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Sa., 08.09.2018

Nach Arminias Testspiel in Luxemburg: das WESTFALEN-BLATT unterwegs Keispelt – mit Video Auf Spurensuche in der Heimat von Jeff Saibene

Freunde und Weggefährten: Claude Clesse, Lucien Koch und Manou Scheitler (von links) schauen sich auf dem früheren Platz des FC Kehlen Fotos des jungen Jeff Saibene an.

Freunde und Weggefährten: Claude Clesse, Lucien Koch und Manou Scheitler (von links) schauen sich auf dem früheren Platz des FC Kehlen Fotos des jungen Jeff Saibene an. Foto: Thomas F. Starke

Von Jens Brinkmeier

Keispelt (WB). Der Platz, auf dem die Karriere von Jeff Saibene vor mehr als 40 Jahren begann, ist so abschüssig, dass der Seitenwahl eine vorentscheidende Bedeutung zukam. »Wer in der ersten Halbzeit nach unten spielen durfte, hatte eigentlich schon gewonnen«, erinnert sich Manou Scheitler. Der frühere Nationalspieler Luxemburgs ist, ebenso wie Saibene, ein Eigengewächs des FC Kehlen. Das WESTFALEN-BLATT hat sich in Jeff Saibenes Heimat auf Spurensuche begeben.

In Keispelt, das mit fünf weiteren kleinen Orten die Gemeinde Kehlen bildet, ist der Bielefelder Erfolgstrainer (Vierter in der vorigen Zweitligasaison) aufgewachsen. Kehlen hofft, noch in diesem Jahr die 6000-Einwohner-Marke zu knacken. »Er ist der berühmteste Sohn unserer Gemeinde, und wir sind alle sehr stolz, dass jemand von hier diesen Sprung geschafft hat«, sagt Lucien Koch. Der 66-Jährige hat nicht nur früher selbst für den FC Kehlen (Kielen in der Landessprache) gespielt. Koch ist auch stellvertretender Bürgermeister der Gemeinde und Gründer des »Jeff-Saibene-Fanclubs«.

»Jeff war der erste Trainer überhaupt aus Luxemburg, der international erfolgreich war. Da haben wir uns vor Jahren überlegt, einen Fanclub zu gründen. Inzwischen haben wir 70 Mitglieder«, sagt Lucien Koch, der auch den Vater und den Großvater von Jeff Saibene kennt beziehungsweise kannte. Saibenes Großvater Joseph wurde zwei Jahre nach Gründung des FC Kehlen (1946) dessen Vorstandsvorsitzender. Außerdem war er von 1969 bis 1981 stellvertretender Bürgermeister.

Seine Söhne Jean genannt Johny (Vater von Jeff) und Pierre (bereits verstorben) spielten ebenfalls für den Verein, der aktuell in der dritten Luxemburger Liga (1. Division) antritt. »Jean war ein sehr guter Techniker, nur das Laufen war nicht unbedingt seine Stärke«, erinnert sich Koch. Jeff Saibene vereinte beides. Im Alter von sieben Jahren hatte er beim FC begonnen, doch »es war recht früh vorauszusehen, dass er Großes erreichen kann«, erzählt Koch.

Mit knapp 13 wechselt Saibene zu Union Luxemburg in die 16 Kilometer entfernte Hauptstadt. Die Zeit, mit den Freunden zu spielen, wird knapper. »Bei uns im Garten haben wir immer Fußball gespielt«, erinnert sich Claude Clesse, während er in besagtem Garten auf einem Baumstamm sitzt. Das war damals einer der Torpfosten. »Wenn wir nicht Fußball gespielt haben, dann auf der Straße Tennis«, verrät Clesse (49), der auch beim FC Kehlen im Vorstand ist. »Ob wir damals auch was angestellt haben? Jeff würde mich umbringen, wenn ich jetzt ›Ja‹ sage«, so Clesse lachend. »Wir haben mal Streiche gespielt, wie jeder Junge.« Mehr wird nicht verraten. Was er schätzt an Saibene, sagt er umso lieber: »Er ist immer noch derselbe und genau wie früher.«

In der Grundschule war Marc Bouchart (49) ein Klassenkamerad von Jeff Saibene. »Das waren schöne Jahre«, sagt Bouchart, der in Keispelt als Metallbauschlosser arbeitet. Auf die Frage, ob Saibene eher ernster Schüler oder Klassenclown war, lächelt Bouchart und erwidert: »Clown war jeder mal...« In Luxemburg wird übrigens vom ersten Schuljahr an Deutsch un­terrichtet.

