Der DFB hat die neuen Spielformen für den jüngsten Nachwuchs bei einer Online-Veranstaltung vorgestellt.
Revolution im Kinderfußball

Altkreis (WB) -

Einige Eltern auf der Tribüne haben sich die Augen gerieben. Bei den Bambini- und Miniturnieren des SC Halle haben die Nachwuchskicker bereits auf kleinen Feldern mit vier Mini-Toren gespielt. Die Verantwortlichen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) sind fest davon überzeugt, dass so die Zukunft des Kinderfußballs aussieht. Das haben sie nun bei einer Online-Informationsveranstaltung bekräftigt und den mehr als 1.000 Teilnehmern das Konzept der neuen Spielformen vorgestellt.

Donnerstag, 10.12.2020, 14:27 Uhr aktualisiert: 10.12.2020, 17:14 Uhr
Vorbild Rabaukencamp des FC St. Pauli: Bei der Spvg. Steinhagen wird schon seit einigen Jahren vor allem im Training mit kleinen Teams auf kleinen Feldern mit Mini-Toren
Vorbild Rabaukencamp des FC St. Pauli: Bei der Spvg. Steinhagen wird schon seit einigen Jahren vor allem im Training mit kleinen Teams auf kleinen Feldern mit Mini-Toren Foto: Jens Horstmann

Die Idee: Achtjährige hören auf, weil der Trainer sie schon wieder angebrüllt hat, dass sie ihre Position halten sollen. Zehnjährige werfen die Schuhe in die Ecke, weil sie seit fünf Jahren im Tor stehen und noch nie draußen angreifen durften. Auch das ist (wenn auch überspitzt dargestellt) im Jahr 2020 Kinderfußball in Deutschland. „Wenn wir uns die Frage selber beantworten, was Kinder wollen, dann wissen wir, wie eine kindgerechte Spielform aussehen muss“, sagt Markus Hirte, Leiter der DFB-Talentförderung. Bewegen, toben, dribbeln, Tore schießen, kein Druck von Trainern und Eltern, einfach Spaß haben – all das garantieren die neuen Spielformen. Die Kleinsten beginnen im „2 gegen 2“. Spielfelder und Mannschaftsstärken werden mit der Zeit je nach Fähigkeit der Spieler größer (zunächst reicht ein 16 x 20 Meter-Feld), bis am Ende des E-Jugendalters auch im „7 gegen 7“ auf zwei größere Tore (55 x 35 Meter-Feld) gespielt werden kann (das WB hat die Spielformen in den einzelnen Altersklassen bereits am 2. Dezember vorgestellt). Es gibt mehr Aktionen, Ballkontakte und Treffer als in der bisherigen Spielform. Das ist wissenschaftlich erwiesen „Jeder einzelne Spieler hat ein gutes Gefühl, ein Tor geschossen, verhindert oder vorbereitet zu haben.“ Hirte ist sich deshalb sicher, dass mehr Kinder beim Fußball bleiben, weil wiederkehrende Erfolgserlebnisse für eine dauerhafte Begeisterung sorgen.

Umsetzung bei Turnieren: Jedes Team bestreitet im Idealfall sieben Spiele a‘ sieben Minuten. Auf zum Beispiel sechs Feldern wechselt der Gewinner nach dem Schlusspfiff auf den rechten Platz, der Verlierer nach links. So gleicht sich das Spielniveau an und auch die schwächeren Teams treffen auf in etwa ebenbürtige Gegner. Wenn in der E-Jugend „7 gegen 7“ gespielt wird, können andere Spieler der gleichen Mannschaft parallel auf einem Kleinfeld „2 gegen 2“ oder „3 gegen 3“ spielen. Hirte: „So schaut kein Auswechselspieler zu. Auch die Resultate dieser Partien können gewertet werden und in das Gesamtergebnis einfließen.“

Pilotprojekte und Bedenken: Ein weiterer positiver Effekt dieser Turnierform: Auch kleinere Vereine mit Nachwuchssorgen können eine eigene Mannschaft stellen. (Großstadt-) Klubs mit vielen Spielern haben die Möglichkeit, mehrere Teams ins Rennen zu schicken. „Vereine können so auch flexibel reagieren, wenn an einem Wochenende mal weniger Kinder als gewohnt einsatzbereit sind“, sagt Florian Weißmann. Das DFB-Jugendausschuss-Mitglied berichtet von den Erfahrungen bei Pilotprojekten. Viele Vereine fremdeln damit, ein solches Turnier auszurichten und fürchten den großen Organisationsaufwand. Müssen nicht bei sechs kleinen Spielfeldern 24 Tore zur Verfügung gestellt werden? Und braucht man nicht viel mehr Trainer, wenn ein Verein mit mehreren kleinen Mannschaften teilnimmt? Weißmann: „Es geht ja gerade darum, dass man die Kinder frei spielen lässt und mit Anweisungen nicht überfordert. Es reicht völlig aus, wenn Eltern als Aufpasser da sind.“ Auch das Problem mit den vielen Toren lasse sich lösen: „Jede Mannschaft bringt einfach zwei mit. Die sind zum Teil faltbar und leicht zu transportieren. Und wenn mal statt Tore Stangen aufgestellt werden, ist das auch in Ordnung.“ Weißmann fordert die Vereinsverantwortlichen auf, sich zum Wohle der kleinsten Nachwuchskicker auf die neuen Spielformen einzulassen: „Probiert es mit dem Nachbarverein einfach mal aus. Auch wenige Mannschaften auf drei kleinen Feldern reichen am Anfang aus. Und fordert die Unterstützung eures Verbandes ein.“ Zudem stehe seit August 2020 das Modul „Kinderfußball“ innerhalb der TeamPunkt-App des DFB zur Verfügung, das die Organisation der Turniere samt Anmeldungen erleichtere.

