Mi., 22.01.2020

Boxen: Espelkamper Weltmeister Christian Pawlak hat große Pläne Boxen ist hart – das Leben ist härter

 

Espelkamp (WB) . Er ist 40 Jahre alt geworden. Er hält erstmals gleichzeitig einen WM-Titel als Aktiver und einen Deutschen Meistertitel als Trainer. Und er hat große Pläne: Die Vorbereitungen für die zweite Box-WM in Espelkamp laufen auf Hochtouren. Trotzdem ist Christian sehr nachdenklich geworden angesichts der Wertschätzung, die ihm in seiner Heimat fehlt. Höchste Zeit für unseren Redakteur Ingo Notz, um im dritten Teil der WESTFALEN-BLATT-WINTERVIEWS mit Profibox-Weltmeister Christian Pawlak über seine Karriere und Perspektiven zu sprechen.

Was ist der Reiz daran, sich freiwillig auf Fresse schlagen zu lassen?

Christian Pawlak: Was ist der Reiz? Zwei Männer messen sich, wie die Gladiatoren

früher, es ist die Urversion des Kampfes: echter Männersport, wenn man so will.

Was ist für Sie das Faszinierende am Boxen?

Christian Pawlak: Natürlich verliert man auch Kämpfe, aber wenn man gewinnt, egal welchen Kampf, in dem Moment ist man gefühlt der Beste der Welt – auch wenn es kein WM-Kampf war. Dieses Gefühl... Das kannst Du nicht kaufen. Das kannst Du mit Worten nicht beschreiben.

Der Weg dahin ist lang und hart?

Christian Pawlak: Das stimmt, und man gewinnt auch nicht immer, aber wenn man gewinnt und Menschen jubeln Dir zu, Dir, der Du vorher nichts warst – das ist ein einmaliges Gefühl. Und dafür lohnt sich der Weg.

Was war Ihr Grund, mit dem Boxen anzufangen?

Christian Pawlak: Die Gewalt. Die Gewalt in Espelkamp, das war früher richtig schlimm, in den 90er Jahren, und man traute sich nicht, nach draußen zu gehen. Man wurde zusammengeschlagen, das war einfach eine andere Zeit.

Sind Sie zusammengeschlagen worden?

Christian Pawlak: Ja, genau. Ich war kein Schlägertyp, ich habe ein gutes Elternhaus, hatte Freunde, aber es gab genug Jugendliche, die Stress gesucht haben, und ich war damals meistens das Opfer. Ich habe nie etwas gemacht, aber die haben einen gesucht, mich gefunden und, ja, dann habe ich es ins Gesicht bekommen. Ich habe zuhause gesessen und geweint, hab mich eingesperrt und versucht, etwas dagegen zu machen, mit Sport und ich habe viele Bücher gelesen. Bruce Lee und so etwas.

 

Es war also eine Entscheidung, sich gegen die Straße zu wehren oder sich aufzugeben?

Christian Pawlak: Ich habe mir geschworen, ich werde nie im Leben weglaufen. Nie! Deshalb habe ich mir Bücher gekauft, habe erst Karate gemacht, dann Taekwon-Do, aber ich habe gemerkt, die Straße ist einfach brutal. Da gibt es einfach keine Regeln. Das war einfach reine Gewalt. Ich habe mir auch Bodybuilding angeschaut, die Jungs waren kräftig, gut gebaut, aber dahinter war nichts. Dann kam ich irgendwann zu den Boxern, und die waren echt hart. Das konnte man mit Karate, Taekwon-Do oder Bodybuilding nicht vergleichen. Ich dachte, wenn ich das überstehe, das Training, dann kann ich mich auf der Straße vielleicht noch nicht behaupten, aber ich brauche nicht wegzulaufen, und ich wollte nie weglaufen, und so bin ich da geblieben.

 

Die Szenen, die Sie beschreiben, vermutet man in der Bronx oder in deutschen

Großstädten wie Berlin oder Frankfurt, aber in Espelkamp? War das so schlimm?

Christian Pawlak: In den 90er Jahren zählte Espelkamp zu den schlimmsten Städten in Deutschland, das war schon brutal. Kriminalität, Schlägereien, Massenschlägereien – es gab alles. Man musste sich schon behaupten. Ich konnte das nicht. Keine Chance... Die kamen zu zweit, zu dritt, und wenn man Gewalt nicht kennt, dann hat man Angst.

 

Der Weg zum Sport war gleichzeitig der Weg raus aus der Angst?

Christian Pawlak: Genau! Das war der Weg, dass ich keine Angst mehr haben muss. Das Boxen hat mir das alles bewusst gemacht. Ich habe trainiert, trainiert, trainiert – Freunde kennengelernt, und dann war ich irgendwann so gut, dass ich gar nicht wusste, wie gut ich bin, bis andere Leute mir gesagt haben, wie gut ich bin. Und dann habe ich nie wieder Stress gehabt.

 

Ist die Angst, die man von der Straße kennt, im Ring eine Stärke? Darf man mit Angst überhaupt in den Ring gehen?

