Fußball: Interview mit Markus Baumann, Vorsitzender des Fußballkreises Bielefeld/Halle
Eine Saison mit vielen Fragezeichen

Halle (WB). Seit 2007 ist Markus Baumann Vorsitzender des Fußballkreises Bielefeld/Halle. Doch so turbulente Wochen und Monate wie zuletzt hat der 49-Jährige noch nicht erlebt. Auch unmittelbar vor den ersten Testspielen gibt es noch viele Fragezeichen. So äußert sich Markus Baumann im großen WESTFALEN-BLATT-Interview auch zu den derzeit eingeschränkten Wechselmöglichkeiten. Seine persönliche Meinung zum Saisonstart am 6. September: „Vielleicht wäre es besser gewesen, ein Jahr nur Freundschaftsspiele auszutragen.“

Freitag, 17.07.2020, 22:05 Uhr aktualisiert: 17.07.2020, 22:08 Uhr
Markus Baumann ist seit 2007 Vorsitzender des Fußballkreises. Der 49-Jährige ist stellvertretender Personalratsvorsitzende der AOK. Foto: Sören Voss
Markus Baumann ist seit 2007 Vorsitzender des Fußballkreises. Der 49-Jährige ist stellvertretender Personalratsvorsitzende der AOK. Foto: Sören Voss

Was haben sie gedacht, als die Bilder der Arminia-Aufstiegsfeier öffentlich geworden sind?

Markus Baumann: Das geht gar nicht. Ich verstehe ja die Zuschauer. Aber von der Mannschaft war das extrem blöd, sich mit der Meisterschale den Fans zu präsentieren und dann auch noch durch die Stadt zu fahren. Da frage ich mich: Geht’s noch Jungs? Und die Verantwortlichen hätten die Spieler bremsen müssen, nach dem Motto: „Toll, was ihr erreicht habt, aber haltet euch bitte zurück.“

 

Befürchten sie, dass das ein schlechtes Signal für den Amateursport war?

Baumann: Nein, das glaube ich nicht. Auf den heimischen Sportplätzen wird es ja nicht um die Zuschauer-Problematik gehen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass unsere Vereine besonnen mit der Situation umgehen und sich zum Beispiel frühzeitig um ein Hygienekonzept gekümmert haben.

 

Die ersten Testspiele im Fußballkreis sind für das Wochenende angesetzt. Derzeit wird in den Vereinen heiß diskutiert, wie oft sie wechseln dürfen, weil es die Vorgabe gibt, dass nur maximal 30 Personen am Spiel teilnehmen dürfen...

Baumann: Der Vorsitzende des Sportausschusses des NRW-Landtages sieht das nicht so kritisch, weil auch bei mehreren Wechseln nie mehr als 30 Personen auf dem Feld stehen. Das Gesundheitsamt in Bielefeld sieht das aber zum Beispiel anders, weil auch die Auswechselspieler Kontakt zu ihren Mitspielern haben. Wir halten uns an das Gesundheitsamt. Jede Mannschaft kann bis zu drei Mal wechseln. Das gilt übrigens auch für Spiele mit Linienrichtern. Die stehen am Rande des Platzes und werden nicht mitgerechnet.

 

Aber für die Vereine im Altkreis sind andere Gesundheitsbehörden zuständig. Und in Paderborn hat es in dieser Woche ein Testspiel mit mehr als drei Wechselmöglichkeiten gegeben...

Baumann: In der Tat ist es im Moment so, dass die Gesundheitsämter unterschiedlich entscheiden, wie das Beispiel Paderborn zeigt. Ich weiß, dass das Gesundheitsamt Bielefeld das Land NRW schon angeschrieben hat, um eine Rechtssicherheit zu haben und zu klären, wie das Land es im Allgemeinen sieht. Es kann nicht sein, dass jeder Fußballkreis bzw. jedes Gesundheitsamt anders entscheidet – dass wir also in Bielefeld anders spielen als im Altkreis, oder der Landesligist Steinhagen auswärts vier Mal wechseln darf und zuhause nur drei Mal. Da brauchen wir nicht nur im Hinblick auf den Pflichtspielbetrieb eine schnelle Lösung.

 

Der FLVW hat angekündigt, dass die Punktspiele in den überkreislichen Ligen am 6. September beginnen. Geht es dann auch auf Kreisebene los?

Baumann: Wann die Saison in den überkreislichen Ligen startet, das ist allein Sache des FLVW. Da muss niemand an der Basis gefragt werden. Die Kreise richten sich in der Regel nach dem Rahmenterminplan. Es gibt ja Verzahnungen, wenn zum Beispiel die zweite Mannschaft eines Vereins auf Kreisebene antritt, die erste Mannschaft aber höherklassig spielt. Wenn der Verband am 6. September loslegt, planen wir auch so, dass unsere Kreisliga-Staffeln am 6. September starten.

 

Bleibt genügend Zeit, diese spezielle Saison vorzubereiten?

