Fußball-Trainer Andreas Golombek blickt auf seine größten Partien als Profi-Spieler zurück
Als „Golo“ den Titan verlädt

Da wird der Weg von der Mittellinie an den Strafstoßpunkt zum Balanceakt. Ein ganz schmaler Grat zwischen gefeiertem Held und geschmähtem Versager. „Du kriegst schon Angst unterwegs. Und wenn dann Olli Kahn vor dir steht, breit wie ein Ochse, dann wird das Tor immer kleiner.“ Andreas Golombek wird das Gefühl vor seinem wichtigsten Torschuss nie vergessen.

Montag, 21.12.2020, 14:28 Uhr
Auch Thomas Strunz (rechts) bekommt Andreas Golombeks Zweikampfstärke zu spüren: Magdeburg ringt im November 2000 den FC Bayern nieder.
Auch Thomas Strunz (rechts) bekommt Andreas Golombeks Zweikampfstärke zu spüren: Magdeburg ringt im November 2000 den FC Bayern nieder. Foto: Imago

Halle (WB). „Bloß nicht nachdenken jetzt.“ Den grimmigen Blick des Torwart-Titanen ausblenden. Einfach draufhalten, aber doch kontrolliert abziehen. Nur nicht so wie ein gewisser Ulrich Hoeneß im EM-Finale 1976… Es gelingt: Golombek verlädt den dreifachen Welttorhüter des Jahres, trifft im Elfmeterschießen zum 3:1 für den krassen Außenseiter 1. FC Magdeburg gegen Bayern München und peitscht die 26.000 im Ernst-Grube-Stadion noch einmal richtig auf.

Wenige Minuten später, gegen 23.30 Uhr an diesem 1. November 2000, ist die DFB-Pokal-Sensation perfekt: Mit 5:3 (1:1/1:1/0:0) nach Elfmeterschießen hat der Oberligist den deutschen Rekordmeister und -Pokalsieger aus dem Wettbewerb gekegelt. Für Andreas Golombek, den Amshausener Jungen, der 18 Jahre lang als Fußballprofi sein Geld verdient hat und mehr als 200 Zweitliga-Spiele bestritt, wird dieser November-Abend vor 20 Jahren immer das größte Spiel seiner Karriere bleiben. Weil der Erfolg bis heute wirklich einem sportlichen Wunder gleicht.

„Für die Magdeburger Fans waren wir die Helden der nächsten Generation, nach dem Sieg herrschte drei Tage Ausnahmezustand. Bis heute werde ich von den älteren erkannt und du wirst auf das Spiel angesprochen“, sagt „Golo“. Der Coup in der zweiten DFB-Pokal-Hauptrunde der Saison 2000/01 hat für den 1. FC Magdeburg einen ähnlichen Stellenwert wie der größte Erfolg der Vereinsgeschichte. Den erringen die Kicker in Blau-Weiß bereits 1974, als sie mit einem ähnlich sensationellen 2:0-Finalsieg gegen AC Mailand den Europacup der Pokalsieger in die damalige DDR holen.

Anno 2000 sieht es für den Magdeburger Spitzenfußball indes düster aus: Mit dem Abstieg in die Oberliga (damals vierthöchste Klasse) hat der Traditionsklub den sportlichen Tiefpunkt erreicht. Aber am 1. November ist das alles vergessen. 26.000 Fans feiern die Sensation gegen den FC Bayern, der in derselben Saison die Champions League gewinnt und danach Weltpokalsieger wird. „Wir hatten nichts zu verlieren und haben nicht nur verteidigt, sondern wirklich mitgespielt. Natürlich bist du eigentlich schon nach 90 Minuten mit den Kräften am Ende, aber alle haben trotzdem voll durchgezogen.“

Andreas Golombek, der ein Jahr zuvor aus Österreich an die Elbe gewechselt ist, rackert mit 32 Jahren im linken Mittelfeld. Die FCM-Führung (66.) gleicht der eingewechselte Hasan Salihamidzic noch aus (79.). Aber obwohl weitere Stars wie Giovane Elber und Jens Jeremies von der Bank kommen, beißen die Bayern mit Kahn, Andersson, Sagnol, Sforza, Tarnat, Paulo Sergio, Jancker und Zickler auf Granit. Im Elfmeterschießen treffen zwei Ostwestfalen ins bayrische Fußballherz: Zunächst verwandelt Josef Ivanovic, der vier Jahre zuvor mit mehr als 50 Saisontoren noch für den A-Ligisten TuS Quelle gestürmt hat, dann verlädt Andreas Golombek Welttorhüter Olli Kahn. Und weil Magdeburgs Keeper Miroslav Dreszer gegen Jeremies und Elber pariert, ist der FCM in ganz Deutschland auf einmal Tagesgespräch: „Ich kriege heute noch Gänsehaut“, denkt Andreas Golombek immer wieder an den größten Coup.

