Mi., 15.05.2019

Christoph Hardes (45) liebt das Gefühl von Freiheit und Unabhängkeit Der Grenzenverschieber

Nicht unterkriegen lassen: Ultraläufer wie Christoph Hardes lernen, sich zu überwinden. Eine Lektion: »Es geht immer wieder aufwärts«.

Nicht unterkriegen lassen: Ultraläufer wie Christoph Hardes lernen, sich zu überwinden. Eine Lektion: »Es geht immer wieder aufwärts«.

Von Jörg Manthey

Paderborn (WB). Christoph Hardes ist ein Grenzenverschieber. Nur wer an seine Grenzen geht, kann diese verschieben. Der 45-jährige Ultraläufer sammelt per pedes ausdauernd Erinnerungen, nicht Dinge. »Die halten ein Leben lang – und erden dich.«

Ob nonstop Mauerweglauf (100 Meilen um Berlin), TorTour de Ruhr (230 Kilometer), Hexenstieg-Ultra im Harz (216 Kilometer) oder Jurasteig Nonstop Ultratrail (239 Kilometer): Den Elementen ausgesetzt, genießt der Abenteurertyp das geniale Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit, garniert mit grandiosen Landschaftserlebnissen. Das ist für ihn pures Sein! »Ein Ultralauf ist ein besonderer Spirit. Der kennt keine Abkürzung! Diese Demut, dieses tiefe Spüren, einen langen Lauf ins Ziel zu bringen, es wirklich geschafft zu haben, ist einfach fantastisch.«

»Mein Immunsystem hat sich komplett zerlegt«

Kürzlich war er im Rucksackurlaub in in Südostasien. Sein lästiges Mitbringsel, Augenprobleme in Form einer ansteckenden Bindehautentzüdung, passte irgendwie ins Bild. Das verkorkste Jahr 2019 meinte es bisher nicht sonderlich gut mit Christoph Hardes. »Dazu gesellte sich eine fette Grippe. Mein Immunsystem hat sich komplett zerlegt, wohl auch wegen einiger hundert Mückenstiche, weil ich im Süden Kambodschas noch eine Dschungeltour gemacht hatte und nicht gut genug vorbereitet war.« Das erste Mal seit fünf Jahren musste sich der Mann, im Bankenwesen in der IT-Branche tätig, krankschreiben lassen. Wieder kein Training.

So stellte sich Christoph Hardes kürzlich ohne rechte Vorbereitung und mit ein paar Pfunden zuviel einem Härtetest: dem WHEW 100. Seine Zeit von 14:52:27 Stunden durch sieben Städte zwischen Wupper und Ruhr und über alte Bahntrassen definierte er zwar als »grottig«. Doch was zählte war: Er konnte finishen. Die Knochen hielten der Belastung des 100-Kilometer-Ultramarathons stand.

»Du lernst, die einfachen Dinge wieder zu lieben«

Im Grunde ist doch das ganze Leben wie ein Ultratrail. Die komplette Gefühlsklaviatur wird bei so einem archaischen Lauf bedient. »Du hast zwangsläufig jede Menge Downs. Es ist eine wichtige Erfahrung, ein Tief zu durchlaufen. Wichtig ist, dass du ein Mal mehr aufstehst«, sagt Hardes. Was ein Ultraläufer erlebt, lässt sich pro-blemlos auf den Alltag umlegen: durchbeißen, Rückschläge wegstecken, sich überwinden, aus eigener Motivation ans Ziel gelangen – eine Schule fürs Leben. »Flexibel sein. Nie aufgeben. Es geht immer wieder aufwärts. Das macht gelassener. Du lernst, die einfachen Dinge wieder zu lieben«, grinst Hardes, der in der Regel 4500 bis 5000 Laufkilometer im Jahr abspult, etwa 100 pro Woche. »Ich laufe nicht, um mich zu quälen. Und ich bin schon gar nicht süchtig«, stellt er klar. Süchtig seien womöglich solche, die täglich vor der Glotze hocken. »Der Durchschnittsdeutsche sitzt vier Stunden vor dem Fernseher. Ich nicht.«

