Heute vor 20 Jahren legte sich der Torwart mit Arminias Fans an – und verhalf Eilhoff zum Debüt
Als Curko den Fehdehandschuh warf

Bielefeld (WB). Es gibt Spiele, die vergisst man nicht. In der Geschichte des DSC Arminia zählt das 0:0 am 20. Oktober 2000 im Zweitliga-Flutlichtspiel gegen Waldhof Mannheim unbedingt dazu. Es war der Tag, an dem Torwart Goran Curko den Fehdehandschuh in Richtung der Arminia-Fans warf. Und an dem ein 18 Jahre alter „Bubi“ namens Dennis Eilhoff unverhofft zu seinem Liga-Debüt für den DSC kam. Der 38-Jährige blickt auf die Ereignisse an jenem denkwürdigen Abend vor 9681 Zuschauern auf der Alm zurück.

Dienstag, 20.10.2020, 11:00 Uhr
Der 20. Oktober 2000 war der Tag, an dem Goran Curko bei Arminia die Brocken hinwarf. Der damals 32 Jahre alte Serbe hatte sich mit den Fans angelegt. Weil er beim Spiel gegen Mannheim vorzeitig den Platz verließ, durfte Dennis Eilhoff ins Tor. Foto: Hörttrich
Der 20. Oktober 2000 war der Tag, an dem Goran Curko bei Arminia die Brocken hinwarf. Der damals 32 Jahre alte Serbe hatte sich mit den Fans angelegt. Weil er beim Spiel gegen Mannheim vorzeitig den Platz verließ, durfte Dennis Eilhoff ins Tor. Foto: Hörttrich

 

Wie haben Sie damals von der Bank aus erlebt, was sich in der zweiten Halbzeit zwischen Goran Curko und den Arminia-Fans abspielte, Herr Eilhoff?

Dennis Eilhoff: Ich saß gar nicht auf der Bank. Ich habe mich immer gern zusammen mit den anderen Ersatzspielern ein bisschen bewegt und hinter dem eigenen Tor warm gemacht. Ich war also ziemlich nah dran.

 

Es gab Schmährufe von den Tribünen, woraufhin sich Curko zu obszönen Gesten in Richtung der Fans auf der Südtribüne hinreißen ließ.

Eilhoff: Es deutete sich schon in der ersten Halbzeit an, dass es ein schwieriges Spiel für ihn und uns werden könnte. Goran wirkte in der einen oder anderen Szene ein wenig lustlos, was den Fans offenbar missfiel. Dass die Situation dann derart eskalierte, war so natürlich nicht zu erwarten.

 

Wann wurde Ihnen bewusst, dass sich Ihr erster Einsatz in einer deutschen Profiliga anbahnte?

Eilhoff: Als Goran seine Handschuhe auszog und wegwarf, war klar, dass die Situation nicht mehr zu retten war. Unserem Interimstrainer Frank Geideck blieb damals gar keine andere Wahl mehr, als ihn vom Platz zu nehmen.

 

Es hieß damals, Curko habe sich gewissermaßen selbst ausgewechselt. Ein einmaliger Vorgang im deutschen Profifußball, von dem Sie profitiert haben und den Sie vermutlich nie vergessen werden.

Eilhoff: Dass der eigene Torwart die Handschuhe auszieht und wutentbrannt vom Platz läuft, ist derart außergewöhnlich – das vergisst man nicht. Zumal ich für die Saison ja nicht mal als zweiter Torwart eingeplant war. Weil Zdenko Miletic sich am Knie verletzt hatte, saß ich überhaupt auf der Bank. Ich habe damals parallel mein Abitur gemacht, weshalb ich auch fast nur nachmittags trainieren konnte. Vormittags war ich in der Schule.

Dennis Eilhoff beim Spiel gegen Mannheim

Dennis Eilhoff beim Spiel gegen Mannheim Foto: Hörttrich

 

Die Situation bei Arminia damals war insgesamt angespannt. Sicher keine ganz einfache Zeit für einen Jungprofi, oder?

Eilhoff: Das stimmt, es war ein wenig kribbelig. Die Fans hatten Trainer Hermann Gerland den Abstieg aus der 1. Liga angekreidet. Der Saisonstart in der 2. Liga verlief dennoch richtig gut, wir hatten mit Spielern wie Detlev Dammeier, Jörg Bode oder Marcio Borges ja auch eine richtig gute Mannschaft. Aber in Richtung Herbst war die Luft raus. Nachdem Gerland, der Arne Friedrich, Massimilian Porcello, Tobias Schäper und mich immer seine „vier jungen Hüpfer“ genannt hat, ein paar Tage vor dem Mannheim-Spiel entlassen wurde, projizierte sich der Frust der Fans offenbar auf Gerlands Ziehsohn Curko. Goran wirkte schon in der Trainingswoche nach Gerlands Entlassung etwas unmotiviert. Er sagte zu mir: „Dennis, geh mal ins Tor, ich hau’ dir ein paar Bälle drauf.“

Gab es denn keinen Torwarttrainer, der sich der Sache annahm?

