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Mi., 13.05.2020

Armine Tom Schütz über das Quarantäne-Trainingslager, den Re-Start und seine Familie „Angst habe ich nicht“

Tom Schütz im Januar während des normalen Winter-Trainingslagers – in Zeiten vor Corona.

Tom Schütz im Januar während des normalen Winter-Trainingslagers – in Zeiten vor Corona. Foto: Thomas F. Starke

Bielefeld (WB). Tom Schütz hat mit Arminia Bielefeld seit Sommer 2011 schon viele Trainingslager mitgemacht. Dennoch erlebt der 32-Jährige derzeit eine Premiere. Im Quarantäne-Trainingslager in der Klosterpforte in Marienfeld ist einiges anders als sonst. Routinier Schütz gab am Dienstag in einer virtuellen Presserunde einen Einblick und sprach auch über viele weitere aktuelle Themen in der Corona-Krise.

Schütz über...

...den Unterschied zu normalen Trainingslagern: Natürlich ist es irgendwie komisch. Es ist nicht vergleichbar mit Sommer- oder Wintertrainingslagern. Es gibt viele Einschränkungen. Beim Essen sitzen wir zu viert zusammen, die Belegung muss immer streng eingehalten werden. Es wird Tischweise aufgestanden, damit es keine Staus am Buffett gibt. Zwei Mitarbeiter geben uns das Essen, wir dürfen uns nichts selbst nehmen. Die Mitarbeiter arbeiten mit Handschuhen und Mundschutz. Auch daran merkt man, dass es kein normaler Hotelaufenthalt ist. Vor dem Frühstück wird bei jedem Fieber gemessen. Jeder muss seine Klamotten selbst holen und wieder wegbringen. Da bricht keinem ein Zacken aus der Krone. Es sind viele Kleinigkeiten an denen man merkt, dass es nicht der normale Betrieb ist.

 

...eine möglicherweise höhere Verletzungsgefahr: Das kann ich nicht beurteilen, ich bin kein Sportmediziner. Der aktuelle Spielplan sieht zwei Englische Wochen vor. Das wäre einigermaßen normaler Betrieb. Wenn mehr Spiele ausfallen und es mehr Englische Wochen gibt, kann das natürlich eintreten. Dass die Substanz nicht so wie nach einer kompletten Sommervorbereitung ist, darüber brauchen wir nicht zu reden. Es kann immer zu Verletzungen kommen, aber ich glaube auch, dass sich die Spielweisen den körperlichen Zuständen der Mannschaften anpassen werden.

 

...die Tatsache, dass die Spieler nicht in die Prozesse eingebunden waren: Wir sind die Hauptakteure, die auf dem Platz stehen. Mit mir hat kein Spieler gesprochen, dass er angesprochen und in die Entscheidungen eingebunden wurde. Es wäre schon wünschenswert gewesen, Spieler-Meinungen einzuholen. Da muss ich zustimmen.

 

...die Möglichkeit, die Teilnahme an Trainings- und Spielbetrieb abzulehnen: Der Verein hat uns gesagt, dass, wer sich nicht in der Lage fühlt oder mit der Situation ein Problem hat, könne verzichten. Aber wir wollen ja alle Fußball spielen.

 

...Warnungen von Medizinern vor Folgeschäden bei den Profis: Angst habe ich nicht. Ich bin ja mit den Jungs hier in Kontakt und wir werden alle drei Tage getestet (nächster Test am heutigen Mittwoch, Anm. der Red.). Deswegen habe ich keine große Angst, mich anzustecken. Ich bin kein Experte, aber jeden Tag gibt es neue Meinungen. Wir sind alle negativ getestet; das Risiko, dass wir uns gegenseitig anstecken ist gering.

 

...die Auswirkungen auf seine Frau und seine zwei Kinder: Über allem steht, dass wir Fußballer sind, das ist unser Job und wir wollen spielen. Es ist aber schon so, dass die Familie sehr eingeschränkt wird. Das kommt mir auch in der Öffentlichkeit zu kurz. Es heißt immer, wir Fußballer haben Privilegien und dürfen spielen. Aber dass es sehr viele Einschränkungen gibt für uns als Familie, das kommt zu kurz. Es gibt Lockerungen, Spielplätze machen wieder auf. Mit zwei Kindern seit neun Wochen zuhause zu sein, die Kinder wollen raus, aber jetzt kommen noch mal acht Wochen bis Saisonende dazu – das ist schon schwierig. Aber wir nehmen das in Kauf und versuchen, mich zu schützen, weil es mein Job ist. Aber es ist eine enorme Einschränkung.

