Motorsport: 51-Jähriger gewinnt im Porsche Cayman auf dem Nürburgring
Kai Riemer siegt im Wohnzimmer

Stuttgart/Espelkamp (WB). Wer Kai Riemer anrufen will, muss unter anderem die Zahlenfolge „911“ eingeben. Der Porsche-Klassiker in der eigenen Handynummer verewigt? Das ist alles, nur kein Zufall. Vielmehr verweist es auf die Passion des gebürtigen Espelkampers, der sich seit Jahrzehnten dem Motorsport verschrieben hat – und gerade wieder einmal allen davon gefahren ist. „Es lief richtig gut“, sagt der 51-Jährige über ­ den Gesamtsieg auf dem Nürburgring in der ­„Cayman GT4 ­Trophy by Manthey-Racing“.

Sonntag, 15.11.2020, 18:07 Uhr aktualisiert: 15.11.2020, 18:10 Uhr
Stolz und glücklich: Kai Riemer lehnt auf seinem Porsche Cayman 718 GT4, den er in zwei Langstreckenrennen auf dem Nürburgring auf Platz eins ins Ziel steuerte. Foto: privat
Stolz und glücklich: Kai Riemer lehnt auf seinem Porsche Cayman 718 GT4, den er in zwei Langstreckenrennen auf dem Nürburgring auf Platz eins ins Ziel steuerte. Foto: privat

150 Autos starteten in dieser Saison in den 25 Spezialklassen der Hersteller. Darunter auch Riemer: Im ­Porsche Cayman 718 GT4 manövrierte sich der 51-Jährige auf der Kult-Rennstrecke in der Eiffel zur nächsten Markenpokal-Meisterschaft. Die Serie war in diesem Jahr aufgrund der Corona-Pandemie auf zwei Langstreckenrennen verkürzt worden. Kurz und ­knackig: Beide Läufe beendete Riemer mit seinem Team auf Platz eins – besser geht’s nicht.

Faszination Markenpokal: Alle Fahrer haben die gleichen Voraussetzungen

„Ich bin schon immer am liebsten Markenpokale gefahren“, erklärt der Rennsportler, der sich bei den von den Herstellern ausgeschriebenen Serien auf Augenhöhe mit der Konkurrenz messen kann. „In unserer Klasse ­waren zwölf Autos am Start – alle identisch.“ Bedeutet: Das fahrerische Können macht den Unterschied. Und das stellte Riemer erneut unter Beweis: Mit seinen Teamkollegen Ivan Jacoma und Horst Baumann war er in den Langstreckenrennen (vier bzw. sechs Stunden) auf der Nordschleife nicht zu halten und raste zweimal als Erster durchs Ziel.

Perfekte Kurvenlage: Kai Riemer holte mit seinem Team bei den Überholmanövern auf der 20 Kilometer langen Nordschleife die entscheidenden Sekunden heraus.

Perfekte Kurvenlage: Kai Riemer holte mit seinem Team bei den Überholmanövern auf der 20 Kilometer langen Nordschleife die entscheidenden Sekunden heraus.

Die Nordschleife des Nürburgrings führt auf einem 20-Kilometer-Rundkurs durch die Eiffel. Das Besondere: Alle Klassen starten gemeinsam in Langstreckenrennen, die Teilnehmer sind somit permanent in Überholmanöver entwickelt. „In den Tank passen 115 Liter. Das reicht etwa, um 1:10 Stunde durchzufahren. Das ist schon anstrengend. Wenn man in die Box kommt, wird der Fahrer daher in der Regel gewechselt“, sagt Riemer, der den Nürburgring getrost als sein Wohnzimmer bezeichnen kann. Allein 24 Mal ging er dort bei 24-Stunden-Rennen an den Start. „Ich kenne da jeden Grashalm, einige sogar mit Vornamen“, scherzt Riemer.

