Do., 23.05.2019

Fußball: Sebastian Herrmann bestreitet sein letztes Spiel für Steinhagens Erste Niemals geht man so ganz

So bleibt Sebastian Herrmann in Steinhagen in Erinnerung: Nach seinem 2:1 am Sonntag bei SCB gibt es kein Halten mehr.

So bleibt Sebastian Herrmann in Steinhagen in Erinnerung: Nach seinem 2:1 am Sonntag bei SCB gibt es kein Halten mehr. Foto: Sören Voss

Von Stephan Arend

Steinhagen.  (WB). Sebastian Herrmann (32) hatte schon in ganz jungen Jahren für Steinhagen gekickt, ehe er in die Jugend von Borussia Dortmund wechselte und später mit dem VfL Bochum in der A-Jugend-Bundesliga erfolgreich war. Der Stürmer spielte in der Oberliga für VfL Bochum II und SC Wiedenbrück, ehe er nach kurzer Stippvisite bei Arminia Bielefeld II zurück an den Cronsbach wechselte. Im großen WB-Interview blickt Sebastian Herrmann auf zehneinhalb bewegte und bewegende Jahre in Steinhagen zurück, auf mehr als 200 Tore, Aufstiege und Schicksalsschläge. Ab der nächsten Saison wird Steinhagens Rekord-Torjäger für TuS Quelle in der Kreisliga B auflaufen.

 

Sie haben am 1. März 2009 nach Ihrer Rückkehr nach Steinhagen Ihr erstes Bezirksliga-Pflichtspiel bestritten. Können Sie sich noch erinnern?

Sebastian Herrmann: Ja, klar – und auch an die Überschrift in der Zeitung: »Schwalbe – Herrmann fliegt vom Platz«. Das war ein 0:0 gegen Altenhagen. Ich hatte schon Gelb gesehen und wollte in der 79. Minute unbedingt einen Elfmeter haben. Der Schiedsrichter hat das anders gesehen und mir Gelb-Rot gezeigt.

 

Sie haben als Jugendlicher in Dortmund und Bochum gespielt, von einer Profi-Karriere geträumt. Warum sind Sie nach Steinhagen zurückgekehrt und so lange geblieben?

Herrmann: Zu der Zeit habe ich bei Arminias Amateuren gespielt. Profi-Fußball und auch semi-professioneller Fußball wie heute die Regionalliga hatten sich damals für mich erledigt. Ich wollte mich also auf meinen Beruf konzentrieren und hatte Lust, mit Freunden wie David Steffek und Andi Kretsch­mann in einer Mannschaft zu kicken. Daraus sind zehneinhalb Jahre Steinhagen geworden. Das kommt nicht von ungefähr. Ich habe mich in diesem Verein immer sehr wohl gefühlt. Hier war jeder für den anderen da. Wir haben uns gegenseitig bei Umzügen geholfen, mit dem Vorstandsteam Micky Johanning, Bobby Wessels, Martha Schmidt, Axel Möller und Charly Walter haben wir bis 1 Uhr nachts in der Kabine gesessen und über Fußball philosophiert. So etwas hat den Verein ausgezeichnet und sich auch auf dem Platz bezahlt gemacht. Jeder hat für den anderen gekämpft. Mit Teamgeist haben wir viele Spiele gedreht.

 

Haben Sie Buch geführt über die vielen Tore?

Herrmann: Nein, aber mit den Pokalspielen und den Treffern in der Bezirksliga – in einer Saison waren es 38 – sind das weit mehr als 200. Carsten Johanning hat zu seiner Trainer-Zeit in Steinhagen genau Statistik geführt. Wahnsinn, er kannte alle Daten. Daher wusste ich genau, dass ich 2015 gegen Rietberg mein 100. Landesliga-Tor erzielt habe.

 

Was war der schönste Treffer?

Herrmann: Gegen Harsewinkel habe ich beim 4:0 im Landesliga-Spiel alle vier Treffer erzielt. Einer davon war ein Fallrückzieher. Da hat mir sogar mein Gegenspieler Robert Oral auf dem Platz spontan gratuliert. Carsten Johanning hat danach gesagt, ich wäre trotzdem der schlechteste Mann auf dem Feld gewesen. Und erst vor einigen Wochen gegen Oerlinghausen war ich ja erneut per Fallrückzieher erfolgreich.

 

Und das kurioseste Tor?

Herrmann: Im Heimspiel gegen Bad Westernkotten habe ich einen Abstoß des Torwarts kurz vor der Mittellinie mit der Brust angenommen und war per Volleyschuss erfolgreich. In Häger habe ich auch von der Mittellinie getroffen. Doch das war auf dem kleinen Rasenplatz nicht so schwierig.

 

Vier Tore in einem Landesliga-Spiel sind Ihnen mehrmals gelungen...

Herrmann: Stimmt, auch beim 4:4 gegen Peckeloh in Unterzahl. Und gegen Höxter hatte ich schon nach 60 Minuten vier Mal getroffen. Und dann wechselt mich Daniel Keller aus und versaut mir den Rekord. Da war ich richtig sauer. Zu Bezirksligazeiten war ich am Abend vor dem Derby in Häger lange mit unserem Co-Trainer Thomas Kiso unterwegs. So lange, dass Tommi zu spät zum Spiel kam. Und ich habe fünf Mal geknipst.

 

Haben Sie nie daran gedacht zu wechseln?