Christian Pawlak: Mit Angst nicht. Angst hält Dich aber am Leben. Wenn wir keine Angst hätten, würden wir herunterspringen von Gebäuden und wären tot. Jeder Sportler ist auch nur ein Mensch und jeder Mensch hat irgendwie Angst, aber wenn man mit Angst in den Ring geht, verliert man. Man muss Respekt haben und die Vorsicht. Wenn man Angst hat, weil der Gegner vielleicht böse aussieht, dann hat man schon verloren.

 

Das Kind, das Angst hatte, auf Espelkamper Straße zu gehen, ist jetzt Weltmeister im Profiboxen!

Christian Pawlak: Ich habe erst lange trainiert, dann bei den Amateuren geboxt, bis

 

der Trainer meinte, Du musst Kämpfe machen. Als Junior war ich ungeschlagen. Dann habe ich mich durch die Ligen geboxt, irgendwann kam die Zweite Liga, dann die Erste Liga, dann habe ich Länderkämpfe gemacht und dann gemerkt: Ich bin gar nicht so schlecht. Also hab ich gedacht, ich geh mal zu den Profis und versuche da mein Glück.

Seit 2006 schlägt sich Christian Pawlak als Boxprofi durchs Leben. Foto: Ingo Notz

Seit wann sind Sie als Profi unterwegs?

Christian Pawlak: Ich bin gelernter Maler und Lackierer, nebenbei habe ich Amateurboxen gemacht, 2006 bin ich dann Profi geworden und hab mich seitdem ganz auf den Sport konzentriert. Es war aber schwer, davon zu leben. Meine Vorstellungen waren anders. Im Fernsehen war das anders. Die Wirklichkeit war wieder anders.

 

Wovon haben Sie geträumt, als Sie Profi geworden sind? Und was war dann die Wirklichkeit?

Christian Pawlak: Ich habe davon geträumt, dass ich gut vom Boxen leben kann. Geld verdienen. So, wie man es im Fernsehen sieht: von den Klitschkos und den anderen, die in den Medien stehen. Aber die Wirklichkeit ist anders. Man hat gar nichts. Die Leute nutzen Dich aus. Manche geben Dir einen Teil, nehmen Dir aber drei Teile wieder weg. Es ist hart, ein hartes Geschäft.

 

In das harte Geschäft sind Sie 2006 eingestiegen und hatten das Glück, mit einem der größten deutschen Boxer aller Zeiten zusammenarbeiten zu dürfen: Graciano Rocchigiani.

Christian Pawlak: 2006 bin ich Profi geworden, habe einige Kämpfe bestritten und alle gewonnen. Ende 2007 hat Graciano sein Gym aufgemacht. Er suchte Leute, die er unter Vertrag nimmt. Ein Kollege hat ihm für mich geschrieben, ob wir uns vorstellen könnten. Einmal kam ich, da war er nicht da, dann sind wir nochmal hin, am selben Abend musste ich vorboxen, dann hat Graciano gesagt: Ja, mit Dir machen wir einen Vertrag. Ich war glücklich, zufrieden, bei einem Weltspitzenboxer einen Vertrag zu kriegen. 2007 habe ich dann angefangen, richtig mit ihm zu trainieren.

 

Was hat er Ihnen beigebracht, wie hat er Sie zu einem besseren Boxer gemacht?

Christian Pawlak: Einen wie Graciano wird es nie wieder geben, glaube ich. Gracianos Stil, sein Denken, seine Menschlichkeit, was er mir alles beigebracht hat mit seinem Training, aber auch, wie offen er ist, wie ehrlich er ist. Er hat nicht immer nur schöne Sachen gesagt, aber er hat immer die ehrlichen Sachen gesagt. Er erzählt mir vom Leben, mit Geld, ohne Geld, wie man Freunde findet, wie man verliert, er hat mir vieles beigebracht. Er hat auch gesagt, wenn ich Geld verdienen sollte, sollte ich es nicht so machen wie er und es nur verballern, ich sollte es richtig investieren. Er hat mir viele gute Ratschläge gegeben. Natürlich auch für das Leben als Profisportler.

 

Was ist aus der Zusammenarbeit geblieben?

Christian Pawlak: Alles! Es ist soviel, dass man es nicht in Worte fassen kann, es ist zuviel.

 

Graciano war mehr als ein Trainer für Sie?

Christian Pawlak: Erst war er der Trainer, dann war er etwas wie eine Vaterfigur, dann waren wir Freunde. Wir haben über alles geredet, waren fast jeden Tag zusammen, wir waren unzertrennlich. Wir haben die Kämpfe gemacht, dann wieder viel geredet.

Vorbild, Trainer, Vaterfigur, Freund: Graciano Rocchigiano war für Christian Pawlak ein Glücksfall als Boxer und als Mensch. Foto: Ingo Notz

Was hat Graciano für Sie zu einem besonders wichtigen Menschen im Leben und im Sport gemacht?

Christian Pawlak: Er war echt ein guter Mensch. Das sage ich immer wieder. Ob es das Finanzielle war: Er hat mich nie beschissen, hat immer zu mir gestanden, hat mir immer geholfen, nicht nur mir, er hat jedem geholfen. Das macht ihn außergewöhnlich. Er ist echt ein guter Kerl gewesen.

