Der gebürtige Paderborner schlägt den Golfball weiter als fast jeder andere
Lang, länger, Borgmeier

Paderborn (WB). Eigentlich hat Rory McIlroy nicht vor, der Driving Range des British Army GC Sennelager am Wochenende einen Besuch abzustatten. Aber wer weiß? Wenn ihn auf irgendeinem der vielen Kanäle das folgende Zitat des gebürtigen Paderborners Martin Borgmeier erreicht, fühlt sich der nordirische Weltklasse-Golfer vielleicht doch noch bei der Ehre gepackt und reist spontan zum Tour-Stop der German Long Drive Championship an.

Samstag, 29.06.2019, 05:00 Uhr
Martin Borgmeier und sein Driver: Der gebürtige Paderborner traut sich den Gewinn des Weltmeistertitels zu. Foto: Elisabeth Wust
Martin Borgmeier und sein Driver: Der gebürtige Paderborner traut sich den Gewinn des Weltmeistertitels zu. Foto: Elisabeth Wust

Das, was die Nummer drei der Weltrangliste dermaßen motivieren könnte, klingt so: »Wenn Rory McIlroy und ich den Ball mit dem Driver gleich gut treffen, lasse ich Rory bestimmt 60, 70 Yards kurz.« 70 Yards, das sind etwa 64 Meter, im Golf Welten. Um diese Ansage einordnen zu können, hilft es zu wissen: Superstar McIlroy, der in seiner Karriere schon fast 50 Millionen Dollar an Preisgeldern eingespielt hat und von Nike mit einem 200-Millionen-Dollar-Vertrag ausgestattet wurde, ist nicht nur einer der allerbesten der Szene, sondern auch einer der längsten. Aktuell liegt der 30-Jährige im PGA-Tour-Ranking der im Schnitt weitesten Abschläge mit 315 Yards (288 Meter) auf dem zweiten Platz.

Seit 2018 Profi

Und was macht Borgmeier? Der spielt auch Golf, hat mit neun Jahren im GC Paderborner Land begonnen, hatte mal ein Handicap von 3,0 und war auf Augenhöhe mit heutigen Profis wie Maximilian Kieffer (Düsseldorf/European Tour) oder Alexander Knappe (Paderborn/Challenge Tour). Dann jedoch erlag der 28-Jährige offensichtlicheren Vorzügen des Lebens (»Mädchen und Motorräder«) und ließ das Hobby Hobby sein – bis sein großes Talent, die kleinen Bälle konstant auf eine erstaunlich weite Reise zu schicken, seinem Leben doch noch eine entscheidende Wende gab: Die nun arg präferierte Art des Golfspielens nennt sich Long Driving. Lang, länger, Borgmeier. Diese spektakuläre Variante führt in den USA längst kein Schattendasein mehr und ist drauf und dran, nun auch Europa zu entern – mit dem 1,95 großen und 108 Kilo schweren Kraftpaket an der Spitze. Als Spieler und als Unternehmer.

2017 überredete ihn ein Freund zur Teilnahme an der Deutschen Meisterschaft, der German Long Drive Championship. Der Debütant distanzierte auf Anhieb zahlreiche Profis, verbuchte mit 353 Yards (323 Meter) den weitesten Schlag und wurde Zweiter. Was blieb, war der Vizetitel, mit dem Borgmeier Feuer fing. Seit 2018 ist er selbst Profi. Bei der Deutschen Meisterschaft jenes Jahres folgte trotz einer 422-Yards-Rakete (356 Meter) ein weiterer zweiter Platz, doch dafür entschied der Neuling die europäische Tour sogleich souverän für sich. Der Lohn, auch für die in St. Petersburg aufgestellte persönliche Bestweite von 436 Yards (399 Meter), war die Startberechtigung auf der größtmöglichen Bühne: der World Long Drive Championship. Nach der (durchwachsenen) Premiere im Vorjahr ist er auch für die WM 2019 (30. August bis 4. September in Thackerville) schon qualifiziert.

