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Sa., 19.01.2019

Wie Psychologe Ingo Goetze Arminia hilft »Ich bin kein Wunderheiler«

Ingo Goetze (39) hockt am Seitenrand das Trainingsplatzes in Benidorm. Der Diplom-Psychologe achtet sehr genau auf das Verhalten der Spieler.

Ingo Goetze (39) hockt am Seitenrand das Trainingsplatzes in Benidorm. Der Diplom-Psychologe achtet sehr genau auf das Verhalten der Spieler. Foto: Thomas F. Starke

Benidorm (WB). Arminia Bielefeld setzt auf die Unterstützung eines Psychologen. Seit dem 1. Oktober 2018 ist Ingo Goetze beim Fußball-Zweitligisten angestellt. Der 39-Jährige spricht im Interview mit Dirk Schuster über Akzeptanz, die Niederlagenserie und neue Horizonte.

Wie muss man sich das vorstellen, Herr Goetze: Nach dem Training klopft es an Ihrer Zimmertür und ein Spieler fragt: Ingo, können wir reden?

Ingo Goetze: Bei Bedarf ist es in der Regel so, dass wir nach dem Training oder beim Essen einen Termin vereinbaren oder aber ein Spieler ruft mich an.

Werden die Gespräche eher am Telefon geführt oder gibt es das Bedürfnis, sich unter vier Augen auszutauschen?

Goetze: Beim ersten Mal bevorzuge ich das persönliche Gespräch. Denn Gestik und Mimik sind wichtig. Es ist schon möglich, am Telefon über gewisse Tonlagen auch die Nuancen dazwischen zu hören. Doch in der Regel ergeben sich von Angesicht zu Angesicht auch mehr Nachfragen.

Wer erfährt von den Gesprächen?

Goetze: Niemand. Jedenfalls nicht von mir. Der Spieler kann natürlich darüber reden, wenn er möchte.

Werden die Termine mit Ihnen eher offen oder geheim vereinbart?

Goetze: Sowohl als auch, das hält sich ziemlich die Waage.

Zur Person

Seit dem 1. Oktober 2018 zählt Ingo Goetze zum Funktionsteam des DSC Arminia. Der 39-Jährige ist Diplom-Psychologe. Der gebürtige Münsteraner ist in Bremerhaven aufgewachsen. 1999 begann er in Kiel ein Studium der Sportwissenschaften, dem sich ein Psychologiestudium anschloss. Nebenbei war er als Jugendtrainer bei der Sportvereinigung Eidertal Molfsee beschäftigt. Später sammelte der A-Lizenz-Inhaber weitere Trainererfahrung in der Jugend von Holstein Kiel. Goetze arbeitete fünf Jahre lang in der Nachwuchsabteilung des SV Werder Bremen. Es folgten drei Jahre als Sportpsychologe im Jugendbereich von Bayer Leverkusen, wo er Ende Juni 2018 ausschied.

»Gespräche auf einer sehr normalen Basis«

Suchen ausschließlich die Spieler den Kontakt zu Ihnen oder auch umgekehrt?

Goetze: Wenn mir etwas auffällt, behalte ich mir vor, die Spieler selbst anzusprechen, etwa nach dem Training auf dem Platz oder beim Essen. Das bekommt dann oft natürlich auch jeder mit. Aber das ist auch durchaus so gewollt. Es soll eine gewisse Normalität entstehen. Ich achte ganz bewusst darauf, dass nicht jedes Gespräch schwanger ist. Man soll gegenseitig voneinander erfahren. Ich selbst habe einen Sohn. Über die Kinder ergeben sich unheimlich viele Gespräche auf einer sehr normalen Basis.

Wie haben die Spieler anfangs darauf reagiert, nun mit einem Psychologen zusammenzuarbeiten?

Goetze: Der Verein hätte sich nach dem vierten Platz in der Vorsaison jubelnd hinstellen und hinten auf den Namen zeigen können. Stattdessen haben die Verantwortlichen sich in ihrer Saisonanalyse gefragt, wie Arminia sich weiterentwickeln, verbessern könnte. Ich bin geholt worden, um dabei zu helfen, auf die positive Vorsaison aufzubauen. So ist es den Spielern gegenüber auch vermittelt worden. Ich habe schon vor der Saison erste Gespräche mit dem damaligen Trainerteam und mit dem Mannschaftsrat geführt, damit man mich kennenlernt, um auszuloten, ob man sich die Zusammenarbeit vorstellen kann, und um letztlich auch die Akzeptanz zu haben. Also nicht nach dem Motto: So, hier ist der Psychologe, mit dem müsst ihr jetzt arbeiten. Dann bin ich der Mannschaft vorgestellt worden, seitdem haben die Spieler auch meine Nummer. Es war sozusagen der Beginn einer Probephase.

Grundsätzlich um alles

Und worum geht es in den Sitzungen?

Goetze: Grundsätzlich um alles. Meistens um Fragen, die im Fußball aufkommen: Wie kann ich mich steigern? Bis hin zu Lebensfragen, wobei das häufig miteinander verbunden ist. Ich fungiere als eine Art Punchingball, stelle selbst Fragen, darunter manches, was vom Spieler so vielleicht noch nicht gedacht worden ist und versuche, Horizonte zu öffnen. Sollte etwas Klinisches vorliegen, das heißt, wenn wir von Störungen oder Krankheiten sprechen, könnte ich nichts machen. Dafür gibt es andere Netzwerke im Fußball wie »MentalGestärkt«, das sich nach dem Tod von Robert Enke aufgebaut hat.

