>

Fr., 25.01.2019

Arminia-Trainer Neuhaus fordert einen neuen Verteidiger und befürwortet eine Owusu-Leihe Neuhaus: »Hinten herrscht die größte Not«

Uwe Neuhaus möchte den Tabellen-14. Arminia zum Klassenerhalt führen.

Uwe Neuhaus möchte den Tabellen-14. Arminia zum Klassenerhalt führen. Foto: Thomas F. Starke

Bielefeld (WB). Nur noch fünf Tage, dann beginnt für Arminia Bielefeld die Rest-Rückrunde dieser Fußball-Zweitligasaison. Unter Trainer Uwe Neuhaus (59) haben die DSC-Profis ein neues Spielsystem einstudiert. Über den Stand der Vorbereitung, die Notwendigkeit eines neuen Innenverteidigers und die Zukunft von Stürmer Prince Osei Owusu äußert sich Neuhaus im Gespräch mit Sportredakteur Dirk Schuster.

Haben Sie im Trainingslager in Benidorm/Spanien, das am Dienstag endete, Ihre gesteckten Ziele mit der Mannschaft erreicht, Herr Neuhaus?

Uwe Neuhaus: Nein, nicht ganz. Trotzdem bin ich mit dem Trainingslager insgesamt zufrieden. Die drei Testspiele deuten in eine positive Richtung, selbst wenn sie natürlich immer auch durch trainingsbedingte Müdigkeit sowohl in den Beinen als auch im Kopf geprägt waren. Doch ich habe schon auch wichtige Erkenntnisse gesammelt, insbesondere hinsichtlich der Besetzung der Mannschaft und der Antwort auf die Frage, wer unersetzlich ist. Ein gewisses Gerüst muss man haben. Ich glaube, dass wir jeden im Kader zum Einsatz bringen könnten – wenn das Gerüst der Mannschaft stimmt.

Ist der Mannschaft das neue 4-3-3-System bereits in Fleisch und Blut übergegangen, oder wird sich dieser Prozess noch bis in die Saison hinein fortsetzen?

Neuhaus: Ich glaube schon, dass das noch ein bisschen Zeit braucht. Wie schnell sich derartige Prozesse umsetzen lassen, ist nicht zuletzt abhängig von Erfolgserlebnissen, die immer auch eine gewisse Überzeugungshilfe leisten.

Welche weiteren Erkenntnisse versprechen Sie sich von der Testpartie gegen den Viertligisten VfB Lübeck (heute, 13.30 Uhr, Schüco-Arena, unter Ausschluss der Öffentlichkeit)?

Neuhaus: Ein Spiel, auch wenn es nur ein Testspiel ist, unterscheidet sich in puncto Anspannung und Adrenalin deutlich von einer Trainingseinheit. Dass die Aufstellung bei dieser Generalprobe fünf Tage vor der ersten Pflichtpartie des neuen Jahres bereits in Richtung Dresden-Spiel tendiert, ist ja klar. Es kann sich aber auch danach immer noch etwas tun.

Wie viele der elf Start-Positionen sind in Ihrem Kopf bereits vergeben?

Neuhaus: Acht. Das ist das Gerüst, von dem ich eben sprach.

Mittelfeldspieler Tom Schütz und Stürmer Sven Schipplock sind angeschlagen. Werden diese beiden es rechtzeitig zum Pflichtspielauftakt am Mittwoch in Dresden schaffen?

Neuhaus: Beide werden es jetzt drei Tage lang erst einmal etwas ruhiger angehen lassen. Bei Tom Schütz werden die ersten Belastungsproben dann Aufschluss darüber geben, ob die Pause aufgrund seiner Wadenzerrung möglicherweise langwieriger ausfällt. Sven Schipplock hat schon länger Probleme mit der Hüfte. Ich hoffe, dass er spätestens am Montag wieder mittrainieren kann.

Wie stehen Sie einer potenziellen Ausleihe des Stürmers Prince Osei Owusu (Vertrag bis 2021) gegenüber, an dem der Drittligist 1860 München interessiert sein soll?

