Mi., 13.05.2020

Handball: Christian Kalms verabschiedet er sich in Richtung Hobby-Sport und blickt zurück Zweimal 18 Tore und der tödliche Pass

Vier erfolgreiche Oberliga-Jahre bei SF Loxten: Als bestes Spiel der Mannschaft in den froschgrünen Trikots hat Christian Kalms den Derbytriumph gegen TSG Bielefeld von 2015 in Erinnerung.

Vier erfolgreiche Oberliga-Jahre bei SF Loxten: Als bestes Spiel der Mannschaft in den froschgrünen Trikots hat Christian Kalms den Derbytriumph gegen TSG Bielefeld von 2015 in Erinnerung. Foto: Sören Voss

Von Gunnar Feicht

Steinhagen-Brockhagen (WB). Seine letzte Spielzeit im Leistungshandball, die ist sicher anders verlaufen, als sich Christian Kalms das vorgestellt hatte: Sie begann mit zwei Matchstrafen plus einer „Blauen Karte“ in den ersten fünf Wochen der Saison – und sie endete vorzeitig wegen der Corona-Krise. Doch wenn der 35-Jährige, den alle nur Chrissi nennen, künftig mit seinen besten Freunden bei TuS Brockhagen IV nur noch zum Spaß Handball spielt, dann kann er zufrieden zurückblicken: „Ich habe handballerisch das rausgeholt, was für mich möglich war. Vielleicht wäre noch eine Klasse höher drin gewesen, hätte ich Brockhagen früher verlassen. Aber ich muss mich menschlich bei einem Verein wohlfühlen. Das hat immer gepasst – und darüber bin ich sehr froh.“

Das Resultat: Mit seinem Stammverein TuS Brockhagen (2008 bis ‘10) und SF Loxten (2014 bis ‘18) spielte er insgesamt sechs Jahre lang Oberliga-Handball – für einen Rückraumspieler mit „nur“ 1,83 m Körperlänge eine außergewöhnliche Bilanz. Sein Markenzeichen, der scheinbar ansatzlose, knallharte Schlagwurf aus der Distanz, war bald überall bekannt – aber von den meisten Abwehrreihen einfach nicht zu verteidigen. „Ich bin nicht der Allergrößte und habe auch noch meistens auf Halbrechts gespielt – da wären Versuche per Sprungwurf meist in der Abwehr hängen geblieben. Ich musste mir was einfallen lassen. In früheren Jahren bin ich oft mit Tempo eins gegen eins auf die Nahtstellen gegangen. Mit der Zeit habe ich den Schlagwurf über den Kopf der Abwehrspieler immer mehr verbessert und verfeinert“, schildert Kalms die Entwicklung seiner Spielweise.

Was außerdem stets beeindruckt hat, ist der unbändige Ehrgeiz des Vollblut-Handballers. Damit hat er manches knappe Spiel entschieden, aber auch gravierende Verletzungsprobleme besiegt. Schon im ersten oder zweiten Herren-Jahr hatte es ihn so schwer erwischt, dass manch anderer wohl aufgesteckt hätte: „In Harsewinkel habe ich mir so schwer das Knie verdreht, dass die Kniescheibe raussprang, Knochen abgesplittert sind und ein Knorpelschaden festgestellt wurde“, erinnert sich Kalms. Er kam zurück, ließ auch später seine Mannschaften nie im Stich. Zum Beispiel als nach monatelangen Schulter-Problemen endlich die erforderlich OP anstand: „Wir hatten zu wenig Leute fürs Endspiel. Da ist Chrissi von der Tribüne aufgestanden, nach Hause gefahren und hat seine Sporttasche geholt. Der ist immer noch so heiß auf Handball“, lobte SF Loxtens ehemalige Obmann Horst Grube Kalms’ Einstellung. Mit ihm gewann Loxten gegen Verl den Kreispokal – und am Mittwoch danach musste er unters Messer.

