Vario-Sitze im Stehbereich, Speisen und Getränke werden am Platz serviert, Vorgriffsrecht für Dauerkartenbesitzer
So plant Arminia die Rückkehr der Fans

Bielefeld (WB). Nur noch 14 Tage, dann beginnt die neue Saison in der Fußball-Bundesliga. Wie viele Zuschauer angesichts der Corona-Pandemie in den Stadien zugelassen sein sollen, darüber wird in diesen Tagen intensiv debattiert. Während in Nordrhein-Westfalen, dem nach absoluten Infektionszahlen am stärksten betroffenen Bundesland, bis auf Weiteres maximal 300 Besucher bei Sportveranstaltungen erlaubt sind, plant beispielsweise der sächsische Erstligist RB Leipzig 8500 Fans zum ersten Saisonspiel gegen Mainz 05 zu empfangen.

Freitag, 04.09.2020, 06:00 Uhr
Arminias Finanz-Geschäftsführer Markus Rejek erklärt, wie die sukzessive Rückkehr der Fans in die Schüco-Arena funktionieren soll. Foto: Thomas F. Starke
Arminias Finanz-Geschäftsführer Markus Rejek erklärt, wie die sukzessive Rückkehr der Fans in die Schüco-Arena funktionieren soll.

Dies ist möglich, weil sich die Sieben-Tage-Inzidenz, also die Zahl der durchschnittlichen Neuinfektionen mit dem Coronavirus, in Leipzig bei derzeit nur sechs Fällen pro 100.000 Einwohner bewegt (Stand 3. September). Arminia-Trainer Uwe Neuhaus hält das dennoch für eine Ungerechtigkeit. Dass an jedem Standort individuelle Regeln getroffen würden, sei für den 60-Jährigen „nicht zu akzeptieren. Es kann nicht ein Verein mit Zuschauern spielen, während die anderen in die Röhre gucken”, begründet er.

Die aktuelle Sieben-Tage-Inzidenz in Bielefeld liegt bei acht Corona-Fällen pro 100.000 Einwohner (Stand 3. September). „Wir sind ebenfalls nicht stark betroffen”, sagt Neuhaus und wirft deshalb die Frage auf: „Warum sollten wir das nicht auch machen dürfen?”

Ihr erstes Heimspiel bestreiten die Bielefelder am Samstag, 26. September gegen den 1. FC Köln. Nach Auskunft von Arminias Finanz-Geschäftsführer Markus Rejek hat der DSC bereits ein Konzept erstellt, das den Besuch von bis zu 12.000 Fans in der Schüco-Arena (26.515 Plätze) vorsieht. Dieses Konzept, das mit der Hilfe externer Experten erarbeitet worden sei, sei vom Gesundheitsamt der Stadt Bielefeld abgesegnet worden.

Rejek erklärt, worauf es dabei ankommt. So seien gemäß der von der DFL vorgegebenen Hygienemaßnahmen Stehplätze ebenso wenig zugelassen wie Gästefans und der Ausschank von Alkohol. „Mit Alkohol sinkt die Hemmschwelle“, erklärt Rejek. Diese Gefahr gelte es auszuschließen. Zudem herrsche auf den Tribünen Maskenpflicht.

Das Stadion, erklärt der 52-Jährige, würde in verschiedene Sektoren mit verschiedenen Eingängen unterteilt. „Die Eingänge sind ein Nadelöhr“, sagt Rejek. Hier gelte es, Zuschaueransammlungen zu vermeiden. Damit keine Schlangen entstehen, würden die Stadiontore frühzeitig öffnen. Der Finanzchef spricht von „zirka zwei Stunden vor dem Anpfiff“. Für die verschiedenen Blöcke seien unterschiedliche Einlasszeiten vorgesehen. Die Besucher seien angehalten, den direkten Weg zu ihrem Sitzplatz zu wählen. Rejek: „Es wird nicht möglich sein, sich wie gewohnt im Stadionbereich uneingeschränkt zu bewegen. Wer zum Beispiel am Eingang Süd das Gelände betritt, kann es nicht am Ausgang Nordost wieder verlassen.“ Im Grunde, so Rejek, sei „jede Tribüne wie ein eigenes Stadion zu betrachten“.

Um die gesamte Arena-Kapazität nutzen zu können, würden im Stehplatzbereich der Süd- und Nordtribüne so genannte Vario-Sitze installiert. Jeder Sitz bekäme eine Nummer. „Für den Fall einer Nachverfolgung ist es unerlässlich, dass wir exakt nachvollziehen können, wer wo gesessen hat“, erklärt Rejek. Der Geschäftsführer betont zudem: „Wenn jemand eine Stehplatz-Dauerkarte gekauft hat und ein Spiel besucht, muss er für den Vario-Sitz natürlich keinen Aufschlag zahlen.“ Zwischen, vor und hinter den Sitzen müsse auf allen Tribünen ein entsprechender Abstand zum nächsten Besucher gewährleistet sein.

