Heute vor 13 Jahren: Als Arminia an der Weser unterging
„Wir haben jeden blamiert“

Bielefeld (WB). Es gibt Tage, da wäre man besser im Bett geblieben. Für den DSC Arminia Bielefeld und seine Fans war der 29. September 2007 so ein Tag. Die Ostwestfalen kassierten beim SV Werder Bremen die zweithöchste Niederlage ihrer Bundesligageschichte. Nur beim 1:11 am 6. November 1982 in Dortmund hatten sich die Bielefelder noch mehr blamiert. DSC-Coach Ernst Middendorp sprach nach der Partie im Weserstadion, wohin die Arminen am kommenden Samstag (15.30 Uhr) zurückkehren werden, von seiner „bisher dunkelsten Stunde in der Bundesliga“.

Dienstag, 29.09.2020, 03:00 Uhr
Heute vor 13 Jahren: Als Arminia an der Weser unterging: „Wir haben jeden blamiert“
Foto: Stefan Hörttrich

Middendorp erklärt Arminia zum „Bayern-Jäger“

Dabei hatte Arminias „Jahrhunderttrainer“ – die DSC-Fans hatten Middendorp anlässlich des 100. Vereinsgeburtstags im Jahr 2005 dazu gewählt – mit den Ostwestfalen einen Traumstart in die Saison hingelegt. Nach fünf Spieltagen rangierte Bielefeld hinter München auf Tabellenplatz zwei. Middendorp erklärte sein Team im Boulevard prompt zum Bayern-Jäger. „Wir werden alles unternehmen, um noch lange Bayern-Jäger zu bleiben. Alles!”, sagte der Coach der Bild-Zeitung.

Stattdessen ging’s Schritt für Schritt talwärts. Das 1:8 im Weserstadion war bereits die dritte Pleite in Folge. Einer, dem das mächtig an die Nieren ging, war Torwart Mathias Hain. Am Morgen nach der für ihn bittersten Niederlage im Profifußball sprach Hain Klartext: „Wir haben jeden blamiert, der seit 100 Jahren ins Stadion geht, jeden, der bei Arminia arbeitet, in der Geschäftsstelle oder in welcher Funktion auch immer.“ Der Kapitän redete von einer „Blamage hoch zehn für den Verein“. Die Spieler seien in Bremen der „Riesenverantwortung, die wir haben“, nicht gerecht geworden. Schließlich „leben wir Fußballer den Traum Millionen anderer Menschen“.

DSC-Torwart Mathias Hain wähnt sich im falschen Film: Bremens Hugo Almeida hat schon wieder getroffen. Matthias Langkamp (rechts) und Bernd Korzynietz kauern am Boden, auch Radim Kucera fehlt die letzte Körperspannung.

DSC-Torwart Mathias Hain wähnt sich im falschen Film: Bremens Hugo Almeida hat schon wieder getroffen. Matthias Langkamp (rechts) und Bernd Korzynietz kauern am Boden, auch Radim Kucera fehlt die letzte Körperspannung. Foto: Stefan Hörttrich

Es fehlte nicht viel, und die Ostwestfalen hätten die Schmach von Dortmund an jenem schwarzen September-Tag sogar eingestellt. „Gleich dreimal rettete Rüdiger Kauf auf der Linie für seinen schon geschlagenen Keeper Matze Hain“, heißt es in dem Spielbericht des damaligen WESTFALEN-BLATT-Redakteurs Werner Jöstingmeyer über die erste Halbzeit dieser denkwürdigen Partie. Schon zur Pause hieß es 4:1.

Middendorp musste sich nach dem Abpfiff ein paar unangenehme Fragen gefallen lassen. „Eine gewisse Fassung werde ich bis ans Ende dieses Tages bringen“, sagte er.

„Brötchen in Bielefeld holen“

Ebenso wie Hain wich nach dem Auslaufen am Sonntagmorgen auch der Trainer weder der Kritik der Medien noch der der Fans – ungefähr 30 waren gekommen, um ihrem Unmut Luft zu machen – aus. „Wir müssen uns stellen“, erklärte Middendorp damals, warum er von einer Reise in ein Kurz-Trainingslager absah. Eigentlich schwor Middendorp auf den Geist von Herzlake. Doch „die Spieler“, so der Trainer, „müssen sich hier in Bielefeld ihre Brötchen holen“. Auch das Tor zum Trainingsgelände blieb die ganze Woche über offen. Jeder Arminia-Anhänger hatte die Möglichkeit, sich von der Arbeitsmoral der Profis ein Bild zu machen.

An der Wahrnehmung der Menschen, das ahnte Middendorp schon damals, würde das alles dennoch nichts ändern können. Der DSC-Coach meinte: „In 20 Jahren fragen die Leute nur noch: Wer war damals der Trainer, wer stand im Tor?“ 13 Jahre sind nun vergangen. Middendorp, der nach einem 1:6 am 16. Spieltag bei Borussia Dortmund gehen musste, ist viel rumgekommen seitdem, im September wurde er als Coach des südafrikanischen Klubs Kaizer Chiefs entlassen. Hain ist heute Torwarttrainer beim FC St. Pauli. Beide sind dem DSC emotional noch immer sehr verbunden.

Einmal kehrte Arminia anschließend noch ins Weserstadion zurück. Unter der Regie von Middendorp-Nachfolger Michael Frontzeck gab es am 1. Februar 2009 einen 2:1-Erfolg. Am Ende der Saison stieg Bielefeld dennoch in die 2. Liga ab. Und kehrte erst in diesem Sommer in die Bundesliga zurück.

 

So spielten sie

Werder: Wiese – Pasanen, Mertesacker, Naldo, Tosic – Jensen – Niemeyer (33. Fritz), Vranjes (62. Kruse) – Diego – Sanogo (46. Rosenberg), Hugo Almeida

Arminia: Hain - Korzynietz, Mijatovic (27. Kamper), Langkamp, Rau (40. Schuler) – Kauf – Kucera, Böhme (78. Bollmann) – Marx – Wichniarek, Eigler

Tore: 1:0 Niemeyer (17.), Hugo Almeida (35.), 2:1 Wichniarek (37.), 3:1 Sanogo (41.), 4:1 Sanogo (44.), 5:1 Mertesacker (59.), 6:1 Rosenberg (66.), 7:1 Diego (86.), 8:1 Hugo Almeida (88.)

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7607316?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2536432%2F
Tödliche Attacke in Nizza - Höchste Terrorwarnstufe
Polizisten der Eliteeinheit Raid treffen ein, um die Kirche Notre-Dame nach einem Messerangriff zu durchsuchen.
Nachrichten-Ticker