 

Welche Veränderungen hat er bei Ihnen bewirkt: boxerisch und im sonstigen Leben?

Christian Pawlak: Das Leben... Ich merke immer wieder, bei Graciano oder auch heute, das Leben ist nicht immer gerade, man muss immer kämpfen, immer wieder aufstehen, immer wieder aufstehen. Man muss den Leuten auch eine Chance geben, denen zu vertrauen, man fällt vielleicht wieder auf die Schnauze, aber man muss trotzdem die Chance geben, den Menschen zu vertrauen. Wenn man keinem vertraut, kann man es auch nicht weiter schaffen. Ich falle öfter mal, wie Graciano auch, auf die Schnauze, man gibt den Menschen Vertrauen, man wird, auf Deutsch gesagt, gefickt, aber bei einem von 20 ergibt sich dann auch, dass der dann auch nett ist. Der auch gerade ist. Oder einem helfen will.

Mit Ralf und Graciano Rocchigiani in seiner Ringecke war Christian Pawlak erfolgreich. Foto: Ingo Notz

Auf das Boxen übertragen: Kann man in diesem Geschäft ehrlich erfolgreich sein?

Christian Pawlak: Nein!

 

Warum nicht?

Christian Pawlak: Das sieht man bei mir: Ich kämpfe, ich tue, ich mache – und Du kriegst einfach keine Chance. Es ist einfach schwer, weil das Finanzielle fehlt. Es gibt ein paar, mit denen man arbeiten kann. Das Geschäft ist hart. Ich liebe den Sport auch, es sind ja nicht alle schlecht, nur...: Es ist halt schwer.

 

Wo ist der Unterschied, zwischen dem Sport, den Sie lieben, und dem Geschäft Boxen?

Christian Pawlak: Geschäft ist Geschäft, Sport ist Sport. Ich bin Sportler und kein Manager, die meisten Manager wollen Geld verdienen. Solange Du gut laufen kannst, bringst Du Geld, wenn Du nicht gut laufen kannst, wirst Du entsorgt. Das ist das Unmenschliche. Graciano war menschlich, er hat die Sportler nicht einfach weggeschmissen, weil sie schon verbraucht waren wie ein altes Pferd. Irgendwann kann das Pferd nicht mehr, das wird geschlachtet. Trotzdem hat sich Graciano immer gekümmert. Er hat mir gesagt: Christian, wenn Du nicht mehr boxt, stelle ich Dich bei mir als Trainer ein, damit Du eine vernünftige Zukunft hast. Er hat für die Boxer über die Karriere hinaus gedacht und sie nicht einfach ausgenutzt.

Erinnerungen: 2008 führte Graciano Rocchigiani Christian Pawlak zum ersten gemeinsamen Titel bei den Deutschen Meisterschaften. Foto: Ingo Notz

Sie hatten zusammen konkrete Pläne für ein Projekt über die Karriere im Ring hinaus. Nicht irgendwo, sondern im Kreis Minden-Lübbecke?

Christian Pawlak: Wir hatten geplant, erst noch ein paar Kämpfe im Fernsehen zu machen. Dann wollten wir etwas in Espelkamp aufziehen, vielleicht wäre Graciano auch nach Espelkamp gekommen oder nach Minden, um hier Jugendliche zu unterstützen. Wir hatten Großes geplant, die Gespräche waren nicht schlecht, aber leider hat er es bis dahin nicht mehr geschafft.

 

Erinnern Sie sich an den Moment, als Sie erfahren haben, dass Graciano nicht mehr unter uns ist?

Christian Pawlak: Als ich das gehört habe... Das glaubt man erst mal nicht. Das war unfassbar. Von wegen Autounfall und überfahren und so weiter. Ich kenne Graciano. Ich kann nur eins sagen: Ich kann mir nicht vorstellen, dass es so passiert ist.

 

Wie meinen Sie das?

Christian Pawlak: So wie ich das gesagt habe.

 

Graciano war für manche Leute ein unbequemer Mensch. Sind alle, die im Boxgeschäft zu direkt oder zu ehrlich sind, unbequem?

Christian Pawlak: Die Unbequemen sind schlecht zu verkaufen. Man kann einiges schön reden, das sieht man ja auch im Fernsehen. Aber es ist auch noch Sport und nicht nur Geschäft.

 

Was ist am Boxen dann so schwierig und unehrlich? Ein 100-Meter-Läufer, der schlechter ist als sein Gegner, kommt nicht als Erster ins Ziel. Im Boxen kann aber genau das passieren?

Christian Pawlak: Genau.

 

Bereuen Sie es manchmal, dass Sie sich für Boxen und nicht für Fußball entschieden haben? Wenn Sie im Fußball Weltmeister wären...

Christian Pawlak: Ja, klar: Wenn ich da auch nur Zweite Liga gespielt hätte, wäre es schon besser als jetzt.

 

Finanziell?

Christian Pawlak: Finanziell! Auf jeden Fall!

 

Man kennt das aus Realität und Fiktion anders: Wenn einer dort Weltmeister ist, müsste er eigentlich ausgesorgt haben. Da gibt es Millionenbörsen...