Mit fünf Jahren begann für Chrissi Kalms als Spross einer Brockhagener Handball-Dynastie bei Trainer Manfred Schukies die „Grundausbildung“ am Ball. Mit bekannten Namen wie Fabian Blank, Kai Uhlemeyer, Florian Ruwwe, Sebastian Noak und Christoph Lewanzik bildete er in den späteren Jugendjahren starke Nachwuchsteams in den überregionalen Leistungsklassen. Und schaffte – zunächst schon mit Doppelspielrecht – nahtlos den Übergang in die „Erste“, die mit Rückkehrer Lars Deppe als Anführer die erfolgreichste Ära in der Brockhagener Handball-Geschichte einläutete. Landesliga-Aufstieg 2005, Verbandsliga-Aufstieg 2007, Durchmarsch in die Oberliga 2008: Immer war Kalms beteiligt. Und lobt bis heute Trainer Heiko Ruwe: „Er hat uns die moderne Spielkultur mit hohem Tempo vermittelt, konnte die Mannschaft perfekt auf die Gegner einstellen. Heiko war ja selbst ein super Spielmacher und hat es verstanden, das auch weiter zu geben.“

Der TuS schaffte den Vormarsch fast durchweg mit Eigengewächsen – „wir haben wirklich kaum einen Cent gekriegt“, betont Chrissi Kalms. Das reichte auf die Dauer nicht für Westfalens höchste Spielklasse, zwei Abstiege folgten ab 2010. Der mittlerweile zum Führungsspieler herangewachsene Blondschopf bliebt zunächst trotz etlicher Angebote. Nach dem Sturz in die Landesliga verpasste Brockhagen 2013/14 im Kopf-an-Kopf-Rennen mit TuS 97 Bi.-Jöllenbeck II hauchdünn die Verbandsliga- Rückkehr.

Da gab der damals 28-Jährige dem Werben von SF Loxtens Trainer Dirk Elschner nach: „Ich kannte viele Spieler gut, vor allem Heiner Steinkühler, und hatte immer schon vorgehabt, mit ihm in einer Mannschaft zu spielen.“ Der Transfer zum Oberliga-Aufsteiger zahlte sich für beide Seiten aus: Nach dem Verbleib im ersten Jahr steigerten sich die Frösche von Jahr zu Jahr. „Handballerisch waren es für mich die besten Jahre. Ich habe noch mal einen anderen Verein kennen gelernt, der genau das Umfeld bot, wie ich es gerne habe: ein ganz enger Kontakt zu den Zuschauern, die super Stimmung machen, ein familiäres Umfeld und eine Geselligkeit, wo man nach dem Training nicht gleich ins Auto steigt und nach Hause fährt.“

2018 schloss Kalms dieses Kapitel mit der Rückkehr zum TuS ab. Der Landschaftsgärtner, der am Arbeitstag acht oder mehr Stunden kräftig zupacken muss, wollte die körperliche Belastung runterfahren. Mit seinem Beitrag zum Brockhagener Verbandsliga-Aufstieg 2019 hat er noch mal einen Meilenstein gesetzt. Bis es dann – zu einem noch ungewissen Zeitpunkt – mit Hobbysport in der Kreisklasse weitergeht, muss er mit der Erinnerung an die Top-Spiele seiner Karriere die Lust auf Handball im Zaum halten:

27. November 2004 - Bezirksliga: TuS Brockhagen - Spvg. Steinhagen II 33:26. „Kalms nicht zu stoppen“: Als 19-Jähriger erzielt der Youngster 18/5 Derby-Tore gegen eine mit höherklassig erfahrenen Spielern wie Daniel Meßling, Klaas Szierbowski und Wolfgang Blankert gespickte Reserve des Nachbarn. „Ich muss wohl nicht erklären, wer ein sehr starkes Spiel gemacht hat“, lobt Trainer Uwe Sonntag nach dem „kleinen Derby“ vor 130 Zuschauern. „Ich hatte damals nur einen Fehlwurf“, staunt Christian Kalms beim Stöbern in den alten Zeitungsausschnitten heute noch selbst über seine Unbekümmertheit vor fünfzehneinhalb Jahren.