265 km/h auf der Döttinger Höhe – noch wichtiger sind aber die Kurven

Das spielte ihm in dieser Saison in die Karten. Auf der Döttinger Höhe, der langen Geraden, erreichte Riemer mit seinem Porsche Cayman Spitzengeschwindigkeiten von 265 km/h. Viel wichtiger war aber die Kurven-Performance: Hier galt es, gegenüber der Konkurrenz die entscheidenden Zehntel herauszuholen und das speziell für den Rennsport modifizierte Cayman-Straßenmodell (420 PS, Sechs-Gang-PDK-Getriebe) beherrschbar zu machen.

Auf die technischen Extras wie ESP oder die Traktionskontrolle, die das Durchdrehen der Räder verhindert, verzichtete Riemer häufig aus freien Stücken: „Ohne die kleinen Helferlein ist man eigentlich schneller. Es geht darum, kontrolliert an der Grenze zu fahren“, so der Rennfahrer, dem in den Kurven ein leicht übersteuerndes Fahrzeug hilft, da er dann weniger Geschwindigkeit verliert.

Kampf um jeden Zentimeter: Im Ziel sind es nur zehn Sekunden Vorsprung

Am Ende war es dennoch ein Kampf um Zentimeter: Nach sechs Stunden Fahrzeit im ersten Saisonrennen betrug der Vorsprung von Riemer und Co. auf den Zweitplatzierten im Ziel gerade einmal 9,8 Sekunden. „Daran sieht man, dass man sich keinen Fehler erlauben darf. Auch die Strategie ist wichtig“, sagt der frühere Espelkamper.

Tolles Gespann: Kai Riemer (rechts) feiert mit seinem Teamkollegen Ivan Jacuma den Sieg im Markenpokal. Insgesamt teilten sich drei Fahrer die anstrengende Arbeit im Cockpit bei den Langstreckenrennen, die über vier bzw. sechs Stunden gingen.

Tolles Gespann: Kai Riemer (rechts) feiert mit seinem Teamkollegen Ivan Jacuma den Sieg im Markenpokal. Insgesamt teilten sich drei Fahrer die anstrengende Arbeit im Cockpit bei den Langstreckenrennen, die über vier bzw. sechs Stunden gingen. Foto: privat

Auch beruflich verbringt er viel Zeit hinter dem Steuer. „Man bucht mich unter anderem als Fahrlehrer für Sportwagen“, sagt Riemer, der die Agentur Sport&Event GmbH betreibt und mit Frau und Tochter in Filderstadt (bei Stuttgart) lebt. Der Kontakt zum Mühlenkreis ist nicht abgerissen. Nicht nur, weil seine Eltern nach wie vor in Espelkamp ­leben, sondern weil es auch Verbindungen über Freunde und treue Sponsoren gibt, die ihn nach wie vor unterstützen.

 

Mit der Steer-by-wire-Technik durften wir beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring Geschichte schreiben.

Kai Riemer, Motorsportler aus Espelkamp

Zuletzt war der Rennsport-Routinier auch auf dem Hockenheimring im Einsatz. Riemer startete beim DTM-Finale in einem Nebenrennen im modifizierten Porsche Cayman – mit innovativer Steer-by-wire-Technik. „Da läuft die Steuerung über ein Kabel und nicht über die Lenkstange. Das ist ein bisschen wie Playstation“, erklärt der „Racer“, der die Technologie zuvor schon beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring getestet hatte und den Wagen als Klassenzweiter ins Ziel fuhr. „24 Stunden ohne herkömmliche Lenkung – wir durften Geschichte schreiben“, schwärmt Riemer.

Dass er mit 51 noch so schnell ist, muss nicht verwundern: „Früher war ich sicher risikobereiter, heute kann ich aber gerade das über längere Distanzen mit Erfahrung wettmachen.“ Als Beleg dient seine Schadensbilanz: „Seit acht Jahren bin ich unfallfrei und habe noch nie auf dem Dach gelegen“, sagt Riemer – und klopft vorsichtshalber schnell dreimal auf Holz.

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