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Fr., 08.08.2014

Der Hüllhorster Sebastian Ernst Klaus Dietz fährt zur Behinderten-Europameisterschaft  Der Traum vom Gold 

Mit der Kugel will Sebastian Dietz aus Hüllhorst in Swansea in Südwales bei den Europameisterschaften der Behindertensportler Topleistung bringen.

Mit der Kugel will Sebastian Dietz aus Hüllhorst in Swansea in Südwales bei den Europameisterschaften der Behindertensportler Topleistung bringen. Foto: Wolfgang Sprentzel

Von Wolfgang Sprentzel Hüllhorst

(WB). Eigentlich hat Sebastian Ernst Klaus Dietz (29) aus Hüllhorst seinen größten sportlichen Erfolg bereits hinter sich. 2012 gewann er in London bei den Paralympics die Goldmedaille im Diskuswerfen.

Doch der Traum des 29-jährigen Sportlers, der im Alter von 19 Jahren nach einem schweren Verkehrsunfall, bei dem er sich einen Halswirbel gebrochen hatte und dem für den Rest seines Lebens ein an den Rollstuhl gefesseltes Dasein drohte, vom Gold geht weiter, ist neu entflammt.

Allerdings in einer neuen Disziplin. Denn das Diskuswerfen ist aus den Listen der Paralympics und anderer internationaler Wettkämpfe wie Europa- und Weltmeisterschaften ersatzlos gestrichen worden. Verantwortlich dafür sind Quotenregelungen. Sebastian Dietz: »Danach müssen in den paralympischen Disziplinen genau so viele Frauen wie Männer in einer Disziplin an den Start gehen. Ist das nicht der Fall – und beim Diskuswerfen gibt's nun einmal nicht so viele Frauen, wie Männer melden – hat man diese Sportart aus dem Programm gestrichen.«

Auf der einen Seite ärgerlich für Dietz: »Ich hätte nur zu gern meinen Titel, mein Gold, verteidigt!« Andererseits für ihn aber auch ein neuer sportlicher Anreiz. Der gar nicht einmal so schwer fällt. Schließlich hat der 29-Jährige, der seit geraumer Zeit mit seiner Lebensgefährtin Sophie Brockmeier in Hüllhorst im Altkreis Lübbecke seinen Lebensmittelpunkt gefunden hat, schon früher mit der Kugel gestoßen.

Denn Kugelstoßen ist die Disziplin, auf die er sich gestürzt hat, mit der er am 21. August bei den Europameisterschaften der Behindertensportler im englischen Swansea startet.

Hoffnungen auf Gold hat er durchaus, allerdings fehlen ihm noch etwa 100 Zentimeter an Weite, um seinen vielleicht ärgsten Rivalen, einen Russen, zu schlagen. Im Training erzielte Dietz bisher 13,87m. Der Russe kam bisher stets über die 14m-Marke bei Wettkämpfen, kratzte sogar schon an der 15m-Marke.

Doch Dietz ist zuversichtlich, dass er bis zu seinem Abflug am 19. August, noch ein paar Zentimeter hinzufügen kann. »Und im Augenblick wäre es auch gar nicht so gut, über die 14 Meter zu stoßen. Das ließe zu viele Emotionen raus. Die könnten mir vielleicht später, im Wettkampf, fehlen. Dann wäre ich möglicherweise schon satt!«

Sein Trainer, der in Bad Salzuflen ein Fitness-Studio betreibt und wo Dietz extra für sich eine kleine Ecke mit Stoßring, einem Netz und Matten für sich in Anspruch nehmen kann, ist sehr zuversichtlich, dass diese Mehr-Zentimeter schon bald aus seinem Schützling herausgekitzelt werden können. Und Alexander Holstein motiviert ihn jedes Mal: »Bist Du mit Deinen 13.18m zufrieden? Nein? Bist Du mit 13,50m zufrieden? Nein? Bist Du mit 13.87m zufrieden? Nein? Was willst Du dann?» Dietz' Antwort: »Über 14m!« Und dann wieder der Coach: »Nein, das reicht noch lange nicht! Damit kannst Du nicht zufrieden sein!?« Und ohne, dass es Dietz sieht, zwinkert er den Umstehenden zu: »Da sind mehr als 15 Meter drin!«

Allerdings noch nicht jetzt. Das muss noch wachsen. Und dafür muss Dietz klotzen. Im Training. Zwischen 50 und 60 Stöße mit der Vier-Kilo-Kugel – manchmal auch noch mehr – sind's derzeit, die er im Zeitraum von etwa eineinhalb Stunden ins Netz schlagen muss. Und immer wieder korrigiert ihn Holstein, feilt mit ihm an der optimalen Drehstoß-Technik. Dietz: »Da kommt mir meine Diskus-Erfahrung zugute. Da wird ja auch gedreht.«

Holstein ist da manchmal unerbittlich. »Du musst Dich in den Boden bei Deinen Drehungen schrauben. Erst das eine Bein, dann das andere Bein reinschrauben und dann raus mit dem Ding. Aber immer wieder: schrauben, schrauben, schrauben!«

Brav befolgt Dietz die Anweisungen seines Trainers, lässt es sich gefallen, dass der Trainer bei den verschiedenen Phasen Hand an ihn anlegt, seinen Körper in die Stellung bringt, die er für richtig hält.

Ob es für Swansea schon reicht? Dietz ist sich da nicht ganz sicher: »Viel wird von den Umständen abhängen. Gutes Wetter mit Wärme wäre für mich optimal.« Schon wegen der Behinderung an sich. Seine durch den Unfall beeinträchtigte Muskulatur wäre bei Wärme viel elastischer, leistungsfähiger als bei Regen und Kühle. Und so ist er sich nicht ganz sicher, ob in Swansea im Süden von Wales dann »sein Wetter« herrscht. »Der Wetterbericht hat für die nächste Zeit Kühle und Regen vorhergesagt. Na, herzlichen Glückwunsch! Aber damit müssen ja auch die anderen fertig werden!«

Ein Jahr später könnte Dietz schon wieder auf ganz andere Wetter-Bedingungen treffen. Dann geht's zur Weltmeisterschaft nach Katar. Und im Öl-Scheichtum herrschen ja wirklich andere Klima-Bedingungen. Selbst im November!

Dabei sieht Dietz die Terminierung als nicht gerade glücklich. »Von der EM bis zur WM sind es 15 Monate. Da fällt man nach der EM erst einmal in ein Loch. Und dann sind's von der WM bis zu den Paralympics in Rio wieder nur noch acht Monate. Dann hat man nur wenig Zeit für Regenerierungstage. Da muss nahezu durchtrainiert werden, um optimale Leistung zu erbringen.«

Dennoch: Rio ist sein großes Ziel. Rio, bei den Paralympics in Brasilien, will er das nächste olympische Gold für Deutschland holen. Im Kugelstoßen!

 

Kommentare

Ernst - Werner

Hallo Sebastian, Du bist der ganze Stolz von mir ich wünsche Dir das es so wie es in diesem Bericht geschrieben ist für Dich in Erfüllung geht. Du weist die ganze Fam. nicht nur ich stehen hinter Dir und halten die Daumen.

Dein Papa

1 Kommentare

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