In allen Diskussionen kommen die Kinder – egal welchen Alters – zu kurz. Die Kinder sind isoliert, es gibt keine Lösungen. Das macht mich sehr nachdenklich. Julian Baumgartlinger von Bayer Leverkusen hat es ja auch schon gesagt. Es ist völlig verständlich, dass sich Eltern wundern, weil wir wieder Fußball spielen können aber Kinder nicht in die Schule oder den Kindergarten gehen dürfen.

 

...Folgen aus dem Fall Kalou von Hertha BSC und dessen Kabinen-Video: Der Verein ist noch mal auf uns zugekommen und hat das als Negativbeispiel genommen. Bei uns würde es gar nicht so weit kommen, weil bei uns das Handy in der Kabine nichts zu suchen hat. Das würde auch sanktioniert werden. Ich hätte als Kassenwart auch ein Auge drauf gehabt. Das wäre teuer geworden.

 

...das Spiel gegen Osnabrück: Ich erwarte ein normales Fußballspiel, soweit es normal sein kann ohne Zuschauer. Es ändert ja nichts daran, dass beide Mannschaften auf dem Platz stehen und um Punkte spielen. Wir müssen alles ausblenden und besser damit umgehen als alle anderen. Wir haben auch im leeren Stadion trainiert, elf gegen elf gespielt. Aber Sonntag geht es um Punkte. Natürlich würden wir gerne vor ausverkauftem Haus spielen. Aber wir haben das große Ziel, und wenn das nicht Motivation genug ist, läuft sowieso etwas falsch.

 

...die Gefährdung des Aufstiegs-Ziels durch die Corona-Pause : Wir sprechen da viel drüber, deswegen sehe ich aktuell keinen Anlass für Bedenken. Natürlich ist diese Unterbrechung zu einem schlechten Zeitpunkt gekommen, weil wir einen Lauf hatten. Und wir haben alle schon erlebt, was im Fußball möglich ist, gerade hier bei Arminia. Aber ich habe das Gefühl, dass die Mannschaft gefestigt ist. Wir wollen mit aller Macht unser Ziel erreichen.

 

...den Vorschlag, fünf statt drei Wechsel zuzulassen: Unabhängig von meiner Person: Für alle, die nicht in der ersten Elf stehen, ist das ein Ansporn, noch mehr Gas zu geben. Ich finde es für die jetzige Situation angemessen. Da ist man wieder beim Thema, Verletzungen vorbeugen zu können.

 

...den Verzicht auf Torjubel: Beim Jubel müssen wir uns zusammenreißen. Da überlegen wir uns schon Alternativen, wie man das Tor feiern könnte. Man möchte mit den Jungs feiern, aber da müssen wir gut drauf aufpassen.

 

...den auslaufenden Vertrag und die neue Gesprächssituation: Vor Corona hat es Gespräche gegeben, die wurden in der Krise zurück gefahren. Wenn der Spielbetrieb wieder losgeht, wird man sich zusammen setzen und miteinander sprechen. Ich bin jetzt neun Jahre da. Der Verein weiß, was er an mir hat, ich weiß, was ich am Verein habe. Deshalb hoffe ich, dass wir zu einer Lösung kommen.

 

...über einen Verbleib beim DSC über die Fußballkarriere hinaus: Ich bin nach der langen Zeit in dem Verein verwurzelt. Deshalb kann ich mir das gut vorstellen. Auch darüber sollten Gespräche geführt werden, wie so eine Zukunft aussehen kann. Ich hoffe, dass es da in den nächsten Wochen weitergeht. Ich bin aber nicht in dem Alter, wo ich schon die Fußballschuhe an den Nagel hängen will. Aber es wäre blauäugig, gerade als Familienvater, nicht an die Zukunft zu denken. Arminia ist natürlich klar mein Ansprechpartner Nummer eins.

 

...die Entscheidung zwischen Management oder Trainerbank: Das ist noch offen. Aktuell bin ich ja noch dabei, ein Fernstudium im Bereich Sportmanagement zu absolvieren. Das kann ich aktuell im Trainingslager vorantreiben. Aber ich möchte auch die Trainerscheine machen. Ich kann jetzt aber nicht sagen, ich will zu 100 Prozent Trainer werden. Deshalb will ich die Scheine machen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, ob das etwas für mich ist. Man muss auch abwarten, wie der Verein durch die Corona-Krise kommt und welche Auswirkungen es gibt.

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