Sa., 21.03.2020

Schwimmen: Maike Naomi Schnittger bereitet sich auf die Paralympics vor „Das hat nichts mit Fairness zu tun“

Maike Naomi Schnittger möchte in diesem Jahr bei den Paralympics in ihrem Geburtsland Japan starten – sieht Olympia 2020 aber situationsbedingt kritisch.

Maike Naomi Schnittger möchte in diesem Jahr bei den Paralympics in ihrem Geburtsland Japan starten – sieht Olympia 2020 aber situationsbedingt kritisch. Foto: Kay Nietfeld

Von Adrian Rehling

Preußisch Oldendorf (WB). Das Jahr 2020 soll etwas ganz Besonderes werden. Das weiß Maike Naomi Schnittger bereits seit dem 7. September 2013. Dort wurde entschieden, dass die diesjährigen Paralympics in Tokio stattfinden werden. Was viele nicht wissen: Für die erfolgreiche Schwimmerin ist es eine Reise in die Vergangenheit.

Am 6. April 1994 erblickte die mittlerweile 26-Jährige das Licht der Welt. Aber nicht etwa in Deutschland, sondern im japanischen Yokohama. Vater Rainer und Mutter Marion waren große Freunde der asiatischen Lebenskultur und verbrachten einige Jahre in Japan. „Meine Eltern haben mir so viel über die Menschen und das Leben dort erzählt. Deshalb war die Freude riesig, als wir von Tokio als Ausrichter der Spiele erfuhren“, erinnert sich Maike.

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Ich bin in der glücklichen Situation, die erste Chance zur Quali direkt genutzt zu haben.

Maike Naomi Schnittger (Paralympics-Hoffnung)

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Ihren Startplatz hat die inzwischen fast vollständig erblindete Schwimmerin seit dem „Swim-Cup“ in Eindhoven im April 2019 sicher. Maike überzeugte auf ganzer Linie und schaffte beim bisher einzigen Qualifikations-Wettkampf direkt die Norm: „TOKYO - here i come“ ist seitdem auf ihrer Homepage zu lesen. „Ich bin in der glücklichen Situation, die erste Chance zur Quali direkt genutzt zu haben.“ Damit einhergehend folgt aber auch direkt das große Aber: “Seit Februar wurde alles abgesagt. Alle Weltcups, alle Quali-Events.” Der Grund, in diesen Tagen natürlich nicht überraschend: Das Coronavirus, das die Menschen weltweit schon deutlich früher in Atem hält als in Deutschland. Die Folgen für Maike Naomi: Die Ausfälle aller ihrer Vorhaben für das Frühjahr.

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Das Wichtigste derzeit ist, dass es mir gut geht, ich bin gesund!

Maike Naomi Schnittger (Paralympics-Hoffnung)

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Und das war auch in einem Olympia-/Paralympics-Jahr spektakulär besetzt: In diesen Tagen wäre die Preußisch Oldendorferin bis Ende März zu einem gut zweiwöchigen Trainingslager in Florida gewesen, im April war ein Einsatz innerhalb der Weltserie in Sheffield in England geplant, ehe vom 17. bis 23. Mai die Europameisterschaft auf der portugiesischen Insel Madeira im Terminkalender vermerkt war. Über das Heimspiel der Welt-Para-Schwimmserie in Berlin im Juni soll der Saisonhöhepunkt vom 25. August bis zum 6. September bei den Paralympics in Tokio folgen. Die sind bisher nicht abgesagt. Noch nicht. Aber auch das ist derzeit zweitrangig. „Das Wichtigste derzeit ist, dass es mir gut geht, ich bin gesund“, so die stets gut gelaunte Sportlerin. Und weiter: „Wir versuchen, die Situation so gut wie möglich zu handeln.“ Heißt im Klartext: Einmal am Tag ist das Becken in Potsdam, Maikes aktuellem Wohnort, für den Trainingsbetrieb der Olympioniken und Paralympics-Teilnehmer geöffnet. Immerhin etwas. Allerdings kann damit der teils vier- bis fünfstündige Trainingsbetrieb nicht einmal im Ansatz ersetzt werden. Deshalb sagt Schnittger: „Um ehrlich zu sein: Wir machen nichts Halbes und nichts Ganzes. Wir Sportler versuchen uns natürlich, an die Vorgaben und Richtlinien zu halten. Großgruppen meiden, soziale Kontakte möglichst unterbinden. Aber bei einem Training sind halt notgedrungen dann viele Menschen dabei.“

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Ich bin hin- und hergerissen, was die Spiele angeht.

Maike Naomi Schnittger (Paralympics-Hoffnung)

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Die komplette Einstellung der Einheiten scheint keine Lösung, denn „irgendwie müssen wir uns ja auf die Spiele vorbereiten.“ Ein Zwiespalt, den Maike Naomi Schnittger auch ganz deutlich so auf den Punkt bringt: „Ich bin hin- und hergerissen, was die Spiele angeht. Auf der einen Seite haben wir Sportler jetzt knapp vier Jahre auf dieses eine Ereignis hingearbeitet und es würde uns schon den Füßen unter den Boden wegreißen. Auf der anderen Seite stehen Olympia und die Paralympics aber für einen fairen Wettkampf. Und dieser ist aus heutiger Sicht eigentlich nicht zu gewährleisten. Ein faires Olympia ist kaum möglich!“ Die Erklärung dafür hat Schnittger auch direkt parat: „Die Chancengleichheit ist einfach nicht gegeben. In manchen Ländern sind die Pools noch offen, in manchen nur ein paar, in vielen hingegen gar nicht.“

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Die Entscheidung soll schnell getroffen werden. Damit wir Sportler nicht so in der Luft hängen.

Maike Naomi Schnittger (Paralympics-Hoffnung)

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Daher habe die vierfache Welt-, zweifache Europa- und mehrfache Deutsche Meisterin aus Preußisch Oldendorf eigentlich nur einen Wunsch: „Die Entscheidung soll schnell getroffen werden. Damit wir Sportler nicht so in der Luft hängen. Allerdings nur unter einer Prämisse – und die hat absoluten Vorrang: Die Gesundheit aller steht im Vordergrund.“ Denn nur dann würde Maike Naomi Schnittger die Spiele auch wirklich genießen können – die Spiele in ihrem Geburtsland und der zweiten Heimat ihrer Eltern.

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