TSV Schloß Neuhaus bietet Calisthenics an
Wenn der Körper das Fitnessstudio ist

Paderborn -

Mehr Sport zu treiben ist ein gerne gewählter Neujahrsvorsatz, der aber in der Regel ausreichend Angriffsfläche für Ausreden liefert.

Montag, 04.01.2021, 03:09 Uhr
Rita Wiebe kann minutenlang im Handstand verweilen. Jan Bohnenkamp ist derweil eine menschliche Fahne.
Rita Wiebe kann minutenlang im Handstand verweilen. Jan Bohnenkamp ist derweil eine menschliche Fahne. Foto: Jörg Manthey

Wie wär‘s also mit einem effektiven Allround-Sport, für den man gar nicht viel braucht, außer sich selbst. Kein Kunstlicht, keine teuren Geräte oder Maschinen, kein miefiges Fitnessstudio. Dieses krasse Figurtraining heißt Calisthenics, übersetzt etwa „schöne Kraft“, und klingt damit nicht ganz so unsexy wie „Eigengewichtsübungen“. Gerade in Zeiten geschlossener Muckibuden eine immer öfter gesuchte und, nicht zu verschweigen, ziemlich extreme Anstrengung. Die angestaubten Zeiten von „Turnvater Jahn“, die Nutzung von Barren und Reck, sind in neuem Gewand wieder en vogue. Mit Calisthenics lernt man seinen Körper viel besser kennen.

Jan Bohnenkamp ist Übungsleiter beim TSV Schloß Neuhaus. Der Verein hat seit 2019 Calisthenics in seinem Repertoire. Gründervater Tobias Moos hat sich inzwischen aus beruflichen Gründen aus der Region verabschiedet; Leute wie Bohnenkamp und Trainer-Kollegin Rita Wiebe (31) sind in die Bresche gesprungen, um das sportliche Angebot zu erhalten und den Vormarsch von Calisthenics hierzulande weiterhin zu fördern.

Kundige Anleitung ist wichtig. Denn wer Kraftübungen falsch erlernt, kann seinem Körper leicht anatomische Schäden zufügen. Der knallharte athletische Mix, entstanden aus der Freeletics-Bewegung, hält bei korrekter Durchführung, und auf diesen Umstand kommt es Rita Wiebe und Jan Bohnenkamp („Wer die Übungen falsch ausführt, tut sich keinen Gefallen“) besonders an, lauter gesunde Anreize für Arme, Schultern, Rücken, Bauch, Beine oder Po feil. Das Körperfett wird gesenkt, die Figur gestrafft, die Fitness und Körperspannung erhöht, das Herz-Kreislauf-System in Schwung gebracht, das Immunsystem gestärkt.

Eigentlich gibt es also keine Ausrede, sich nicht mal in Calisthenics zu versuchen, merkt Jan Bohnenkamp mit einem leichten Grinsen an. Rita Wiebe ist seit fünf Jahren aktiv. Lieblingsübungen der zweifachen Mutter: Handstand und Klimmzüge. Sie wirbt um weitere Sympathisanten: „Das ist eine absolut flexible Geschichte. Du kannst es zweimal oder siebenmal in der Woche machen, je nach Lust. Calisthenics ist ein Lifestyle und mehr als nur ein Sport.“

Die Übungen lassen sich grob in drei Kategorien einteilen: statische Körperhaltungen, Wiederholungen und das spektakuläre Freestyle. Als Widerstände dienen nur die Schwerkraft und das eigene Körpergewicht. Na ja, und der legendäre innere Schweinehund. Doch sogar der dürfte beizeiten eingestehen: Schon beeindruckend, wozu der menschliche Körper im Stande ist. „Du verbesserst Kraft, Koordination, Balance und Beweglichkeit und bekommst auch eine andere Körperwahrnehmung“, wirbt Jan Bohnenkamp. Der 19-jährige Informatikstudent fügt noch an: „Dazu gehört natürlich auch eine gute Ernährung.“

Der erste und wichtigste Schritt sei aber, betont Jan Bohnenkamp, die Motivation für Calisthenics. Sich drauf einzulassen. Beim TSV Schloß Neuhaus haben sie eine Whats-App-Gruppe eingerichtet, um auf diese Weise Motivation verschicken zu können. „Da herrscht ein toller Teamspirit. Die Community hilft dir, deine Ziele nicht aus den Augen zu verlieren.“ Ziele wie gesund zu leben, aktiv zu sein und die bestmögliche Leistung abzurufen.

