Mi., 22.05.2019

Der 22-jährige Alexander Nübel ist Torwart in der 1. Bundesliga Vom Tudorfer Torjäger zum Schalker Stammkeeper

Mit Flugeinlagen wie diesen hat der Tudorfer Alexander Nübel in kürzester Zeit die Herzen der Schalke-Fans erobert. Der 22-Jährige ist seit Januar die neue Nummer eins im Kasten der Königsblauen.

Mit Flugeinlagen wie diesen hat der Tudorfer Alexander Nübel in kürzester Zeit die Herzen der Schalke-Fans erobert. Der 22-Jährige ist seit Januar die neue Nummer eins im Kasten der Königsblauen. Foto: dpa

Von Elmar Neumann

Paderborn (WB). Für Alexander Nübel ist am Samstag eine ganz besondere Saison zu Ende gegangen. Seit Anfang des Jahres ist er die Nummer eins des FC Schalke 04 und der ganze Stolz des TSV Tudorf. Der erst 22-jährige Fährmann-Verdränger ist der neue Regent im Kasten der Königsblauen. Der Weg zu diesem exklusiven Job verlief aber keineswegs so gradlinig, wie zu vermuten wäre. Erst die Lustlosigkeit eines ehemaligen Teamkollegen brachte Nübel von ganz vorne nach ganz hinten in der Aufstellung – aber der Reihe nach.

Als der kleine Alex im Herbst 2001 auf der Sportanlage Lohnkämpen im Trikot seines Heimatvereins, der in diesem Jahr sein 100-Jähriges feiert, die ersten Versuche unternimmt, macht ihm das Erzielen von Treffern doch deutlich mehr Spaß als das Verhindern. Es sollen noch einige Spielzeiten ins Paderborner Land ziehen, ehe aus dem Torjäger der Torhüter wird, der in der Rückrunde 2019 nicht nur die S04-Fans von seinen formidablen Fähigkeiten überzeugt hat.

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Alex war ein zu guter Fußballer, um ihn ins Tor zu stellen.

Gerhard Küster­arend

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»Aus unserer Sicht war Alex ein viel zu guter Fußballer, um ihn ins Tor zu stellen, viel zu schade für den Posten«, sagt Gerhard Küster­arend, zusammen mit Yvonne Hermens bei den Minis und in der F-Jugend des TSV je zwei Jahre lang der Trainer des aktuell wohl begehrtesten Schalkers. Weder Nübel noch irgendein anderer Teamkollege hatte gesteigertes Interesse am Schlussmann-Job. So musste zumeist derjenige den Part übernehmen, der am größten war, und da es von den mittlerweile 1,93 Metern Körperlänge in jungen Jahren noch nicht viel zu sehen gab, beschäftigte der talentierte Stürmer viel häufiger die Keeper, statt selbst der späteren Beschäftigung nachzugehen. »Alex war damals eher einer der Kleinsten. Aber auf dem Feld konnte man ihn überall einsetzen. Er hat seine Sache immer gut gemacht und sehr früh einen ausgeprägten Teamgeist entwickelt«, sagt Hermens.

Mit neun Jahren wechselt Alex Nübel zum SCP, auch dort ist er zunächst Feldspieler, ehe ihn Trainer Marco Cirrinicone ins Tor stellt. Auf dem Teamfoto (hinten von links): Franz-Josef Robrecht, Gabriel Danho, Alexander Borowek, Julian Robrecht, Alexander Nübel, Marco Cirrincione, (vorne von links) Niklas Fischer, Lars Ritter, Niklas Herlitz, Maximilian Wienhold, Tornike Antidze, Hendrik Morschäuser. Foto: SC Paderborn 07

Mit Neun fand die vielversprechende Entwicklung ihre Fortsetzung beim SC Paderborn 07, wo sich in Nübels Laufbahn in der U13 dann die Wende andeutete, die alsbald vielleicht sogar auf die Erfolgsbilanz des FC Bayern München Einfluss nehmen könnte. »In der Vorbereitung auf die Serie 2007/2008 hat einer meiner beiden Torhüter die Lust verloren. Da du mit einem Keeper schlecht durch die Saison kommst, habe ich Alex im Training als Torwart getestet und der fand das sofort ziemlich cool«, erinnert sich Marco Cirrincione, damals der U13-Coach im Nachwuchsleistungszentrum des SCP und aktuell Trainer des Bezirksligisten SCV Neuenbeken.

Ganz und gar problemlos lief der Positionswechsel allerdings nicht, denn während Nübel im Training genug zu tun hatte, war sein Team in den meisten Spielen viel zu überlegen, als dass er sich auch da hätte bewähren können und so kam es zum einen oder anderen kuriosen Auftritt: »Da gab es zum Beispiel eine Partie gegen Verl, in der Alex gemeckert hat, dass er keine Bälle aufs Tor bekommt. In der zweiten Hälfte habe ich ihn dann in den Sturm gestellt und er hat noch zwei Buden gemacht.« Spätestens als Cirrincione den kopfballstarken Teilzeittorwart in der U14 dem Trainer der Westfalenauswahl – trotz relativ rudimentärer Vorerfahrungen – direkt als Keeper empfahl und Nübel auch in diesem erlesenen Kreis auf Anhieb zu begeistern wusste, hatte sich die Frage nach der Lieblingsposition aber endgültig erledigt.

