Giustina Ronzetti lebt bei Arminia Bielefeld ihren Traum vom Fußballprofi
Aus der Quarantäne in die Sportschau

Levern (WB). Träumen, hart arbeiten und niemals aufgeben: Fußball-Ass Giustina Ronzetti (28) ist eine Vollblutstürmerin aus Levern, die zurzeit ihren Traum vom Fußballprofi durchleben darf. Für ihre Karriere ist sie „sehr dankbar“ und überzeugt davon, „dass man mit harter Arbeit wirklich alles im Leben schaffen kann“.

Mittwoch, 29.07.2020, 18:59 Uhr aktualisiert: 29.07.2020, 19:02 Uhr
Seit 2018 stürmt Giustina Ronzetti (links) aus Levern für Arminia Bielefeld. In der vorigen Saison erreichte sie mit dem Zweitligisten sensationell das DFB-Pokal-Halbfinale. Foto: Thomas F. Starke
Seit 2018 stürmt Giustina Ronzetti (links) aus Levern für Arminia Bielefeld. In der vorigen Saison erreichte sie mit dem Zweitligisten sensationell das DFB-Pokal-Halbfinale. Foto: Thomas F. Starke

Ihre bisherige Karriere liest sich wie ein Märchen: Als 19-Jährige hat sie ihr Glück selbst in die Hand genommen und um ein Probetraining beim Herforder SV gebeten. Dort kann sie sich nachhaltig empfehlen. Es folgt ein rasanter Aufstieg, der durch ein Bundesligajahr und der Auszeichnung als Torschützenkönigin in der zweiten Bundesliga Nord gekrönt wird. Mittlerweile spielt Giustina Ronzetti beim Traditionsklub Arminia Bielefeld. Ihr Erfolgsrezept? Träumen, hart arbeiten und niemals aufgeben.

Ihr erstes Team ist eine Jungenmannschaft

Bei Giustina Ronzetti ist früh klar: Sie ist ambitioniert. So ist ihr erstes Team eine Jungenmannschaft. „Das ist eine super wichtige Zeit gewesen, weil man vom Zweikampfverhalten noch mal ganz anders lernt, Fußball zu spielen.“ Bei den Mädchen spielt sie beim FC Oppenwehe und SV Friesen Lembruch. Obwohl die durchsetzungsstarke Stürmerin schon mit 13 ein Angebot vom Herforder SV vorliegen hat, entscheidet sie sich gegen einen Wechsel.

Das Selbstbewusstsein muss in der Jugend noch reifen. „Irgendwann hat es mich dann gepackt.“ Eine Profikarriere mit 19 auf eigene Faust zu starten, klingt fast wie ein Märchen – nur dass aus diesem Märchen dann pure Realität wird. Beim Herforder SV ist sie anfangs für die zweite Mannschaft eingeplant. Eine Enttäuschung? Nein, Ansporn! Die Vorbereitung darf sie bei der ersten Mannschaft mitmachen. „Da ich ein sehr ehrgeiziger Mensch bin, habe ich da alles reingehauen, was ging, und habe mich so für die erste Mannschaft empfohlen.“

Kreuzbandriss 2014 sorgt für ein Umdenken bei der Spielerin

Am letzten Spieltag der Saison 2013/2014 zieht sie sich einen Kreuzbandriss zu. „Damals war das definitiv die härteste Zeit in meinem Leben, zumal wir den Sprung in die erste Bundesliga geschafft hatten und ich meinen Traum nicht leben konnte.“ Aber: „In der Zeit habe ich mich menschlich und von der ganzen Trainingssteuerung weiterentwickelt.“ Vor der Verletzung ist sie fast schon zu ehrgeizig: „Früher habe ich gedacht, dass ich jeden Tag trainieren muss, damit ich nicht schlechter werde, und habe gar nicht auf die Regenerationszeit geachtet.“ Dies ändert sich durch die Verletzung. „Ich weiß es jetzt ganz anders zu schätzen, wenn ich auf dem Platz stehen kann.“

Ich habe mir angeeignet, Druck in positive Energie umzuwandeln. Ich weiß, es gibt für alles Lösungen.

Giustina Ronzetti

Kluge, positive Schlüsse: ein weiteres Merkmal von Giustina Ronzetti. Beim Umgang mit Druck bezieht sie sich ebenfalls auf die Lehren des Kreuzbandrisses. „Dadurch habe ich mir angeeignet, Druck in positive Energie umzuwandeln. Ich weiß, es gibt für alles Lösungen.“

Lösungen findet sie auch auf dem Platz! In der ersten vollen Saison nach dem Kreuzbandriss wird sie Torschützenkönigin. „Ich versuche immer, das Beste aus negativen Zeiten zu ziehen und daraus zu lernen. Sie gehören dazu, und wenn man will, kann man daraus stärker zurückkommen.“

So wie sie! Nachdem sie mit dem Herforder SV viel erlebt hat, wechselt die ehrgeizige Stürmerin 2018 zum DSC Arminia Bielefeld, der zu der Zeit in der Regionalliga spielt. Sie sucht eine neue Herausforderung: In der ersten Saison bei den Arminen erzielt sie starke 14 Treffer in 14 Spielen und ist so ein echter Faktor für den Aufstieg in Liga zwei. In der mittlerweile abgelaufenen Saison 2019/2020 steht nur ein Ligaeinsatz zu Buche. Doch das „nur“ fällt bei Ronzetti weg. „Ich habe mir einen Knorpelschaden zugezogen und war damit lange beschäftigt. Doch Aufgeben zählt bei Giustina Ronzetti nicht: „Ich bin ein Kämpfertyp“.

