Do., 07.11.2019

Aline Barre startet im Extremhindernislauf bei Welt- und Europameisterschaften Die Gipfelstürmerin

Auf zu den nächsten Gipfeln: Extremhindernisläuferin Aline Barre aus Lübbecke liebt Herausforderungen.

Auf zu den nächsten Gipfeln: Extremhindernisläuferin Aline Barre aus Lübbecke liebt Herausforderungen. Foto: Sportograf.com

Von Ingo Notz

Lübbecke (WB). Irgendwie ist ihr Onkel an allem schuld. 2016, beim vorletzten Drexlauf des SuS Neuenbaum, hat Aline Barre spontan ihren Onkel Achim Haver begleitet und einen freigewordenen Startplatz übernommen. Am Ende stand der Gesamtsieg bei den Frauen – damit war die Lust auf mehr geweckt. Aus den im Ziel angedachten Volkslauf-Teilnahmen ist mehr geworden – viel mehr. Drei Jahre später zählt Aline Barre zu Deutschlands erfolgreichsten Athletinnen im Extremhindernislauf (OCR) und startet für die deutsche Nationalmannschaft.

Seit ihrem Sensationssieg beim Drexlauf war die damals 18-jährige Lübbeckerin vom Laufvirus infiziert. »Ich wusste erst ja gar nicht, dass ich gewonnen habe. Ich war da nur zum Spaß. Danach habe ich aber richtig mit dem Training angefangen.« Sechs Tage pro Woche trainiert Aline Barre mittlerweile: von Konditions- über Tempo- und Krafteinheiten bis zu Flexibilität. »Es ist super wichtig, dass der Körper mitspielt!«

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Im Ziel habe ich erst erfahren, dass ich mich als Gesamtsiegerin bei den Frauen für die Europameisterschaft qualifiziert habe...

Aline Barre (Extremhindernisläuferin)

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Der Einsatz sollte sich schnell auszahlen. 2017 gab es keinen Drexlauf, also startete Barre bei einem der größten Hindernisläufe Deutschlands: dem Tough Mudder. Weitere Starts bei Extremhindernisrennen wie dem Xletics oder dem Spartan-Race folgten – und bei letzterem passierte der jungen Lübbeckerin im September 2017 das nächste »Malheur« wie einst beim Drexlauf. Auch hier wurde ihr erst hinterher klar, welch großartige Leistung sie vollbracht hatte: »Im Ziel habe ich erst erfahren, dass ich mich als Gesamtsiegerin bei den Frauen für die Europameisterschaft qualifiziert habe...« Mit der erstmaligen Nominierung für die deutsche Nationalmannschaft zu den Europameisterschaften in Dänemark im Juni 2018 erreichte Aline Barres junge Läuferkarriere einen Höhepunkt, der Anreiz zugleich war, sich intensiver mit der Thematik zu beschäftigen und zielgerichteter zu trainieren. Im Juni 2018 startete Aline Barre erstmals für Deutschland: Bei der EM im Extrem-Hindernislauf wurde sie im Einzel und im Teamwettbewerb eingesetzt.

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Über die eigenen Grenzen zu gehen, merken, dass man besser wird, das treibt mich an.

Aline Barre

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Im Dezember folgte der härteste Hindernislauf Europas: Beim Getting Tough kam Barre nach 24 Kilometern als drittbeste Frau ihrer Klasse ins Ziel. »Über die eigenen Grenzen zu gehen, merken, dass man besser wird, das treibt mich an«, kann die Studentin auch die harten Momenten während dieser Extremsituationen bewältigen. Von denen gab es mittlerweile einige – wie bei einem 60-Kilometer-Ultralauf: »Da hab ich schon unterwegs gedacht, was mache ich hier, aber im Ziel ist es dann super-cool, wenn man weiß, was man geschafft hat!« Nicht von ungefähr bezeichnet sie die Zielankunft bei dem Höllenritt auch als »meinen größten sportlichen Erfolg: Das waren 4000 Höhenmeter auf 60 Kilometern und das alles auf einer Höhe von rund 2000 Metern.« Extremläufe sind auch immer eine psychologische Herausforderung: »Beim Getting Tough im Winter hatte ich Angst vor der Kälte und Angst vorm Nichterreichen des Ziels – am Ende war ich dann plötzlich Dritte«, hat Barre mittlerweile gelernt, dass Selbstüberwindung oft belohnt wird. Unabhängig von Platzierungen. »Man weiß, wofür man trainiert, man wird selbstbewusster, früher hatte ich mehr Zweifel – und es macht Spaß. Okay, nicht immer währenddessen, aber hinterher schon...« Bei Spaßläufen wie dem Drexlauf sei viel Matsch dabei, »bei EM oder WM überwiegen technische Herausforderungen«.

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Ich wollte einfach nicht aussteigen, also bin ich die letzten zwölf Kilometer verletzt gelaufen...

