50 Jahre Leichtathletik in Borgholzhausen: ein Blick in die Gründerzeit
Laufstarke Kicker – und viele Zufälle

Borgholzhausen. Im November 1970 war die bescheidene Veranstaltungspremiere ein Testlauf, zu dem sich 20 Langstrecken-Pioniere in Kleekamp trafen. Daraus sollten sich Großveranstaltungen mit insgesamt mehreren tausend Sportlern pro Jahr entwickeln. In „50 Jahren Leichtathletik in Borgholzhausen“ haben die 1970 gegründete Abteilung des TuS und der 1996 daraus hervorgegangene LC Solbad Ravensberg immer die Hand am Puls der Ausdauersport-Szene gehabt. Das zeigt sich auch aktuell im Ausnahmezustand der Corona-Krise: Das Angebot der 3000- und 5000-m-Läufe beim Jubiläumssportfest am 21. August l wird viele leistungsstarke Langstreckler anlocken.

Mittwoch, 12.08.2020, 23:30 Uhr aktualisiert: 12.08.2020, 23:50 Uhr
Solbad-Veteranen in der Gründerzeit beim Marathonlauf unterwegs: Friedhelm Boschulte (links) und Wilhelm Ellermann (2. von rechts) aus Häger, der den Fußballer Boschulte zum gezielten Lauftraining animierte. Foto: Archiv Kleine-Tebbe
Solbad-Veteranen in der Gründerzeit beim Marathonlauf unterwegs: Friedhelm Boschulte (links) und Wilhelm Ellermann (2. von rechts) aus Häger, der den Fußballer Boschulte zum gezielten Lauftraining animierte. Foto: Archiv Kleine-Tebbe

Ersehnte Startgelegenheit

Das bevorstehende Abendmeeting belohnt offenbar die Hartnäckigkeit des Organisationsteams um Antje Strothmann und den Aufwand, ein tragfähiges Hygiene-Konzept auszuarbeiten. „Die Langstreckler suchen nach Absage aller Straßenläufe und vieler Stadionveranstaltungen händeringend Startmöglichkeiten“, weiß die Leichtathletik-Abteilungsvorsitzende. Sie wird durch die Melde-Resonanz bestätigt, sodass am Freitag in einer Woche vier 5000- und mindestens zwei 3000-m-Läufe gestartet werden. Jeweils mit der von Verband und Corona-Schutzverordnung zugelassenen Maximalquote an Aktiven.

„Auf Abstand“, mit maximal 100 Zuschauern, mit der Aufteilung des Stadions in Sektoren und der Ausgabe von Zugangskarten müssen die Solbad-Leichtathleten ihr Jubiläum sportlich ganz anders feiern als gewünscht. Aber sie freuen sich, dass sie nach der Absage der Nacht von Borgholzhausen im Juni wieder das tun können, was diesen Verein groß gemacht hat: Leistungs- und Freizeitsportler mit bestens organisierten Wettkämpfen in Bewegung zu bringen.

Hardieks Hoffnung

Diesen Tatendrang zeichnete 1970 auch die Gründerväter aus. Der Blick ins Archiv von Eckhard Kleine-Tebbe, selbst lange Vorstandsmitglied im LC, zeigt, dass die Solbader unter teils kuriosen Umständen „laufen“ lernten. Etliche Zufälle und zwei junge, ehrgeizige Langstreckenläufer mit Vergangenheit im Ballsport leisteten Starthilfe: Friedhelm Boschulte, zuvor Fußballer bei SG Hesseln und SC Halle, und Reinhold Brast, der beim TuS Solbad kickte, hatten ihre Leidenschaft fürs Laufen entdeckt. Brast war der Nachbar des damaligen Solbad-Vorsitzenden Konrad Hardiek, der die ersten bescheidenen Aktivitäten der laufstarken Kicker aufmerksam regis­triert hatte und auf ein neues, attraktives Sportartangebot im TuS Solbad spekulierte. So ließ der junge Verein in der damals 600 Einwohner zählenden Gemeinde Kleekamp zur Feier seines „Zehnjährigen“ am 8. August 1970 nicht nur das Pop-Duo Geschwister Leismann (»Ein Schlafsack und eine Gitarre«) aufspielen. Nein, im sportlichen Programm tummelten sich Schüler auch erstmals bei Leichtathletik-Wettkämpfen.

Boschulte packt an

Als Gründungsdatum der Abteilung gilt der 24. Juli 1970, als der TuS während seiner Jahreshauptversammlung beschloss, die Sparte Leichtathletik ins Leben zu rufen. Zunächst war sie noch führerlos, doch am 17. Oktober endete dieser Zustand: Friedhelm Boschulte, inzwischen begeisterter Volksläufer und seit Februar 1969 Mitglied von Eckhard Kleine-Tebbes Trainingsgruppe beim TV Werther, übernahm den Vorsitz. Er behielt den Posten gut 25 Jahre lang, bis aus der Sparte des TuS am 1. Januar 1996 der LC Solbad Ravensberg hervorging.

Große Verdienste

18 weitere Jahre amtierte Boschulte als LC-Vorsitzender. Für Verdienste als Ideengeber, durchsetzungsstarker Organisator und Motor des Ausdauersports erhielt er 2010 anlässlich von „40 Jahre Leichtathletik in Borgholzhausen“ die Goldene Ehrennadel des Deutschen Leichtathletik-Verbandes und wurde zum Ehrenvorsitzenden ernannt, als er 2014 mit 68 Jahren sein Amt in jüngere Hände legte. Nach Meinungsverschiedenheiten mit dem Vorstand hat er sich inzwischen leider völlig aus dem Vereinsleben zurückgezogen.