Christian Pawlak: Richtig. Die vier größten Verbände, das sind schon Riesen-Nummern. Da ran zu kommen, ist möglich, aber ohne Sponsoren kommt man da auch nicht hoch. Das ist ganz einfach... Wenn man gegen gute Boxer boxt, und da steht viel Geld hinter denen, dann kann man die auch nicht so einfach schlagen. Wenn man die knapp schlägt, verliert man den Kampf. Wenn man klar gewinnt, machen die daraus ein Unentschieden. Da muss man auch als Boxer kämpfen, weiter die Lust zu haben. Du kämpfst, kämpfst, verlierst auch solche Kämpfe, die Du eigentlich gewonnen hast, dann kommt die große Chance und obwohl Du eigentlich gewonnen hast, verlierst Du. Da muss man sich immer wieder aufbauen. Man verliert dann auch die Lust, sich zu quälen. Das ist nicht einfach.

Deutscher Meister mit Graciano Rocchigiani: Christian Pawlak. Foto: Ingo Notz

Sie sind mit Graciano Deutscher Meister geworden.

Christian Pawlak: Richtig. Ich bin der erste Titelträger von Gracianos Rockys Gym. Das müsste eigentlich auch in den Büchern stehen, die über Graciano geschrieben worden sind, aber die haben mich vergessen. Wieso auch immer. Die müssen mich nicht erwähnen, weil ich Christian Pawlak bin, aber wenn man schon ein Buch über Graciano schreibt... Ich bin der erste Titelträger von Graciano, auch der erste Schützling – und an der Geschichte können die nichts drehen. Jeder will in dem Buch stehen, das kann ich verstehen, aber was seine Biographie betrifft: Da gehöre ich dazu. Punkt.

 

Warum werden Sie dann nicht in der Biographie erwähnt? Sind Sie auch als Weltmeister der WBU zu unwichtig?

Christian Pawlak: Da muss man den Buchverlag fragen. Vielleicht haben die sich nicht informiert oder waren nicht schlau genug: Vergessen können die mich eigentlich nicht, weil es jeder weiß... Graciano hat viel Gutes für mich gemacht, ich habe viel Gutes für ihn gemacht. Wir waren eigentlich ziemlich gleich. Das hat uns so verbunden. Als erster Schützling von Graciano und weil ich den ersten Titel für Rockys Gym geholt habe, das war wie ein Lottogewinn, was ich mit Graciano gehabt habe. Und er mit mir. Dafür bin ich auch ewig dankbar.

Erfolgreich – aber oft auf sich allein gestellt: Box-Weltmeister Christian Pawlak. Foto: Ingo Notz

Sie sind seit 2015 Weltmeister. Seit fünf Jahren. Da müsste man eigentlich finanziell ausgesorgt haben?

Christian Pawlak: Richtig!

 

Haben Sie finanziell ausgesorgt?

Christian Pawlak: Habe ich nicht!

 

Was haben Sie dann falsch gemacht? Andere sind nach fünf Jahren als Weltmeister Millionär...

Christian Pawlak: Es gibt viele Verbände auf der Welt. Es gibt große – und andere. Mir fehlt das Kleingeld und das Management, das Geld in mich investiert, dass ich mich als Profi nur auf die Kämpfe konzentrieren und mich entsprechend vorbereiten kann. Das ist Profisport und ich muss einfach nur für den Sport leben.

 

Diese Chance schien sich nach einem Probetraining bei einem namhaften Boxstall ergeben zu haben. Warum hat es nie geklappt, zu einem finanzstärkeren Stall zu wechseln?

Christian Pawlak: 2007 oder so habe ich gegen Robert Stieglitz von SES im Training geboxt, ein sehr guter Mann, und da habe ich im Training meine beste Leistung abgerufen. Da habe ich ehrlich gedacht, ich hätte es geschafft.

 

Stieglitz war damals amtierender Weltmeister?

Christian Pawlak: Genau. Es sah eigentlich gut aus. So gut, dass ich dachte, ich hätte es geschafft. Aber die Wirklichkeit sah anders aus. Es ist halt einfach schwer. Aber ich kann mich nicht beschweren. Ich kann mir ein Brötchen kaufen, mir geht es gut, ich habe ein gutes Umfeld. Heulen bringt mich auch nicht weiter. Ich hoffe, dass ich noch etwas reißen kann. Ich weiß es! Mit Hilfe, ohne Hilfe... Mit Beine, ohne Beine – es geht irgendwie.

 

Wenn Sie über Jahre Weltmeister sind, aber nicht davon leben können: Was haben Sie falsch gemacht?

Christian Pawlak: Verkehrtes Umfeld! Im Geschäft. Wie es auch bei Graciano war. Er hat mich zwar beschützt, aber wenn Graciano Pech hatte, hatte ich auch Pech.

Erfolgreiches Team im Ring: Christian Pawlak, Ralf und Graciano Rocchigiani. Foto: Ingo Notz

Das heißt, dass das negative Image, das Graciano in Teilen gehabt hat, auf Sie abgefärbt hat?

Christian Pawlak: Das war so, richtig. Das hat Graciano auch zu mir gesagt. Ich durfte Kämpfe, die ich mit Graciano eigentlich gewonnen habe, nicht gewinnen.

