>

Fr., 18.07.2014

Vor 30 Jahren: Nach dem spektakulären »Nettoliga-Prozess« wurden die Amateurstatuten geändert  »FCG schrieb Fußballgeschichte!« 

Dr. Rainer Schils, von 1978 bis 1991 Präsident des FC Gütersloh, mit der von einer damaligen Initiative zusammengestellten Akte über den spektakulären Nettoliga-Prozess. Die Dokumentation ist 162 Seiten dick. Schils feiert im August seinen 70. Geburtstag.

Dr. Rainer Schils, von 1978 bis 1991 Präsident des FC Gütersloh, mit der von einer damaligen Initiative zusammengestellten Akte über den spektakulären Nettoliga-Prozess. Die Dokumentation ist 162 Seiten dick. Schils feiert im August seinen 70. Geburtstag.

Von Uwe Caspar

Kreis Gütersloh (WB). Pleiten, Pech und Pannen waren und sind leider immer noch die treuen Wegbegleiter des FC Gütersloh in seiner bisher 36-jährigen Vereinsgeschichte. Und Skandale ebenfalls. Der größte überhaupt seit Klubgründung sorgte 1984 für bundesweites Medienaufsehen, aber auch für eine längst fällige Reform der Statuten im Amateurfußball: Noch einmal Vorhang auf für den sogenannten »Nettoliga-Prozess«.

 Die Protagonisten auf der Bühne der dicken Geldbündel: Die damals überdurchschnittlich honorierten FCG-Oberligastars Volker Graul und Roland Peitsch. Allerdings wurden sie ohne Wissen ihres Vereins von einem Mäzen namens Heinz Steinkamp geködert. Graul sollte für eine Saison 180000 und Peitsch 50000 D-Mark netto kassieren – das bewegte sich früher auf Zweitliga-Niveau. Geradezu astronomische Summen. Denn: Amateure durften seinerzeit maximal nur 700 Euro verdienen.

 »Beide Spieler waren quasi ein Geschenk von Steinkamp, gegen das wir uns nicht wehren konnten. Andernfalls hätte er sämtliche Zahlungen an uns eingestellt. Dabei hatte ich gerade zehn Spieler wegen ihrer zu hohen finanziellen Forderungen vom Acker gejagt«, weiß Gründungs-Präsident Dr. Rainer Schils (69) zu berichten. Die Wahnsinns-Gehälter flogen auf, als Steinkamp plötzlich nicht mehr löhnen wollte. Es seien Bierdeckel-Verträge, die er zudem »im Vollrausch« mit Graul und Peitsch abgeschlossen hätte, argumentierte Steinkamps Anwalt.

 Der hellhörig gewordene Westfälische Fußballverband sah sich nun als Tugendwächter aufgerufen. In der ersten Verhandlung in der kasernenmäßig wirkenden Kaiserauer Turnhalle (Schils süffisant: »Toller Rahmen...«) wurde der FCG zum Zwangsabstieg verdonnert. Auch Graul und Peitsch sollten büßen – jeweils mit einer dreijährigen Spielsperre. »Es war ein kapitaler Fehler von mir, den FCG bei der Verhandlung zu vertreten, weil man selbst zu emotional ist«, hatte der Jurist Schils schnell eingesehen. Also verpflichtete er für die Revision den renommierten Anwalt Dr. Reinhard Rauball, einst Borussia Dortmunds Präsident und heute Vorsitzender des Profifußball-Ligaverbandes. »Hätte ich den FCG weiterhin vertreten, hätten sie uns am Ende zum Tode verurteilt«, drückt es Schils etwas überspitzt aus. Das Honorar für Rauball: 5000 DM. »Ein fairer Preis«, meint Schils.

 Doch selbst die juristische Koryphäe Rauball konnte den Angeklagten zunächst nicht helfen: Das im Bielefelder »Fichtenhof« tagende Westdeutsche Sportgericht rückte von der langen Spielsperre nicht ab und milderte nur das Strafmaß für den Klub. Statt Zwangsabstieg ein 25-Punkte-Abzug. »Aber auch das ist gleichbedeutend mit dem Abstieg«, stammelte FCG-Trainer Heribert Bruchhagen im »Fichtenhof«, wo nach der Urteilsverkündung heftige Tumulte ausbrachen.

 Erst in der finalen Instanz vor dem DFB-Bundesgericht in Frankfurt Ende Mai 1984 durften Rau-ball und Schils endlich triumphieren: Kein Punkte-Abzug sowie Aufhebung der Sperren für Graul und Peitsch. Mit beiden Spielern wurde der FCG wenige Wochen später Westfalenmeister, scheiterte aber dann in der Aufstiegsrunde zur 2. Bundesliga. »Kein Mensch wusste damals, was ein Amateur ist – selbst der Deutsche Fußball-Bund nicht. Erst nach dem Frankfurter Urteil entschlossen sich die Funktionäre, ihre Satzungen entsprechend zu reformieren. Auch steuerrechtlich gab es daraufhin Änderungen«, ist für Schils der »Nettoliga-Prozess« ein sport-rechtlicher Meilenstein gewesen.

 Rauball hat inzwischen beim DFB und Bruchhagen bei Eintracht Frankfurt Karriere gemacht. Der frühere Varenseller Millionär und FCG-Sponsor Steinkamp lebt nicht mehr – er ist vor Jahren völlig verarmt verstorben.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/2621399?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2447933%2F2352973%2F2514636%2F