwestfälischen Tempo.«

 

… die Wünsche für das neue Lebensjahr (Rejek feierte vor einer Woche seinen 50. Geburtstag): »Dass Arminia wirtschaftlich auf solide Füße kommt, dass wir uns ein Festgeldkonto aus eigener Kraft erarbeiten können, und dass wir den Menschen in Bielefeld und Ostwestfalen Freude machen. Und dass wir vielleicht irgendwann alle zusammen auf dem Rathausbalkon stehen.«

Kommentare

Dem kann man zustimmen

Ich kann sowohl dem Interview mit Herrn Rejek, als auch dem Kommentar (Beutelipper) vorbehaltlos zustimmen. Ntürlich ist es immer richtig, Ziele zu formulieren. Und natürlich wäre es auch mal wieder spannend, Arminia in der 1. Liga zu erleben. Aber man muss auch realistisch bleiben und akzeptieren, dass ein längerer Verbleib in Liga eins überaus schwierig ist. Da muss vom Trainer bis hin zum Management schon alles stimmen, so, wie man es z.B. in Freiburg im Moment erleben kann. Mir persönlich wäre es jedoch lieber, Arminia würde lange Zeit unter den Top five der 2. Liga zu finden sein. Das garantiert mehr Siege und weniger Frust, wie ich ihn oft genug zu Erstligazeiten erleben durfte. Wenn dann noch Leute wie Herr Rejek u. Herr Saibene langfristig dem Verein erhalten bleiben, dürften wieder mehr Menschen Freude an ihrer Arminia finden.

Romantik und Realismus

Mir sind die Aussagen von Rejek genauso sympathisch wie des Beutelippers. Allein, mir fehlt der Optimismus der beiden. Der Kapitalismus ist krisenresistenter, als seine Kritiker erwartet und erhofft haben. Das gilt für den Fußball-Kapitalismus genauso. Auch wird man den deutschen Fußball kaum von der internationalen Dynamik abkoppeln können. Die Bereitschaft zum Verlust an Wettbewerbsfähigkeit ist nicht vorhanden aus meiner Sicht.
Das regionale Modell mit dem Bündnis OWL finde ich sehr gut. Das reicht aber nur für die Top-25 in Deutschland. Ich für meinen Teil wäre damit zufrieden. Warten wir es ab, wie weit die Ansprüche der Fans und des Vereins sich im Laufe der Jahre entwickeln. Im Moment sind damit alle glücklich, das kann sich aber mit zunehmendem Erfolg auch ändern.

Mir gefällt das Interview, Rejek gibt sich sehr bodenständig und realistisch. In OWL ist das Tempo etwas geringer, aber das ist doch sehr sympathisch. Ein Leben auf der Überholspur mag ja erstrebenswert sein, aber es funktioniert nur eine begrenzte Zeit, und das auch nur für eine verschwindend kleine Minderheit. Wenn der von Rejek thematisierte Fußballromantiker der Gegenentwurf zu den Fußballproduzenten und -konsumenten ist, die für Steigerungsraten verantwortlich sind, die das System irgendwann GARANTIERT kollabieren lassen, bin ich das gern. Laut Strunz vom Doppelpass müssen wieder wettbewerbsfähig werden und Partner akquirieren, die ganz viel Geld in den deutschen Fußball investieren, was auch immer das bedeuten mag. Wir würden
uns auf moderne Weise öffnen, damit talentierte 18-jährige demnächst 10 Mios pro Jahr verdienen können und die Berater noch dreister dem System Geld entziehen können. Der Zug ist vor vielen Jahren abgefahren, zum Glück ohne uns. Egal wie viel Geld wir investieren, wir werden nur hinterherhecheln. Bevor ein Konzern sich entschließt, eine dreistellige Millionensumme für einen Spieler zu investieren, kommt irgendein Scheich um die Ecke, dessen Namen wir noch nicht einmal kennen, und wird die Milliardengrenze für einen Transfer überschreiten. Man muss noch nicht einmal Romantiker sein, es reicht einfache Realschul-Mathematik, um auszurechnen, wann uns der ganze Laden um die Ohren fliegt. Es wäre schön, wenn Arminia bis dahin noch in der 2. Liga spielen könnte.

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