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Do., 10.11.2016

TuRa-Funktionäre zur neuen Struktur des Elsener Großvereins »Hauptamtlichkeit ist die Zukunft«

Kai Kittler ist seit September hauptamtlicher Sportmanager bei der TuRa Elsen. Der Verein mit 2600 Mitgliedern hat sich komplett neu aufgestellt. Die TuRa bietet in 16 Abteilungen die unterschiedlichsten Sportarten an.

Kai Kittler ist seit September hauptamtlicher Sportmanager bei der TuRa Elsen. Der Verein mit 2600 Mitgliedern hat sich komplett neu aufgestellt. Die TuRa bietet in 16 Abteilungen die unterschiedlichsten Sportarten an. Foto: Besim Mazhiqi

Paderborn (WB). Im Verein ist Sport am schönsten. Dieses vor 40 Jahren kreierte Motto des Deutschen Olympischen Sportbundes hat sicherlich auch heute noch seine Gültigkeit. Doch wird es Sportvereine, wie wir sie kennen, in Zukunft überhaupt noch geben?

Immer mehr Vereine haben Probleme, ihre Ehrenämter zu besetzen. Die TuRa Elsen, einer der vier Großvereine in Paderborn, hat nun reagiert und mit Kai Kittler einen hauptamtlichen Sportmanager eingestellt, nachdem nach mehr als einjähriger Suche die ehrenamtlichen Vorstandsposten nicht besetzt werden konnten. Gleichzeitig wurden die Vereinsstrukturen geändert. WV-Redakteurin MarionNeesensprach jetzt mit PatrickRuf, der gemeinsam mit Dominik Stollmeier vorübergehend die Geschicke der TuRa geleitet hat, und Sportmanager KaiKittlerüber die Zukunft der TuRa und des Vereinssports.

 

Herr Ruf, bei der TuRa Elsen gibt es den klassischen Vereinsvorsitzenden nicht mehr. Wie haben Sie sich aufgestellt?

Patrick Ruf: Wir haben mit Kai Kittler einen hauptamtlichen Sportmanager eingestellt und wir haben das Ressortprinzip eingeführt. Den Vorstand bildet nun ein Team aus fünf ehrenamtlichen Akteuren, die die Ressorts Repräsentation, Verwaltung, Finanzen, Marketeing und Sportangebote leiten. Der Sportmanager unterstützt die Ressorts, ist aber nicht Teil des Vorstandes. Zudem haben wir das Kontingent der hauptamtlichen Stunden in der Geschäftstelle erhöht.

Warum war eine solche Umstrukturierung notwendig?

Ruf: Weil wir gemerkt haben, dass die Strukturen des Vereins nicht mehr in die heutige Zeit passen und wir ohne Hauptamtlichkeit nicht weiterkommen. Das Fachwissen, das in einem Großverein notwendig ist, wird immer spezieller. Die Aufgaben sind kaum noch im Ehrenamt zu leisten. Ein Beispiel sind Fahrtkosten: Die sind bei einem Heimspiel steuerlich anders zu bewerten als bei einem Auswärtsspiel. Wir brauchten jemanden, der dieses Geschäft gelernt hat. Im Bereich Fördergelder ist es eminent wichtig, Fristen einzuhalten, sonst geht einem Verein viel Geld verloren. Auch Dinge wie Hallenbelegung oder Versicherungsfragen können oft nur tagsüber erledigt werden. Wenn der Ehrenamtler nach Feierabend in der Behörde anruft, wird er oft niemanden erreichen.

 

Ist das das Ende des klassischen Vereinswesen ?

Ruf: Es ist die Zukunft. Ich glaube, dass ein Großverein genau das tun muss. Wir haben ja nicht das Ehrenamt reduziert. Das Einzige, was wir geändert haben, ist: Wir haben nun einen hauptamtlichen Unterstützer, der sich 40 Stunden die Woche darum kümmert, genau die Leute, die wichtig sind im Verein – die Ehrenamtlichen – zu entlasten von Tätigkeiten, die vom Ehrenamt schwer zu leisten sind.

 

Herr Kittler, Sie sind seit dem 1. Sptember im Amt. Gibt es genug Arbeit für einen 40-Stunden-Job?

Kittler: All’ das, was die Ehrenamtlichen nach Feierabend gemacht haben, landet nun bei mir auf dem Tisch. Am Anfang geht es für mich sicherlich erst einmal darum, mich in den Abteilungen vorzustellen. Dort höre ich dann schon einige Kleinigkeiten, die den Mitgliedern am Herzen liegen.

 

Ist für die fünf Ressortleiter eine Entlastung schon spürbar?

Ruf: Ja. Schon nach so kurzer Zeit. Wir stellen eine Entlastung und gleichzeitig eine Beschleunigung fest. Entscheidungsvorbereitung und -findung gehen viel schneller, weil wir viele Dinge an Kai delegieren können. Wir haben nach wie vor das Gefühl, den richtigen Schritt gemacht zu haben.