Welche Kämpfe meinen Sie?

Christian Pawlak: Eduard Gutknecht, beispielsweise. Ich habe dreimal gegen ihn geboxt. Der erste Kampf war nicht so, wie er verkauft wurde. Ich habe den offiziell mit einem Punkt verloren, das heißt, ich habe klar gewonnen, aber man durfte nicht gewinnen.

 

Eduard Gutknecht hat das anders gesehen...

Christian Pawlak: Ja, klar, jeder sieht das anders, wenn das Sauerland-Boxer sind... Der Kampf war nicht so einstimmig. Dann kam der zweite. Im dritten hat er es dann soeben geschafft mit einem Leberschlag. Aber Gutknecht war ein guter Boxer, das war keine Flasche. Gegen den musst Du erst einmal bestehen.

 

Was haben Sie falsch gemacht, dass Sie es nie in einen großen Boxstall geschafft haben? War es nur Geld, das gefehlt hat? Oder auch Gracianos Name?

Christian Pawlak: Nein. Vielleicht war ich nur am verkehrten Ort zur verkehrten Zeit. Natürlich war ich auch alleine ohne einen starken Partner im Rücken. Wenn ich, sagen wir mal, eine starke Firma wie zum Beispiel Gauselmann in meinem Rücken hätte, wäre für mich alles offen.

 

Im Umkehrschluss heißt das: Trotz des WM-Titels kämpfen Sie jeden Tag ums finanzielle Überleben?

Christian Pawlak: Ja!

 

Was ist das für ein Gefühl, wenn man nicht nur um Titel kämpft, sondern auch ums Überleben?

Christian Pawlak: Ich liebe den Sport. Deshalb mache ich das. Viele denken, wenn man Weltmeister ist, dass man dann Geld hat. Aber so ist es halt nicht. Ich kenne das Leben, dass es nicht immer nur schön ist. Es ist wichtig, immer ein zweites Ass im Ärmel zu haben. Das erkläre ich auch den Jugendlichen, mit denen ich arbeite: Wenn es im Sport nicht läuft, mache ich wieder meinen Job, den ich gelernt habe – oder verkaufe etwas anderes.

 

Das Ziel ist aber, im Boxen noch erfolgreich zu sein?

Christian Pawlak: Im Boxen sowieso. Später, wenn ich mal 60 oder 70 bin, würde ich gerne weiter als Trainer arbeiten. Mein Wissen ist unbezahlbar. Ich weiß jetzt schon viel und je älter ich werde, umso mehr lerne ich noch – auch vieles, das nicht in Büchern steht. Ich will das weitergeben, was Graciano mir beigebracht hat. Das weiß halt nur Graciano. Und ich.

 

Was viele nicht wissen: Sie sind nicht nur ein erfolgreicher Boxer, sondern engagieren sich auch abseits des Rings extrem für andere Menschen. Das ist auf den ersten Blick für viele ungewöhnlich, dass jemand, der nicht viel hat, trotzdem viel gibt?

Christian Pawlak: Ich arbeite in der JVA Herford, im Jugendgefängnis. Ich mache mit den Jungs Sport und nach dem Training reden wir ein bisschen. Die fragen mich vieles und ich versuche ihnen zu vermitteln, dass Sport wichtig ist. Ich zeige ihnen immer, dass es mich auch genauso hätte treffen können, dass ich im Gefängnis gelandet wäre.

 

Boxer und Gefängnis – eine lange Geschichte. Mit Felix Sturm sitzt aktuell auch ein deutscher Ex-Weltmeister hinter Gittern. In Ihrem Fall ist die Verbindung von Boxer und Knast anders als man es sonst kennt...

Christian Pawlak: Ja, genau. Ich habe mir gedacht, dass man sich da engagieren könnte. Jugendliche im Knast – das sind nicht immer schlechte Buben. Klar haben die Böses gemacht, wenn sie im Gefängnis sitzen, aber vielleicht kann man sie mit Reden und mit Sport auch erobern und wieder in das normale Leben zurückholen.

 

Neben Ihrem Engagement im Gefängnis gibt es auch das Kontrastprogramm Sie arbeiten auch mit kleinen Kindern?

Christian Pawlak: Ich hätte nie gedacht, dass die Kinder mich so mögen. Aber irgendwie läuft das ziemlich gut. Ich habe mit Schulen und Kindergärten gearbeitet und darüber hinaus mit Kindern von fünf bis zehn Jahren, die machen besser mit als Erwachsene. Da geht es vordergründig zwar auch um Boxtraining, aber vor allem um Sport und Disziplin, Respekt – das lernst Du im Boxen.

Aktuell haben Sie einen anderen, besonderen Schützling unter ihren Fittichen?

Christian Pawlak: Genau. Philipp ist blind. Er wollte mich gerne kennenlernen. Er mochte mich, ich mochte ihn auch auf Anhieb – und seit dem Tag arbeiten wir zusammen und machen das Unmögliche wahr!

Christian Pawlak trainiert mit Philipp Dabelstein einen blinden Boxer. Foto: Ingo Notz

Ein blinder Boxer?

