Mi., 08.04.2020

Schach: Die Randsportart ist nicht matt – virtuelle Angebote werden genutzt Könige und Damen sind immun gegen Corona

Schachtraining beim SK Halle per Videostream mit (oben von links) Connor Ben Batenberg, Markus Schirmbeck mit Tochter Lily, Jonas Stockhecke, Trainer Frank Bergmann, Laurenz Gerth, Maxim Steffen und (ohne Kamera) Maximilian Bandt tauschen sich über Eröffnungsstrategien aus.

Schachtraining beim SK Halle per Videostream mit (oben von links) Connor Ben Batenberg, Markus Schirmbeck mit Tochter Lily, Jonas Stockhecke, Trainer Frank Bergmann, Laurenz Gerth, Maxim Steffen und (ohne Kamera) Maximilian Bandt tauschen sich über Eröffnungsstrategien aus.

Von Sören Voss

Halle (WB). Wir befinden uns im Frühjahr 2020. Die ganze Sportwelt steht still… Die ganze Sportwelt? Nein! Schach, eine schon fast vergessen geglaubte Randsportart, könnte ausgerechnet jetzt seine Renaissance erleben. Auch beim SK Halle und den anderen Vereinen im Altkreis.

Schach blieb von der Corona-Krise keinesfalls verschont. Die traditionellen Schloss-Open des SK Werther - abgesagt. WM-Kandidatenturnier - abgebrochen. Trotzdem freut sich der Denksport momentan allergrößter Beliebtheit. Weil das Spiel dank des Internets fast immun gegen die Corona-Krise ist, können sich auf den Plattformen im Netz Amateure und Profis weiter herausfordern.

Der Weltmeister ist begeistert. „Schach ist einzigartig in der Sportwelt, da die Bewegungen gleich sind, egal ob auf einem Holzbrett oder einem Computerbildschirm“, sagte jüngst Magnus Carlsen zur Ankündigung seines Online-Superturniers, bei dem er ab dem 18. April sieben seiner ärgsten Rivalen herausfordert. Es geht um 250.000 Dollar Preisgeld.

Um Ruhm und Ehre geht es dafür bei den heimischen Schach-Experten. Der SK Werther tritt in der Corona-Pause in der „Quarantäneliga“ an, einer kurzfristig organisierten deutschlandweiten Mannschaftsmeisterschaft auf der Plattform „Lichess.org“. Jonas Freiberger, Marko Suchland, Mario Ortpaul, Ekkehard Hufendiek und Michael Henkemeier schafften am ersten Spieltag gegen neun weitere Teams den Aufstieg in die zweitunterste Spielklasse „5b“.

Haskenhoff gewinnt

Auch weitere Turniere finden statt. Am Freitag beispielsweise trafen sich 17 Spieler aus dem Altkreis und Umgebung an den virtuellen Brettern. „Natürlich ist es noch schöner, sich persönlich zu begegnen“, sagt Markus Schirmbeck als Initiator des virtuellen Teutopokals, „denn wenn man an der Körpersprache sieht, dass der Gegner gleich einen Fehler begehen wird, macht es doch erst richtig Spaß. Aber im Internet zu spielen ist fast genauso gut.“

Auch der Aufwand für den Turnierleiter ist gering. Zwei Stunden wird gegen wechselnde Gegner angetreten, der Computer koordiniert den dynamischen Spielplan auf dem kostenlosen, weil spendenfinanzierten Server. Am Ende gewinnt Jan Haskenhoff vom SK Werther, der an einem Turnier im Heimathaus Werther oder den Versmolder DRK-Räumen womöglich gar nicht hätte teilgenommen, weil er inzwischen beruflich bedingt ins Sauerland gezogen ist.

Nachwuchs begeistern

In Haskenhoffs Stammverein, dem SK Halle, wird derweil versucht, dem Mitgliederschwund der vergangenen Jahre wieder aktiver entgegenzuwirken. „Wir hatten in den 90er Jahren mal 80 bis 90 Mitglieder und sechs Mannschaften, jetzt haben wir nur noch Spieler für eine“, bedauert Markus Schirmbeck. Der 35-Jährige hat die Nachfolge des 2019 verstorbenen Vereinsvorsitzenden Charly Wolff angetreten. „Schach ist ein Gegenpol zu unserer schnelllebigen Zeit. Es geht, gegen den allgemeinen Trend, nicht um Multitasking, sondern darum, sich mal ein paar Stunden auf den Hintern zu setzen, sich intensiv nur auf eine Sache zu konzentrieren und das Handy ausgeschaltet zu lassen,“ findet Schirmbeck, der selbst in der IT-Branche tätig ist: „Meiner Frau gefällt es zwar nicht so, wenn sie mich während des Schachs nicht anrufen kann. Aber es tut auch mal gut, nicht ständig erreichbar zu sein. Den Wert davon erkennen inzwischen auch viele Eltern, die ihre Kinder zum Schachspielen motivieren und in unsere Jugendgruppe bringen.“

Spannenderweise scheint es auch unter den Haller Jugendlichen eine Zielgruppe zu geben, die diesen analogen Gedanken charmant findet. Kein Handy vibriert in der Haller Destille, wenn sich freitags 10 bis 15 Nachwuchs-Denksportler im Alter zwischen acht und 16 Jahren mit Frank Bergmann, dem Jugendwart des Vereines, treffen. In Corona-Zeiten laufen natürlich auch diese Trainingseinheiten online ab, über den Videochat erläutert Bergmann den Talenten Taktiken wie Eröffnungsfallen oder Bauernopfer.

„Ich habe als Jugendlicher beim Schach mal eine Hutnadel und einen Zuckerlöffel gewonnen. Mit sowas Absurdem braucht man den Kids heute natürlich nicht mehr kommen, aber Frank kann sie mit seinem Herzblut begeistern“, lobt Schirmbeck.

Der neue Vorsitzende freut sich außerdem, dass es in Kürze Schachkurse in Kooperation mit der Volkshochschule geben wird und gemeinsam mit der Wohneinrichtung Odilia ein inklusives Projekt für Menschen mit Handicaps startet.

Die Haller hoffen, dass zu den 94 000 aktiven Schachspielern in Deutschland demnächst weitere hinzukommen. Markus Schirmbeck ist sich sicher: „Schach hat richtig gutes Potenzial. Wenn man es geschickt anstellt, kann es nochmal einen echten Boom geben.“

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