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Fr., 13.03.2020

Arminias Geschäftsführer Rejek und Trainer Neuhaus nehmen Stellung zur Coronakrise – mit Video Das Gemeinwohl im Blick

Auch Arminias Geschäftsführer Markus Rejek (links) und Trainer Uwe Neuhaus machen sich Sorgen.

Auch Arminias Geschäftsführer Markus Rejek (links) und Trainer Uwe Neuhaus machen sich Sorgen. Foto: Thomas F. Starke

Von Sebastian Bauer und Jens Brinkmeier

Bielefeld (WB). Die Auswirkungen des Coronavirus: An diesem Freitag bekommt sie auch Arminia Bielefeld auf gespenstische Weise zu spüren. Das eigentlich ausverkaufte Derby gegen den VfL Osnabrück geht als Geisterspiel über die Bühne. Doch die leeren Ränge sind nur ein Problem und eine von vielen Herausforderungen, vor denen der Zweitligaspitzenreiter und andere Fußballklubs aktuell stehen .

„Arminia Bielefeld hatte schon viele Krisen und musste immer wieder aufstehen. Vielleicht ist das auch mal der Zeitpunkt, um innezuhalten. Immer schneller, höher, weiter: Ergibt das Sinn?“, versuchte Markus Rejek der Situation wenigstens etwas Positives abzugewinnen. Die bei einer Spieltags-Pressekonferenz ansonsten nicht vorgesehene Anwesenheit von Arminias Finanz-Geschäftsführer verdeutlichte noch einmal, wie besonders die aktuelle Corona-Situation für den Klub, den Fußball, den Sport und die gesamte Gesellschaft ist.

Auch wenn der Ausschluss der Zuschauer für den DSC einen enormen wirtschaftlichen Verlust bedeutet (ca. 500.000 Euro), betonte Rejek: „Es geht um die Gesamtentwicklung, nicht nur in Deutschland. Am Ende müssen wir unseren Teil beitragen, die Ausbreitung der Epidemie einzudämmen.“ Genau so sieht es Trainer Uwe Neuhaus: „Das Gemeinwohl steht über allem. Es dreht sich nicht alles nur um Fußball.“

Bis zu drei Millionen Euro würden fehlen

Würden die verbleibenden fünf Heimspiele komplett ohne Zuschauer ausgetragen, wäre das ein Einnahmeverlust von 2,5 bis drei Millionen Euro. „Arminia Bielefeld wird leiden. Wir sind zwei Jahre nach der Sanierung nicht soweit, dass wir bis zu drei Millionen Euro Verlust einfach wegstecken könnten“, unterstrich Rejek.

Auch über den möglichen wirtschaftlichen Ausgleich soll deshalb am Montag bei der außerordentlichen Vollversammlung der Deutschen Fußball-Liga beraten werden. „Die Liga ist so stark, dass sie das in ihrer Solidargemeinschaft versuchen sollte, selbst zu lösen. Ich bin nicht so weit, dass wir sagen, dass wir irgendwo Schadenersatz einfordern“, erläuterte Rejek. Heißt: Der Geschäftsführer geht nicht davon aus, Regressansprüche an den Bund, das Land oder die Stadt zu stellen.

Was auffällt: Bei Prognosen halten sich Arminias Verantwortliche zurück. Spekulationen überlassen sie anderen. Wie etwa Helge Leonhardt, dem Präsidenten von Zweitligist Erzgebirge Aue, der einen Saisonabbruch ins Spiel gebracht hatte. „Ich halte nichts davon, irgendwelche Szenarien an die Wand zu malen. Wir tun gut daran, erst mal von Spieltag zu Spieltag zu denken“, mahnte Rejek. Weniger Verständnis brachte Neuhaus für die Worte Leonhardts auf: „Ich kann die Aussage nicht nachvollziehen. Solche Aussagen sind nicht 100-prozentig durchdacht.“ Persönlich hat der Trainer zu einem Abbruch eine ganz andere Meinung: „Ich gehe ganz fest davon aus, dass die Saison zu Ende gespielt wird – wann auch immer. Für mich wäre unvorstellbar, wenn die Saison einfach abgebrochen würde.“ Man könne nicht so tun, als wäre die Saison nie gespielt worden, sagte Rejek: „Wir als Arminia Bielefeld würden dann komplett auf die Barrikaden gehen!“

Kein Verständnis haben Arminias Verantwortliche ebenfalls für die Abstellung von Nationalspielern in der Länderspielpause Ende März. „Wir sind nicht bereit, Spieler zu ihren Nationalmannschaften zu schicken“, betonte Rejek.