SCP-Trainer Marco Cirrincione macht aus dem Stürmer den Torwart

Ein Umweg, der lohnenswerter nicht hätte sein können. Die Entwicklung des einstigen Angreifers hat auf phänomenale Weise Fahrt aufgenommen. Mit 15 stand Nübel im Tor der U19, mit 17 im Tor der U21 und im Kader des von André Breitenreiter trainierten Erstligisten. Nach dem Abstieg folgte er Breitenreiter und Torwarttrainer Simon Henzler zu den Knappen. Am 14. Mai 2016 wurde im letzten Saisonspiel gegen Hoffenheim die erste Bundesliga-Minute notiert. Seit der Startelfnominierung für das Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg (2:1) am 20. Januar ist der Mann mit der Nummer 35 Schalkes Nummer eins und der Überflieger unter den Bundesliga-Torhütern. Zu zwölf Einsätzen für die U21-Nationalmannschaft haben sich mittlerweile 18 Bundesliga- und zwei Champions-League-Einsätze gesellt. Selbst sein rechts überholter Konkurrent Ralf Fährmann erkennt an: »Alex ist eines der größten Torhütertalente, die Deutschland je hatte.«

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Alex ist eines der größten Talente, die Deutschland je hatte.

Ralf Fährmann

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Der Bezahlsender Sky fand die Geschichte derart interessant, dass »Entdecker« Cirrincione mit Moderator Sebastian Hellmann und Experte Lothar Matthäus vor dem Spiel gegen Gladbach (0:2) live über seinen ehemaligen Schützling plaudern sollte. Doch der 40-Jährige musste aus privaten Gründen passen und war darüber nicht allzu unglücklich, versäumte er doch genau das Spiel, in dem Nübel seine erste Rote Karte zu sehen bekam. Der Premieren-Platzverweis ändert aber nichts daran, dass »Manuel Nübel«, wie er bereits in der SCP-Jugend nach starken Paraden genannt wurde, der blendende Lichtblick in einer – abgesehen vom Derbysieg in Dortmund – dunkleren Saison der Schalker Geschichte ist. Woche für Woche macht sich eine Tudorfer Karawane auf in Richtung S04-Arena, um »ihrem Alex« vor Ort den Rücken zu stärken.

Die Bayern sollen Interesse daran haben, den beidfüßigen jungen Mann mit dem Marktwert von fünf Millionen Euro als Erbe Manuel Neuers aufzubauen. Hätte Gerhard Küster­arend über den weiteren Weg des prominentesten Tudorfers zu entscheiden, verlängerte dieser den noch bis zum Sommer 2020 laufenden Vertrag aber. Das verwundert nicht. Schließlich ist Küsterarend – im Gegensatz zu Bayern-Anhängerin Yvonne Hermens – schon ein bisschen länger Schalke-Fan als Nübel Schalke-Schlussmann. Der ehemalige Coach sagt: »Ich befürchte, dass Alex in München einfach nicht an Manuel Neuer vorbeikommt und vielleicht vier, fünf Jahre fast nur auf der Bank versauert.« Kaum ist die Befürchtung formuliert, ergänzt der 53-Jährige jedoch sofort: »Tja, es hätte aber natürlich auch niemand gedacht, dass Alex den Fährmann so schnell verdrängen würde.«

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Er wird seine Bodenständigkeit nie verlieren.

Gerhard Küsterarend

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Ob Alexander Nübel den Königsblauen treu bleibt, ist fraglich. Dass Salzkottens Sportler des Jahres 2017 sich selbst auch nach einem Wechsel zum FCB oder einem anderen Topklub – auch PSG, Juve, Chelsea und Tottenham sollen ihn genau beäugen – treu bliebe, scheint dagegen garantiert. »Alex bleibt Alex. Er ist der Beste, dem so etwas passieren konnte. Er wird seine Bodenständigkeit nie verlieren«, erklärt Küster­arend, was auch Cirrincione früh festgestellt hat: »Als ich mal gefragt worden bin, wem von meinen Jungs ich zutraue, es am weitesten zu bringen, habe ich auf Alex verwiesen. Der kommt aus einem grundanständigen Elternhaus und ist ein ganz feiner, angenehmer Bursche, den ich mir zumindest in der dritten oder zweiten Liga vorstellen konnte.«

Jetzt ist es die höchste Etage geworden und doch sieht man den »Star« in Tudorf noch immer mit dem Fahrrad durchs Dorf fahren. Auch das Schützenfest lässt er sich nur ungern entgehen. Der Überflieger ist nicht abgehoben und diese Erkenntnis macht die Mitglieder des TSV Tudorf besonders stolz.

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