Über die Einführung des Videobeweises im Amateurfußball wird diskutiert
Spinnerei – oder sieht so die Zukunft aus?

Altkreis -

Wenn es nach dem Willen des Fußball-Weltverbandes FIFA geht, soll eine einfache Form des Video-Beweises „für alle Stufen des Fußballs“ möglich sein – also auch im Amateurbereich eingeführt werden. Die FIFA hat in einer Arbeitsgruppe eine Lösung erarbeitet, in der mögliche Kosten einer weltweiten Einführung, mögliche Qualitätsunterschiede zu Profisystemen und Mindestanforderungen für eine solche Technologie besprochen worden sind.

Freitag, 20.11.2020, 13:20 Uhr
Kilian Krämer pfeift Spiele bis zur Landesliga und ist der 1. Lehrwart im Kreis-Schiedsrichter-Ausschuss.
Kilian Krämer pfeift Spiele bis zur Landesliga und ist der 1. Lehrwart im Kreis-Schiedsrichter-Ausschuss. Foto: Sören Voss

 

Doch wie realistisch ist es, dass eine solche Technik, die „VAR light“ genannt wird, auch auf den heimischen Sportplätzen genutzt wird? Im Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT ist Kilian Krämer skeptisch, dass dies schon bald der Fall sein könnte. Der 26-Jährige ist Lehrwart im Kreis-Schiedsrichter-Ausschuss und pfeift selbst Spiele bis zur Landesliga. Seine Einschätzung: „Ich persönlich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass der Video-Assistent in den nächsten drei, vier Jahren bei uns im Amateurbereich zum Einsatz kommt – allein deshalb, weil zusätzliche Schiedsrichter fehlen.“

 

Zweifeln sie manchmal an einer Entscheidung und wünschen sich dann auch auf den heimischen Fußballplätzen einen Video-Assistenten?

Kilian Krämer: Klar geht man nach dem Spiel einzelne Szenen noch einmal durch. Im Spiel muss man solche Gedanken aber verdrängen. Ansonsten würde man den Fokus verlieren und vielleicht wirklich einen Bock schießen.

Erinnern sie sich an eine bestimmte Szene, die sie gerne überprüft hätten?

Krämer: Zweite Runde Kreispokal, Senne gegen SC Bielefeld: In der 94. Minute fordert SCB nach einer Grätsche vehement einen Elfmeter, der den Ausgleich hätte bringen können. Diese Szene hätte ich mir wirklich gerne noch einmal angeschaut.

Und dann hätte SCB ihre Entscheidung „kein Strafstoß“ eher hingenommen?

Krämer: Bestimmt, weil technischen Hilfsmitteln mehr getraut wird als dem Auge. Wenn ich mir also eine umstrittene Szene zusätzlich auf Video angesehen habe, wird sie sicherlich eher akzeptiert – oder ich hätte mich eben korrigiert.

Wissen sie eigentlich schon länger, dass die FIFA das Konzept „VAR light“ vorantreibt?

Krämer: Auch ich habe davon jetzt zum ersten Mal gelesen. Von uns Schiedsrichtern hat vorher auch noch niemand davon gehört. Ich glaube, wenn das Thema „VAR light“ auf DFB-Ebene diskutiert worden wäre, hätten wir schon eher Einblicke bekommen. Aber der Weg von der FIFA zur Basis ist sehr lang.

Welche Fragen haben sie sich zuerst gestellt?

Krämer: Wie soll das in der Praxis funktionieren? Sind auf allen Kreisliga-Plätzen die technischen Möglichkeiten vorhanden? Kann ich überhaupt eine Kamera erhöht anbringen, wenn es gar keine Tribüne gibt?

Auch darüber, wer ein solches System finanzieren soll, ist bisher nichts bekannt...

Krämer: Ja genau. Müssen sich die Vereine an den Kosten beteiligen? Es darf auf keinen Fall passieren, dass sich ein Verein die Technik erlauben kann, ein anderer in der gleichen Liga aber nicht. Das würde zu einer Wettbewerbsverzerrung führen.

Welche Probleme sehen sie noch?

Krämer: Die beste Technik bringt nichts, wenn sie nicht richtig angewendet wird. In anderen Regionen gibt es ja nicht einmal genügend Schiedsrichter, um alle Seniorenspiele zu besetzen. Da pfeifen die Betreuer, die ohnehin kaum geschult sind.

Würde die vorhandene Technik am Spielfeldrand ihre Entscheidungen bei einem Amateurspiel beeinflussen?

Krämer: Wenn ich nicht von außerhalb ein Signal bekomme, mir eine Szene lieber noch einmal anzuschauen, stellt sich schon die Frage, wann unterbreche ich die Partie? Also pfeife ich jetzt eher den Elfmeter, damit ich meine Entscheidung mit Hilfe des Video-Assistenten überprüfen kann?

Spinnerei oder ernsthafte Pläne – als wie realistisch sehen sie die Einführung des Video-Assistenten im Amateurfußball?

Krämer: Um zumindest eine Fantasie zu entwickeln, dass das Konzept „VAR light“ auch im Amateurfußball funktioniert, müssten bestimmte Bedingungen erfüllt werden. Vor allem bräuchte man einen zusätzlichen Schiedsrichter, der die Szenen überprüft. Das gilt auch für die höheren Spielklassen im Amateurbereich, denn auch die Schiedsrichter-Assistenten sind voll beschäftigt und können keine zusätzlichen Aufgaben übernehmen. Ich glaube, dass kann wenn überhaupt nur ab einer bestimmten Spielklasse klappen – zum Beispiel, wenn der DFB ab Landesliga oder Verbandsliga aufwärts finanzielle Mittel dafür zur Verfügung stellt und zusätzliche Schiedsrichter zum Einsatz kommen, die entsprechend geschult worden sind.

Dann könnten also auch sie schon bald auf den heimischen Plätzen wichtige Entscheidungen überprüfen...

Krämer: Die technische Entwicklung allgemein ist rasant. Wer kann jetzt schon sagen, was in zehn Jahren möglich ist. Ich persönlich halte es aber für sehr unwahrscheinlich, dass der Video-Assistent in den nächsten drei, vier Jahren bei uns im Amateurbereich zum Einsatz kommt, allein deshalb weil zusätzliche Schiedsrichter fehlen.

Gewalt auf den heimischen Plätzen – auch gegen Schiedsrichter – ist leider immer wieder ein Thema. Könnte der Videobeweis deeskalierend wirken?

Krämer: Es kommt ja leider auch schon wegen Kleinigkeiten zu Eskalationen, die gar nicht per Videobeweis überprüft werden. Beispiel: Eine gelbe Karte führt zu Beleidigungen und Rot. Der betroffene Spieler rastet aus und greift den Schiedsrichter tätlich an. Daran würde ein Videobeweis nichts ändern. Diese Technik sorgt also nicht dafür, dass sich der Umgang mit den Schiedsrichtern verbessert.

Was muss sich denn verändern?

Krämer: Darüber könnte ich jetzt ein langes Referat halten. Ganz wichtig ist, dass Kindern und Jugendlichen neben Spielformen auch beigebracht wird, den Schiedsrichter zu respektieren. Es kommt vor, dass selbst 13-Jährige uns als Hurensohn beschimpfen.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7686872?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2447933%2F2352973%2F2514637%2F
Kurz vor dem Kontrollverlust
Mit Megafonen wiesen Ordnungsamtsmitarbeiter die Schnäppchenjäger darauf hin, dass die Hygiene- und Abstandsregeln einzuhalten sind.
Nachrichten-Ticker