Kritik an Entscheidungsträgern

Geisterspiel oder nicht? Wie geht es weiter? Der Umgang mit dem Coronavirus und den Folgen für den Fußball durch die politischen Entscheidungsträger hat die Arminen irritiert. „Ich habe das Gefühl, dass keiner in Deutschland den Mut hat, Entscheidungen zu treffen. Das fängt ganz oben an. So kommen wir nicht weiter“, kritisierte Neuhaus.

Doch was sind eigentlich die Optionen, die den Erst- und Zweitligisten bleiben? Zum einen gibt es die Möglichkeit, die Saison mit Geisterspielen zu Ende zu bringen. Eine weitere Option wäre, die Saison zu unterbrechen und nach einer mehrwöchigen Pause fortzusetzen. Zwingend erforderlich wäre dafür aber eine Verlegung der Fußball-Europameisterschaft im Sommer (12. Juni bis 12. Juli). Rejek: „Es gibt Einreiseverbote in verschiedenen Ländern und wir tun so, als wäre nichts. Meiner Meinung nach muss man soweit gehen und fragen, was mit der Europameisterschaft ist. Man muss fragen, ob eine EM zu diesem Zeitpunkt und unter diesen Bedingungen überhaupt Sinn macht.“ Diese Frage scheint sich nun auch die Europäische Fußball-Union (Uefa) gestellt zu haben. Nach Informationen der französischen Sportzeitung „L’Équipe“ soll die EM ins Jahr 2021 verschoben werden. Dadurch ergäbe sich für die nationalen Ligen Spielraum für ein späteres Ende der laufenden Saison.

Bleibt Option drei: ein Abbruch der Saison. Am Ende ist dies die wohl unwahrscheinlichste Möglichkeit. Nicht nur deshalb, weil man vor einem Präzedenzfall steht. Die DFL sieht keine genauen Regelungen für den Fall vor, dass eine Saison zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt abgebrochen werden muss. Offen ist, ob die dann bestehende Tabelle ausschlaggebend für Meisterschaft oder Auf- und Abstieg wäre, Ligen aufgestockt werden müssten oder die Saison nicht gewertet würde.

Heute unvorstellbar, morgen Realität

Was heute noch unvorstellbar ist, könnte morgen bereits Realität sein, wie die vergangenen Tage gezeigt haben. Auch ein Spieltag mit Geisterspielen lag lange außerhalb der Vorstellungskraft der Branche. „Natürlich ist es bitter, gerade in unserer Situation, ohne Zuschauer spielen zu müssen. Aber ich kann nur an alle appellieren: Bleibt zuhause!“, sagte Rejek. Lediglich 300 bis 400 Personen werden am Freitag im Stadion sein. „Das sind Menschen, die eine Funktion haben: Mitarbeiter der Geschäftsstelle, Ordnungsdienst, Sanitäter, Medienvertreter und die engsten Angehörigen der Spieler“, erklärte Rejek. Mit gutem Beispiel geht Hans-Jürgen Laufer voran: Arminias Präsident bleibt am Freitag zuhause und will damit als Vorbild dienen. Fans haben im Vorfeld angekündigt, sich trotz des Geisterspiels vor dem Stadion zu versammeln.

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Saisonabbruch ist doch jetzt schon klar

Diese Saison wird nicht mehr zu Ende gespielt werden können. Das ist doch jetzt schon klar. Der Peak wird laut Robert-Koch-Institut im Juli/August liegen. Man könnte dann frühestens im Herbst weiter spielen. Auch wenn das noch nicht sicher ist, muss man erst einmal davon ausgehen, auch wenn es schwer fällt. Es kommt jetzt darauf an, eine faire Lösung zu finden. Natürlich muss Arminia aufsteigen. Mehr als 2/3 der Saison sind gespielt. Das darf man nicht ignorieren. Notfalls gibt es keine Absteiger, dafür Aufstockungen, falls die eigentlichen Absteiger sich querstellen.

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