Der Kinderfußball soll reformiert werden. Der DFB will Spielformen mit kleinen Toren und kleinen Mannschaften etablieren
„Und wann spielt ihr richtig Fußball?“

Altkreis Halle. -

Der kleine Nachwuchskicker ist nach fünf zehnminütigen Einheiten im Spiel „Drei gegen Drei“ auf vier kleine Tore vor Anstrengung rot im Gesicht. Er war gleich bei seinem ersten Training voll eingebunden und strahlt. Der Vater hat interessiert zugeschaut und hat da beim Abschied noch eine Frage an den Trainer: „Und wann spielt ihr richtig Fußball?“ Oliver Erdmann hat diese Situation schon mehrfach erlebt. Für den Jugendleiter der Spvg. Steinhagen liegt die Antwort auf der Hand. Seiner Meinung nach ist diese Spielform der genau „richtige Fußball“ für die jüngsten Talente.

Mittwoch, 02.12.2020, 18:16 Uhr
Im Training, beim Rabauken-Camp oder Kindergarten-Cup: In Steinhagen werden die neuen Spielformen schon seit einigen Jahren umgesetzt.
Im Training, beim Rabauken-Camp oder Kindergarten-Cup: In Steinhagen werden die neuen Spielformen schon seit einigen Jahren umgesetzt. Foto: Jens Horstmann

Das was am Cronsbach schon seit einigen Jahren beim Rabauken-Camp des FC St. Pauli in den Sommerferien oder im Training als „Funino“ angeboten wird, hat mittlerweile auch die Verantwortlichen im Deutschen Fußballbund (DFB) überzeugt. Sie wollen die neuen Spielformen in den Vereinen aller Landesverbände etablieren. Die von Oliver Erdmann beschriebenen Reaktionen des Vaters und seines Sohnes zeigen allerdings, dass trotz der Begeisterung der Nachwuchskicker noch viel Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit bei Trainern und Eltern nötig ist. Dazu beitragen soll auch ein Online-Seminar des DFB am Dienstag, 8. Dezember (siehe Kasten).

 

Wie begründet der DFB die Einführung der neuen Spielform?

Der Fußball soll in den betreffenden Altersklassen kindgerechter werden. Je größer die Gruppen, desto weniger Ballkontakte haben die einzelnen Spieler. Gerade leistungsschwächere oder auch körperlich unterlegene Kinder gehen zum Teil unter und verlieren dadurch den Spaß am Spiel und die Chance auf Weiterentwicklung.

Die neuen Spielformen sollen den Kindern bessere Möglichkeiten bieten, Fußball so zu spielen, dass sie häufig am Ball sind und dabei Spaß haben. Aktuell wird im Kinderfußball häufig zu früh Wert auf Taktik gelegt, worunter die Ausbildung der fußballerischen Grundlagen leidet. Dies haben viele Untersuchungen gezeigt. Die veränderten Spielformen sollen diesem Problem entgegenwirken.

 

Wie kann die neue Spielform in den unterschiedlichen Altersklassen umgesetzt werden?

Bambini (U 6/U 7): Es wird im Zwei-gegen-Zwei oder Drei-gegen-Drei gespielt (Spielfeldgröße: 16 x 20 m bis 28 x 22 m). Jedes Team hat maximal zwei Einwechselspieler. Gespielt wird auf vier Mini-Tore. Tore dürfen erst ab der Mittellinie (Zwei-gegen-Zwei) oder in einer Sechs-Meter-Schusszone (Drei-gegen-Drei) erzielt werden, einen Torwart gibt es nicht. Nach jedem Tor wechseln beide Mannschaften automatisch jeweils einen Spieler ein. Gespielt wird an Spielenachmittagen in Turnierform, empfohlen sind bis zu sieben Durchgänge à maximal zehn Minuten. Nach jedem Durchgang gehen die Gewinnerteams jeweils ein Spielfeld weiter, die Verliererteams jeweils um ein Spielfeld zurück. Dadurch werden weitgehend ausgeglichene Spiele mit wenigen extremen Ergebnissen erreicht.

F-Jugend (U 8/U 9): Es wird im Drei-gegen-Drei gespielt (Spielfeldgröße: 26-28 x 20-22 m), alternativ ist auch ein Fünf-gegen-Fünf möglich (40 x 22-25 m). Beim Drei-gegen-Drei gelten die Regelungen wie bei den Bambini (siehe oben). Beim Fünf-gegen-Fünf wird entweder auf vier Mini-Tore (ohne Torwart, fünf Feldspieler) gespielt oder auf zwei Kleinfeldtore (vier Feldspieler plus Torwart).