Herrmann: Als wir 2011 in die Landesliga aufgestiegen sind, haben wir auf dem Weinmarkt und im alten Pesel gefeiert. Ich habe dann bei Micky Johanning auf einem Bierdeckel unterschrieben, dass ich bleibe – obwohl ich ein super Angebot von Oberligist TuS Dornberg hatte. Damals war meine berufliche Zukunft unsicher und von dem Geld hätte ich einige Zeit auch ohne Job leben können. Doch ich habe mein Wort gehalten und bin in Steinhagen geblieben. Einige Jahre später hatte ich mich mit SC Herford schon geeinigt, obwohl im Keller von Geldgeber Siggi Menke lauter Schalker Fan-Utensilien herumhingen und ich Dortmund-Fan bin. Doch Herford hat sein Angebot zurückgezogen. Zwei Tage später habe ich in der Zeitung gelesen, warum: Die hatten Ärger mit dem Finanzamt.

 

Würden Sie rückblickend als Fußballer etwas anders machen?

Herrmann: Nach Steinhagen zurückgekehrt zu sein, das habe ich nie bereut – auch nicht, in der Jugend für Borussia Dortmund und VfL Bochum gespielt zu haben. Wir waren auf Turnier-Reise in Namibia und Südafrika. In der C-Jugend bin ich bei einem Turnier mit Bayern München und Manchester United Torschützenkönig geworden. Rückblickend hätte ich eine Sache anders gemacht. Weil in Dortmund kein Platz im Jugend-Internat frei war, habe ich in Bochum einen Vier-Jahres-Vertrag unterschrieben. Am Tag danach kam die Nachricht vom BVB, dass sie für mich einen zusätzlichen Platz geschaffen haben. Doch da war es zu spät. Für meine fußballerische Entwicklung wäre Dortmund die bessere Adresse gewesen. Andererseits: Wenn ich Profi geworden wäre, wäre ich nicht in die Heimat zurückgekehrt. Somit wäre ich wohl auch nicht mit meiner Frau Maren zusammengekommen, die ich kenne, seit ich drei Jahre alt bin. Und es würde auch unseren Sohn nicht geben. Die beiden sind mir so viel wichtiger als eine Fußball-Karriere. Also habe ich doch alles richtig gemacht.

 

An welche Erfolge erinnern Sie sich am liebsten zurück?

Herrmann: An den Landesliga-Aufstieg 2011. Den Pokalsieg 2016 in Ummeln unter Trainer Daniel Keller an einem perfekten Fußballtag mit vielen Zuschauern aus Steinhagen und vier Toren von mir. An den Sieg beim Masters, als mich die Peckeloher Fans mit ihren Klatschpappen beworfen haben. Ich habe gedacht: »Wenn sie meine Mitspieler in Ruhe lassen, sollen sie das ruhig machen. Mich stört das überhaupt nicht.« Und natürlich an die Rückkehr in die Landesliga Sonntag bei SCB.

 

Was war der bitterste Moment?

Herrmann: Vor einem Jahr in Westenholz trotz eines Sieges abzusteigen, das tat weh. Ich habe mir geschworen, dass wir diese ganze schlimme Saison vergessen machen und wieder aufsteigen.

 

Möchten Sie darüber sprechen, warum die Saison 2017/18 so schlimm war?

Herrmann: Einen Tag vor dem Peckeloh-Spiel ist meine Mutter gestorben. Sie hat mich auch beim Fußball immer unterstützt und ich wusste: »Sie will, dass ich auf dem Platz stehe und spiele.« Also habe ich gespielt. Eine Woche später haben wir kurz vor dem Anpfiff gegen Bad Lippspringe die Nachricht erhalten, dass unser Fußball-Obmann Micky Johanning tödlich verunglückt ist. Das hat mir komplett den Boden unter den Füßen weggezogen. Micky war ein guter Freund, der mir viel Kraft gegeben hat, als es meiner Mutter schlecht ging. Schicksalsschläge, die auch meine Mitspieler berührt haben und ein Grund waren, warum wir abgestiegen sind. Nie zuvor war mir so bewusst, dass Fußball eine schöne Nebensache ist, aber dass es im Leben viel wichtigere Dinge gibt.

 

Warum hören Sie nun in Steinhagen auf?

Herrmann: Ich habe in Steinhagen fünf Trainer erlebt, viele Spieler kommen und gehen sehen. Viele junge Leute kommen dazu, ich dagegen werde älter. Es war klar, dass ich noch einmal etwas Neues erleben und mit meinem besten Kumpel Alex Kropp in einer Mannschaft spielen möchte. Steinhagens ursprüngliche Entscheidung, mit Trainer Tobias Brockschnieder auch in die kommende Saison zu gehen, hat im Dezember meinen Entschluss dann beschleunigt. Mit unserem neuen Coach Mario Lüke komme ich super klar. Doch ich habe in Quelle zugesagt, stehe zu meinem Wort und freue mich auch auf die neue Saison.

 

B-Liga statt Landesliga: Ist das wirklich ein Wechsel, der Sinn macht?

Herrmann: In Quelle spiele ich mit vielen Leuten in meinem Alter zusammen. Das ist auch keine normale B-Liga-Mannschaft, sondern eine coole Truppe mit Jungs, die richtig gut zocken können.

 

Ein bekannter Fußball-Trainer hat sich mit den Worten »Ich habe fertig« verabschiedet. Gilt das auch für Sebastian Herrmann?

Herrmann: Mir ist schon klar, dass leistungsorientierter Fußball für mich nun der Vergangenheit angehört. Doch ich habe jetzt mehr Zeit für meine Familie und freue mich riesig darauf, mit meinem Sohn im Garten zu kicken, wenn er in sechs Monaten laufen kann.

 

 

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