Mit dem nötigen Ernst treibt Saibene seine Karriere voran. Von Union Luxemburg (nach einer Fusion inzwischen Racing FC Union Luxemburg, 1. Liga) wechselt er mit knapp 16 nach Belgien zu Standard Lüttich. 1989 geht er in die Schweiz zum FC Aarau. Dort findet er seine zweite Heimat, hier leben Frau Anja und seine beiden Söhne (Julian, Jason), er hat auch einen Schweizer Pass. Als Spieler kehrt er 1999 noch mal nach Luxemburg zurück, bei Swift Hesperingen endet 2002 die Karriere.

Claude Clesse sitzt auf einem Baumstamm im Garten des Hauses seiner Mutter. »Der Stamm war ein Torpfosten, wenn Jeff und ich hier Fußball spielten.« Foto: Thomas F. Starke

Zwei Jahre später beginnt die Trainerlaufbahn, als Assistent bei der Luxemburger Nationalmannschaft. Für die Auswahl hat Saibene selbst 64 Länderspiele bestritten, ein Trainer ist damals Paul Philipp. Der 67-Jährige ist inzwischen Präsident des Luxemburger Fußballverbandes und auch beim Testspiel vorigen Dienstag gegen Arminia Bielefeld im Stadion. Vor dem Anpfiff plaudern beide länger. Mit Luc Holtz (49), dem aktuellen Nationalcoach, hat Saibene zusammen gespielt. Dass der mit dem DSC 4:1 gewinnt, verhagelt Holtz ein wenig die Laune.

Lucien Koch, Claude Clesse und Co. sind auch im Nationalstadion. Schließlich sehen sie ihren früheren Weggefährten nicht mehr so oft – aber regelmäßig. Als Saibene mit dem FC St. Gallen Erfolge feiert, findet der erste Besuch statt. 2011 mieten die Männer aus Keispelt einen Kleinbus für neun Leute und fahren in die Schweiz. Etwa 500 Kilometer pro Strecke sind das, doch »schon bei der zweiten Tour war der Bus zu klein«, erinnert sich Lucien Koch. Regelmäßig fahren dann etwa 30 Fanclub-Mitglieder in die Schweiz – von St. Gallen wechselt Saibene 2015 nach Thun – und seit Mitte Mai 2017 nach Bielefeld. »Unser erstes Arminia-Spiel war das 6:0 gegen Braunschweig am zweitletzten Spieltag 2017«, sagt Koch. Die Keispelter sind also Zeugen, wie der DSC unter Saibene spektakulär die Kurve auf dem Weg zur Rettung kriegt. Es folgen das 0:0 gegen Greuther Fürth und das 3:2 gegen Kaiserslautern (Ende April 2018). Der nächste Besuch ist bereits geplant. »Vermutlich kommen wir Ende Oktober wieder. Das ist immer schön, weil sich Jeff auch Zeit nimmt für uns«, erzählt der Fanclub-Gründer. Auch Saibenes Vater und seine Schwester Nancy sind regelmäßig mit dabei.

Alle sind sie stolz auf ihren Jeff aus dem kleinen Keispelt mit dem schiefen Fußballplatz. Der FC Kehlen spielt inzwischen allerdings nebenan in einem kleinen, aber sehr feinen Stadion mit einer überdachten Tribüne – und einem sehr geraden Rasenplatz.

Das kleine Örtchen Keispelt gehört mit fünf weiteren Orten zur Gemeinde Kehlen, in der knapp 6000 Menschen leben. Foto: Thomas F. Starke

Kommentare

Bielefelder Ortsgruppe

Kann man nicht eine Bielefelder Ortsgruppe des Jeff-Saibene-Fanclubs gründen? Es müssen auch langsam mal Merchandising-Produkte auf den Markt gebracht werden, die Jeff Saibene oder Luxemburg zum Gegenstand haben.
Seit Jeff Saibene in Bielefeld Trainer ist, sehe ich den Luxemburgern sogar die Sauerei mit der Steueroase und den unmöglichen und gerne auch mittags schon angeschwipsten Jean-Claude Juncker nach.

Sehr schön

Ein Artikel, über den ich mich sehr gefreut habe. Ich verstehe ihn als Wertschätzung gegenüber einem sympathischen Trainer, der es verstanden hat, die Mannschaft zu stabilisieren und erfolgreich weiterzuentwickeln. Ich hoffe, dass die Zusammenarbeit mit Arminia Bielefeld langfristig angelegt ist. Denn ich bin davon überzeugt, dass sie unter diesem Trainer mittelfristig in die 1. Liga führen wird.

2 Kommentare

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