Arminia-Torjäger über seine Zukunft, die Bundesliga und seinen Spieler der Saison
„Wir haben es mehr als einmal richtig krachen lassen“

Bielefeld (WB). Als Fabian Klos 2011 einen Vertrag beim Zweitligaabsteiger Arminia Bielefeld unterschrieb, war noch nicht einmal klar, ob der Klub für die 3. Liga überhaupt die Lizenz bekommen wird. Neun Jahre und 151 Tore später ist Klos mit dem DSC am Ziel seiner Träume. Der 32 Jahre alte Kapitän und Stürmer spielt mit den Bielefeldern in der kommenden Saison in der Bundesliga. Vor dem letzten Zweitligaspieltag am Sonntag gegen den 1. FC Heidenheim (15.30 Uhr, Schüco-Arena) spricht Klos mit den Redakteuren Sebastian Bauer und Dirk Schuster über seine Zukunft, er nennt seinen Spieler der Saison und erklärt, warum ihm die Rolle von Nils Petersen beim SC Freiburg imponiert.

Freitag, 26.06.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 26.06.2020, 07:16 Uhr
Fabian Klos kam 2011 zum DSC. Neun Jahre später steigt der Rekordtorjäger mit dem DSC in die Bundesliga auf. Foto: Thomas F. Starke
Fabian Klos kam 2011 zum DSC. Neun Jahre später steigt der Rekordtorjäger mit dem DSC in die Bundesliga auf. Foto: Thomas F. Starke

 

Haben Sie schon nachgezählt, wie viele Glückwunsch-Nachrichten nach dem Aufstieg bei Ihnen eingegangen sind?

Fabian Klos: Das hat auf dem Handy Überhand genommen. Ehrlich gesagt habe ich den Überblick verloren. Ich versuche es nach und nach abzuarbeiten, aber zwischendurch muss ich das Handy auch einfach mal weglegen, weil es zu viel wird. Es war aber beeindruckend und überwältigend zugleich. Da sieht man mal, wie viele Leute das verfolgt haben und was das für außergewöhnliche Schlagzeilen waren, die wir mit Arminia geschrieben haben.

Gab es eine Nachricht, die Sie besonders überrascht beziehungsweise gefreut hat?

Klos: Schon zum Re-Start hatte mir Lorenz-Günther Köstner (Klos’ Trainer beim VfL Wolfsburg II, Anm. d. Red. ) schon mal geschrieben und viel Glück gewünscht. Dann hat er es zwischendurch vor einem Spiel noch mal gemacht und hat dann auch zum Aufstieg gratuliert. Da habe ich mich tatsächlich extrem drüber gefreut. Er war ein ganz wichtiger Trainer für mich und hat ja selbst auch eine Arminia-Vergangenheit ( Köstner spielte von 1977 bis 1981 beim DSC, Anm. d. Red. ).

Gibt es außer Köstner noch andere Wegbegleiter, die Ihren Anteil daran haben, dass Sie jetzt in der 1. Liga spielen und an die Sie in den vergangenen Tagen denken mussten?

Klos: Grundsätzlich hatte ich noch gar nicht so viel Zeit, weil ich noch nicht richtig zur Ruhe gekommen bin nach den ganzen Erlebnissen. Das wird mit Sicherheit im Urlaub kommen. Am wichtigsten war es mir definitiv, meinen Jungs aus der Heimat schnellstmöglich zu antworten. Die waren schon damals, als ich nach Bielefeld gegangen bin, in der 3. Liga so oft wie möglich im Stadion. Und auch mein Vater Michael ist im Grunde bei jedem Spiel, egal ob auf dem Dorfsportplatz oder jetzt in den größeren Stadien, dabei. Da war es mir wichtig, diesen Personen mitzuteilen, dass ich ihnen sehr dankbar bin für die Unterstützung über die Jahre.

Die Jungs aus der Heimat – sind damit die ehemaligen Mitspieler vom SV Meinersen und MTV Gifhorn gemeint?