Eilhoff: Nein, in der Phase hatten wir keinen. Kurt Kowarz war nicht mehr bei uns. Hermann Gerland war der Meinung, dass er keinen Torwarttrainer braucht. Thomas Schlieck war zwar schon im Verein, trainierte damals aber die Jugend und kam erst später zu den Profis.

 

Glauben Sie, dass Curko seinen Rauswurf bewusst provoziert hat?

Eilhoff: Ich habe ihn als emotionalen, sehr temperamentvollen Typ in Erinnerung. Ich glaube nicht, dass er seinen Rauswurf geplant hat. Es sind einfach die Gäule mit ihm durchgegangen. Bruno (Labbadia), Strati (Thomas Stratos) und einige andere haben ja noch versucht ihn aufzuhalten. Aber er hatte den eigenen Fans den Mittelfinger gezeigt. Damit war er nicht mehr wirklich tragbar für die eigene Mannschaft und den Verein. So etwas ist nicht mehr gutzumachen. Die Pfiffe der eigenen Anhänger muss man als Profi einstecken können, das habe sich selbst auch erlebt. Kurz danach wurde Goran dann ja auch suspendiert.

 

Haben Sie ihn nach dem Spiel überhaupt noch mal gesehen?

Eilhoff: Er war am nächsten Tag in der Kabine und hat sich verabschiedet. Ich meine mich erinnern zu können, dass er sich bei der Mannschaft für sein Verhalten entschuldigt hat.

 

Im Nachhinein müssten Sie ihm ja sogar dankbar sein, dass er Ihnen das Ligadebüt ermöglicht hat. Hatten Sie weiche Knie, als Sie in der 63. Minute den Platz betraten?

Eilhoff: Im Nachhinein betrachtet wurde ich auf eine ganz schöne Probe gestellt. Aber auf dem Platz habe ich das gar nicht so wahrgenommen. Weiche Knie kannst du als Torwart sowieso nicht so gut gebrauchen. Kaum dass ich im Spiel war, kam direkt ein Freistoß aus 30 Metern auf mich zugeflogen. Es war ja klar, dass die Mannheimer aus allen Lagen draufpöhlen würden, weil sie natürlich auf eine Unsicherheit von mir hofften. Ich hatte Glück, dass ich den Freistoß noch irgendwie über die Latte bekommen habe. Andere Karrieren sind an so einem ersten Schuss gescheitert, noch bevor sie richtig angefangen hatten. Danach hatte ich die Fans direkt auf meiner Seite – und im Rücken ja sowieso. Ich konnte mich gut auf das Spiel konzentrieren. Das änderte sich erst, als wir im VIP-Raum mit der Mannschaft um den Fernseher herumstanden, wo das Spiel noch mal gezeigt wurde. Da wurde mir vieles erst klar. Ich konnte dann auch schlechter einschlafen als sonst.

 

Wie ging es dann weiter für Sie?

Eilhoff: Im nächsten Spiel in Reutlingen stand ich wieder im Tor. Wir verloren 2:3. Dann übernahm Benno Möhlmann das Traineramt. Er brachte Mathias Hain mit, mit dem er schon in Fürth zusammengearbeitet hatte. Er erklärte, dass er einen erfahrenen Torwart brauchte in der aufgeheizten Situation damals. Zumal ich ja auch noch im Abi-Stress steckte. Damals war das schade für mich, aus heutiger Sicht ist es verständlich. Es war zu der Zeit einfach so, dass Torhüter mit Routine gefragt waren. Heute wäre es für einen Trainer vielleicht einfacher, einem 18-Jährigen das Vertrauen zu schenken. Meine Zeit kam dann erst später.

 

Wie oft sind Sie bis heute auf den Abend damals im Oktober 2000 angesprochen worden?

Eilhoff: Oft. Wenn wir uns mit der Traditionsmannschaft von Arminia treffen, ist das immer mal wieder ein Thema, speziell unter denen, die damals mit dabei waren. Niemand, der das erlebt hat, hat das vergessen, auch die Fans nicht. Wäre nicht zur selben Zeit auch der Skandal um die Haarprobe von Christoph Daum hochgekocht, wäre das Thema medial sicher auch noch intensiver aufgearbeitet worden. Videos mit den Szenen von damals kann man bei Youtube ja immer noch abrufen, was offenbar auch immer noch einige machen. Neulich haben mich Kollegen bei der Polizei gefragt, wer eigentlich der Bubi ist, der damals in der 63. Minute von der Seitenlinie ins Tor gelaufen ist.

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