Mit dem Sensationserfolg weckt die Mannschaft vor 20 Jahren Erinnerungen an die großen Erfolge des FCM in den goldenen 70er-Jahren, als die Generation um Sparwasser, Pommerenke, Hoffmann und Seguin 1974 einziger DDR-Europacupsieger und insgesamt dreimal DDR-Meister wird.

Nach dem Mauerfall wird der Fußball in Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt zunächst vom erfolgreichen Handballklub SC Magdeburg abgehängt. „Wir haben dann wieder neue Euphorie entfacht, sind in die Regionalliga, damals dritthöchste Spielklasse, aufgestiegen und haben Interesse bei neuen Sponsoren geweckt“, sagt Andreas Golombek. Gerne erinnert er sich an die Zusammenarbeit mit zwei Legenden: „Chefcoach Eberhard Vogel und sein Co-Trainer Martin Hoffmann waren die beiden besten Linksfüße, die der DDR-Fußball auf den Stürmerpositionen hervorgebracht hat.“ Golombeks Superlativ ist keineswegs übertrieben: „Matz“ Vogel steht mit 440 Einsätzen als ewiger Rekordspieler in 40 Jahren DDR-Oberliga zu Buche und erhielt von Pelé nach einem Duell mit dem FC Santos den Ritterschlag „bester Linksaußen der Welt“ verpasst; und Hoffmann stürmte bei der WM 1974 schon als 19-Jähriger für die DDR bei deren denkwürdigem 1:0-Triumph über den späteren Weltmeister Westdeutschland.

Die Episode Magdeburg markiert nur eine Sternstunde in Andreas Golombeks bewegter Spieler-Karriere. Sie weist insgesamt zwölf Stationen auf und ist reich an Anekdoten.

Wenn er von unvergesslichen Erlebnissen erzählt, dann spürt man, dass seine Fußballbegeisterung noch genauso groß ist wie bei dem Knirps, der direkt am oder besser gesagt auf dem Amshausener Sportplatz groß geworden ist. Der jede freie Minute mit dem Lederball verbringt, schon als C-Jugendlicher zu Arminia Bielefeld wechselt, sich dann ab 1990 im Profigeschäft durchbeißt. Und der nach einem Probelauf als Spielertrainer beim Ex-Bundesligisten Borussia Neunkirchen seit 2005 erfolgreich als Coach arbeitet.

Derzeit nervt es ihn gewaltig, dass Corona dem Ausbau der Erfolgsserie bei seinem neusten Klub einen Riegel vorschiebt. Viele hat es überrascht, dass „Golo“ im vergangenen Sommer beim hierzulande unbekannten Nord-Regionalligisten BSV Rehden eingestiegen ist. Zuvor hat er – am 31. Oktober 2017 als Retter verpflichtet – in der Saison 2017/18 die Sportfreunde Lotte vor dem Drittliga-Abstieg bewahrt.

Am Lotter Kreuz bricht Golombek wegen unterschiedlicher Auffassungen mit Fußballchef Manfred Wilke schon nach gut einem halben Jahr seine Zelte wieder ab. Nach zweijähriger Wartezeit hat der 52-jährige Fußballlehrer im vergangenen Sommer wieder einen Trainerjob angenommen. Die Bilanz bis zur pandemie-bedingten Unterbrechung des Spielbetriebs zeigt, dass er beim niedersächsischen Dorfklub nordöstlich des Dümmer Sees offenbar die richtige Wahl getroffen hat. In der Südgruppe der wegen Corona zweigeteilten Regionalliga Nord rangiert die Golombek-Elf nach neun Spielen mit fünf Siegen und je zwei Remis und Niederlagen auf Rang drei. „So gut ist der BSV in neun Jahren Regionalliga noch nie in eine Saison gestartet“, sagt der Coach.