Klos: Ein paar von denen haben mit mir gespielt, nicht alle. Wir haben da einen wirklich sehr engen Freundeskreis. Wir waren schon damals, als ich noch in Gifhorn und Braunschweig gewohnt habe, eng befreundet. Und das Außergewöhnliche ist: Obwohl sie alle mehrfache Familienväter sind und es nicht so einfach ist, sich regelmäßig zu sehen, sind der Kontakt und das Verhältnis so, als wenn ich da noch wohnen würde. Das ist schon besonders und ich bin auch stolz darauf, dass es so geblieben ist.

Werden Sie, bevor es in den Urlaub geht, auch noch in Meinersen vorbeischauen?

Klos: Es ist definitiv geplant in die Heimat zu fahren und mich mit meinem Vater und meinen Jungs zu treffen. Das ist Pflichtprogramm.

Erdet Sie der Kontakt in die Heimat und zu den alten Freunden, oder muss man sich mit 32 gar nicht mehr erden lassen?

Klos: Mir ist es unfassbar wichtig, dass ich die Jungs und ihre Familien zumindest einmal in Ruhe im Urlaub sehen kann. Das ist so eine entspannte Atmosphäre und das macht so viel Spaß. Das gibt mir auch viel Kraft für die neue Saison – immer wieder. Es stimmt schon, mittlerweile bin ich nicht mehr in einem Alter, in dem ich Gefahr laufe, abzuheben. Aber wenn es mal in die Richtung ging, dann waren die immer da und haben mich ganz schnell wieder auf den Boden der Tatsachen geholt.

Sind Sie eigentlich selbst gespannt, wie Sie mit 32 Jahren in der Bundesliga mithalten können?

Klos: Vor kurzem habe ich zu meinem Mitspieler Cedric Brunner gesagt: „Wie das wohl wird in der Bundesliga?“ Da meinte ich zu ihm, dass ich nicht mehr der Allerjüngste bin und ja, auch dass ich gespannt bin. Ich werde in der nächsten Winterpause ganz sicher da sitzen und entweder sagen: „Ja, lief ganz gut das halbe Jahr.“ Oder ich werde sagen: „Boah, Bundesliga ist aber doch noch ein ganzes Stück schneller.“ Ich kann halt nicht in die Glaskugel gucken. Ich habe keine Ahnung, habe keinen Vergleich, wie viel besser das Niveau noch ist, wie viel anstrengender die Spiele sind, was uns da abverlangt wird. Ich bin echt gespannt. Ich lasse das auf mich zukommen, so habe ich es schon immer gemacht. Aus der Erfahrung weiß ich, dass ich oftmals ein bisschen gebraucht habe, um mich eine Liga höher an das Spielniveau zu gewöhnen. Nun ist das wieder so, darauf bin ich mental eingestellt. Vielleicht ist es aber auch so, dass wir den Schwung aus dieser Saison mitnehmen und alle gut reinkommen können.

Ihre Spielweise ist eine sehr physische. Ist das Vertrauen in den Körper voll da?

Klos: Stand heute ist das so. Wenn ich mich nicht gut fühlen würde mit meinem Körper, dann hätte ich nicht so eine Saison spielen können. Da bin ich stolz drauf, da bin ich zufrieden mit mir. Stand heute traue ich meinem Körper dieses eine Jahr definitiv noch zu.

Ihr Vertrag läuft nach der kommenden Saison aus. Haben Sie sich schon Gedanken über die eigene Zukunft gemacht?

Klos: Ganz ehrlich: nein. In der Winterpause wird man gucken, wie der Verein da steht, wie ich persönlich da stehe, wie ich mich fühle, was ich mir noch zutraue, was dann noch möglich ist. Dann wird man sich Gedanken machen und nach der Winterpause anfangen, sich auch darüber zu unterhalten.