Neuhaus: Ich habe Szenen vor Augen, beispielsweise vom Heimspiel gegen Greuther Fürth, in denen Prince es geschafft hat, die ganze Tribüne hinter sich zu bringen. Das war gut und diesen Punkt muss er wieder erreichen. Deshalb möchten wir ihm durch eine Leihe zu mehr Spielpraxis verhelfen. Wir haben in Fabian Klos, Andreas Voglsammer und Sven Schipplock drei Spieler, die zentral vorne spielen können. Wenn wir mit zwei zentralen Spitzen agieren würden, sähe es anders aus. Aber so wäre eine Leihe für Prince das Beste.

Gehen Sie davon aus, dass Owusu Arminia noch in dieser Woche verlassen wird?

Neuhaus: Ja, das denke ich schon.

Eine Leihe Owusus würde darüber hinaus ja auch den finanziellen Spielraum in Bezug auf weitere Neuzugänge in diesem Winter vergrößern.

Neuhaus: Wir geben Owusu nicht ab, um Geld für einen anderen freizuschaffen.

Sehen Sie dennoch Handlungsbedarf, beispielsweise in der Abwehr?

Neuhaus: Ich finde das Risiko, mit nur drei Innenverteidigern in die Restsaison zu gehen, schon groß. Vor der Winterpause hat Manuel Prietl dort ausgeholfen. Das kann man für ein, zwei Spiele mal machen, aber über Monate hätte ich da schon Bedenken. In der Innenverteidigung herrscht bei uns sicher die größte Not.

Julian Börner hat im Trainingslager angekündigt, er arbeite daran, nach schwacher Hinserie wieder zum Stabilitätsfaktor in der Abwehr zu werden. Ist er auf dem richtigen Weg?

Neuhaus: Als ich noch bei Dynamo war, haben wir uns dort Gedanken über ihn gemacht. Er war ein interessanter Spieler. Doch wenn man seine Leistungen in der Hinrunde der laufenden Saison mit denen der Vorsaison vergleicht, fällt in der Tat ein eklatanter Unterschied auf. Mit Beginn des Kiel-Spiels (17. Spieltag) hat er aber wieder die richtige Richtung eingeschlagen. Unser aller Wunsch ist es, dass wir ihn wieder da hinbekommen, wo er schon mal war. Diesbezüglich bin ich sehr, sehr optimistisch.

Halten Sie für die Innenverteidigung nach einem Perspektivspieler Ausschau oder nach einem, der direkt an Börners Seite rücken könnte?

Neuhaus: Darmstadt, St. Pauli, Ingolstadt – fast alle Zweitligisten suchen einen Innenverteidiger. Wir sollten uns darum nicht auf nur ein Schema festlegen. Es gilt, eine gute Lösung zu finden, egal wie die aussieht.

Der schwedische Nationalspieler Franz Brorsson (22) von Malmö FF (Vertrag bis Ende 2020), auf den auch St. Pauli ein Auge geworfen haben soll, gilt als Kandidat. Denken Sie angesichts der am Saisonende auslaufenden Verträge sowohl von Börner als auch von Stephan Salger auch schon über die laufende Serie hinaus?

Neuhaus: Erst einmal gilt es, den Klassenerhalt in dieser Spielzeit zu sichern, damit wir Luft holen und wieder atmen können. Ich sehe grundsätzlich keinen Mangel an Innenverteidigern in Europa. Aber ich denke nicht so sehr an die nächste Saison. Mich interessiert die Situation, in der wir aktuell stecken. Und darum gilt, dass wir definitiv einen vierten Innenverteidiger haben müssen.

Welche Akteure haben sich während der Vorbereitung in den Vordergrund gespielt?

