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Do., 16.05.2019

250 Fans zu Unrecht für Stunden auf dem Boulevard festgehalten? Bielefeld: St. Pauli zeigt Polizei an

Bielefeld gegen St. Pauli: Das Spiel am 4. November ging 1:2 aus. Nicht alle angereisten Pauli-Fans konnten es sehen.

Bielefeld gegen St. Pauli: Das Spiel am 4. November ging 1:2 aus. Nicht alle angereisten Pauli-Fans konnten es sehen. Foto: Starke

Von Christian Althoff

Bielefeld (WB). Der FC St. Pauli hat am Mittwoch bei der Staatsanwaltschaft Bielefeld Anzeige erstattet. Er wirft der Polizei Nötigung und Freiheitsberaubung vor. Polizisten sollen am 4. November vor dem Spiel gegen die Arminia am Bielefelder Bahnhof etwa 250 St.-Pauli-Fans ohne Rechtsgrundlage bis 19 Uhr eingekesselt haben.

Nach Angriff mit PVC-Stangen Verdächtige identifiziert

Die Polizeiaktion hatte eine Vorgeschichte. Etwa 250 St.-Pauli-Fans fuhren an jenem Sonntag mit einem gewöhnlichen Regionalzug nach Bielefeld. Während der Fahrt soll es soll nach Angaben begleitender Bundespolizisten zu Provokationen gegen die Beamten gekommen sein. Unter anderem sollen zwei Fans Überwachungskameras des Zugs abgeklebt haben. Ein Sprecher sagte, als beim Halt in Melle auf dem Bahnsteig die Identität der Provokateure festgestellt werden sollte, sei es zu einer Solidarisierung »aller Beteiligten im Zug« gekommen. Die Bundespolizisten seien mit PVC-Stangen angegriffen worden. Ein starkes Polizeiaufgebot habe die Situation beruhigt. Da die Täter wieder in der Masse friedlicher Fans verschwunden seien, hätten Bundespolizei und Polizei Bielefeld im Bielefelder Bahnhofsviertel eine Schleuse zur Täteridentifizierung eingerichtet. 18 Verdächtige seien dort identifiziert worden.

Anwaltskanzlei wertet Gedächtnisprotokolle von 81 Fans aus

Der FC St. Pauli sieht den Polizeieinsatz kritisch. Eine Hamburger Anwaltskanzlei hat im Auftrag des Klubs die Gedächtsnisprotokolle von 81 Fans ausgewertet. Darin schildern die Zeugen, dass Bundespolizisten im voll besetzten Zug Schlagstöcke und Reizgas eingesetzt hätten und Gas auch unbeteiligte Reisende getroffen habe. Als Reisende in Melle ausgestiegen seien, um dem Reizgas zu entkommen, seien sie vom Bahnhof aus mit Schlagstöcken zurück in den Zug getrieben worden. In Bielefeld habe man ihnen gesagt, jeder müsse seinen Ausweis zeigen und sich fotografieren lassen, um die Bilder mit denen der Überwachungskameras im Zug abgleichen und die Täter finden zu können. Auch bereits in Melle überprüfte Fans hätten sich anstellen müssen.

Vorgehen laut Gutachten nicht rechtmäßig

Die Anwaltskanzlei kommt in ihrer 21-seitigen Stellungnahme zu dem Schluss, das polizeiliche Vorgehen sei in mehrfacher Hinsicht nicht rechtmäßig gewesen. Weder sei für den Reizgas- und Schlagstockeinsatz eine Rechtsgrundlage erkennbar, noch hätten die etwa 250 Fans in Bielefeld so lange festgehalten werden dürfen, um einige wenige Täter zu identifizieren. Wer für was verantwortlich war, ist noch nicht geklärt. Bielefelds Polizeisprecherin Sonja Rehmert sagte, die (für Bahnanlagen und Züge verantwortliche) Bundespolizei sei zuständig gewesen, die Bielefelder Polizei habe nur unterstützt. Dagegen erklärte Carsten Bente von der Bundespolizei, das müsse erst noch geklärt werden. Von Stadt zu Stadt können die Zuständigkeiten der Polizeien unterschiedlich geregelt sein. So fällt in Bielefeld der Aufgang vom Bahnhof zum Boulevard bereits in die Zuständigkeit der örtlichen Polizei. Die 21-seitige Bewertung der Rechtsanwälte finden sie hier.

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