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Mi., 12.12.2018

Der erste Tag von Uwe Neuhaus als Arminia-Trainer – Bosse verteidigen Saibene-Aus – mit Video »Ich stehe für offensiven Fußball«

Im Blick: Neu-Armine Uwe Neuhaus (Dritter von links) und die Co-Trainer Peter Németh (rechts daneben) sowie Sebastian Hille (links daneben).

Im Blick: Neu-Armine Uwe Neuhaus (Dritter von links) und die Co-Trainer Peter Németh (rechts daneben) sowie Sebastian Hille (links daneben). Foto: Thomas F. Starke

Von Jens Brinkmeier

Bielefeld (WB). Uwe Neuhaus kennt den Ort: Auf den Tag genau vier Monate, nachdem er die 1:2-Niederlage von Dynamo Dresden bei Arminia Bielefeld erklärte, sitzt der Fußballlehrer am Dienstag erneut im Presseraum der Schüco-Arena – doch jetzt als Trainer des DSC.

In Dresden war der 59-Jährige kurze Zeit später entlassen worden, nun folgt er in Bielefeld auf Jeff Saibene (50), um den Klub aus dem Tabellenkeller der 2. Liga wieder in sichere Regionen zu führen. »Ich glaube, dass die Mannschaft natürlich besser ist und besser dastehen müsste. Ob es jetzt der vierte Platz ist vom letzten Jahr, da setze ich ein kleines Fragezeichen. Die Mannschaft kann mir aber gerne beweisen, wie stark sie ist«, sagt Neuhaus gestern Abend bei seiner Vorstellung. Und er fügt, mit Blick auf die aktuelle Misere, hinzu: »Ich habe der Mannschaft gesagt, dass Fußball immer Spaß machen muss. Auch wenn es die vergangenen Spiele nicht gut lief, darf sie jetzt nicht den Fehler machen, in geduckter und ängstlicher Haltung über das Spielfeld zu laufen.«

Etwa 80 Zuschauer beim Training

Drei Stunden zuvor hat er erstmals ein Training beim DSC geleitet , zusammen mit seinem Co-Trainer Peter Németh betritt Neuhaus um 15.20 Uhr den Platz. Es fehlen nur drei Profis: Joan Simun Edmundsson, Roberto Massimo und Nils Quaschner.

Die etwa 80 Zuschauer sehen »eine Einheit zum Kennenlernen«, wie der Trainer nachher sagt. Er steht meist neben Sebastian Hille, der im Gegensatz zu Saibene und Co-Trainer Carsten Rump nicht gehen musste. »Ich habe den Sebastian Hille neben mich platziert, damit er mir einige Informationen zu den Spielern gibt«, verrät Neuhaus. Németh ist derjenige, der die Anweisungen gibt. Doch das werde sich ändern. Er sei schon ein Trainer, der auch aktiv sei und nicht nur beobachte. »Das werden Sie schon noch erleben.« Heute und morgen allerdings werden das nur die Spieler erleben, denn es wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert.

Bereits am Freitag (18.30 Uhr) geht es erstmals um Punkte, beim Tabellenvierten Holstein Kiel. »Kiel und im letzten Spiel Heidenheim sind Mannschaften, die einen Lauf haben. Aber je öfter eine Mannschaft hintereinander gewinnt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch mal wieder verliert«, sagt Neuhaus. Der gebürtige Hattinger hofft natürlich, dass sein neues Team nach zehn sieglosen Pflichtspielen in Folge die Wende schafft und damit zugleich die seit April dauernde Unbesiegbarkeit der Kieler auf eigenem Platz beendet.

Arminias Sportgeschäftsführer Samir Arabi lobt Neuhaus als einen Trainer, »der eine Mannschaft entwickeln kann. Er lässt eine Art von Fußball spielen, wie wir sie uns vorstellen.« Welche Art das ist? »Ich stehe für Ballbesitzfußball, aber es soll trotzdem zielstrebig Richtung gegnerisches Tor gehen. Der Gegner soll beherrscht werden, auch durch hohes Pressing. Im Grunde genommen stehe ich für offensiven Fußball, der sicher das eine oder andere Risiko beinhaltet, aber auch viele Chancen. Die Chancen überwiegen«, erklärt Neuhaus.

Bosse reagieren auf Kritik

Eine Risiko-Abwägung gab es auch beim DSC, als es um die Frage ging, ob Jeff Saibene wirklich zu diesem Zeitpunkt entlassen werden muss. Arabi: »Wir haben uns die Entscheidung nicht einfach gemacht, es war keine Kurzschlussreaktion. Es gab Phasen, wo wir der Überzeugung waren, dass wir das Ruder noch mal herumgerissen kriegen. Wir haben alles versucht, es in dieser Konstellation zu schaffen. Zuletzt noch nach dem guten Auftritt in Paderborn. Wir haben sachlich analysiert, und jetzt war es Zeit, einen neuen Impuls zu setzen.«

DSC-Präsident Hans-Jürgen Laufer betont, es habe viele Gespräche auch der Gremien mit Saibene gegeben. Auf sachlicher Basis habe man sich nun für den Wechsel entschieden. »Es ist eine gute und notwendige Entscheidung. Unsere sportlichen Ziele rückten in immer weitere Ferne, wir waren gezwungen zu handeln. Das haben wir getan, und ich bin auch froh darüber.« Und zu Arabi, der von vielen Fans zum Sündenbock gemacht wird, sagt Laufer: »Diese Leute vergessen, was Herr Arabi schon alles für uns geleistet hat. Ich stelle mich mit breiter Brust vor ihn.«

Kommentare

Neue Besen kehren gut ?