Aline Barre

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Aktuell ist die 21-Jährige wegen einer Verletzung außer Gefecht gesetzt. Zugezogen hat sie sich die bereits im Mai: »Da war ich leider zu schnell für eine Kurve«, lacht sie. Bei dem Rennen waren europaweit nur zehn Frauen eingeladen worden – Barre zählte dazu. Aufgeben kam daher trotz des Sturzes nicht infrage. »Ich wollte einfach nicht aussteigen, also bin ich die letzten zwölf Kilometer verletzt gelaufen...« Die Folgen der Diagnose waren schmerzhafter als die Verletzung: Knochenabsplitterung und Bänderriss im Sprunggelenk. Einige Wettkämpfe und Trainingseinheiten fielen der Verletzung zum Opfer. Ganz stoppen ließ sich Aline Barre aber nicht. Und das aus gutem Grund: Im Oktober wartete die WM in England.

Start bei »Ninja Warrior Germany«

Für sportliche Herausforderungen war die junge Lübbeckerin auch auf dem Weg dahin zu haben. So kam es dazu, dass sie zur bekanntesten Hindernis-Show im deutschen Fernsehen eingeladen worden ist: Bei »Ninja Warrior Germany« (RTL) überstand Barre erst das Casting und tauchte im Oktober dann auf den Fernsehschirmen der Nation auf. Mit ihrem Motto »Einfach machen, könnte ja gut werden« hatte sich Barre vorgestellt – einen Monat nach ihrer Fußverletzung wollte sie die Show nicht absagen. Nach dem Auftauchen folgte das Abtauchen: Am dritten Hindernis, aufgehängten Riesenkugeln, landete sie zur Belustigung der Moderatoren Frank Buschmann und Jan Köppen im Wasserbecken. Dass sie auf den sich drehenden Kugeln abgerutscht ist, hat Aline Barre als Lehre mitgenommen: »Ich hatte kopfmäßig zuviel Respekt, aber da würde ich auf jeden Fall noch einmal mitmachen und bis dahin an meinen Schwächen arbeiten.«

Weltmeisterschaft in England

Der bisher letzte Höhepunkt der Sportlerkarriere der Lübbeckerin waren die Weltmeisterschaften im Oktober. 100 Hindernisse mussten auf 15 Kilometern Laufstrecke in Brentwood überwunden werden. Lange sah es nach einer sensationellen Platzierung unter den zehn besten Extremhindernisläuferinnen der Welt aus, ehe ein Hangelhindernis mit »Totenköpfen« zum Stolperstein wurden. »An dem Hindernis habe ich drei Stunden gebraucht, aber aufgeben war keine Option. Wenn man ein Hindernis nicht schafft, ist man automatisch aus der Wertung. Die Quote derer, die das Ziel erreichen, beträgt nur zwischen acht und 20 Prozent«, wusste Aline Barre – die es so lange probierte, bis sie die Totenköpfe nach drei Stunden bezwungen hatte und es ins Ziel schaffte. Von einer leichteren Runde für Frauen hält sie bei solchen Rennen übrigens – genau – gar nichts. »Ich finde, es muss alles gleich sein. Ich will ja keinen Abklatsch mitmachen...«

Verletzung stoppt Lübbecker Extremhindernisläuferin

Verletzungsbedingt stehen hinter geplanten Extremhindernisläufen im November und Dezember noch Fragezeichen. Zeit für andere Herausforderungen: Mittlerweile hat die Lübbeckerin ihren Bachelor-Studiengang für Internationales Management in Magdeburg abgeschlossen und durchläuft ein Praktikum bei der Gauselmann-Gruppe. Nebenbei hat sie eine Ausbildung zur Fitnesstrainerin (B-Lizenz) absolviert. Ihr Training zieht sie mangels Trainingsmöglichkeiten meistens alleine durch, da ihr bayrischer Verein von Magdeburg 250 und von Lübbecke 500 Kilometer entfernt ist. So greift der Blondschopf dann auch mal zu ungewöhnlichen Trainingsmethoden: »Wenn ich im Fitnessstudio mit einem Sandsack auf dem Laufband stehe, werde ich schon mal doof angeguckt...« Auch ihre Studentenwohnung in Magdeburg hat Aline Barre, zumindest teilweise, zu einem Trainingsgelände umfunktioniert: Ein Pegboard ziert eine Wand, so dass sie dort Klettertraining ausführen kann.

Aline Barre träumt vom Ironman-Triathlon

Zusätzlich zum Extremhindernislauf hat die sympathische Lübbeckerin eine weitere Leidenschaft für sich entdeckt: »Ich habe beim Möllbergen-Triathlon mitgemacht, das war toll, auch wenn das Kraulen noch mein großes Problem ist. Aber ich habe mir vorgenommen, dass ich bis zu meinem 30. Geburtstag meinen ersten Ironman absolvieren möchte« – also 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und zum Abschluss einen gepflegten Marathonlauf. Vom Drexlauf zum Ironman: Zuzutrauen ist es der Gipfelstürmerin allemal – und irgendwie wäre am Ende der Onkel auch daran nicht ganz unschuldig...

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