Mitgliederstatistik des Kreissportbundes: dramatischer Rückgang der Mitgliederzahl
Jugend kehrt Sportvereinen den Rücken

Lübbecke/Petershagen (WB). Weniger Mitglieder, weniger Vereine, vor allem aber viel weniger Kinder und Jugendliche: Die Sportvereine im Kreis Minden-Lübbecke sind trotz ihres nach wie vor hohen Organisationsgrades dabei, die junge Generation aus den Augen zu verlieren.

 

 

 

 

Mittwoch, 01.07.2020, 23:47 Uhr aktualisiert: 01.07.2020, 23:50 Uhr
Zeitgemäß: Die Freestyle Dance Company begeistert Jugendliche beim TuSpo Rahden. Foto: Nichau
Zeitgemäß: Die Freestyle Dance Company begeistert Jugendliche beim TuSpo Rahden. Foto: Nichau

Die Zahl der Kinder und Jugendlichen in den heimischen Sportvereinen ist in den vergangenen zehn Jahren außergewöhnlich stark um mehr als 20 Prozent von 33.654 auf 26.709 gesunken. Damit ist aktuell nicht einmal mehr jedes vierte Mitglied in den 470 Sportvereinen im Mühlenkreis jünger als 18 Jahre alt. Überdurchschnittlich hoch ist der Verlust im Mädchenbereich, in dem die Zahl der Vereinsmitgliedschaften von 15.176 im Jahr 2011 um 3479 auf aktuell 11.697 zurückgegangen ist (-22,92 Prozent). All das belegen neue Zahlen zur Sportvereins- und Mitgliederentwicklung von 2011 bis 2020, die der Kreissportbund Minden-Lübbecke (KSB) jetzt in Petershagen vorgestellt hat und deren Auswertung unter www.ksb-ml.de in voller Länge einsehbar ist.

Der Anteil der Kinder und Jugendlichen in den Sportvereinen unseres Kreises befindet sich mit nur noch 23,16 Prozent aller Mitglieder auf einem nie dagewesenen, historischen Tief.

Helmut Schemmann (Kreissportbund)

„Der Anteil der Kinder und Jugendlichen in den Sportvereinen unseres Kreises befindet sich mit nur noch 23,16 Prozent aller Mitglieder auf einem nie dagewesenen, historischen Tief“, stellt Helmut Schemmann mit Blick auf die ernüchternden Zahlen fest. Der KSB-Geschäftsführer sieht in den darin eine Bestätigung für einen „tiefgreifenden Wandel im Sportverständnis gerade bei Kindern und Jugendlichen“. Viele sportaffine Jugendliche wünschten mittlerweile andere Formen sportlicher Aktivität oder suchten mehr Flexibilität und zeitliche Unabhängigkeit. Vielfach finden sie diese in Fitnessstudios, zumindest aber offenbar abseits des bisherigen Vereinsangebotes.

Der Sportverein ist nicht out, aber er muss im Kinder- und Jugendbereich neue und andere Angebote als die klassischen machen.

Helmut Schemmann (Kreissportbund)

Schemmanns Fazit: Ein Auslaufmodell sei der Sportverein zwar noch lange nicht. Er müsse jedoch mit der Zeit gehen: „Der Sportverein ist nicht out, aber er muss im Kinder- und Jugendbereich neue und andere Angebote als die klassischen machen.“ Als Positivbeispiele nennt er exemplarisch den Freestyle Dance Club im TuSpo Rahden, in dem moderne Tanzformen einen „Riesen-Zulauf“ fänden. Schemmanns Erkenntnis: „Es gibt Angebote, die hilfreich sind, dem Trend entgegenzuwirken.“ Auch bei den Minden Wolves im American Football und Cheerleading Verband NRW hätten sich „nach kurzer Zeit 118 Sportler jüngeren Alters zusammengefunden“. Der Geschäftsführer des Kreissportbundes richtet einen eindringlichen Appell an alle für den Sport verantwortliche Personen in Politik, Verwaltung und Verbänden. Schemmann: „Ihre Aufgabe muss es sein, diese Entwicklungen eingehend zu erörtern und geeignete Maßnahmen der Sportförderung zu finden und zu entwickeln, die ein sich wandelndes Sportbedürfnis und Sportverständnis gerade im Kinder- und Jugendsport berücksichtigen und die Sportvereine als Träger dieser Angebote massiv unterstützen.“

Insgesamt ist der Rückgang der Mitgliedschaften bei Kindern und Jugendlichen im Kreis Minden-Lübbecke mit -20,64 Prozent unvergleichlich hoch.