Sind Sie während der langen Niederlagenserie in der Hinrunde häufiger als üblich aufgesucht worden?

Goetze: Nein, bisher ist das recht gleich verteilt. Die Niederlagenserie war natürlich eine schwierige Phase. Ich bin ja auch kein Wunderheiler, der Trends in gewisse Richtungen sofort drehen kann. Aber ich kann unterstützend wirken. Ich kann bei der Antwortfindung helfen, wenn es heißt: Wie kommen wir da durch? Und wenn wir da durchkommen, was haben wir gelernt? Sprich, ich kann dabei helfen, die Spieler für einen möglichen Wiederholungsfall zu wappnen. Wichtigster Ansprechpartner für die Spieler ist und bleibt aber natürlich immer der Trainer.

Psychologe ist Pflicht

Beschäftigen alle Zweitligisten einen Psychologen?

Goetze: In den Nachwuchsleistungszentren ist die Mitarbeit eines Psychologen seit vergangenen Sommer flächendeckend Pflicht. Im Profibereich wird von der Deutschen Fußball-Liga für die Erstligisten eine volle und für die Zweitligisten eine halbe Stelle vorgeschrieben. Die Lösung kann aber auch so aussehen, dass der Klub für einen externen Ansprechpartner sorgt. Es müssen nicht immer, wie bei Arminia, Psychologen im Verein angestellt sein.

Wie ist es um die Akzeptanz der Psychologen im Fußball bestellt?

Goetze: Die Akzeptanz ist in den vergangenen Jahren definitiv größer geworden. Und es wird für die Spieler mehr und mehr zur Normalität, mit einem Psychologen zusammenzuarbeiten. Für jene Spieler, die aus den Leistungszentren in den Profibereich kommen, ist es ohnehin selbstverständlich, dass ich mich in der Kabine mal dazu setze.

Während etliche Einzelsportler auf Topniveau seit Jahren mit einem Mental-Coach oder Ähnlichem zusammenarbeiten, gelten Psychologen im Mannschaftssport noch immer eher als Ausnahme. Warum?

Goetze: Im Mannschaftssport kann man sich in der Gruppe verstecken, im Einzelsport nicht. Wobei es im Mannschaftsbereich auch Ausnahmen gibt. Im Hockey beispielsweise ist man für dieses Thema sehr viel offener. Im Eishockey oder Handball ist es ähnlich wie im Fußball. Eine Vorreiterrolle nehmen die USA ein. Dort ist es teilweise gang und gäbe, mit einem Mental-Coach zu arbeiten. Im Basketball zum Beispiel oder auch im American Football. Aber auch dort herrscht noch immer massiver Nachholbedarf.

»Manchmal genügt ein kurzes Gespräch«

Am 30. Januar beginnt mit der Partie in Dresden für Arminia die Restrückrunde in der 2. Liga. Werden Sie bei den Spielen mit dabei sein?

Goetze: Ja. Ich werde quasi bei Ankunft des Busses mit in die Kabine gehen. Da ich eine 60-Prozent-Stelle habe, werde ich nicht täglich bei der Mannschaft sein können. Zusätzlich zum Spieltag ist vereinbart worden, dass ich künftig insbesondere an den trainingsintensivsten Tagen der Woche vor Ort bin.

Wie schnell können Sie helfen?

Goetze: Manchmal genügt ein kurzes Gespräch, um etwas auszulösen. Oder regelmäßiges Entspannungstraining bei Nervosität zum Beispiel. Aber wenn es um Verhaltensmuster geht, die man über Jahre oder Jahrzehnte gelernt hat, sind mehrere Treffen erforderlich. Dann muss ein Prozess in Gang kommen. Die Erkenntnis reifen, dass da etwas ist, das mich stört. Die Bereitschaft eintreten, es ändern zu wollen und so weiter. In der Psychotherapie kann das Jahre dauern. Ich bin so lange da, wie Bedarf herrscht, beziehungsweise bis ich das Gefühl habe, der Spieler und ich kommen nicht weiter und dass er woanders einen Anschub braucht.

»Kleines Rad in diesem Gesamtwerk«

Auch private Probleme können ja Leistung mindern. Wie gehen Sie damit um?

Goetze: Die Spieler sind ja in erster Linie Menschen, nicht Profis. Private Probleme können selbstverständlich eine Art Hemmschuh sein. Aber nicht nur Sportler, viele von uns rufen aus unterschiedlichen Gründen nicht ab, was eigentlich in uns steckt. Viele sagen zu schnell: Das kann ich nicht. Andere pflegen zu sehr ein Understatement, wieder andere haben vor etwas Angst. Vieles liegt im Verborgenen, das wir dann mit dem Gegenüber gemeinsam freizulegen versuchen. Am Ende soll es nicht heißen: Das war der Psychologe, der das zum Vorschein gebracht hat, sondern die Erkenntnis bleiben, dass man selbst dahintergekommen ist. Ich hoffe, dass ich ein kleines Rad in diesem Gesamtwerk sein kann.

Das heißt, dass der Spieler zur Mitarbeit aufgefordert ist?

Goetze: Das ist ganz wichtig. Langfristig geht es um ein besseres Kennenlernen von sich selbst und seinen Möglichkeiten. Jeder kann sich weiterentwickeln und Grenzen überwinden, die wir uns in der Regel selber setzen. Das ist nicht nur, aber auch im Fußball ein großer Bereich. Im Sport gibt es Leistungsspitzen, von denen viele nicht mal etwas ahnen.

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