Mitgliederstatistik des Kreissportbundes, Teil 4: Interview mit Helmut Schemmann
„Der Verein ist nicht überholt“

Lübbecke/Petershagen. (WB). Ein dramatischer Rückgang bei den Mitgliederzahlen im Jugendbereich mit Einbußen von bis zu 50 Prozent, Sportarten die insgesamt mehr als ein Drittel verloren haben und wie einzelne Vereine künftig um ihr Fortbestehen fürchten müssen: Der Zehn-Jahres-Vergleich der Mitgliederzahlen in den heimischen Sportvereinen, die der Kreissportbundes (KSB) Minden-Lübbecke vorgelegt hat, haben Erstaunliches zu Tage gefördert. Warum der Sportverein als Institution und Organisation auch weiterhin wichtig ist, erläutert KSB-Geschäftsführer Helmut Schemmann im Gespräch mit unserem Redakteur Hans Peter Tipp.

Freitag, 14.08.2020, 06:00 Uhr
Mit attraktiven und aktuellen Angeboten haben Sportvereine eine Zukunft, glaubt KSB-Geschäftsführer Helmut Schemmann. Foto: Hans Peter Tipp
Mit attraktiven und aktuellen Angeboten haben Sportvereine eine Zukunft, glaubt KSB-Geschäftsführer Helmut Schemmann. Foto: Hans Peter Tipp

Eine Statistik mit Zündstoff: Der Zehnjahresvergleich der Mitgliederzahlen der heimischen Sportvereinen, den der Kreissportbund vorgestellt hat, kann durchaus so gelesen werden. Welcher Trend hat Sie am meisten überrascht?

Helmut Schemmann: Die Tatsache, dass der Anteil der Kinder und Jugendlichen an den Mitgliedschaften in unseren Sportvereinen so stark zurückgegangen ist, dass jetzt tatsächlich nicht mal mehr jedes vierte Mitglied in unseren Sportvereinen unter 18 Jahre alt ist, hätte ich so nicht erwartet. Aufgrund des demografischen Wandels war mit einem Rückgang zu rechnen. Aber in dieser drastischen Art und Weise war er nicht vorhersehbar.

 

Was haben die Sportvereine falsch gemacht?

Schemmann: Ich denke nicht, dass man den Vereinen irgendeinen Vorwurf machen kann. Am Ende reden wir über ehrenamtliches Engagement, über Menschen, die sich dafür einsetzen, dass Sport vor Ort ermöglicht wird. Und das machen sie im Rahmen ihres Ehrenamtes nach bestem Wissen und Gewissen und mit dem größten Engagement. Dabei kann man nichts falsch machen. Deshalb wäre es richtiger, danach zu fragen, was jene Vereine richtig gemacht haben, bei denen der Rückgang nicht so ausgeprägt ist.

 

Was haben diese Vereine denn richtig gemacht?

Schemmann: Sie haben sich bemüht, attraktive und aktuelle Angebote für die Kinder und Jugendlichen zu entwickeln. Ein gutes Beispiel dafür ist die Tanzbegeisterung, die der TuSpo Rahden entfacht hat. Andere Vereine nehmen attraktive, externe Angebote wahr, wie die Fußballschulen der Bundesligisten, und begeistern damit viele Kinder. So können Vereine am Puls der Zeit bleiben und bekommen mit, was bei Kindern und Jugendlichen angesagt ist. All das ist aber immer von einzelnen Personen abhängig, die sich engagieren und auch mal etwas ausprobieren. Diese Menschen gibt es. Das ehrenamtliche Engagement ist in unseren Sportvereinen nicht auf dem absteigenden Ast. Die Bereitschaft zum Mitmachen ist da. Dieses Potenzial zu heben, ist eine wichtige Aufgabe für die Vereine.

KSB-Statistik

Dies ist der vierte und letzte Teil unserer Serie zur aktuellen Mitgliederstatistik des Kreissportbundes Minden-Lübbecke. Der erste Teil beschäftigte sich mit der großen Zahl der Jugendlichen, die die Vereine verlassen: „Jugend kehrt Sportvereinen den Rücken“. Im zweiten Teil haben wir speziell auf die Vereine in den sechs Kommunen des Altkreises Lübbecke geschaut: „Klubs in der Klemme“. Im dritten Teil ging es um „Bedrohte Sportarten“.

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Was können, was sollten Sportvereine unternehmen, um wieder mehr Jugendliche für sich zu begeistern?