Über Co-Trainer Michael Hohnstedt, den er in Lotte kennengelernt hat, ist der Kontakt zustande gekommen. Mit BSV-Präsident und Mäzen Friedrich Schilling funkt der Vollblutfußballer bisher auf einer Wellenlänge. Und fühlt sich in der bodenständigen Atmosphäre wohl: „Für so einen kleinen Ort haben wir Weltklasse-Bedingungen, ein tolles Trainerteam und die Spieler hängen sich voll rein, obwohl sie fast alle einen Acht-Stunden-Arbeitstag hinter sich haben, wenn das Training losgeht“, schwärmt Golombek.

Mit dem BSV Rehden erfolgreich

In Diepholz nahe Rehden steht ihm zwar künftig auch eine Wohnung zur Verfügung, aber er behält seine Wurzeln am Teuto, zieht derzeit von Borgholzhausen nach Bielefeld-Senne um. Und beobachtet natürlich aufmerksam, wie Aufsteiger SC Verl derzeit die 3. Liga aufmischt: „Das freut mich unheimlich. Meine vier Jahre Trainerzeit in Verl haben super Spaß gemacht. Mit Spielern wie Brüseke, Stöckner und Haeder haben wir damals den Grundstein gelegt.“

Während die Verler Woche für Woche um Punkte kämpfen dürfen und auch die Regionalliga West in NRW ihren Spielbetrieb aufrecht erhält, hat Corona die Regionalliga-Nord ausgebremst: Die Spielklasse mit Klubs aus vier Bundesländern ist seit dem Wochenende 31. Oktober/1. November im sportlichen Lockdown: „Das Spielverbot kam ausgerechnet vor unserem letzten Hinserienspiel gegen Jeddeloh. Wir hoffen jetzt alle, dass wir im Januar endlich wieder auf den Platz kommen, damit wir uns unseren Platz in der Meisterrunde sichern können.“

Bis dahin muss Andreas Golombek seinen Heißhunger auf Fußball mit der Erinnerung an seine größten Highlights als Spieler zähmen. Hier sind vier weitere - neben dem Magdeburger Husarenstück gegen den FC Bayern:

Europacup-Spiele mit dem Grazer AK 1998:  Trainer Klaus Augenthaler holt Golombek in die Steiermark, als der Klub in der österreichischen Bundesliga ganz vorne mitmischt und sich als Dritter für den UEFA-Cup (heute Europa League) qualifiziert. In der ersten Runde schalten die Grazer den bulgarischen Spitzenklub Litex Lovetch aus. Nach dem 1:1 im Hinspiel wird Andreas Golombek in der Grazer Arena, die bis 2005 Arnold-Schwarzenegger-Stadion heißt, zum Torminator: „Beim 2:0-Heimsieg habe ich das wichtige 1:0 per Kopf erzielt. Da waren die Fans aus dem Häuschen und wir haben richtige Fußball-Begeisterung entfacht.“ In der Landeshauptstadt verdrängt Fußball den Skisport aus dem Fokus der Steirer, gegen AS Monaco in der zweiten Runde ist das Stadion mit 15.000 rappelvoll. Beim Hinspiel-3:3 ist sogar ein Sieg drin, aber vor nur 5000 Zuschauern im noblen Fürstentum ist das französische Starensemble mit den Weltmeistern Fabien Barthez, Willy Sagnol, Thierry Henry und David Trézéguet einfach besser. „Ein Erlebnis war es trotzdem. Barthez ist hinterher noch in unsere Kabine gekommen und hat unserem Torwart seine Handschuhe geschenkt“, erzählt Golombek.

Bundesliga-Duell mit Stefan Effenberg:Für Arminia Bielefeld, SC Freiburg, VfL Osnabrück, Wattenscheid 09 und KFC Uerdingen hat Andreas Golombek mehr als 200 Zweitliga-Spiele bestritten. In der ersten Liga kommt er nur auf drei Einsätze – im Herbst 1996 bei Fortuna Düsseldorf, die damals permanent gegen den Abstieg kämpft. Das kurze Intermezzo beim Europacup-Finalisten von 1979 hat für den heutigen Fußballlehrer dennoch einen hohen Stellenwert: „Ich habe gegen mein Idol Stefan Effenberg gespielt. Den habe ich wegen seiner Entschlossenheit und seiner Spielweise immer bewundert.“ Als Golombek am 28. September 1996 in der 65. Minute des Niederrhein-Derbys der Fortuna gegen Borussia Mönchengladbach eingewechselt wird, führt der Außenseiter 1:0 – und mit „Golos“ tatkräftiger Hilfe bleibt es auch dabei. 20 Jahre später treffen sich beide bei einer Trainerfortbildung in Halle wieder und der Amshausener bittet den kurz zuvor beim SC Paderborn entlassenen Kurzzeit-Chefcoach um ein gemeinsames Foto. „Aber nur, wenn wir damals gewonnen haben“, schränkt „Effe“ seine Genehmigung ein. Golombek lässt den „Tiger“ in seinem Glauben – und zeigt die Aufnahme bis heute gerne zusammen mit dem Foto vom Zweikampf aus der Saison 1996/97.

