Di., 12.02.2019

American Football: Beim Try-Out finden 90 wildfremde Menschen sofort zueinander und leben Teamgeist Gänsehautfeeling unter Wölfen

90 Männer gehen auf die Knie, legen die Hand auf die Schulter des Vordermannes – der Try-Out in Dankersen versprühte Gänsehautfeeling.

90 Männer gehen auf die Knie, legen die Hand auf die Schulter des Vordermannes – der Try-Out in Dankersen versprühte Gänsehautfeeling. Foto: Volker Krusche

Von Volker Krusche

Minden (WB). Sie sind rar gesät, die Momente, die die Menschen packen und für Gänsehaut sorgen. Wenn aber urplötzlich 90 junge Männer nach vier intensiven Trainingsstunden in einer für sie neuen Sportart einen Kreis bilden, gleichzeitig auf ihr linkes Knie gehen und die Hand auf die Schulter des Vordermannes legen, dann muss etwas ganz Besonderes passiert sein.

Es spiegelte nicht nur die Begeisterung, sondern vor allen Dingen das Gefühl des Erlebten wider, was sich beim Try-Out (Ausprobieren) des, den gesamten Mühlenkreis ansprechenden, ersten American Football-Vereins, den Minden Wolves, ereignet hatte. Es ist noch gar nicht so lange her, da lebten einige ehemalige und noch aktive Spieler des populärsten US-Sports einen Traum. Einer dieser acht Mitbegründer der Wolves ist der Lübbecker Sebastian Schmidt. Nachdem er in der Jugend für den TuS Tengern gekickt hat, entdeckte er seine Leidenschaft für den American Football und schloss sich dem einzigen Team in der näheren Region, den Schaumburg Rangers aus Bückeburg, an, für die er vier Jahre lang spielte. »Bis uns in den Kopf kam, doch ein eigenes Team auf die Beine zu stellen.« Aus der Schnapsidee wird nun Wirklichkeit. Und nach Samstag ist sich Schmidt sicher: »Auf dieses Try Out lässt sich aufbauen!«

Teilnahme- und Altersbegrenzung

Als im Januar das ambitionierte Vorhaben an die Öffentlichkeit drang und die Footballer zum Schnuppern nach Dankersen aufriefen, trafen sie damit genau den Nerv der Zeit. Kaum eine andere Sportart, auch wenn sie in Deutschland bei nur 60.000 aktiven Spielern noch eher ein Stiefmutterdasein fristet, hat in den letzten Jahren im medialen Interesse so zugelegt, wie American Football – in erster Linie natürlich durch die regelmäßigen TV-Übertragungen der NFL-Spiele. »Zehn Minuten, nachdem wir den Termin für den Try-Out auf Facebook eingestellt haben, lagen schon 20 Anmeldungen vor«, erinnert sich Timo Drinkuth, selbst erfahrener Footballer und künftiger Headcoach der Minden Wolves. Und es wurden täglich mehr, so dass man eine Teilnahme auch aus versicherungstechnischen Gründen an ein Mindestalter von 18 Jahren knüpfte.

Irgendwann war dann die Zahl von mehr als 150 Teilnehmern für den »Ausprobiertag« erreicht; die Verantwortlichen mussten die Reißleine ziehen. 90 durften es sein, wer zuerst kam, der war dabei. Bereits anderthalb Stunden vor der Einschreibung waren die ersten Enthusiasten in Dankersen eingetroffen. Und nach ihnen kamen im Minutentakt immer weitere. Keiner wollte es riskieren, zu spät zu sein, in die Rolle des Zuschauers schlüpfen zu müssen. Einigen erging es letztlich dennoch so. Viele hatten aber im Vorfeld die Begrenzung wahrgenommen und setzten auf ein zweites Try-Out, dass die Wolves nicht nur ankündigten, sondern auch definitiv in Kürze durchführen werden. Das dann allerdings in der Halle, um witterungsunabhängiger zu sein.

Am Samstag spielte der Wettergott glücklicherweise mit. In der Nacht hatte es noch gestürmt und Bindfäden geregnet, keine halbe Stunde nach Trainingsende begann es wieder zu regnen. Zwischendurch blieben die himmlischen Schleusen dicht, so dass das komplette Programm durchgezogen werden konnte.

Chance zum Reinschnuppern

Mit dabei waren auch Footballbegeisterte aus dem Altkreis Lübbecke. Einer davon war Jerome Stickdorn aus Pr. Oldendorf, der beim OTSV Fußball gespielt hat. »American Football ist unglaublich im Kommen. Ich wollte es einfach mal selbst ausprobieren. Bislang habe ich Football nur durch die TV-Übertragungen erlebt. Interessant ist für mich natürlich auch, auf welcher Position mich die Coaches sehen.«.