Schemmann: Einfach auf seiner Scholle sitzen und warten, dass die Kinder kommen, weil man ein Sportverein ist: So geht das heutzutage nicht mehr. Sportvereine müssen ein Umfeld schaffen, in dem Kinder und auch deren Eltern sich gut aufgehoben fühlen. Ein solches Umfeld zu entwickeln, mit Leben zu füllen und auch zu präsentieren, kann im ehrenamtlichen Engagement nur in Teamarbeit mit einer abgestimmten Strategie gelingen. Kooperationen und Kontakte zu Kindergärten, offenem Ganztag und Grundschulen sind da ganz wichtig. Vereine, die positive Signale setzen, sind vielfach auch auf den Social-Media-Kanälen unterwegs. Sie präsentieren dort ihr reges Vereinsleben und können damit die Jugend erreichen.

 

Wie können die Klubs unterstützt werden?

Schemmann: Alle Fachverbände bieten umfangreiche Qualifizierungs- und Beratungsmöglichkeiten für das Ehrenamt an. Auch wir beim Kreissportbund und der Landessportbund unterstützen mit Kursen, Schulungen und anderen Qualifizierungsmaßnahmen, seit Corona auch verstärkt online. Die Unterstützungsmöglichkeiten gerade für moderne Strategie- und Zielfindungen im Verein haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Noch sind diese aber nicht so stark nachgefragt, wie die sogenannten „harten Themen“, zum Beispiel zu den Finanzen im Sportverein.

 

Müssen sich die Vereine radikal wandeln?

Schemmann: Ich glaube, dass sich am Grundprinzip gar nicht viel ändern muss und sollte. Der Sportverein als Interessengemeinschaft vor Ort mit einem begrenzten Einzugsgebiet ist überhaupt nicht überholt. Im Gegenteil: Wo lernt ein Kind Tennis spielen, wenn nicht in einem Verein? Ich kenne weder einen VHS-Kursus noch ein Schulsportangebot, das so etwas bieten kann. Wenn man also Tischtennis, Tennis, Basketball, letztendlich aber fußballtaktisches Spielen in einer Mannschaft lernen will, kommt am „Bildungspartner“ Sportverein niemand vorbei.

 

Der Kreissportbund Minden-Lübbecke hat die Veröffentlichung der Zahlen mit einem dramatischen Appell an die Funktionsträger des Sports auf allen Ebenen verbunden. Wie sind die Reaktionen ausgefallen?

Schemmann: Die Zahlen sind wahrgenommen worden. Und es ist eine leise Diskussion entstanden. Mehr war in der Kürze der Zeit nicht zu erwarten. Schließlich haben wir ja zunächst ganz bewusst nur die Situation beschrieben. Was aber sind die Gründe, denn für den Rückgang der Mitgliederzahlen ist sicher nicht allein der demografische Wandel verantwortlich? Das müsste jetzt näher untersucht werden. In diese Diskussion müssen wir jetzt erst einmal hineinkommen. Aber ich nehme leichte Signale wahr, dass diese Diskussion kommen wird.

 

Leise Diskussion, leichte Signale: Hatten Sie mit mehr Aufmerksamkeit gerechnet?

Schemmann: Dass es jetzt einen riesigen gesellschaftlichen Aufschrei gibt, davon war nicht auszugehen. Aber im Kreise der derjenigen, die Weichen stellen können und wollen, denke ich, dass die Zahlen und die damit verbundene Entwicklung sehr wohl wahrgenommen worden sind. Das wird nach der Sommerpause und den Kommunalwahlen gerade in den neuen Sportausschüssen noch mal zum Thema. Da bin ich mir sicher.

 

Wagen wir den Blick in die Glaskugel: Wie sieht in zehn Jahren die Vereinslandschaft im Kreis Minden-Lübbecke aus, wenn jetzt die richtigen Schritte eingeleitet werden?

Schemmann: Dann freuen wir uns im Kreis Minden-Lübbecke über attraktive Sportstätten. Wir können weiter auf das Engagement ehrenamtlicher, gut qualifizierter Trainer und Übungsleiter bauen, die Kinder begeistern und damit für ein Mehr an Freizeitgestaltung und Bildung in Bewegung, Spiel und Sport sorgen.

 

Und was passiert, wenn jetzt nichts geschieht?

Schemmann: Auch dann wird es Sportvereine geben. Aber sie werden noch mehr als heute kooperieren, Spielgemeinschaften bilden oder fusionieren müssen. Es wird weniger Derbys geben, bei denen sich Nachbardörfer zum sportlichen Wettkampf treffen. Gleichzeitig wird sich die Sportvereinslandschaft wohl vom Wettkampfgeschehen hin zu mehr allgemeinen Bewegungsangeboten für Kinder und Jugendliche bewegen. Teil des gesellschaftlichen Lebens vor Ort wird der Sportverein aber auch in zehn Jahren noch sein – genauso wie es überall eine Freiwillige Feuerwehr gibt, die sich allerdings mit ähnlichen Nachwuchsproblemen wie die Sportvereine konfrontiert sieht.

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