Ursache war wohl eine berufliche Überlastung. Jedenfalls war Hardes im Jahr 2011 »einfach umgekippt. Ich hatte mich übernommen«. Dabei schlug er mit dem Kopf dermaßen unglücklich an der Wand an, dass er mehrere Monate lang außer Gefecht gesetzt war. Inklusive halbseitig sensorischer Störungen. Hardes folgerte: »Ich muss etwas in meinem Leben ändern.« So entdeckte er die langen Läufe für sich. Beim Salzkotten-Marathon 2012 spürte er, was geht. Beim Münster-Marathon ein paar Monate später machte er eine spezielle Erfahrung: Die vielen Menschen am Straßenrand stressten ihn. »Ich bin eher der introvertierte Typ, laufe zum Abschalten, zum Entspannen. Es ist die Ruhe in der Natur, die mir gut tut.«

»Mein Magen macht häufig zu. Ich kann dann nichts zu mir nehmen«

So zeigte ihm 2012 der Klingenpfadlauf in Solingen (73 km) eine neue Welt: die Stille, die Weite der Ultraläufe. Allerdings wird seine Passion an der Bewegung von einer misslichen Achillesferse flankiert: »Mein Magen macht häufig zu. Ich kann dann an den Verpflegungspunken nichts zu mir nehmen oder muss mich oft übergeben.« Dann muss halt nur Flüssigkeit den Elektrolythaushalt regeln.

Hardes‘ nächste große Herausforderung soll der 7. WiBoLT auf dem Rheinsteig sein (19. bis 22. Juni). Der Wiesbaden-Bonn-Longtrail ist mit 320 Kilometern und 11.700 Höhenmetern einer der längsten Nonstopläufe Deutschlands. Zeitlimit: 90 Stunden. In drei Nächten darf so viel geschlafen werden, wie es der Biorhythmus verlangt, die Zeitvorgabe es zulässt. Im Jahr 2017 war Hardes Zehnter geworden (76:21 Std.). Aber was bedeuten schon Zahlen, wenn Frost, Nebel, Dunkelheit oder Schlafentzug regieren? Sein sehnlicher Wunsch: »Hoffentlich ohne große Rückschläge ins tägliche Training kommen und vor allem Gewicht abbauen. Dann bin ich zuversichtlich.«

»Du kannst mehr, als du selber glaubst«

Seine notierten Bestzeiten in der DUV-Statistik: 100 km (10:47:11 Std.), 50 km (4:11:10 Std.) oder 163.686 Kilometer in 24 Stunden. An ehrgeizigen Vorhaben für Morgen mangelt es Christoph Hardes (»Du kannst mehr, als du selber glaubst«) nicht. Der »Millennium Quest« etwa wäre ein spezieller Reiz: die Ultra-Cupwertung von Junut, Hexenstieg, WiBoLT und TorTour de Ruhr. Zusammen mehr als 1000 Kilometer. Das haben bislang erst wenige deutsche Ultrasportler vollbracht. Oder vielleicht glückt ihm ja bei einem Hundertmeiler die Qualifikation für den Spartathlon, die historisch legendären 246 Kilometer des Pheidippides von Athen nach Sparta. »Dafür muss ich unter 21 Stunden bleiben. Das habe ich locker drin, wenn ich fit bleibe.« Oder der Ul-tra-Trail du Mont-Blanc (UMTB), die inoffizielle Weltmeisterschaft. Dieser Bergmarathon ist 172 Kilometer lang und weist mehr als 10.000 Höhenmeter auf. Für die Teilnahme an dem »Königslauf« brauchst du Qualifikationspunkte und Losglück, klärt Hardes auf.

Der reiselustige M45-Mann hat keine Sorgen, dass ihm die Zeit mal davonläuft. Schließlich hält ausdauerndes Laufen fit. Folge: Der Kreis der Gleichgesinnten wird immer größer, weil auch älter. Hardes: »Es gibt so viele fantastische Läufe auf dem Globus. Und die Ultra-Familie wächst in der der Altersklasse Ü70 stetig.«

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