Weitere neuralgische Punkte sind Kioske und Imbissstände. Rejek: „Damit wir Sammelpunkte an Kiosken ausschließen können, werden Getränke und Speisen nur am Platz angeboten.“

Angesichts der Komplexität des Konzeptes und der fehlenden Erfahrung im Umgang damit ist Rejek der Meinung, dass man sich vorsichtig an die größtmögliche Zuschauerzahl von 12.000 „herantasten muss, mit 3000 oder 4000 Besuchern anfängt und die weitere Entwicklung stets neu überprüft“.

Arminias Konzept ist Rejek zufolge bereits auch dem Fanbeirat des DSC vorgestellt worden. Die Reaktionen seien unterschiedlich ausgefallen. Rejek: „Es gibt nicht die homogene Meinung.“ Forderungen, dass erst dann wieder gespielt werden dürfe, wenn wieder alle kommen können, sei „aus fanromantischer Sicht zwar nachvollziehbar. Doch aus kaufmännischer Sicht sage ich: Das würde der Fußball nicht überleben. Also sind wir gezwungen, den Betrieb anders aufrechtzuerhalten.“ Dass ein solcher Überbrückungsbetrieb „nicht das normale Fanleben mit all den Emotionen ersetzt, ist klar. Aber wir müssen mit weniger zufrieden sein, auch wenn die Stimmung wahrscheinlich eine andere sein wird“, wirbt Rejek um Verständnis.

Stellt sich noch die Frage, wie die zur Verfügung stehenden Karten verteilt werden würden. Arminia verzeichnet aktuell knapp 15.000 Mitglieder. Zudem hat der Klub fast 10.000 Dauerkarten verkauft. Rejek sagt: „Dauerkarteninhaber würden ein Vorgriffsrecht genießen.“ Und wenn die Nachfrage die Kapazität übersteigt? Würden die Tickets, wie an anderen Standorten üblich, dann verlost? „Wahrscheinlicher ist, dass wir die Tickets so verteilen würden, dass einer dieses Spiel sehen könnte und ein anderer jenes. Wir glauben, dass es der gerechteste Weg wäre.“ Damit ist klar, dass Fans, die weder Dauerkarteninhaber noch Mitglied sind, so gut wie keine Chance haben dürften, in Pandemie-Zeiten ein Arminia-Heimspiel im Stadion zu sehen.

Auf die Frage, ab welcher Besucherzahl sich der Aufwand für Arminia finanziell lohnen würde, antwortet Rejek: „Die höhere Zahl an Ordnungskräften, der größere Reinigungsaufwand vor dem Hintergrund der Hygienemaßnahmen – das alles kostet viel Geld. Doch darum geht es uns weniger. Wir sind nicht der Verein, der sagt: Das rechnet sich für uns nicht. Denn wenn uns die Pandemie eines lehrt, dann wofür beziehungsweise für wen wir diesen Sport ausüben: nämlich für den Fan – und insbesondere für den Fan im Stadion.“

Zudem ist Sport-Geschäftsführer Samir Arabi überzeugt, dass speziell die kleineren Klubs, zu denen Aufsteiger Arminia zählt, enorm auf die Unterstützung ihres Publikums angewiesen sind. Der 41-Jährige erklärt: „Union Berlin zum Beispiel hat mit Hilfe seines Publikums in der Vorsaison Dortmund und Mönchengladbach zu Hause besiegt und ist in der Liga geblieben. In der Saison davor hat Fortuna Düsseldorf zu Hause auch Dortmund und Gladbach besiegt und blieb ebenfalls drin. Solche Überraschungssiege braucht es, um die Chance auf den Ligaerhalt signifikant zu erhöhen. Ohne Zuschauer fällt das natürlich deutlich schwerer.“

Kommentare

Volker Wohlfahrt  schrieb: 04.09.2020 08:49
Aller Anfang ist schwer
Mit Corona leben lernen heißt auch, Dinge auszuprobieren. Da kann der Fußball Vorreiter sein für andere gesellschaftliche Ereignisse. Das Konzept klingt sinnvoll und ausgefeilt. Wenn man nun noch erreicht, dass möglichst wenige Fans in einer vollen S-Bahn anreisen, dann sollte es normalerweise keine Probleme geben. Neben der PKW-Nutzung kann man auch per Fahrrad kommen, oder ein paar Stationen S-Bahn eher aussteigen und zu Fuß gehen. Ein bewachter Fahrradparkplatz am Stadion wäre da ein gutes Angebot, da viele Leute sicherlich nicht ihr teures E-bike einfach so in der Gegend stehen lassen möchten. Im Übrigen muss man auch dem Fußballzuschauer unterstellen, dass er sich an Regeln halten kann und wird. Genau wir Fans haben schließlich ein hohes Interesse, diese Versuche nicht scheitern zu lassen. Bei Zuwiderhandlungen muss der Verein hart durchgreifen und ein Stadionverbot für die Dauer der Corona-Beschränkungen aussprechen. Das wird sicher seine Wirkung zeigen. Auf geht´s Arminen. Kämpfen, Regeln einhalten und siegen!
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