Neuhaus: Joan Simun Edmundsson ist für ein uns ein großer Faktor – wenn er gesund ist. Er braucht nach seiner Knieverletzung absolute Fitness, damit er völlig befreit in die Spiele gehen kann. Auch Reinhold Yabo hat noch Fitnessdefizite. Beide können enorm wichtig für unser Spiel sein. Ich finde, dass Patrick Weihrauch sehr gute Arbeit gemacht hat. Bisher wurde er meistens auf der rechten Außenbahn eingesetzt. Ich sehe seine Rolle aber im Zentrum. Er verfügt über gute Technik, gutes Kombinationsvermögen und zieht mit seinem Tempo immer wieder mit in den Strafraum. Auch Nils Seufert zählt zu jenen Spielern, die ganz gut zu der Art und Weise passen, mit der wir spielen wollen.

Das von Ihnen bevorzugte 4-3-3 sieht Platz für lediglich einen echten Mittelstürmer vor. Bedeutet das, dass sich Klos oder Voglsammer künftig auf der Bank wiederfinden wird?

Neuhaus: Voglsammer kann auch rechts oder links eingesetzt werden. Ich erinnere mich, dass er hier bei Arminia über die rechte Seite seine ersten Tore gemacht hat. Es heißt also nicht zwingend: Klos oder Voglsammer. Es geht in diesem System auch mit beiden. Voglsammer hat zuletzt im Testspiel gegen Tianjin Teda zwei Tore gemacht, das tut ihm gut.

Das heißt, es wird sich schon ein Plätzchen für ihn finden lassen?

Neuhaus: Es gilt trotzdem das Leistungsprinzip. Er muss sich gegen die anderen durchsetzen. Letztlich muss ohnehin so vieles berücksichtigt werden: Tempo, Torgefährlichkeit, tiefe Läufe – wer erfüllt diese Kriterien am besten in Kombination mit diesem und jenem Spieler? Dass Klos und Voglsammer gut harmoniert haben im 4-4-2-System, haben wir seinerzeit mit Dynamo ja zu spüren bekommen.

Weckt das Spiel in Dresden außergewöhnliche Emotionen in Ihnen, oder ist es doch nur ein Spiel wie jedes andere?

Neuhaus: Nicht ganz, das ist schon etwas Besonderes. Das gilt auch für das Spiel im Februar bei Union Berlin, wo ich ja noch länger war als in Dresden. Das Ziel ist und bleibt aber immer das Gleiche, die Herangehensweise ebenfalls: Ich werde von meiner Seite keine Emotionen in die Mannschaft zu übertragen versuchen, die etwas mit meiner Vergangenheit bei diesen Klubs zu tun haben könnten. Wir müssen sehen, wie wir in Dresden drei Punkte holen. Emotionen haben da wenig Platz.

Wem hilft Ihre Vergangenheit als Dresden-Trainer im Hinblick auf das direkte Duell mehr: Dynamo oder Ihnen und Arminia?

Neuhaus: Beide wissen, woran sie sind. Sowohl die Dresdner als auch wir haben in der Vorbereitung hinsichtlich der Zusammensetzung der Mannschaft das eine oder andre Hintertürchen offen gelassen. Die Antwort gibt es dann am nächsten Mittwoch.

Erschwerte Trainingsbedingungen bereiten Sorge

Aufgrund der Wetterlage sind die Arminen zum Trainieren am Donnerstag auf den beheizbaren Kunstrasenplatz in der Tönnies-Arena in Rheda-Wiedenbrück ausgewichen. Doch statt der geplanten zwei Einheiten beließ Coach Uwe Neuhaus es bei nur einer Einheit: »Bei aller Qualität des Untergrunds, es ist und bleibt ein Kunstrasen. Für vorgeschädigte Knie und Sprunggelenke birgt das immer eine große Gefahr.«

Bis zum Pflichtspiel bei Dynamo Dresden (Mittwoch, 30. Januar, 20.30 Uhr) soll so häufig wie möglich auf Naturrasen in Bielefeld trainiert werden.