Könnten Sie sich eine Rolle ähnlich wie sie Stürmer Nils Petersen beim SC Freiburg ausfüllt mittelfristig bei Arminia vorstellen – sprich nicht immer erste Wahl und trotzdem unersetzlich zu sein?

Klos: Das ist eine interessante und gleichzeitig schwierige Frage. Ich habe diesen Gedanken schon ein paar Mal gehabt. Ich habe dann aber versucht, ihn möglichst weit weg zu schieben. Mir imponiert, wie Nils Petersen diese Rolle in Freiburg annimmt. Nach wie vor glaube ich, dass es für einen Fußballer das Schwierigste ist, irgendwann zu akzeptieren, dass es auf eine gewisse Art nicht mehr reicht. Das zu erkennen und auch zu akzeptieren, wird die größte Herausforderung.

Für Heidenheim geht es im letzten Saisonspiel am Sonntag in der Schüco-Arena um nicht weniger als um Relegationsrang drei. Worum geht es für Arminia?

Klos: Tatsächlich habe ich darüber nachgedacht, was mein persönlicher Anreiz ist und was ich versuche, den Jungs vor dem Spiel mitzugeben . Eine Sache ist für mich entscheidend: Durch Corona ist es die längste Saison, die ich mein Leben lang spielen werde. Wir sind jetzt seit mehr als zwölf Monaten in dieser Gruppe zusammen. Und am Sonntag ist es für die beste Mannschaft, in der ich je bei Arminia spielen durfte, der letzte gemeinsame Auftritt in dieser Konstellation. Danach wird es Veränderungen in der Mannschaft geben. Das einzige, was diese Mannschaft verdient hat, ist aus dem letzten Spiel mit einem Sieg herauszugehen, weil wir die letzten zwölf Monate einfach so geil abgeliefert haben. Das ist das, was ich den Jungs mitteilen werde.

In Ihren neun Jahren bei Arminia haben Sie viele Spieler kommen und gehen sehen. Einer der immer dabei war, ist Tom Schütz, dessen Vertrag ausläuft.

Klos: Natürlich haben wir zuletzt auch immer mal wieder über die vergangenen gemeinsamen Jahre gesprochen. Diese Entwicklung war in keinster Weise abzusehen. Was wir in neun Jahren miteinander erlebt haben, ist purer Wahnsinn. Aber ganz unabhängig davon, ob Tom in der nächsten Saison noch hier spielt oder nicht: Was er für Arminia geleistet hat, nötigt mir den allergrößten Respekt ab.

Kann man nach so einer Saison einfach auseinander gehen und sich erst zur neuen Saison wieder treffen, sprich: Wird es trotz Corona eine Mannschaftsfahrt geben?

Klos: Wir zerbrechen uns darüber die Köpfe. Aber die Situation ist leider einfach so, wie sie ist. Wir haben nach wie vor eine gewisse Verantwortung in der Öffentlichkeit – und dieser sind wir uns bewusst. Wir wollen nichts machen, was nicht erlaubt ist. Ich kann noch nicht sagen, ob wir eine Lösung finden werden und wie sie am Ende aussieht. Aber eine Mannschaftsfahrt kann ich definitiv ausschließen.

Wer ist Ihr Spieler der Saison?

Klos: Marcel Hartel. Wahrscheinlich ist es nicht richtig, irgendeinen Spieler hervorzuheben, weil wir komplett über die mannschaftliche Geschlossenheit gekommen sind. Aber ich glaube, dass gerade seine Verpflichtung im Sommer das klitzekleine fehlende Puzzleteil war, das uns zur Meistermannschaft gemacht hat. Marcel hat einfach eine Laufstärke, die vorher niemand auf dem Schirm hatte. Und letztendlich war er der Taktgeber für unser Spiel. Vielleicht kann man es so sagen: Marcel war derjenige, der gefehlt hat, von dem wir aber gar nicht wussten, dass er gefehlt hat.