Akzeptanz: Für Erwachsene mögen die neuen Spielformen vielleicht kein „richtiger Fußball“ sein, weil sie diesen Sport ihr Leben lang anders kennen. Die Kinder jedoch sollen mit den neuen Spielformen groß werden, im „2 gegen 2“ beginnen und sich nach und nach an größere Teams und Felder gewöhnen: „Kinder glauben uns Erwachsene und leben im Hier und Jetzt. In dem Moment, wo sie zum Beispiel „3 gegen 3“ spielen, ist für sie so der Fußball“, erklärt Markus Hirte.

Der Fahrplan: Im Altkreis ist Spvg. Steinhagen der Vorreiter. Der Verein hat die neuen Spielformen schon vor einigen Jahren beim Rabauken-Camp des FC St. Pauli am Cronsbach kennengelernt und praktiziert diese vor allem im Training. Jugendleiter Oliver Erdmann hat in Zusammenarbeit mit Jörg Pudel vom Fußballkreis die Spielformen anderen Vereinsvertretern vorgestellt. Und wie anfangs erwähnt, sind auch einzelne Turniere wie in Halle in dieser Form ausgerichtet worden. Vor allem in Bayern wird die Spielform „3 gegen 3“ bei den kleinsten Kickern schon im Regelbetrieb angeboten. Alle Landesverbände beteiligen sich nun an einer Testphase mit Pilotprojekten. Auch wenn der gewohnte Spielbetrieb und die neuen Spielformen als Turniere noch einige Zeit parallel laufen – Leon Ries, der durch das Seminar geführt hat, kommt zu folgendem Schlussfazit: „Es gibt zwar keinen Tag X. Aber wir sind überzeugt, dass es immer mehr Turniere mit den neuen Spielformen gibt, und irgendwann kein Platz mehr für den normalen Spielbetrieb bleibt.“

Kommentar von Stephan Arend

Es ist schon viele Jahre her, als es auch bei heimischen Jugendtrainern und Eltern einen Aufschrei gab: Undenkbar für sie, dass die Spielfelder der jüngsten Nachwuchskicker verkleinert werden sollten. Die Idee schon damals: Mehr Ballkontakte, mehr Erfolgserlebnisse für alle. Für die Kleinsten ist eben genau das der „richtige Fußball“. So kommt mittlerweile (hoffentlich) kein Jugendtrainer mehr auf die Idee, Fünf- oder Sechsjährige im „7 gegen 7“ über den halben Platz zu jagen. Die neuen Spielformen knüpfen an die Reform von damals an, sind aber eine kleine Revolution. Noch kleinere Felder, vier statt zwei Tore und Teams, die manchmal sogar aus nur zwei Spielern bestehen. Die Erfahrungsberichte zeigen: Für Kinder, die so erste Erfahrungen mit dem Fußball machen, ist das alles kein Ding. Sie sind mittendrin statt nur dabei, sind oft am Ball, schießen viele Tore und haben rote Backen vor Anstrengung. Es müssen also „nur“ noch die fremdelnden Großen überzeugt werden. Hier sind auch die Fußballkreise gefragt. Sie müssen das gute Konzept in die Vereine tragen, beraten und unterstützen, wenn es etwa um die Ausrichtung von Turnieren auf vielen kleinen Feldern geht. Der Anfang im Fußballkreis Bielefeld ist gemacht. Jörg Pudel ist hier für die Talentförderung zuständig und steht nach eigenen Worten zu 100 Prozent hinter den neuen Spielformen. Gut so.

...
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7717543?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2447933%2F2352973%2F2514637%2F
Corona-Lockdown bis 14. Februar, verschärfte Maskenpflicht
Fahrgäste mit Mund-Nasenschutz steigen im Zentrum von Halle/Saale aus einer Straßenbahn, über deren Eingang «Früher war alles besser» zu lesen ist.
Nachrichten-Ticker