Zweitliga-Spiele gegen Schalke 04 1990/91: Das Profi-Dasein in Deutschlands zweithöchster Spielklasse ist für Andreas Golombek in den 1990er-Jahren Alltag. Aber die Partien mit dem SC Freiburg gegen den siebenfachen Deutschen Meister bleiben ihm unvergesslich. Nachdem er mit Arminia Bielefeld in der Zweitliga-Aufstiegsrunde gescheitert ist, wagt der 22-Jährige 1990 mit dem Wechsel in den Breisgau den Schritt auf die bundesweite Fußballbühne. Die Freiburger, bis dahin eine graue Maus der 2. Liga, mausern sich gerade zu einer Spitzenmannschaft, die Schalker, 1988 aus der Eliteklasse abgestiegen, nehmen zum dritten Mal Anlauf in Richtung Wiederaufstieg. Am 15. Spieltag kommt die S04-Elf um Trainer Peter Neururer im Dreisamstadion mit 0:3 unter die Räder. Nach einem Doppelschlag von SC-Stürmer Holger Janz (18./19.) rasten die blau-weißen Fans aus. „Die haben den Zaun zum Spielfeld niedergerissen und die Partie musste eine halbe Stunde unterbrochen werden“, erinnert sich Golombek, der eingewechselt wird. Im Rückspiel steht er 90 Minuten auf dem Platz: „38.000 Zuschauer im Parkstadion, Schalke hat mit dem Sieg gegen uns einen entscheidenden Schritt zum Wiederaufstieg gemacht. Das war eine Wahnsinnsatmosphäre“, schwärmt „Golo“ trotz der 1:3-Niederlage. Auf der Gegenseite: bekannte Namen wie die späteren UEFA-Cup-Sieger Jens Lehmann und Ingo Anderbrügge, wie Günter „Schlippinho“ Schlipper, Ingo Sendscheid und Radmilo Mihajlovic.

Triumph und bittere Niederlage mit dem DSC Arminia: Als 18-Jähriger hat Andreas Golombek im Sommer 1987 neben Arminia-Legenden wie Wolfgang Kneib, Helmut Schröder und Norbert Eilenfeldt in der 2. Liga debütiert. Nach dem Abstieg 1988 ist er beim totalen Neuaufbau mit einer Elf der Nobodies und dem mitreißenden Trainer Ernst Middendorp einer der maßgeblichen Motoren auf dem Spielfeld. „Wir hatten damals eine Truppe mit überragender Spielfreude“, erinnert sich der Amshausener an die Zeit der jungen Wilden mit Christian Knehans, Frank Geideck, Yves Eigenrauch, Gerrit Meinke, Thomas Stratos und Andreas Ridder. Das beste Spiel aus seiner Sicht: „Unser 6:1 gegen TuS Paderborn-Neuhaus. Die waren damals Tabellenzweiter, hatten mit Michael Wollitz, Fuhrberg und Grahl auch eine starke Truppe. Aber wir haben sie einfach weggefegt.“ Das geschieht im Spieljahr 1989/90, an dessen Ende Arminia als Westfalenmeister in der Zweitliga-Aufstiegsrunde scheitert. „Das Schlimmste, was ich je erlebt habe“ ist dem jungen Golombek ebenfalls im DSC-Dress widerfahren. Und zwar am letzten Spieltag der Saison 1988/89: „Wir haben monatelang immer auf Platz eins gestanden, brauchen nach unserer Niederlage gegen Preußen Münster zwei Wochen vorher zum Abschluss in Rheine noch einen Punkt. Aber wir verlieren als haushoher Favorit 1:2. In der Schlussoffensive war alles dabei: Pfosten, auf der Linie gerettet, am leeren Tor vorbei. Einige von uns haben noch im Bus geheult.“ Ein Tiefpunkt, aber solche Niederschläge haben den Optimisten Golombek nie umgehauen: „Der Fußball hat mir unheimlich viele tolle Momente geschenkt.“

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