Dass beim Calisthenics für jeden etwas dabei ist und es keine Rolle spielt, ob und welche Vorkenntnisse vorhanden sind, zeigt sich auch im Falle Jan Bohnenkamps, der im Teenageralter Tischtennis gespielt hat. „Bevor ich vor drei Jahren mit Calisthenics anfing, hatte ich mit Turnen und Fitness nicht wirklich etwas am Hut.“ Heute ist er in der Lage, sich wie eine menschliche Flagge – der spektakuläre seitliche Handstand nennt sich im Branchenjargon „Human Flag“ – im 90-Grad-Winkel von einer Stange abzustemmen. Eine fortgeschrittene Übung, bei der es sowohl auf die Kraft in der Schulter als auch auf Spannung in der Rumpfmuskulatur ankommt. Dabei spielt das Verhältnis von Körpergröße, Gewicht und Muskelmasse eine wichtige Rolle, um sich gegen die Schwerkraft behaupten zu können. Jan Bohnenkamp kann da mit seiner eher kleinen und leichten Figur gut punkten. Nach dreimal 20 Push-ups, um auf Betriebstemperatur zu kommen, folgen Liegestütze auf zwei Holzringen. Locker soll‘s aussehen. „Dafür brauchst du eine extreme Körperspannung und starke Handgelenke“, erläutert Rita Wiebe. Wer‘s härter haben möchte, bitteschön: Dieser Spaß lässt sich in verschiedenen Progressionsstufen steigern. „Wir haben Gewichtswesten zum Umschnallen, von zehn bis 25 Kilogramm.“

Umsonst und draußen mit dem eigenen Gewicht trainieren: Outdoor-Fitness ist gerade in Corona-Zeiten voll im Trend. Calisthenics-Parks wie der stark frequentierte am Ahorn-Sportpark sind so etwas wie die Renaissance der Trimm-dich-Pfade. Durch die Standortwahl lässt sich die Nutzung der Anlage prima mit dem dortigen Trimmpfad kombinieren. Und die Community wächst stetig. Am Goldgrund, unmittelbar neben dem Sport- und Begegnungszentrum des TV 1875 Paderborn, ist im September 2019 die vierte Calisthenics-Anlage im Kreis Paderborn eröffnet worden. Weitere Trainingsmöglichkeiten gibt es in Delbrück und Salzkotten-Niederntudorf.

Die gängigsten Eigenkörpergewichtsübungen sind der Klimmzug (Pull-up), Liegestütz (Push-up), Barrenstütz (Dip), die Kniebeuge (Squat) oder der Handstand. Je nach Fitnessgrad lassen sich Variationsmöglichkeiten zur Erschwerung einbauen.

Calisthenics hat uralte Wurzeln. Im antiken Griechenland etwa baute das Training der Krieger aus Sparta auf Calisthenics auf. Die Armee wurde mit Übungen wie Ausfallschritten, Jumping Jacks, Sit-Ups, Klimmzügen, Kniebeugen und Dips vorbereitet. Auch die Athleten der Olympischen Spiele setzten auf das Eigengewichtstraining. Später übernahmen die römischen Gladiatoren Elemente des Calisthenics. Die knallharte Straßenfitness wurde wiederentdeckt in den Ghettos von New York. So entstand auch die Bezeichnung Street-Workout. Calisthenics war das Krafttraining der Armen. Seit 2011 organisiert die World Street Workout & Calisthenics Federation (WSWCF) eine Weltmeisterschaft. In Deutschland führten sie 2013 den ersten „Street Workout World Cup Deutschland“ durch.

„Das Schöne ist, du kannst es machen, wann du willst und wo du es willst“, sagt Jan Bohnenkamp. „Du bist von nichts abhängig, hast gar keinen Zwang.“ Ob zu Home Office-Zeiten das Bett, das Sofa oder der Küchenstuhl, ob draußen die Parkbank, die Teppichstange oder das Treppengeländer: Mit ein wenig Fantasie gibt es überall unterstützende Mittel für heftige Calisthenics-Übungen zu finden. Schließlich trägt jeder sein Fitnessstudio immer bei sich. Und noch ein Vorteil: jede Figur, jedes Alter kann anfangen. Mehr Infos im Netz: www.calisthenics-paderborn.de.

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