Christian Pawlak: Genau! Mein Ziel ist es, dass er so boxt, dass man denkt, er könne sehen. Sein Gefühl, seine Beine, seine Statik – er macht schon eine super Arbeit dafür, dass er blind ist von Geburt an. Er sieht gar nichts. Dass er sich so super bewegen kann, so gut schlagen kann und seine Doppeldeckung hält wie Graciano – das macht der Philipp super. Er sieht nichts und bringt mir so eine Freude, so dass ich durch ihn auch selber mehr lebe.

 

Wer bringt wem mehr bei?

Christian Pawlak: Philipp bringt mir mehr bei: dass man nicht immer so duster sein darf und dass das Leben nicht immer nur schlecht ist. Er kommt, er trainiert, er lacht – das bringt mir Freude. Diese Sachen kann man mit Geld nicht kaufen, die er mir gibt, dann sage ich auch immer zu mir selbst: Ich brauche nicht rumheulen, mir geht es gut.

 

Sie kennen das Gefühl, einen WM-Kampf im Ring zu gewinnen. Ist das eine größere Freude als Kinder zum Lachen zu bringen, Gefängnisinsassen Hoffnung zu geben, Schülern Werte zu vermitteln, die Sie im Sport kennengelernt haben oder einem blinden jungen Mann Boxen beizubringen?

Christian Pawlak: Das ist alles unbezahlbar. Wenn man Weltmeister wird – unbezahlbar. In dem Moment bist Du der Beste. Wenn man Kinder trainiert – unbezahlbar. Wenn man Philipp trainiert, das ist unbezahlbar. Das Gefühl ist immer gleich: ein Glücksgefühl, Du bist dann der Beste, Philipp ist der Beste, die Kinder sind die Besten – Du hast keine Sorgen, in dem Moment geht es Dir gut.

 

Das klingt nach Reichtum ohne Geld...

Christian Pawlak: Richtig.

 

Ist Ihr Reichtum ohne Geld wertvoller als Reichtum mit Geld?

Christian Pawlak: Geld ist schon wichtig, aber so etwas muss man erlebt haben, das ist schon viel wert. Es ist ein geiles Gefühl, andere Menschen glücklich machen zu können. Für manche bin ich als Boxer der böse Bube, aber komischerweise lieben mich diese Menschen, die Kinder, die Jungs im Gefängnis oder Philipp. Irgendwie mache ich wohl doch etwas richtig in meinem Leben. Wenigstens das...

 

Sie sind Weltmeister, sozial äußerst engagiert, trotzdem finanziell immer kurz vorm Existenzminimum: Was läuft in Espelkamp falsch, wenn Sie trotzdem täglich um die eigene Existenz kämpfen müssen?

Christian Pawlak: Was läuft in der Stadt Espelkamp falsch? Ich bin einer, der zu Espelkamp steht. Ich bin Espelkamper. Jeder kennt mich. Ich weiß nur nicht, was mit Espelkamp oder unserem Bürgermeister oder allgemein verkehrt läuft. Ich weiß nicht, ob jemand Angst hat, dass ich ihm etwas wegnehme...

 

Wem sollten Sie was wegnehmen?

Christian Pawlak: Ich weiß es nicht. Ich mache das alles nicht nur, aber natürlich auch für meine Zukunft, aber auch für Espelkamp. Ich bin so ein Special-Ding, ein bunter Vogel halt. Mich kann man da reinsetzen, wo man nicht jeden reinsetzen kann. Ich komme mit jedem klar. Ich kann diplomatisch sein, aber ich komme auch aus der Straße. Ich kann mit Leuten reden, die Gewalt in sich haben, aber auch mit denen, die keine Gewalt haben. Ich kann mich überall anpassen.

 

Wie erklären Sie sich dann, dass Sie auch von vielen Geschäftsleuten der Stadt nicht die Unterstützung bekommen, die andere Sportarten im Kreis haben: Handball, Fußball, Tennis – um nur einige zu nennen? Im Sport werden auch hier vor Ort riesige Summen umgesetzt – und Sie als Profi-Boxweltmeister haben fast nichts?

Christian Pawlak: Ich bin eigentlich immer korrekt. Ich habe keinen beschissen, ich kann gerade gehen. Ich war auch mit anderen Promis bei einer Kochshow. Ich weiß wirklich nicht, woran es hapert. Ich weiß wirklich nicht, warum die Unterstützung fehlt. Ich weiß es nicht.

 

Mögen potenzielle Sponsoren Sie nicht? Oder mögen sie das Boxen nicht? Ist es der falsche Sport in der falschen Gegend?

Christian Pawlak: Falscher Sport in der falschen Gegend? Das glaube ich schon. Sport ist Sport, aber es ist halt Boxen. Ich könnte Fußballer sein, dann wäre einiges einfacher, aber ich bin es leider nicht, ich bin leider Boxer.

„Leider Boxer“: Christian Pawlak kämpft um mehr Anerkennung. Foto: Ingo Notz

Haben Sie noch Hoffnung, dass sich an der Situation etwas ändert und sich Espelkamper Sponsoren hinter Sie stellen und Sie dann größere Titel angreifen können?

