Mi., 22.05.2019

Jugendfußball: Im Moment wird das Für und Wider eines neuen Konzepts diskutiert Mehr Fußball-Spaß auch ohne Torhüter?

Vorreiter Spvg. Steinhagen: Am Cronsbach wird nicht nur beim Rabauken-Camp des FC St. Pauli Funino gespielt.

Vorreiter Spvg. Steinhagen: Am Cronsbach wird nicht nur beim Rabauken-Camp des FC St. Pauli Funino gespielt. Foto: Jens Horstmann

Halle  (WB/hosh). Bahnt sich im Jugendfußball eine echte Revolution an? Zumindest hat der bayrische Fußballverband als erster Landesverband geplant, zum 1. Juli den Kinderfußball basierend auf dem Konzept »Funino« grundlegend zu ändern. Der Deutsche Fußball-Bund beschäftigt sich schon seit knapp zwei Jahren mit dem Thema des »torwartlosen Spiels«. Die Empfehlung: Ab Juli 2019 sollen sich alle Landesverbände mit der Reform auseinandersetzen und diese schrittweise umsetzen.

Mehr Ballaktionen

Basierend auf der Idee des »Funino« von Horst Wein erhofft sich der DFB durch eine Veränderung der Spielform eine verbesserte Ausbildung während der ersten Jahre. Es soll je nach Altersklasse zwischen der G-Jugend (U6/U7) und E-Jugend (U10/U11) verschiedene Spielformen geben. Von Zwei-gegen-Zwei bis zum Fünf-gegen-Fünf ohne Torhüter und auf vier Minitore. Im E-Jugendbereich ist dann später auch ein Sieben-gegen-Sieben mit Torwart möglich. Ziel ist es, jedem Kind unabhängig von der Leistungsstärke genug Ballaktionen auf dem Spielfeld zu ermöglichen, um so auch vor allem die etwas schwächeren Nachwuchsspieler besser zu fördern,

Verband entscheidet

Wie aber das Beispiel Bayern zeigt, liegt die Entscheidungsgewalt bei den Landesverbänden. Daher müssen bzw. dürfen die Verantwortlichen in Westfalen autark entscheiden, ob sie das »Funino-System« einführen wollen. Jörg Pudel, DFB-Stützpunkttrainer in Bielefeld, verspricht, dass es keine Hau-Ruck-Aktionen geben wird: »Aktuell sieht es so aus, dass der Verband eine Arbeitsgruppe um Verbandstrainer Carsten Busch gegründet hat, die sich intensiv mit dem Für und Wider auseinandersetzt.« Unabhängig davon plant Pudel, der seit kurzem auch als Koordinator für den Kreisjugendausschuss tätig ist, Ende des Sommers eine Art Lehrabend mit allen Verantwortlichen der hiesigen Jugendteams. Dort soll das Projekt »Funino« den Vereinen nähergebracht werden. Allerdings ist der Kreis nur Schirmherr der Veranstaltung. Um den Inhalt kümmert sich Steinhagens Jugendleiter Oliver Erdmann. Seine Spvg. arbeitet in den unteren Jugendklassen seit mittlerweile vier Jahren mit dem Funino-Konzept.

Vorreiter Steinhagen

Dabei war es Zufall, dass Erdmann auf die Idee des torwartlosen Spiels stieß: »Der FC St. Pauli kommt im Sommer mit seinem Rabauken-Camp in Steinhagen vorbei und brachte diese Idee mit. Wir waren sofort davon begeistert und setzen das Funino-Konzept seither im Training um. Am Anfang wurde wir dafür noch belächelt und jetzt fragt uns der Kreis, ob wir einen Lehrabend organisieren können...« Aus Erdmanns Sicht hat sich das System bisher absolut bewährt und viele Vorteile: »Jedes Kind hat mehr Ballaktionen und die Trainer lassen die Jungs einfach spielen. Beim Drei-gegen-Drei kann sich auch niemand verstecken. So lernen die Kinder spielend, sich zu verbessern. Da die Trainer nicht dauernd Anweisungen reinrufen, nimmt es den Kids auch total den Druck. Sie spielen einfach drauf los.« Um die Trainer zu schulen, schickte die Spvg. seine Nachwuchstrainer sogar zum FC St. Pauli, um vor Ort mehr über Funino zu lernen. Denn die richtige Trainerausbildung sei laut Erdmann das A und O beim Funino.

Bedenken und Kritik

Genau hier sieht Holger Margenau, Jugendleiter beim BV Werther, einen der Kritikpunkte: »Ich bin grundsätzlich der ganzen Sachen gegenüber aufgeschlossen. Aber ich bin auch ehrlich: Ich habe noch keine großen Informationen über das Konzept. Daher habe ich natürlich ein paar Bedenken. Wir müssen die Trainer ausbilden, eventuell brauchen wir auch noch mehr Jugendtrainer. Ich hoffe, dass der Kreis nicht plötzlich das Konzept zum 1. Juli umsetzen will, dann würden wir ganz schön im Regen stehen.« Außerdem ist sich Margenau nicht sicher, ob die Idee wirklich dazu beiträgt, vermeintlich schwächere Spieler besser zu machen: »Wenn beim Drei-gegen-Drei zwei Spieler überragend sind, überrennen sie die anderen ja wahrscheinlich trotzdem«, merkt er an.

Mehr als Drei gegen Drei

Oliver Erdmann versteht solche Sorgen, sieht aber im eigenen Verein eine absolute Verbesserung: »In unserer F1 haben wir zwölf gute Fußballer und unsere E2 ist in ihrer Altersklasse super. Die Mannschaften sind auch in der Breite total gut besetzt. Und bei einem Funino-Freundschaftsturnier mit dem VfL Holsen hat die schlechteste Mannschaft in sechs Spielen 27 Tore erzielt.«

Am wichtigsten ist Erdmann aber, dass man Funino nicht auf Drei gegen Drei reduziert: »Wenn jetzt ein Junge unbedingt Manuel Neuer sein will, werden wir ihm das ja nicht verbieten. Dann bauen wir das im Training mit ein. Es gibt ja ganz viele verschieden Variationen und Trainingsmöglichkeiten. Und es ist auch ganz sicher nicht der Wahrheit letzter Schluss. Es geht aber im Nachwuchsfußball auch darum, Resultate nicht mit Erfolg gleichzusetzen.«

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