Brasts verpasste Chance

Was die Leistungsfähigkeit anging, stand in der Gründerzeit Boschultes Lauffreund Brast im Fokus: Der hochtalentierte 19-Jährige schaffte seinen ersten Marathon »Quer durch den Kreis Halle« von Künsebeck nach Versmold auf Anhieb in glänzenden 2:53:00 Std. Mit dieser Leistung im April 1970 qualifizierte er sich für die Deutschen Meisterschaften in Passau, doch das Ausnahmetalent wurde ausgebremst: Der DLV hatte das Mindestalter für Teilnehmer auf 21 Jahre festgelegt. Ausgerechnet ein Vorstandsmitglied aus Brasts Heimatkreis Bielefeld setzte durch, dass es keine Ausnahme von dieser Regel gab und der Aufsteiger des Jahres sein Meisterschaftsdebüt aufschieben musste.

Ahlemeyer vor Schmitz

Was aber Boschulte und Brast nicht bremsen konnte. Beim Internationalen Volkslauf an den Bielefelder Kasernen südlich der Detmolder Straße mit insgesamt 3000 Teilnehmern lernten sie am 18. Oktober 1970 die Massenwirkung der Laufbewegung kennen – und versuchten sich am 21. November erstmals selbst als Ausrichter. Mit überschaubarer Resonanz, aber für altgediente Leichtathletik-Fans bis heute überaus bekannten Namen: Auf der 10-km-Wendepunktstrecke vom Sportplatz Kleekamp in Richtung Bockhorst und zurück siegte Werner Ahlemeyer in 33:49 Minuten mit nur vier Sekunden Vorsprung vor Helmut Schmitz (beide CVJM Halle). Reinhold Brast (35:31) wurde Dritter, Uwe Olschewski und Martin Hirschfeld senior (beide CVJM Halle) belegten die Plätz fünf und sechs. Dahinter in der kurzen Ergebnisliste: 11. Friedhelm Boschulte 40:01 Min., 12. Eckhard Kleine-Tebbe (TV Werther) 40:22, 15. Horst-Günther »Itz« Brune (Spvg. Hesselteich) 42:03.

Ein Debüt mit Folgen

Die beiden Initiatoren bewährten sich als Sportler wie auch als Veranstalter. Das WESTFALEN-BLATT berichtete damals: „Die beiden vom TV Werther übergetretenen Langstreckler (Boschulte und Brast) lösten die Aufgabe mit ihrem großen Helferstab ausgezeichnet. Die Teilnehmer waren voll des Lobes über Strecke und Organisation. Man konnte nicht verstehen, dass von höherer Seite diesem Verein die Durchführung des Marathonlaufes ‚Quer durch den Kreis Halle‘ in diesem Herbst versagt wurde, nur weil man den TuS Solbad noch für zu ‚jung‘ hielt.“ Nur sechs Jahre später stieß der TuS Solbad mit der ersten Nacht von Borgholzhausen die Welle der City-Läufe an - eine von vielen Pioniertaten in 50 Jahren Leichtathletik in Pium.

Trends und Titel

n Als Ausrichter von Straßen- und Landschaftsläufen hat der TuS Solbad Ravensberg schon in den 70er-Jahren Maßstäbe gesetzt. Beim Pfingstlauf ging es in die Berge des Teutoburger Waldes, als Nachfolger dieses Events hat der Luisenturmlauf mit jeweils rund 1000 Teilnehmern inzwischen Anfang März seinen Termin gefunden. Genauso populär ist der Weihnachtscrosslauf. 2004 setzte der mittlerweile als LC Solbad selbstständige Verein erstmals das Konzept des Böckstiegellaufs mit einer einzigartigen Streckenführung als sportlicher Ausrichter um. n Beim Citylauf-Festival Nacht von Borgholzhausen musste das Konzept mehrfach geändert werden – Folge des Wandels in der Läuferszene. Wolf-Dieter Poschmann, Herbert Steffny, Christa Vahlensieck, Katrin Dörre – deutsche Lauflegenden, aber auch ausländische Weltklasse-Athleten von Suleyman Nyambui über Tendai Chimusasa bis Tegla Loroupe glänzten als Sieger. Mit dem jetzt mehr breitensportlich orientierten Konzept soll der Klassiker 2021 seine 45. Auflage erleben.

n Auch wenn der Laufboom in Deutschland Vergangenheit ist, weist der LC Solbad mit 680 (Bestwerte bei gut 800) weiterhin eine stattliche Mitgliederzahl auf. Bis heute bietet der Klub eine große Vielfalt in Sachen Ausdauersport und Leichtathletik und hat stets neue Trends aufgegriffen – vom Speedskaten über Triathlon bis zum Nordic Walking. Pium war sogar Schauplatz von Weltmeisterschaften im halsbrecherischen Downhill-Skating. n Internationale Meriten für das Ehepaar Antje und Dirk Strothmann im Duathlon, Deutsche Marathon-Titel für Steffen Dittmann (1996) und Ilona Pfeiffer (2007), Medaillen bei Senioren-Welt- und Europameisterschaften: Auch leistungssportlich sind die Solbader ambitioniert – allen voran derzeit die Nachwuchstalente Till Heienbrok, Bjarne Heidner und Malin Bruhns.

 

 

 

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