Sensationssieg gegen Sand: Ronzetti stürmt in die Sportschau

Mitwirken kann Ronzetti dafür aber beim Überraschungscoup im Pokal, als ihre Mannschaft nicht zuletzt mit einem Sensationssieg gegen den Bundesligisten Sand Schlagzeilen macht und es bis in die Sportschau schafft. „Das ist schon außergewöhnlich gewesen, dass man als Zweitligist ins Halbfinale des DFB-Pokals einzieht.“ Wie Arminia das geschafft hat? Lachend scherzt sie: „Wir waren ja vorher eine Woche zusammen in Quarantäne, vielleicht war das ausschlaggebend.“ Und dann erklärt sie: „Es ging nur über eine Teamleistung, jeder hat gekämpft, und Sand hat uns wahrscheinlich unterschätzt.“

Obgleich sie das Toreschießen liebt, ist sie eine Teamspielerin. Direkt angesprochen auf ihre größte Stärke, nennt sie ihren Willen. „Ich bin davon überzeugt, dass man mit harter Arbeit wirklich alles im Leben erreichen kann.“ Auch ihre „zweite Stärke“ nennt sie selbstbewusst: „Das ist meine Athletik. Ich bin sehr schnell, gehe zusätzlich noch in den Kraftraum zum Trainieren, und ich glaube, das macht sich auch auf dem Platz bemerkbar. Außerdem habe ich einen guten Schuss“, fügt sie hinzu. Das lässt sich auch nachweisen: In drei aufeinanderfolgenden Spielzeiten netzt Ronzetti jeweils zweistellig.

Es wundert nicht, dass der Fußball in ihrem Leben einen „großen Stellenwert“ hat. „Ich lebe das komplett: Meine Freizeit, Ernährung und Schlaf richten sich danach aus“. Ronzetti weiß auch, dass es wichtig ist, „eine Balance zu finden, damit es nicht zu krass wird und man auch noch einen Ausgleich hat.“

Notfalls nimmt Giustina Ronzetti, deren Fußballlaufbahn beim SV Oppenwehe und SV Friesen Lembruch begann, auch mal eine Gegnerin huckepack.

Notfalls nimmt Giustina Ronzetti, deren Fußballlaufbahn beim SV Oppenwehe und SV Friesen Lembruch begann, auch mal eine Gegnerin huckepack. Foto: Thomas F. Starke

Bei all ihren Erfolgen stellt sich die Frage, warum sie nie für die Nationalmannschaft nominiert wurde. Zu der italienischen gab es Kontakt, der sich durch die Knie-OP zerschlagen hat. Für die deutsche Nationalmannschaft „hätte ich definitiv länger erste Liga spielen müssen, um auf mich aufmerksam zu machen“, erklärt sie. Topkarriere verschenkt? „Ich mache eine Topkarriere nicht daran fest, welche Titel ich gewonnen habe oder in welchem Verein ich gespielt habe. Ich hatte auch damals Angebote und hätte in die erste Liga gehen können. Für mich ist es aber sehr wichtig, dass ich mich wohlfühle. Der Fußball hat mich sehr geprägt und menschlich weitergebracht. Für mich ist das bis hierhin eine Topkarriere! Ich habe immer das Vertrauen meiner Trainer zu spüren bekommen, was auch nicht selbstverständlich ist.“

Als Torschützenkönigin der 2. Liga Nord wurde Giustina Ronzetti in ihrer Zeit beim Herforder SV von Bürgermeister Tim Kähler und Monika Beckmann (DFB) geehrt.

Als Torschützenkönigin der 2. Liga Nord wurde Giustina Ronzetti in ihrer Zeit beim Herforder SV von Bürgermeister Tim Kähler und Monika Beckmann (DFB) geehrt. Foto: Nolting

So ist sie explizit auch froh, den Schritt zu Arminia Bielefeld gewagt zu haben, als Trainer Markus Wuckel, ehemaliger DDR-Nationalstürmer und zwischen 1993 und 1995 selbst für Arminia in der Bundesliga am Ball, sich um sie bemühte. „Wir haben super Bedingungen, einen tollen Trainingsplatz und einen Trainer, zu dem ich eine starke Bindung habe. Ich arbeite auch in der Geschäftsstelle und es macht mega Spaß. Ich fühle mich auch auf dem Platz super wohl, das ist meine Leidenschaft. Wir haben mit Herrn Laufer einen Präsidenten, der voll hinter der Frauenmannschaft steht.“

Vom Aufwand her ist es dasselbe. Wir trainieren auch vier bis fünf Mal pro Woche. Aber für die meisten ist Fußball Männersache und ich glaube, dass es auch in Zukunft so bleiben wird.

Giustina Ronzetti

Welchen sportlichen Traum sie noch verwirklichen möchte? Eine schwierige Frage: „Ich möchte nochmal eine verletzungsfreie Saison spielen, das wäre schön.“ Zur gesellschaftlichen Stellung des Frauenfußballs hat sie eine klare Meinung. „Die hat sich in den letzten Jahren sicherlich gebessert“, aber „für die meisten ist Fußball Männersache, und ich glaube, dass es auch in Zukunft so bleiben wird.“ Sie stellt auch fest: „Vom Aufwand her ist es dasselbe. Wir trainieren auch vier bis fünf mal pro Woche.“ Pläne für die Karriere nach der Karriere? „Ich bin jetzt 28, habe noch mal für zwei Jahre bei Arminia unterschrieben und gucke nur von Saison zu Saison. Ich bin kein Mensch, der Jahre vorausplant. Das Wichtigste im Leben ist für mich immer Gesundheit und dass ich innerlich zufrieden bin. Wo und wie das dann ist, da lasse ich mich mal überraschen.“

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