Erwartungsfroh war auch Tobias Pauls von TuRa Espelkamp, der sich als Fan der Kansas City Chiefs outete. »Ich interessiere mich seit ein paar Jahren für Football. Gerade die Übertragung der NFL-Spiele haben die Lust geweckt, mal zu spielen, es selbst auszuprobieren und durch den Try-Out jetzt mal die Chance zu nutzen, reinzuschnuppern.« Nach den vier intensiven Stunden war Pauls zwar begeistert, wird den Fußball jedoch wohl nicht an den Nagel hängen. »Aber vielleicht kann man es ja parallel machen.«

Anders Patric Schmid vom Holsener SV, ein Anhänger der New England Patriots, dem frischgebackenen SuperBowl-Sieger: »Über die TV-Übertragungen bin ich zum American Football gekommen. Und da habe ich mir nach meinem Umzug von Holsen nach Minden gesagt: Probier doch einfach mal was Neues aus. Auf Facebook sah ich den Aufruf zum Try Out. Und als die Sache immer mehr an Fahrt aufnahm, haben wir uns mit mehreren Holsenern entschieden, hier teilzunehmen.« Und sein Fazit? »Für Football würde ich sogar mit dem Fußball aufhören.« Eine Wunschposition habe er nicht. »Ich würde da spielen, wo mich die Trainer brauchen.«

Wer Lust hat, wird spielen

Apropos Trainer. Die hatten für den Try-Out ein abwechslungsreiches Programm erarbeitet. Ihr Schlüssel lag aber in der Begeisterung der Teilnehmer, auch dank der emotionalen Begrüßung des künftigen Offense-Caches Danny Wilkening. Der nahm jeden der möglichen künftigen Footballer mit. »Wenn ihr Lust auf Football habt, dann werdet ihr auch spielen. Football ist ein Mannschaftssport. Da brauchen wir keine Cristiano Ronaldos, sondern ausnahmslos Teamplayer. Und wir wollen und werden von Anfang an eine Mannschaft sein. Eine für Minden und den ganzen Mühlenkreis. Da ist es völlig egal, ob einer groß oder klein, schwer oder leicht ist. Beim Football ist für jeden Platz.« Den wenigen Teilnehmern, die schon über Erfahrung im Spiel mit dem Ei verfügten, rief Wilkening ihnen zu: »Ihr werdet die anderen mitnehmen und ihnen helfen. Das macht Teamspirit aus! Und das lassen wir jeden spüren, gerade auch, wenn ihm eine Übung mal nicht so gut gelingen sollte.« Diese Worte saßen, als wären sie jedem einzelnen per Spritze ins Blut injiziert worden. Fortan bestimmte der beschworene Teamgeist jede Aktion, jede Übung, jeden Versuch – und zwar eines jeden Einzelnen unter den 90 Teilnehmern. Männer im Alter von 18 bis 45 Jahren, vom 57kg-Leicht- bis zum 157kg-Schwergewicht – wildfremde Menschen machten vom ersten Moment an gemeinsame Sache. So soll der künftige Spirit der Wolves sein.

Das Training umfasste drei Schwerpunkte. Zu Beginn unterzogen sich die »Frischlinge« einem dynamischen Warm-Up, bei dem man sich in der Bewegung aufwärmte und zugleich dehnte. Danach wurden die Teilnehmer entsprechend ihrer Körperstruktur, nach Größe und Gewicht in vier Gruppen aufgeteilt und es begann ein Combine, bei dem die athletischen und mentalen Fähigkeiten getestet wurden. Der enthielt einen 40 Yard-Sprint (40 Dash), ein 20 Yard-Sprint mit 180 Grad-Richtungswechsel (20 Shuffle) und ein 10/10 Backwards, bei dem die ersten zehn Yards rückwärts, die anderen zehn nach einer Körperdrehung vorwärts gelaufen werden, auf Zeit sowie ein Standweitsprung.

Noch nie eine solche Resonanz erlebt

Danach folgten die »Position Drills«. Bei der Station für die O- und D-Line wurde gezeigt, wie man stehen muss, einen Block ansetzt oder den Gegner mit leichtem Tackling (Kontakt) wegschiebt. Die Station beinhaltete Übungen für Linebacker mit dem Tackle-Dummy und Laufübungen mit Koordinationsaufgaben für Running Backs. Für Wide Receiver, Corner- und Defensebacks wurden an zwei Stationen Bälle zum Fangen geworfen, wobei sich die Passrouten unterschieden. Die Teilnehmer gaben später jeder Station eine individuelle Note, anhand derer mit den Ergebnissen des Combine erste Rückschlüsse auf eine mögliche Verwendung im Team gezogen werden können.

Am Ende waren nicht nur die 90 Newcomer begeistert. Auch die Träumen der Verantwortlichen wurden übertroffen. »Wir hatten für den Try-Out mit 15 bis 20 Teilnehmern gerechnet. Ich habe schon viel im Football erlebt, aber so eine Resonanz noch nie. Das war überwältigend«, freute sich Timo Drinkuth.

Und überwältigend war auch das, was bei allen blieb: der Teamspirit, der jeden erfasst hatte.

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