E-Jugend (U 10/U 11): Es wird im Fünf-gegen-Fünf oder im Sieben-gegen-Sieben gespielt. Beim Fünf-gegen-Fünf gelten die Regelungen analog zur F-Jugend. Beim Sieben-gegen-Sieben (Spielfeldgröße: 55 x 35 m) wird auf zwei Kleinfeldtore gespielt, also mit sechs Feldspielern und einem Torwart pro Team. Ideal ist eine Turnierform mit vier Mannschaften und Spielzeiten von jeweils 2 x 12 Minuten.

Wie ist der Zeitplan?

Aktuell handelt es sich noch immer um ein Pilotprojekt, das in die nächste, erweiterte Phase geht. Aktuell sollen Verantwortliche und Eltern überzeugt und außerdem weitere Erfahrungswerte gesammelt werden. Wo gibt es Probleme und was muss verbessert werden? Darüber hinaus wird intensiv geprüft, wie die Vereine bei der Anschaffung von nötigen Materialien (insbesondere der Mini-Tore) unterstützt werden können. Die DFB-App „Teampunkt“ ist um das Modul „Kinderfußball“ erweitert. Dort haben die Vereine die Möglichkeit, im Umkreis nach Turnieren zu suchen und sich anzumelden oder selbst ein Turnier zu organisieren.

 

Lösen die neuen Spielformen den Spielbetrieb der Bambini bis E-Junioren ab?

Die Landesverbände werden zusätzlich Info- und Schulungsveranstaltungen anbieten. Ziel soll es sein, dass die neuen Spielformen ab der Saison 2021/2022 fester Bestandteil in allen Verbänden werden – vorerst noch als Alternative zu den klassischen Spielformen.

 

Wird die neue Spielform auf den heimischen Plätzen schon praktiziert?

Spvg. Steinhagens Jugendleiter Oliver Erdmann hat in seinem Verein damit nicht nur im Training gute Erfahrungen gemacht, sondern auch als Organisator des Kindergarten-Cups. Dabei habe neben der kindgerechten Spielform auch die Größe der Mannschaften eine Rolle gespielt: „Ein Kindergarten hat früher nie eine Mannschaft zusammenbekommen, und ist erst dabei, seit wir diese neue Spielform mit kleineren Teams anbieten.“ Erdmann ist auch aus diesem Grund davon überzeugt, dass so die Zukunft aussieht: „Wenn wir es jetzt nicht machen, wird es den Jugendfußball dauerhaft nicht mehr geben. Viele kleinere Vereine bekommen schon keine Mannschaften mehr zusammen, um von ganz unten aufzubauen. Auch wir in Steinhagen bemerken einen rückläufigen Trend. Es gab Zeiten, da hatten wir vier F-Junioren-Teams, jetzt sind es oft zwei.“

Oliver Erdmann hat nach anfänglicher Ablehnung der neuen Spielformen ein Umdenken festgestellt. So habe er bereits in Absprache mit dem Fußballkreis im Oktober 2019 ein Demonstrationsnachmittag zum Reinschnuppern angeboten: „Da waren 30 bis 40 Vereinsvertreter und Jugendleiter dabei.“ Corona habe dann weitere konkrete Aktionen ausgebremst, sei aber auch eine Chance, „die Pause als Neustart zu sehen.“

 

Wie sieht man im Fußballkreis Bielefeld die Entwicklung?

Jörg Pudel ist U12-Trainer am DFB-Stützpunkt in Steinhagen und im Fußballkreis Bielefeld für die Talentförderung sowie Sichtung zuständig. Auch Pudel unterstützt das Konzept der neuen Spielformen: „Ich stehe zu 100 Prozent dahinter. Wir werden Termine für solche Spielnachmittage freischaufeln. Wer Lust hat kann mitmachen“. Auch für den Versmolder sieht so die Zukunft des Kinderfußballs aus: „Wenn selbst die großen Vereine in ihren Nachwuchsleistungszentren so trainieren, kann das ja nicht verkehrt sein. Und es gibt auch kein anderes besseres Konzept.“ Pudel berichtet vom Interesse vieler heimischer Vereine, die neuen Spielformen in das Training einzubauen. Allerdings sei die Meinung in Bezug auf den Spielbetrieb geteilt: „Da wartet auf uns noch viel Überzeugungs- und Aufklärungsarbeit – nicht nur in den Vereinen, sondern auch bei den Verantwortlichen in den Kreisen.“

 

 

 

 

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