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Di., 17.03.2020

Paderborn würden acht Millionen Euro fehlen, Arminia allein drei Millionen an Eintrittsgeldern Es geht um das TV-Geld

Martin Hornberger SC Paderborn.

Martin Hornberger SC Paderborn. Foto: dpa

Von Matthias Reichstein und Dirk Schuster

Paderborn/Bielefeld (WB). In seiner Existenz sieht sich der SC Paderborn aktuell nicht bedroht , SCP-Geschäftsführer Martin Hornberger begrüßte am Montag aber ausdrücklich den Versuch der DFL, die laufende Saison doch noch zu Ende zu spielen.

Aus gutem Grund: Das Bundesliga-Schlusslicht aus Paderborn erwartet noch die letzte Abschlagszahlung aus der TV-Vermarktung in Höhe von knapp 8,3 Millionen Euro. Sollte kein Spiel mehr stattfinden, wäre das Geld wohl weg. „Wie wir das auffangen können, weiß ich nicht. Aber darüber werden wir uns dann Gedanken machen, wenn es soweit ist”, sagte Hornberger.

Die Rechnung ist relativ einfach: Der SCP hat noch vier Heimspiele (1899 Hoffenheim, Borussia Dortmund, Werder Bremen und Borussia Mönchengladbach), gegen den BVB und die Borussia wurden die Tickets mit Top-Zuschlag verkauft. Der Verein würde an Eintrittsgeldern etwa 350.000 Euro pro Partie verlieren. Deshalb wären auch für die Ostwestfalen so genannte Geisterspiele noch das kleinere Übel. Denn würde gar kein Spiel mehr stattfinden, wären nicht nur acht Millionen Euro TV-Geld weg, der SCP müsste zum Beispiel auch mit Regressforderungen der Sponsoren rechnen.

SCP-Team unter Quarantäne

Das gilt auch für den DSC Arminia Bielefeld. Dem Zweitligatabellenführer würden im Falle von Geisterspielen allein durch Verluste im Ticketing bis zu drei Millionen Euro fehlen. Hinzu kämen bei einem Saisonabbruch zum jetzigen Zeitpunkt mehrere Millionen Euro TV-Geld; von etwaigen Regressansprüchen der Sponsoren ganz zu schweigen.

Abgesagt wurden von der DFL bislang nur die Spieltage 26 und 27 und damit noch nicht Paderborns nächstes Punktspiel am 4. April beim FC Augsburg. Dass dann aber wieder der Ball rollt, daran glaubt Martin Przondziono nicht: „Das ist nur ganz schwer vorstellbar. Niemand kann heute sagen, wie viele Profis sich bis dahin mit dem Virus infiziert haben und welche Mannschaften dann überhaupt noch spielfähig sind.”

Aktuell steht ein Teil des SCP-Teams unter Quarantäne , der gesamte Verein hat für 14 Tage den Trainingsbetrieb eingestellt. Deshalb wäre es auch sportlich schwierig, sich auf das Auswärtsspiel in Augsburg vorzubereiten. „Wir hätten dann nur noch eine Woche Zeit, das wäre ein Nachteil”, sagt Przondziono. Paderborns Trainer sieht das Problem auch, bleibt aber gewohnt gelassen: „Wenn es so kommt, nehmen wir es auch so an”, meinte Steffen Baumgart: „Meine Jungs werden in einer guten körperlichen Verfassung sein, weil ich mich auf die Truppe verlassen kann.”

Die Arminia-Verantwortlichen hielten sich im Unterschied zu ihren Paderborner Kollegen extrem zurück. „Wir stehen mit voller Überzeugung hinter dem Präsidium der DFL um Geschäftsführer Christian Seifert und den gemeinsam getroffenen Entscheidungen“, ließ sich Finanzgeschäftsführer Markus Rejek in einer Mitteilung zitieren. Weiter heißt es darin: „Wir versichern der DFL auch zukünftig unsere vollste Unterstützung bei allen notwendigen Maßnahmen und Entscheidungen.“

Kommentare

Als großer Fußballfan vertrete ich die grundsätzliche Ansicht, dass es zurzeit wichtigere Probleme als Fußball gibt. Der Fußball insgesamt, der seit Jahrzehnten in einer Blase lebt und sich auf unverschämte Weise immer weiter von der Gesellschaft entfernt, muss sich selbst aus der Krise befreien. Rufe nach Hilfe durch den Steuerzahler würden daher nur wenige Bürger nachvollziehen können, die Akzeptanz ginge gegen null. Im System steckt so viel Geld, dass ich die Solidarität der Großen, deren Gehälter und Ablösesummen in einer ähnlichen exponentiellen Kurve wie die Ausbreitung des Virus steigen, voraussetze. Die exponentielle Verteilung der Fernsehgelder zieht die finanziellen Möglichkeiten der Vereine wie am Gummiband immer weiter und schneller auseinander. Sie ist mir seit langer Zeit ein Dorn im Auge, vielleicht sollte man ein lineares Modell der Verteilung entwickeln. Jahrelang wird immer mehr Geld für das System Fußball gefordert, um sprichwörtlich hinter Vereinen und Verbänden herzuhecheln, die Kapital im großen Stil vernichten. Sicherungsfonds? Fehlanzeige! Alles ist auf Kante genäht, man fährt seit Jahren mit 240 km/h auf der Überholspur, die Gier ist grenzenlos. Ich bin gespannt, ob letztlich die Vernunft siegt oder der Wahnsinn weitergeht, nachdem Corona eine kleine Delle verursacht hat. Möglicherweise werden wir ja bald Verhältnisse wie im Eishockey haben: diejenigen, die lange genug ohne Spielbetrieb überleben können, gründen (evtl. zwangsläufig) eine geschlossene Gesellschaft ohne Aufstieg und Abstieg. Ohne mich, nachdem die WM in Katar bereits auf meinem persönlichen Index steht. Gern bin ich bereit, meinen Heimatverein ligaunabhängig zu unterstützen, wie ich das seit über 50 Jahren praktiziere.

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