 

Hätten Sie den Verein nicht auch einfach auflösen und das Feld kommerziellen Anbietern überlassen können?

Ruf: Wenn wir den Verein abgewickelt hätten, hätten sicher die größeren Abteilungen wie Fußball und Tennis überleben können. Kleinere Abteilungen hätten keine Chance gehabt. Unser Anspruch als Traditionsverein in Elsen war es aber, den Vereinssport in Elsen weiterhin unter dem Dach der TuRa abzubilden, weil uns diese Tradition wichtig ist.

Kai Kittler: Dahinter steckt auch eine soziale Verpflichtung. Die TuRa ist ein Stadtteilverein, fast ein Viertel der Bevölkerung ist Mitglied und kann für geringes Geld in der TuRa Sport treiben. Das gibt man nicht einfach her.

 

Sie haben das neue Konzept den Mitgliedern vorgestellt. Es gab auch Skeptiker, insbesondere angesichts einer Beitragserhöhung von etwa 34 Euro im Jahr. Haben Sie Mitglieder verloren?

Ruf: Ja. Etwa zehn Prozent. Damit hatten wir kalkuliert. Gerade bei einer Beitragserhöhung ergibt sich aber auch eine gewisse Bereinigung. Mitglieder, die noch als Aktive in einer Abteilung waren, aber gar keinen Sport mehr machten, sind ausgetreten, oder haben nur die Abteilung verlassen. Durch mehr Sportangebote und mehr Servicequalität hoffen wir, neue Mitglieder zu gewinnen.

Kittler: In den vergangenen Jahren haben die Vereine ehrenamtlich gut funktioniert. Aber die Zeit ist schnelllebiger geworden. Skeptikern kann man vor Augen führen, wieviel Zeitaufwand aufgrund der Spezialisierung und des Fachwissens überhaupt notwendig ist.

 

Wohin wollen Sie den Verein TuRa Elsen mittelfristig führen?

Kittler: Ich möchte den Verein entstauben und modernisieren, wobei er aber bodenständig und traditionell bleiben soll. Denn das ist es, was die TuRa ausmacht. Ich will das Programm zukunftsorientiert ausbauen, Trends beobachten und aufgreifen. Ich denke daran, das Kurssystem mit Fitness- und Laufkursen sowie Koordinationstraining zu erweitern, Outdoorsportarten anzubieten oder auch betriebliches Gesundheitsmanagement einzuführen.

Ruf: Es gibt klare Ideen, wie wir den Verein weiterentwickeln wollen. So soll die Servicequalität für unsere Mitglieder, aber auch für Kursteilnehmer steigen, indem wir die Geschäftsstelle viel häufiger besetzt haben. Wir arbeiten mit Schulen und Kindergärten zusammen und haben eine Kooperation mit Pro Leistungssport in der Talentsichtung. Ich denke, es ist auch ein gesellschaftlicher Auftrag, so etwas anzubieten.

 

Können Sie das TuRa-Modell weiterempfehlen?

Ruf: Das Thema Hauptamtlichkeit ist sicher nicht für jede Vereinsgröße denkbar. Ich glaube aber, dass auch andere Vereine, und nicht nur Sportvereine, in diese Richtung denken werden (müssen). Verwaltungsarbeit und Entscheidungsvorbereitung sind Zukunftsthemen. Die Vereine müssen sich Gedanken machen, mit welcher Struktur und mit welchem Personal sie die Zukunft stemmen können. Kleinere Vereine könnten sich Verwaltungsarbeit auch extern einkaufen.

 

Verliert der Verein durch hauptamtliche Professionalisierung seinen ursprünglichen Charakter, den unter anderem auch die Gemeinschaft ausmachte?

Ruf: Die Gemeinschaftskomponente ist ja bei uns durch die Abteilungen gegeben. Da hat sich nichts geändert. Es geht uns darum, das Ehrenamt zu fördern und von Aufgaben zu entlasten, die zu komplex sind. Das Wesen des Vereins, miteinander Sport zu treiben, Siege zu feiern und Niederlagen zu betrauern – das wird bei der TuRa auch weiterhin so bleiben. Das ist das Herzstück des Breitensports.

Aber wird der Sport nicht auch im Verein immer mehr zum Konsumartikel?

Ruf: Das ist sicherlich ein Trend, den viele Sportvereine merken. Man zahlt einen Beitrag, erwartet dafür eine Gegenleistung, ist aber nicht bereit, sich als Trainer, Betreuer oder Fahrer zu engagieren, oder kann es auch nicht. Dem Thema ›Verein konsumieren‹ wollen wir Rechnung tragen, indem wir unsere Ehrenamtlichen unterstützen.

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