Helmut Schemmann (Kreissportbund)

Obwohl der Vereinssport im gleichen Zeitraum auch landesweit jugendliche Mitglieder (LSB NRW: rund zehn Prozent) verloren hat, sind es hierzulande doch auffallend viele, die den Klubs den Rücken gekehrt haben. „Insgesamt ist der Rückgang der Mitgliedschaften bei Kindern und Jugendlichen im Kreis Minden-Lübbecke mit -20,64 Prozent unvergleichlich hoch“, heißt es in der KSB-Statistik. Auch in der unmittelbaren Nachbarschaft steht der Mühlenkreis nicht gut da: Nirgendwo in Ostwestfalen-Lippe sei die Zahl der Unter-18-Jährigen im Verhältnis zur Einwohnerzahl in den Sportvereinen so gering wie hier, hat der KSB berechnet. Und nirgendwo falle der prozentuale Rückgang geringer aus.

Über Gründe kann nur spekuliert werden

Über die Gründe für die Abwendung vieler Jugendlicher vom organisierten Sport kann aber nur spekuliert werden: „Ein möglicher Grund für diesen Einbruch ist in der wachsenden schulischen Eingebundenheit der Kinder und Jugendlichen zu finden“, heißt es in der KSB-Erhebung unter Bezug auf die Einführung der offenen Ganztagsschule sowie des G8-Abiturs im vergangenen Jahrzehnt. „Während es in den Folgejahren zunächst schien, als hätten die Sportvereine eher von der Einführung profitiert, so muss diese Ansicht mit Blick auf die Zahlen der letzten Jahre revidiert werden.“ Genaueres aber, betont die an der Auswertung beteiligte KSB-Mitarbeiterin Julia Sellenriek, könne nur eine wissenschaftliche Untersuchung erbringen.

115311 Mitglieder in den Vereinen des KSB

Auch insgesamt haben die Sportvereine im Mühlenkreis in der vergangenen Dekade Mitglieder verloren: Aktuell sind 115.311 Menschen in einem dem KSB angeschlossenen Sportverein angemeldet. 2011 jedoch lag diese Zahl noch bei 126.042. Das entspricht einem Minus von 8,5 Prozent. „Dieser Rückgang ist erstaunlich, da er dem landesweiten Trend entgegensteht und auch deutlich über dem OWL-Schnitt liegt“, heißt es beim KSB. Dessen Präsident Jens Große schlägt Alarm: „Das ist eine dramatische Entwicklung. Wir haben in der Summe in den vergangenen Jahren fast 11.000 Mitglieder verloren.“

Die Zeit der Sonntagsreden bei Festen und Sportwerbewochen ist vorüber. Die Zeit, die Sportlandschaft zu glorifizieren, ist vorbei. Jetzt muss gehandelt werden.

Jens Große (Präsident des Kreissportbundes)

Zu den Ursachen des Mitgliederrückgangs stellt der KSB-Bericht fest: „Die Vermutung scheint naheliegend, dass der demografische Wandel gerade in den ländlich geprägten Randgebieten Nordrhein-Westfalens nunmehr seine vollen Auswirkungen zeigt.“ KSB-Präsident Jens Große nimmt die Politik in die Pflicht: „Die Zeit der Sonntagsreden bei Festen und Sportwerbewochen ist vorüber. Die Zeit, die Sportlandschaft zu glorifizieren, ist vorbei. Jetzt muss gehandelt werden. Das gilt auch in Coronazeiten. Wir brauchen die Jugendlichen. Wir müssen dafür sorgen, dass wir attraktive Angebote im Vereinssport haben. Der Schulsport wird und kann es nicht richten. Der Vereinssport aber kann helfen. Da bin ich mir sicher.“