Uwe Neuhaus ist unbestritten ein Top Trainer der 2.Liga . Doch die Misere bei Arminia liegt tiefgründig.
Mein Bauchgefühl sagt mir,das Mitte März 2019 der nächste Wechsel ansteht . Ohne Aussortierung in der Winterpause und gute Nachverpflichtungen kommt der gnadenlose Abstieg .
Ich hoffe ich täusche mich .

Sportliche Ziele

Auch Jeff hätte sicherlich die Klasse gehalten. Mit einem Platz im gesicherten Mittelfeld hätte es schwierig werden können.
Dort gehört aber auch laut Neuhaus diese Mannschaft hin.
Die Fans standen noch hinter Jeff. Bei den Interessierten Beobachtern, den Sponsoren und den Medien war das Vertrauen nicht mehr vorhanden. Das Ergebnis währen weiter sinkende Zuschauerzahlen gewesen und die Marke Arminia hätte an Wert verloren.
Die vereinsseitige Reaktion war also, aus diesen Gesichtspunkten, zu erwarten. Wie bei allen anderen Vereinen auch. Kredit gibt es da keinen, egal wer da sitzt.
Man wird sehen wo wir am Ende der Saison stehen und bewerten müssen, ob sich der Trainerwechsel ausgezahlt hat. Uwe Neuhaus ist auf jeden nie eine schlechte Wahl für die 2. Liga. Ich würde sagen, das er dort zu den Besten zählt. Ein solches Kaliber währe 2017 nicht gekommen. Das sehe ich schon als einen echten Fortschritt an. Jetzt fehlen noch 2 neue Spieler die auch dieser Kategorie entsprechen. Dann könnte man in der Rückrunde noch einige Tabellenplätze nach oben krabbeln. Die Saison ist aber bereits jetzt vermurkst.
Ich hoffe auf bessere und erfolgreiche Spiele. Falls dies eintreten sollte, würde man dann wohl sagen müssen, das Jeff die Mannschaft nicht mehr erreicht hat. Falls nicht könnte es auch für andere Verantwortliche eng werden.

Danke

... für den umfangreichen und einleuchtenden Kommentar, Beutelipper.

Der Wunsch nach Kontinuität und Identifikation

Der Fan-Protest gegen die Saibene-Entlassung ist für meine Begriffe in erster Linie Ausdruck des Wunsches 1.) nach Kontinuität und 2.) nach Identifikation mit der Trainer-Figur, was vielen Fans bei Saibene aus einer Mischung aus seinen sportlichen und persönlichen Eigenschaften in besonderer Weise möglich war. Beides sind eigentlich ideale Voraussetzungen vom Umfeld eines Vereins her, um langfristig etwas aufzubauen – auch über Ergebnis- und Leistungskrisen hinweg. Pointiert könnte man sagen: das Bielefelder Publikum möchte gerne, dass der Club wie Freiburg oder Mainz ist. Immer wieder fallen diese Ortsnamen und stehen metaphorisch für eben diese Kontinutität und diese Identifikation mit einer charismatischen Trainer-Figur (die Ur-Bilder dafür sind Volker Finke, Jürgen Klopp und heute Christian Streich). Die Vereinsführung der Arminia vermag es aber nicht, diesen Wunsch in die Tat umzusetzen, im Fall Saibene vielleicht auch wegen zu mächtiger finanzieller Interessen von Sponsoren und Investoren, die einen vorübergehenden Gang in die 3. Liga kategorisch ausschließen (müssen).

Daher rührt die Wut eines größeren Teil der Fans nun, denn Saibene schien vielen als genau der richtige Trainer für eine langfristige Aufbauarbeit und Identifikation.Tatsächlich steckt daher sehr viel mehr hinter der Kritik an Arabi als eine Sündebocksuche. Das von Seiten des Vereins oder von Seiten der Presse so zu abzutun, wäre zu billig. Mag sein, dass einige Fans meinen, nur Arabi sei das Problem. Das Problem ist aber eine mangelnde sportliche Strategie und Planung, die sich nicht nur auf eine einzelne Person – Arabi – beschränkt, sondern den Verein als ganzen betrifft. Im Ergebnis stehen 8 Trainer und Legionen von Spielerzu- und abgängen in den letzten 8 Jahren. Das exakte Gegenteil von Kontinuität und von Identifikationsmöglichkeiten.

Der Verein kann es sich angesichts der großen Kritik aus dem eigenen Fanlager jetzt nicht zu einfach machen. Er muss den Wunsch der Fans nach Kontinuität und Identifikation ernst nehmen. Ggf. bei anhaltender Kritik einfach Arabi als nächstes Bauernopfer hinzuhängen und auszutauschen, würde dem auch nicht genüge leisten.

