Annegret Völcker erinnert sich gerne an ihren größten sportlichen Erfolg
Über 200 Meter zu WM-Gold in Brasilien

Steinhagen (WB). Der dritte Weltmeistertitel für Deutschlands Fußballer – als sich der 1:0-Triumph für Andy Brehme, Lothar Matthäus, Rudi Völler & Co. gegen Argentinien Mitte Juli zum 30. Mal jährte, waren die Medien voll davon. In Steinhagen wird in wenigen Tagen auch auf eine WM-Goldmedaille von 1990 angestoßen – im kleinen Kreis, aber mit ebenso unvergesslichen Erinnerungen. Für Schwimmerin Annegret Völcker ist damit ausgerechnet ein Mekka des Weltfußballs in Rio de Janeiro untrennbar verbunden. Denn ihren größten Sieg errang sie damals im Maracana-Schwimmstadion, unmittelbar neben dem bis zu seinem Umbau 2010 größten Fußballtempel der Welt.

Donnerstag, 30.07.2020, 19:00 Uhr
Im Maracana-Schwimmstadion in Rio de Janeiro gewann die Steinhagenerin Annegret Völcker 1990 eine Gold- und eine Bronzemedaille. Foto:
Im Maracana-Schwimmstadion in Rio de Janeiro gewann die Steinhagenerin Annegret Völcker 1990 eine Gold- und eine Bronzemedaille.

Tagebuch dokumentiert die Aufgeregtheit vor dem Rennen

Auch drei Jahrzehnte nach der Masters-WM für die Weltelite der Seniorenschwimmer blättert Anne Völcker gerne in den Aufzeichnungen, Fotos und Souvenirs vom Abenteuer Brasilien. „Ich bin ganz schön aufgeregt!“, hat sie im Tagebuch 1990 vor dem Wettkampf über 200 m Brust notiert – im letzten ihrer fünf Rennen bei dem achttägigen Großereignis will sie in der Altersklasse (AK) 45 aufs Treppchen. Und sie schafft es: „Endlich hat es geklappt! In 3:12,95 werde ich Erste. Die Freude ist natürlich riesengroß.“ Auch dieser Tagebuch-Eintrag klingt sachlich-nüchtern. Und verschweigt, dass sich zwischen der Nervosität beim Startsprung und dem Anschlag nach vier Bahnen ein dramatischer Zweikampf mit der Engländerin Elaine Bromwich abgespielt hat.

„Fünf Meter vor der letzten Wende anziehen, mit voll Power auf die letzte Bahn und dann ihr Stehvermögen ausspielen – so hat Anne viele wichtige Rennen gewonnen.“ Ehemann und Trainer Klaus Völcker, weiß genau, wie es gelaufen ist, obwohl er 1990 nicht live dabei sein konnte. Und die Siegerin erinnert sich vor allem an die befreiende Genugtuung – „nach all dem Pech über 50 m Brust, wo mir die Brille beim Start verrutscht ist, und über die 100 m, als mich eine starke Erkältung geplagt hat“. Denn mitten in der WM-Woche schwächten Völcker Schnupfen und Husten, die sie mit Japan-Öl-Bädern bekämpft.

Erst die Lautsprecher-Durchsage verschafft Gewissheit

Als sie beim 200-m-Rennen angeschlagen hat, weiß Völcker noch nicht, ob sie gewonnen hat: „Die Anzeige der Zeitmessanlage war ausgefallen, wir wurden erst auf die Folter gespannt. Nach der Lautsprecher-Durchsage hatte ich Gewissheit.“ 32 Hundertstel liegt Anne Völcker vor der favorisierten Engländerin Bromwich: „Eine Medaille hatte ich mir zugetraut, mit Gold aber nie gerechnet.“ Als Gäste einer stimmungsvollen Sambashow feiern die frischgebackene Weltmeisterin, ihre Klubkameradin Christel Vigener und ein befreundetes Schwimmerpaar aus Deidesheim den Überraschungstitel.

In der Rückschau hat die heute 75-jährige Anne Völcker die Tage von Rio als eine Weltmeisterschaft der Gegensätze in Erinnerung. Was das sportliche Auf und Ab angeht, aber auch in den Gedanken an die Eindrücke von der 5,5-Millionen-Metropole am Atlantik. „Wir hatten ein Hotel unmittelbar am weltberühmten Strand von Copacabana. Da prallten die krassen Unterschiede aufeinander. Auf der einen Seite der Reichtum und das unbeschwerte Leben - aber wir sollten uns nur mit Bodyguards vom Hotel wegbewegen. Und wenn man dem Strand den Rücken zugekehrt hat, blickte man auf die Favelas, die Elendsviertel, an den steilen Hängen über der Stadt.“

In vielen fernen Ländern den deutschen Schwimmsport gut vertreten

Anne Völcker hat in mehr als 20 Jahren (bis 2007) bei Welt- und Europameisterschaften der Masters viele Medaillen gewonnen – aber das perfekte Rennen von Rio bringt ihr das einzige WM-Gold ihrer langen Laufbahn. Um gegen die harte internationale Konkurrenz in ihrer Altersklasse zu bestehen, ist viele Jahre lang tägliches Training Standard – dreimal 1000 Meter im Wasser plus intensive Gymnastik keine Seltenheit. Der persönliche Ehrgeiz hat dies verlangt, verbunden mit dem Wunsch, in fernen Länder den deutschen Schwimmsport gut zu vertreten, aber auch hartnäckige Konkurrentinnen und befreundete Sportlerinnen und Sportler wieder zu treffen. „Die Wiedersehensfreude und Hilfsbereitschaft in dieser grenzüberschreitenden Gemeinschaft war immer ein großer Teil der Motivation“, sagt Anne Völcker.

Nur sechs Monate nach schwerer Knieverletzung wieder im Wasser

Durch den Schwimmsport lernt sie bereits 1986, bei der allerersten Masters-WM des Senioren-Schwimmsports, Tokio kennen. Zwei Jahre später erkundet sie im australischen Brisbane den nächsten Kontinent – nachdem der Start bei der zweiten Weltmeisterschaft eigentlich unerreichbar erscheint: „Ich hatte einen Kreuzband- und Seitenbandabriss im Knie erlitten. Die erste Diagnose lautete, dass ich wegen des Beinschlags nie wieder wettkampfmäßig Brust schwimmen würde.“ Aber Anne Völcker lässt sich dank guter Kontakte an der Uniklinik Kiel operieren, nutzt die optimalen Reha-Möglichkeiten an der Förde mit Fleiß und eisernem Willen optimal aus und legt 1988 nur sechs Monate nach der OP mit ihrem Comeback bei der DM die Reifeprüfung für Brisbane ab. Ein Sieg, der vielleicht genauso wertvoll ist wie das WM-Gold von 1990.

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