Größerer Rückgang im weiblichen Bereich

Wie beim Blick auf die Jugendlichen fällt auch im Gesamtbild der KSB-Statistik auf, dass der prozentuale Rückgang im weiblichen Bereich (-5201/-9,85 Prozent) größer ist als der bei den Männern (-5530/-7,55 Prozent). Gewachsen in den Sportvereinen sind in den vergangenen zehn Jahren nur zwei Altersgruppen – die der Jüngsten und die der Ältesten. Im Kleinkindalter (0 bis 6 Jahre) sind schwimmsportliche Aktivitäten mit einem Zuwachs von 67,31 Prozent und die Handballer (+17,22 Prozent) überproportional für das kreisweite Mini-Plus von 2,06 Prozent in dieser Altersklasse verantwortlich.

Über dem Landesschnitt

Einen größeren Zuwachs haben die Sportvereine des Kreises in der Altersgruppe 60+ zu verzeichnen. Mit 27.777 ist ihre Zahl um 3273 (+13,4 Prozent) größer geworden. Schemmann dazu: „Das sind aber keine neuen Mitglieder, sondern hier wechselt lediglich eine Altersgruppe in die nächste.“ Positiv: Mit einem Organisationsgrad von 37,05 Prozent liegt der Kreis Minden-Lübbecke weiterhin deutlich über dem Landesschnitt (28,65 Prozent). Vor zehn Jahren lag der Organisationsgrad im Mühlenkreis aber noch bei 40 Prozent.

Stemnwede bleibt sportlichste Kommune

Sportlichste Kommune im Kreisgebiet ist nach wie vor die Gemeinde Stemwede; jedenfalls im Verhältnis von Vereinsmitgliedern zu Einwohnern. In Stemwede sind sechs von zehn Bewohnern Mitglied in einem der 30 Sportvereine. Der Organisationsgrad von 60,69 Prozent ist Spitze. In Hille (49,70) und Rahden (49,32) ist immerhin (noch) fast jeder zweite Bürger Mitglied in einem Sportverein. Die sechs größten Vereine des Kreises kommen alle aus dem Altkreis Minden. Die meisten Mitglieder haben der Kneipp-Verein Minden (2232) und der SV 1860 Minden (2183). Erst auf Platz sieben folgt mit dem TuS Gehlenbeck (1236) ein Klub aus dem Altkreis Lübbecke. Unmittelbar dahinter reihen sich TuSpo Rahden (1184) und der TuS Nettelstedt (1177) ein. Eine vierstellige Mitgliederzahl im Altkreis Lübbecke können auch der BSC Blasheim (1121), der Sportfischerverein Lübbecke (1081), der TuS SW Wehe (1054), der VfL Frotheim (1050), die BSG Merkur Gauselmann (1019), der TuS Dielingen (1015) und der SV Schnathorst (1003) vorweisen.

Fußball bleibt die Sportart Nummer eins

Beliebteste Sportart ist – wenig überraschend – weiter Fußball mit 28.454 Mitgliedern vor Handball (12.652). Aber auch die Großen verlieren. Vor zehn Jahren gab es noch 29.331 Fußballerinnen und Fußballer im Kreis. Der Handballverband zählte damals noch 13.677 Mitglieder. Die größte Kinder- und Jugendabteilung hat der Fusionsverein SV 1860 Minden (1053 Mitglieder). Im Altkreis Lübbecke darf auch hier der TuS Gehlenbeck die Spitzenposition für sich reklamieren: 525 Kinder, Schüler und Jugendliche sind dort aktiv, das entspricht 42,5 Prozent der Gesamtmitgliedschaft. Beim TuSpo Rahden, wo so fleißig getanzt wird, sind 475 Mitglieder maximal 18 Jahre alt – 40,1 Prozeit der TuSpo-Mitgliedschaft.

 

 

 

 

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