Christian Pawlak: Ja, das hoffe ich die ganze Zeit. Ich bin jetzt 40 geworden, ich wollte mit 40 Weltmeister sein, das habe ich geschafft. Ich bin gleichzeitig überzeugt, dass man bei mir noch etwas reißen kann.

 

Graciano Rocchigiani kann dabei nicht mehr helfen, Sie haben aber auch mit seinem Bruder Ralf gearbeitet. Wäre er nicht der logische Nachfolger als Ihr Trainer?

Christian Pawlak: Ja, mit Ralf muss ich reden. Das Problem ist aber auch da das Sponsoring, das fehlt uns. Ralf wäre aber mein Wunschtrainer für die weitere Karriere. Das scheitert bisher noch an fehlenden Sponsoren.

 

Mit Ralf würden Sie auch die einst mit Graciano geplanten Projekte umsetzen können?

Christian Pawlak: Ja, Ralf ist absolute Weltklasse.

 

Was war und ist genau geplant?

Christian Pawlak: Erst einmal ginge es darum, dass er kommt und mich trainiert und sieht, was ich hier alles mache. Dass er sieht, dass hier etwas passiert mit Boxen. Aber es muss seriös finanziert sein, denn Ralf kennt das genau wie ich, wenn man beschissen wird – und das wollen wir beide nicht mehr. Dann planen wir weitere Projekte mit Jugendlichen und Kindern und werden das weiter ausweiten mit Jugendzentren. Graciano wollte hier auch ein Gym aufmachen, ein Zentrum, wo man Jugendliche zu sich holt, egal, ob sie aus schwachen Familien kommen. Aber das müsste von Sponsoren bezahlt werden, es sind schließlich Weltklasse-Trainer.

 

Das klingt nach einem wertvollen Ansatz, dem sich Städte, Kreis und andere Träger sozialer Einrichtungen kaum verschließen dürften? Ihr Engagement für Kinder, Jugendliche und sozial Schwache kann doch kaum auf Ablehnung stoßen? Warum hat es trotzdem bisher nicht geklappt, das Projekt umzusetzen?

Christian Pawlak: Ich habe vieles schon gemacht, ich mache vieles, wenn es ehrenamtlich ist, will es auch jeder machen, aber ich habe alleine auch die Kraft nicht, weil ich ja auch noch trainieren und auch Geld verdienen muss. Ich investiere viel Zeit und Geld mit Sprit dafür, ich mache es auch gerne, aber alles kann ich auch nicht ohne Bezahlung machen. Am besten wäre es, wenn mich jemand für so etwas fest einstellen würde. Als Lehrer. Als Integrationshelfer. Ich tue es gerne auch ehrenamtlich, aber dann ist es wie bei Rocky: Er hat nichts, aber die Leute laufen hinterher und sagen; Hey, Rocky, Rocky! Das kann man sich nicht kaufen.

 

Sind Sie für die großen Boxer zu uninteressant als Gegner? Oder sind Sie zu gefährlich?

Christian Pawlak: Jeder Boxer ist gefährlich. Ich habe aktuell schon ein paar Angebote, aber die Angebote sind nicht gut genug.

 

Von welchem Kampf träumen Sie noch?

Christian Pawlak: Um die WBC-Weltmeisterschaft zu boxen. Den Titel, den Graciano hatte.

 

Es gab das Gerücht eines Kampfes gegen den ehemaligen WBA- und WBC-Weltmeister Mikkel Kessler?

Christian Pawlak: Ja, aber der hat sich dann doch entschieden, seine Karriere zu beenden. Leider. Ich hätte gerne gegen ihn geboxt.

 

 

 

Gerade im Supermittelgewicht gibt es in Deutschland viele große Namen. Jürgen Brähmer, Jürgen Doberstein, Vince Feigenbutz, Arthur Abraham denkt nur an ein Comeback, wenn es gegen Felix Sturm ist, der aber gerade im Gefängnis sitzt: Welchen dieser prominenten Boxer würden Sie gerne boxen und sind die alle viel besser als Sie?

Christian Pawlak: Es gibt keine Traumkämpfe, es gibt nur Traumgagen. Dafür kämpfen die Boxer. Warum will Abraham nur gegen Sturm kämpfen und nicht gegen mich zum Beispiel? Weil es gegen Sturm Traumgagen gibt.

 

Warum kämpfen die nicht gegen Pawlak?

Christian Pawlak: Zuwenig Gage anscheinend. Das ist dann nicht interessant genug, denke ich...

 

Bei Sturm und Abraham steckt viel Geld dahinter, die Fernsehsender – das muss für solche Leute auch attraktiv sein. Sie sind nicht attraktiv?

Christian Pawlak: Nein.

 

Weil Sie kein Geld haben?

Christian Pawlak: Ja! Aber ich hoffe, dass meine Zeit noch kommt.

 

Mit 40 läuft einem Boxer die Zeit davon...

Christian Pawlak: Ich habe noch zehn...

 

Zehn Jahre?

Christian Pawlak: Zehn Jahre! Wenn sich in zwei Jahren alles ändert, bin ich 42. Viele gute Boxer sind auch mit Mitte 40 noch Weltklasse. Wie der deutsche Cruisergewichtler Firat Arslan.