17. Dezember 2005 - Landesliga: TuS Brockhagen - Spvg. Steinhagen 33:32 (17:13). Im Brockhagener Dress hat sich Christian Kalms mit dem Nachbarn aus Steinhagen viele heiße Derbyschlachten geliefert. Kurz vor Weihnachten 2005 treiben die beiden damaligen Landesliga-Spitzenteams die Rivalität auf die Spitze. In der mit 450 Zuschauern überfüllten Halle führt die Spvg. (mit Noak, den Lewanzik-Brüdern Holger und Christoph, Haubrock, Szierbowski, Bäumer, Meßling und Thiede) nach drei Toren in Folge 31:28 (57.). Doch die Brockhagener ziehen zum 32:31 vorbei, Tom Bäumer gleicht per Siebenmeter zum 32:32 aus. Und dann ist Kalms in diesem Hexenkessel mal nicht der Vollstrecker, sondern Vorbereiter der Entscheidung. „Wir haben noch mal eine schnelle Mitte hingekriegt, ich sehe, wie Jens Baumhüter einläuft und er hat meinen Pass zum Siegtor versenkt – in letzter Sekunde.“ In einem Spielerknäuel feiern Kalms & Co. die Verteidigung der Tabellenspitze – aber am Saisonende jubelt Steinhagen, schnappt dem TuS den Aufstieg weg.

20. April 2008 - Verbandsliga: TV Emsdetten II - TuS Brockhagen 31:40 (17:18): Sonntag, 18 Uhr im fernen Münsterland – Auswärtsfahrten zur TVE-Reserve sind bis heute unbeliebt. Aber 200 mitgereiste Brockhagener Fans machen diesen Abend für alle Rot-Weißen zu einem unvergesslichen Erlebnis. „Sonst hatte Emsdetten nur 50 Zuschauer. Als die Frau an der Kasse den Ansturm sah, hat sie gleich zum Telefon gegriffen und über Vorstandskollegen mehr Bierkästen organisiert“, erinnert sich Kalms. Mit 10/5 Toren traf er wie Ausnahmetalent Christoph Harbert (12) zweistellig und trug maßgeblich dazu bei, dass die Himmelsstürmer um Trainer Heiko Ruwe vorzeitig den Durchmarsch von der Landes- in die Oberliga perfekt machten. „TuS Brockhagen olé“, „Oberliga, Oberliga, hey, hey“ - lautstarke Sprechchöre begleiteten die furiose zweite Halbzeit vom 19:20-Rückstand bis zum 40:31-Endstand. Kalms: „Auswärts mit so vielen Fans zu feiern, ist ganz was Besonderes – aber jeder Aufstieg war ein besonderes Highlight.“

15. Februar 2014 - Landesliga: TuS Brockhagen - TG Hörste 35:28 (16:13). Da spenden selbst die bekannt kritischen Alt-Brockhagener euphorisch Applaus: Wie knapp zehn Jahre zuvor trifft Chrissi Kalms 18 Mal (diesmal mit sieben Siebenmetern). „Ich wollte Kalms schon früher in der zweiten Halbzeit in Manndeckung nehmen. Aber da sind mir die Rote Karte und die vielen Zeitstrafen dazwischen gekommen“, grübelt TGH-Coach Thomas Lay hinterher. „Die Teamkollegen haben sich nur gefragt, wie man überhaupt in einem Spiel so oft aufs Tor werfen kann“, erinnert sich Kalms grinsend. Für die 18 Volltreffer hat er im Duelle Tabellenzweiter gegen -sechster 23 Versuche gebraucht.

31. Oktober 2015 - Oberliga: SF Loxten - TSG AH Bielefeld 34:27 (18:12). 650 Zuschauer in der Sparkassen-Arena sind begeistert: Vorjahresaufsteiger Loxten führt die selbst ernannte „Nummer eins in Bielefeld“ nach allen Regeln der Kunst vor – beim 31:21 (52.) für die Frösche sieht es sogar nach einem Altenhagener Debakel aus. „Von der Atmosphäre, aber vielleicht auch von der Mannschaftsleistung war es vielleicht das beste Spiel in meiner Loxtener Zeit“, mutmaßt Kalms, der gegen seinen späteren Teamkollegen Pascal Welge selbst achtmal trifft. Und das, obwohl er unter der Woche mit dem Training aussetzen musste. „Fast alles hat geklappt. Wir haben nie den Faden verloren und auch in der Höhe verdient gewonnen“, schwärmt Kalms.

 

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Anzeige


https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7407715?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2447933%2F2352973%2F4029442%2F