Baumann: Der Westdeutsche Fußball-Verband muss Regeln anpassen und für Rechtssicherheit sorgen. In der Spielordnung muss zum Beispiel festgelegt werden, was passiert, wenn es wie zuletzt im Kreis Gütersloh einen Lockdown gibt. Doch so etwas geht in Corona-Zeiten schneller als sonst. Ich denke, dass auch die Vorlaufzeit für die Vereine ausreichend ist. Viele Mannschaften haben ja in der Vergangenheit keine sechs Wochen Vorbereitungszeit gehabt.

 

Befürworten sie persönlich, den Start am 6. September?

Baumann: Das mag ketzerisch klingen, aber ich habe schon vor einigen Wochen gesagt, ob nicht folgende Lösung besser wäre: Wir halten den Spielbetrieb zwar aufrecht. Doch es gibt ein Jahr nur Freundschaftsspiele. Punktspiele sind erst im Sommer 2021 wieder möglich, jede Mannschaft behält ihre Spielklasse. So wird niemand unter Druck gesetzt. Ich stehe noch immer zu dieser Meinung. Aber es ist schon klar: Da hätten einige Mannschaften zurückgezogen. Ich bin überrascht, dass wir so trotz der langen Zwangspause in der Summe nur eine Mannschaftsmeldung weniger haben als vor der vergangenen Saison.

 

Die Altherren-Hallenrunde wird aber dennoch schon Ende August fortgesetzt. Und das entscheidet der Fußballkreis Bielefeld ganz alleine...

Baumann: Das stimmt. Wir mussten ja auch keine Mannschaft für einen überkreislichen Wettbewerb melden, weil es in diesem Jahr keine Westfalenmeisterschaft gibt. Andererseits ging es zunächst ja nicht darum, eine komplette Serie anzusetzen, sondern nur noch die Halbfinals und die Endspiele auszutragen. Das passiert an zwei Tagen und ist aufgrund der NRW-Coronaschutzverordnung auch in der Halle möglich.

 

Wie lautet ihre Prognose für die kommende Saison? Können die Spielpläne eingehalten werden?

Baumann: Dafür braucht man eine Glaskugel. Es wird auf jeden Fall eine Saison mit vielen Fragezeichen. Ich hoffe, dass wir eine „normale“ Serie mit Hin- und Rückrunde spielen können. Ich fürchte aber, dass die Saison im Herbst und Winter wieder unterbrochen werden muss. Wie schon erwähnt, muss für diesen Fall oder für Abbruch-Szenarien das Regelwerk angepasst werden. Über so etwas hat vor dem März niemand nachgedacht.

 

Wenden sich eigentlich viele Vereine mit ihren Sorgen an den Fußballkreis?

Baumann: Es gehen bei uns mehr Anrufe von Vereinen ein als vor dem Corona-Ausbruch. Dabei geht es vor allem ums Detail wie zum Beispiel jetzt bei der Beschränkung auf 30 Personen auf dem Platz. Wie oft darf gewechselt werden? Viele wollten auch wissen, wann die Saison losgeht. Man muss sagen, dass die Stadtsportbünde, die Kreissportbünde und der FLVW die Vereine regelmäßig informieren. Wenn auch ein paar Tage zu spät, hat auch der DFB zum Beispiel ein Muster-Hygienekonzept herausgegeben. Ich weiß aber nicht, ob all die Informationen wirklich immer bei den Vereinen ankommen. Denn nichts geht über das gesprochene Wort wie bei einem Staffeltag oder einer Arbeitstagung. Wir haben beschlossen, dass wir natürlich noch vor dem Saisonstart Staffeltage im Onlineverfahren anbieten.

 

Wie ist die Stimmung in den Vereinen, mit denen sie sich austauschen?

Baumann: Es gibt Vereine, die sagen, es geht ihnen besser als vor Corona. Sie haben weiterhin ihre Einnahmen aus Mitgliedsbeiträgen, aber kaum Ausgaben, weil für den Verband oder den Spielbetrieb keine Kosten anfallen, Siegprämien wegfallen und die Übungsleiter weniger oder gar nicht bezahlt werden müssen. Es gibt Vereine, die haben sogar Sponsoren hinzubekommen und das Signal erhalten: Wir stehen diese Zeit gemeinsam durch. Auf der anderen Seite höre ich, dass Vereinen die Sponsoren wegbrechen, weil diese selbst um ihre Existenz kämpfen. Vereine, die keine festen Zahlungen an die Spieler leisten, haben es im Moment sicher leichter.

 

Was wünschen sie den Vereinen für die kommende Saison?

BAUMANN: Am wichtigsten ist natürlich, dass alle gesund bleiben. Ich hoffe, dass wir die Saison mit 34 Spielen ohne Lockdown überstehen. Wichtig wäre auch, dass keine Mannschaft das Pech hat, von einem Coronaausbruch betroffen zu sein. So etwas kann immer passieren, auch wenn sich jeder an die Hygiene- und Abstandsregeln hält.

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