 

Sind Sie besser als Abraham, Sturm oder Brähmer?

Christian Pawlak: Nein, das sind alles gute Boxer.

 

Wo würden Sie sich in Deutschlands Supermittelgewicht einordnen?

Christian Pawlak: Kann ich nicht sagen: Ich gehöre dazu! Ich bin aber überzeugt, wenn ich einen richtigen Trainer hätte und ein halbes Jahr richtig trainiere, dann würden es die da oben schwer haben. Richtig schwer.

 

Haben Sie die Möglichkeit, die großen Namen zum Kampf zu zwingen oder haben die die größeren Möglichkeiten, einem Kampf mit Ihnen auszuweichen?

Christian Pawlak: Ohne Geld geht es nicht. Und die haben die Möglichkeit, mir auszuweichen. Immer wieder. Es ist halt ein Geschäft.

 

Das Geschäft ist im Boxen wichtiger als der Sport?

Christian Pawlak: Wie überall. Im Fußball ist es genauso. Oder im Handball. Das ist halt so.

 

Gegen wen hätten Sie die größte Chance auf einen großen WM-Titel?

Christian Pawlak: Wie der Trainer in den Rocky-Filmen schon sagt: Es gibt immer Chancen.

Kämpft um weitere WM-Chancen: Weltmeister Christian Pawlak. Foto: Ingo Notz

Im ersten Rocky-Film hat ein unbekannter Boxer von der Straße die große Chance vom größten Weltmeister bekommen. Sie haben von der Espelkamper Straße zum Boxen gefunden: Träumen Sie manchmal von genau dieser Situation im Film – mit sich selbst in der Rocky-Position?

Christian Pawlak: Ja. Und ich weiß, dass dieser Tag noch kommen wird.

 

Würden Sie etwas anders machen, wenn Sie heute noch mal am Anfang ihrer Karriere stünden?

Christian Pawlak: Nein, ich schulde keinem etwas. Aber jetzt weiß ich, wie es im Boxen läuft, wie man das dreht, das weiß ich jetzt schon.

 

Sie sind Weltmeister – ohne Trainer und ohne Manager. Was wäre mit Manager und mit Trainer möglich gewesen?

Christian Pawlak: Dann wäre ich ungeschlagen und stinkreich... Dann würde auch jeder gegen mich boxen. Es geht halt ums Geld. Da scheint Espelkamp dann doch die falsche Stadt zu sein, wenn ich das alles so sehe. Eigentlich hätte ich aus Vernunftsgründen längst weggehen müssen.

 

Aber Sie sind noch hier...

Christian Pawlak: Ich lebe seit 1989 in Espelkamp. Ich bin Espelkamper. Das ist auch ein Statement von mir für die Stadt und die Region, hier lebe ich und hier engagiere ich mich.

 

In diesem Jahr planen Sie vor allem eine große Box-Gala im Herbst im Bürgerhaus. Steht die Stadt Espelkamp dabei hinter Ihnen? Und die heimische Geschäftswelt?

Christian Pawlak: Wir sind gerade auf der Suche nach Sponsoren für die WM-Kämpfe in Espelkamp. Ich hoffe, dass uns wieder zahlreiche Firmen unterstützen werden.

 

Boxen ist keine ungefährliche Sportart, mit Eduard Gutknecht auch einer ihrer Gegner ist nach einem Boxkampf zum Pflegefall geworden. Denken Sie darüber nach, was passieren könnte?

Christian Pawlak: Wenn man als Formel-1Fahrer einen Unfall hatte, wird man nachdenklicher und langsamer. Wenn ich zum Beispiel ein Kind hätte, wäre ich auch nachdenklicher. Ich bin aber alleine, ich habe nur mich, da brauche ich keine Angst zu haben. Ob ich jetzt sterbe oder nicht, da muss ich nur auf mich gucken. Natürlich will ich nicht sterben, natürlich will ich nicht querschnittsgelähmt sein, erst recht nicht durchs Boxen – da denke ich einfach nicht dran. Ich trainiere – und gehe bis zum Ende.

 

Und das Ende ist noch weit entfernt?

Christian Pawlak: Richtig.

 

Apropos Ende: Welche Schläge sind härter für Sie: Rückschläge im Leben oder die Schläge, die man im Ring kassiert?

Christian Pawlak: Rückschläge im Leben. Die Beulen gehen zurück und die Cuts verheilen, aber mancher Schmerz im Leben verheilt gar nicht. Man denkt nach und bleibt in einem Loch drin – und ais diesem Loch muss man sich wieder herausboxen, im wahrsten Wortsinne, da kommen wir im richtigen Leben doch wieder aufs Boxen zurück. Boxer-Wunden verheilen – andere Wunden heilen nicht so gut.

 

Wenn Sie als Boxer etwas kennen, dann ist es doch gerade das: sich aus etwas herauszuboxen?

Christian Pawlak: Deshalb boxe ich auch so lange. Ich schlage mich durch. Im Ring. Im Leben. Vielleicht bin ich dafür geboren: um zu kämpfen.

Was ist härter: Das Boxen oder das Leben?

Christian Pawlak: Das Leben. Das Boxen ist hart – aber das Leben ist härter!

 

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