Kommentare

Harte Kritik von Neuhaus an Arabi

"Hinten herrscht die größte Not" - dieses Zitat von Neuhaus als Überschrift zu wählen, stellt (zurecht) eine bemerkenswerte Aussage in den Mittelpunkt, die - neben einer unverblümten Forderung mit dem an späterer Stelle verwendeten Wörtchen "definitiv" - nichts als eine vernichtende Kritik an der Kaderzusammenstellung und damit an Samir Arabi darstellt. Mit "Not" wird eine drastische und dramatische Formulierung gewählt, die weit über "Defizite" oder gar "Optimierungsbedarf" hinausgeht. Die Formulierung "die größte Not" zeigt an, dass Neuhaus nicht nur hinten "Not" sieht, sondern "lediglich" die größte von allen Nöten. Zum Vergleich: Samit Arabi hatte noch im Herbst - ca. im November - davon gesprochen, dass man mit dem Kader zufrieden sei, auch wenn "Optimierungen" immer möglich seien. Es ist keine Frage: die Aussage von Neuhaus vom 25.1.2019 widerspricht der Einschätzung von Arabi im ca. November 2018 fundamental.
Es ist nicht nur in der Sache ein scharfer Widerspruch, sondern auch als absichtsvoll platzierte öffentliche Äußerungshandlung eine klare Distanzierung, ein scharfes Widersprechen gegenüber Arabi. Neuhaus ist erfahren ohne Ende, das ist keine Unachtsamkeit. Der neu verpflichtete PR-Chef Mucha erscheint da auch wirkungslos oder schlicht übergangen. Die Risse zwischen Neuhaus und Arabi könnten nach gerade einmal gut 6 Wochen, die Neuhaus im Amt ist, kaum größer sein. Und Laufer lässt das ganze laufen... Es ist nicht schwer vorauszusehen, dass der Verein auf einen ernsthaften Konflikt zwischen Sport-GF und Cheftrainer zusteuert, die zudem eine Führungskrise auslösen könnte und/oder in die nächste Entlassung eines gut dotierten Angestellten mündet, einschl. hoher Abfindung.
Man muss auch die Frage stellen, warum im Verein niemand in der Lage war, eine solche berechtigte Kritik am Spieler-Kader, wie Neuhaus sie äußert, schon vorher einzunehmen. Es fehlt ganz eindeutig an einem kritischen Korrektiv zu Samir Arabi bzw. generell zur Position des GF Sport in den oberen Vereinsgremien. Diese Einsicht nun ist weniger eine Kritik an Arabi als an der Vereinsführung, die für die Etablierung vernünftiger professioneller Strukturen im Verein verantwortlich ist. Statt auf Überschüssigkeiten in der öffentlichen Kritik larmoyant zu reagieren, sollte die Vereinsführung um Laufer lieber mit Blick auf den sachlichen Kern dieser Kritik Selbstkritik üben und diese konstruktiv zum Wohle des Vereins umsetzen. Der Verein ist personell und strukturell an zu vielen Stellen zu schwach aufgestellt. Und das kann diese Saison zum Abstieg führen. Ob nun manche Kritik die Grenze zur Unverschämtheit überschreitet, ist dem gegenüber eine Petitesse.

Einige Gedanken

Gut zu wissen, dass einige ernsthafte Schreiber hier und eine Handvoll dort, in einem Kasperletheater, das der Präsident von Arminia zurecht als Unverschämtheit bezeichnet, doch nicht ganz doof sein können. Ja, Arminia, ja, Herr Laufer, das unterscheidet Hetzerei gegen den Verein, um Geld damit zu verdienen, von sachlicher Kriktik von Leuten, denen der Verein seit über 50 Jahren am Herzen liegt: der Kader hatte eine schlechte Statik, das sind handwerkliche Fehler, die für uns alle hoffentlich nicht noch sehr teuer werden können. Ansonsten wird diese Saison als Jahr der Taktik-Experimente in die Annalen eingehen. 4-4-2, 3-5-2,4-2-3-1,4-3-3. Es bleibt spannend.

2 Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Mehr zum Thema

Anzeige


https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6343915?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2536432%2F