Beim 3:3 zuletzt in Karlsruhe hat Marcel Hartel dann ja auch endlich sein erstes Tor für Arminia erzielt. Musste er direkt einen ausgeben?

Klos: An der Reaktion der gesamten Truppe hat man gesehen, wie sehr wir uns für ihn gefreut haben und dass bei ihm eine gewisse Last abgefallen ist – auch wenn er es vorher nicht zugegeben hätte. Einen ausgeben musste er nicht mehr. Das lag aber auch nur daran, dass wir uns vorher schon ausreichend versorgt hatten für die Rückfahrt. Es war genug da.

Es war ja nicht das erste Mal, dass die Mannschaft den Aufstieg kräftig gefeiert hat ...

Klos: Wir haben es tatsächlich mehr als einmal richtig krachen lassen . Es gibt auch keinen Grund, das zu verheimlichen. Das hatten wir uns schließlich absolut verdient. Vor allem hat mich dann beeindruckt, was wir nach zuvor zwei, drei Tagen Vollgas im Spiel gegen den SV Darmstadt ( 1:0, Anm. d. Red. ) abgeliefert haben.

Gibt es ein Bundesligaspiel, auf das Sie sich jetzt schon besonders freuen?

Klos: Vorausgesetzt, dass Zuschauer da sind, ist es das Spiel in Dortmund. Wenn es die Möglichkeit gibt, da vor einem vollen Haus zu spielen, ist das, glaube ich, etwas ganz Besonderes.

Sie sprachen das Thema personelle Veränderungen bereits an. Wo sehen Sie in puncto Kader den größten Handlungsbedarf?

Klos: Ich glaube, dass wir auf den einzelnen Positionen schon gut besetzt sind – auch für die Bundesliga. Wenn es die Möglichkeit gibt, wäre es vielleicht nicht ganz unwichtig, den einen oder anderen erfahrenen Bundesligaspieler dazu zu nehmen. So ähnlich wie es Union Berlin vor der Saison mit Neven Subotic und Christian Gentner gemacht hat. Das würde uns mit Sicherheit nicht schaden.

Kann Arminia sich das leisten?

Klos: Arminia ist sicher nicht die unattraktivste Adresse. Doch über das Finanzielle locken, das wollen und das können wir nicht – wir sind ja immer noch Arminia Bielefeld. Aber unser Trainer Uwe Neuhaus und die Geschäftsführer Samir Arabi und Markus Rejek haben in der Vergangenheit ja schon bewiesen, dass sie Spieler auch mit anderen Argumenten überzeugen können.

Das 4-3-3-System von Uwe Neuhaus kommt Ihnen und Ihrer Spielweise sehr entgegen. Glauben Sie, dass Arminia daran festhalten kann?

Klos: Ich glaube schon, dass uns klar ist, dass wir nicht gegen alle 17 Mannschaften mit unserem auf Ballbesitz ausgelegten 4-3-3 Erfolg haben werden. Wenn du gegen die Topmannschaften wie Bayern, Dortmund, Leverkusen und Leipzig versuchst, dein Spiel durchzudrücken, fährst du damit voll gegen die Wand. Da wird es sicher Anpassungen geben. Grundsätzlich glaube ich aber schon, dass wir gegen andere Mannschaften in der Bundesliga in der Lage sind, unseren Ballbesitzfußball im 4-3-3 so zu praktizieren wie in der Aufstiegssaison.

Sind Sie ein Typ, der Zeitungsartikel sammelt, Spiele aufzeichnet, vielleicht sogar Tagebuch schreibt?

Klos: Vielleicht ärgere ich mich irgendwann darüber, dass ich nichts davon mache. Was ich bestmöglich abzuspeichern versuche, sind die Erinnerungen und Emotionen, die ich in gewissen Momenten hatte. Das schaffe ich ganz gut: gewisse Momente in mir immer mal wieder hervorzurufen. Alles, was in mir drin ist, kann mir niemand nehmen.

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