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Do., 12.03.2020

Was ein 4:0 von vor 25 Jahren mit der heutigen Arminia zu tun hat „Dann wären die Lichter aus gewesen“

Die Bielefelder Erfolgsgaranten der 1990er Jahre: Trainer Ernst Middendorp (links) und Manager Rüdiger Lamm.

Die Bielefelder Erfolgsgaranten der 1990er Jahre: Trainer Ernst Middendorp (links) und Manager Rüdiger Lamm. Foto: imago

Von Jens Brinkmeier

Bielefeld (WB). Wenn Ernst Middendorp 25 Jahre zurückdenkt, erinnert er sich zuerst an die Montage der Saison 1994/95. „Immer wieder wurde durch das Management des Klubs klar kommuniziert, dass Platz zwei der erste Abstiegsplatz war. Das habe ich jeden Montag im Büro gehört“, sagt Middendorp.

Der inzwischen 61-Jährige war damals zum zweiten Mal Trainer des DSC Arminia Bielefeld. „Das Management des Klubs“ war Rüdiger Lamm, der den Verein nach sechs Jahren in den Niederungen des Amateurfußballs zurück in die Bundesliga führen wollte. Deshalb musste Middendorp, damals 36, die „Millionentruppe“ zum Aufstieg führen. Dazu berechtigte in der damals drittklassigen Regionalliga West nur Platz eins.

„Arminia Vielegeld“ war von Lamm mit den Bundesliga-Stars Thomas von Heesen, Fritz Walter, Armin Eck und Jörg Bode verstärkt worden. Doch die erste Trainerwahl entpuppte sich schon als Fehlgriff. Wolfgang Sidka benötigte nur wenige Wochen, um die gesamte Mannschaft gegen sich aufzubringen. Nach einem 0:1 am vierten Spieltag bei Rot-Weiss Essen – dem ersten Gegentor und damit der ersten Niederlage – wurde Sidka entlassen. Lamm holte Middendorp, schon von 1988 bis 1990 Arminia-Trainer, zurück.

Der Wendepunkt am 11. März 1995

Doch auch unter „Power-Ernst“ lief es schleppend. Das Rückspiel gegen Essen am 11. März 1995 wurde dann zum Wendepunkt der Saison. „Dieses Spiel war entscheidend für den Abschluss der Saison. Es ging für uns praktisch um vier Punkte, und wir wussten: Wenn wir verlieren, zieht RWE weg“, erinnert sich Middendorp am Telefon im fernen Südafrika, als wäre alles gestern passiert.

Vor diesem 21. Spieltag war Essen mit 30:10 Punkten Tabellenführer vor dem SC Verl, Arminia und dem FSV Salmrohr (alle 28:12). Die Alm war natürlich ausverkauft, erstmals seit Jahren. Und die Arminen fegten wie ein Orkan über die von Wolfgang Frank trainierten Essener hinweg. „Wir haben etwas überraschend aufgestellt und wollten mit schnellen Attacken zum Erfolg kommen“, sagt Middendorp, der derzeit mit den Kaizer Chiefs Tabellenführer der südafrikanischen Liga ist.

Torjäger Markus Wuckel (rechts) feiert nach dem 4:0 gegen Essen mit Martin Kollenberg. Foto: Stefan Hörttrich

Eck (12. Minute), Bode (50.), von Heesen (78.) und Ayhan Tumani (90.) schossen die Bielefelder zu einem 4:0-Sieg, der von den Fans ausgelassen gefeiert wurde. Arminia war nun aufgrund des Torverhältnisses an Essen vorbeigezogen, RWE geriet aus dem Tritt und wurde am Saisonende nur Vierter. Der DSC leistete sich zwar noch einen 0:3-Ausrutscher gegen Alemannia Aachen, doch am vorletzten Spieltag war alles für den Aufstieg vorbereitet. In Neuenkirchen benötigte Bielefeld nur noch einen Punkt, um rechnerisch alles klar zu machen. Doch damit begnügte sich das Middendorp-Team nicht. Wie gegen Essen stand am Ende wieder ein 4:0, die zahlreich mitgereisten Fans stürmten den Platz und feierten mit den Spielern.

Markus Wuckel hatte in dem Spiel zwei Tore geschossen und kam am Ende auf 13 Treffer. Damit war der heute 52-Jährige ein Aufstiegsgarant, der allerdings nicht mit in die 2. Liga ging. „Arminia wollte mir damals nur einen Einjahres-Vertrag geben. Essen hatte lange um mich gebuhlt, sie wollten mich unbedingt. Deshalb habe ich früh zugesagt“, erinnert sich Wuckel. In der Nacht nach dem 4:0 in Neuenkirchen, auf dem Rathausbalkon und vor 20.000 feiernden Menschen, wollte Rüdiger Lamm den Stürmer noch umstimmen. „Aber das war für mich eine Charakterfrage. Es ist für mich wichtig, in den Spiegel schauen zu können. Vielleicht erfahre ich deshalb heute noch großen Zuspruch von vielen Arminia-Fans“, sagt Wuckel, der inzwischen im 17. Jahr die DSC-Frauen (2. Liga) trainiert.

Auch die Fans konnten den Wechsel damals nicht verhindern, obwohl sie Wuckel vom Rathausplatz immer wieder „Markus, du darfst nicht gehen“ zuriefen. Der gebürtige Blankenburger (Sachsen-Anhalt) hatte Tränen in den Augen. „So etwas vergisst man nicht“, sagt er heute.

Erleichterung nach sieben Jahren unterhalb der 2. Liga

Der Aufstieg damals sei für viele Fans und auch für ihn „der schönste Aufstieg“ gewesen, nach sieben Jahre unterhalb der 2. Liga. Der Druck sei allerdings die ganze Saison über enorm hoch gewesen. „Der Verein hat hoch gepokert und horrende Summen gezahlt. Wenn wir es nicht geschafft hätten, wären die Lichter wohl aus gewesen“, so Wuckel. Wer weiß, welche Folgen eine Insolvenz gehabt hätte und wo der Verein heute stehen würde. Vermutlich nicht auf Platz eins der 2. Liga.

Den Aufstieg damals konnte Ernst Middendorp nicht wirklich genießen. Sofort gingen die Planungen für die erste Zweitligasaison seit 1987/88 los. Und auch da ließ Rüdiger Lamm nur wenig Zweifel an der Zielsetzung aufkommen. „Der einzige Unterschied war, dass ich dann am Montag hörte, Platz drei sei der erste Abstiegsplatz.“ Weil die ersten beiden Mannschaften in die Bundesliga aufstiegen. Doch auch in der Saison 1995/96 hielten Middendorp und seine Spieler dem Druck stand und schafften den Durchmarsch ins Oberhaus.

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