Bielefeld ist nicht nur Hochburg der Meinungsforschung, sondern inzwischen auch berühmt-berüchtigt für gezielte Meinungsbildung mit Hauptstadtbüro zwischen Niedern- und Ritterstraße. Aber nicht nur dort wird inzwischen viel Unsinn geschrieben, bzw. etwas, was ich dafür halte. Jetzt wird gezielt zu Aktionen gegen eine einzelne Person aufgerufen, Arabi. Entweder verfolgen diese Leute unsägliche Interessen, die mir fremd sind, weil ich nur um 3 Ecken denken kann, oder sie sind schrecklich naiv. Wer ernsthaft glaubt, Arabi könne seit Jahren schalten und walten, wie er will, soll bitte seine Einschätzung überdenken, bevor er sich weiter öffentlich dazu äußert. Seit Jahren spreche ich daher allgemein über Vereinspolitik oder Transferpolitik, die ich zum Teil kritisiere, ohne dabei gegen einzelne Personen zu hetzen. Und dabei bemühe ich mich, große Zeiträume zu bewerten, nur das macht m.E. Sinn. Zurzeit steht ein Herr Heidel bei Schalke in der Kritik, der für mich als Macher von Mainz immer eine Institution gewesen ist. Nun muss ich nach 20 Jahren feststellen, dass er leider überhaupt keine Ahnung hat. Vorsicht, Ironie.

Es melden sich doch zumeist Kritiker zu Wort, die glauben, Fußball funtioniere wie ein Uhrwerk. Man müsse nur an bestimmten Stellschrauben drehen, um seine Uhr besser zu machen als andere. So läuft das leider oder zum Glück nicht. Alle waren beispielsweise mit den Transfers einverstanden, so auch ich, auch wenn ich die fehlende Ausgewogenheit des Kaders (zweieinhalb IVs und 7 Stürmer) kritisiert habe. Und Jeff Saibene hat ganz sicher zumindest mitdiskutiert. Ich kann mir bei bestem Willen nicht vorstellen, dass Samir Arabi 9 Spieler holt, ohne sich mit den Gremien und Saibene abzustimmen bzw. abstimmen zu müssen.

Trotzdem muss Kritik erlaubt sein und auch der Blick zum Nachbarn. Wenn es in Deutschland nicht möglich ist, ein flächendeckendes Handynetz zu installieren, damit man seinem Beruf nachgehen kann, ist ein Blick über den Tellerrand hinaus angebracht. Zum Beispiel in die polnische Prärie (ja, für das Protokoll, es gibt auch deutsche Prärien), wo man während der Autofahrt Livestreams laden kann. Übertragen auf den Fall Arminia bedeutet das, dass neidische Blicke nach Paderborn erlaubt sein müssen. Wir werfen unsere Trainer raus, während die Paderborner in den letzten Jahren mit Schmidt, Schubert, Breitenreiter und zuletzt Baumgart Trainer entwickelt haben, die sehr erfolgreich gearbeitet haben. Alleiniger Maßstab ist der Lizenzspieler-Etat und der war bei uns, bis auf das Paderborner Bundesligajahr und dem Jahr danach, (erheblich) größer als in Paderborn, trotz finanzieller Probleme. Das ist Fakt. Der Zeitraum von 10 Jahren ist groß genug, um zuzugeben, dass es die Paderborner, bezogen auf die Möglchkeiten, besser gemacht haben als wir. Ich gebe Block 1 recht, Arminia hat es versäumt, in den letzten Jahren kompetetente Fußballfachleute an den Verein zu binden, eine Philosophie zu entwickeln. Zuletzt waren mir zuviele Schönredner am Werk, bei allem Respekt für ihre Verdienste. Nach Überwindung der finanziellen Probleme muss die Hoch-Zeit der Anzugträger vorbei sein, wir brauchen möglichst schnell hemdsärmelige, EMANZIPIERTE Fußballfachleute, sonst war das Engagement der Wirtschaft für die Katz. Wir brauchen keine Parolen vom "Bielefelder Weg". Momentan sehe ich nur, dass wir den ganz schnell verlassen haben, für welche Werte der auch immer gestanden haben sollte. Denn diesen gabe es schon lange vor dem Engagement des OWL-Bündnisses. Sportlich gesehen sind wir ein normaler Club, der bei der in Krisen genauso panisch reagiert wie alle anderen. Offensichtlich hat Arabi wohl schon vor Wochen Kontakte zu Trainern geknüpft, alles andere wie persönliche Differenzen oder Unfrieden in der Mannschaft ist reine Spekulation. Ebenso halte ich Thesen wie "Neuhaus kann kann keine Mannschaft entwickeln" für unsinnig. Trainer sind in ein komplexes System von Menschen eingebunden, die in dem einen oder anderen Umfeld besser oder schlechter funktionieren.

Alles Gute, Uwe Neuhaus, mögen Sie im Chaos bestmöglich passen.

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