Schlägerkopfgeschwindigkeiten von mehr als 150 Meilen pro Stunde

Über 18 Löcher, das ist klar, hat der ehemalige Basketballer des SC GW Paderborn gegen die Präzision und Konstanz eines Rory McIlroy keine Chance, aber in dieser speziellen Disziplin, da ist Borgmeier besser. Einer der besten überhaupt. Gespielt werden Sets von sechs oder acht Schlägen. Zunächst gilt es, die Vorrunde zu überstehen. Gemessen werden die Schläge nur, wenn sie innerhalb des 40 bis 60 Yards breiten Zielkorridors, Grid genannt, zum Liegen kommen. Mit keinesfalls handelsüblichen Drivern generieren die Schnellsten Schlägerkopfgeschwindigkeiten von mehr als 150 Meilen pro Stunde (241 km/h). Das ist die Stelle, an der es selbst für McIlroy & Co. zu zügig wird. Auch wenn die Haudrauf-Option nicht alles ist. Je nach Bedingungen ist weniger mehr, kommt es eher auf die passende Kurve – den Draw (links), den Fade (rechts) – oder die flache Variante – den Stinger – an als auf plumpe Härte. Ist das Viertelfinale erreicht, heißt es Eins-gegen-eins. Dann muss man »nur« besser sein als der direkte Konkurrent. Daher kann man auch mal nicht als Sieger dastehen, obwohl man den längsten Schlag zu bieten hatte. So erging es Martin Borgmeier bei zwei der drei Stationen der neuen German-Long-Drive-Championship-Serie, die er vor allem mitspielt, um in der Heimat unter Wettkampfbedingungen zu trainieren. Das WM-Ticket, das auf den Gesamtsieger wartet, ist keine Motivation mehr. Dafür aber jeder einzelne Schlag.

Das Geräusch, das entsteht, wenn der Ball satt getroffen wird, ist ein potenzieller Chartstürmer, das Gefühl unbeschreiblich, Borgmeiers Reaktion gerne pure Emotion. »Im Golf wird es einem anerzogen, dass man nicht vor Freude schreit, aber wenn der Ball genau passt, gibt es nicht viel Schöneres auf der Welt. Dann muss alles raus.

Introvertiert ist anders: Wenn Martin Borgmeier den Ball perfekt auf das Schlägerblatt bekommt, geht’s regelmäßig in Richtung 400-Yards-Marke. Dann müssen die Emotionen raus.

Introvertiert ist anders: Wenn Martin Borgmeier den Ball perfekt auf das Schlägerblatt bekommt, geht’s regelmäßig in Richtung 400-Yards-Marke. Dann müssen die Emotionen raus.

Das ist nicht mehr zu kontrollieren.« Der Mann, der seinen Bart zum Markenzeichen gemacht hat (auf Instagram heißt er »fullbeardlongdrives«: voller Bart, lange Abschläge), hat es nicht so mit Schüchternheit. Er passt perfekt in diesen Zirkus, bei dem es »make some noise« statt »quiet please« heißt und dem er hierzulande eine Entwicklung wie Darts zutraut. Mindestens. Wenn auch mit viel geringerem Fettanteil.

Euphorie der Protagonisten ist groß

Der einstige Vertriebsmitarbeiter eines IT-Dienstleisters setzt ganz auf die Karte Long Drive. Zusammen mit seinem Kumpel Marcel Baumgard, mit dem er unter der Marke »punch­linegolf« Zubehör vertreibt, und einem kleinen Team hat er sich der Vermarktung und Organisation verschrieben. In einem ersten Schritt überredeten sie die Deutsche Golf Sport GmbH dazu, aus der eintägigen Deutschen Meisterschaft eine Serie zu machen. Genau die, die nun im BA GC Sennelager vorbeischaut. Doch während diese Zusammenarbeit ob unterschiedlicher Auffassungen – hier das Start-up, dort die Tochtergesellschaft des eher behördlich agierenden Verbandes – stockt, läuft bereits das nächste Projekt: Borgmeier & Co. haben aus der Long Drive European Tour die European Long Drive Games gemacht und arbeiten für die Globalisierung so hart wie für einen 400-Yards-Drive.

Die Euphorie der Protagonisten ist groß: »Ich sehe das Potenzial. In den nächsten drei bis fünf Jahren können wir da hinkommen, wo der Sport in den USA ist. Der Hype ist schon jetzt enorm, aber der richtige Boom kommt erst noch.« Einen maximal motivierenden Schritt gab es zu Beginn der vergangenen Woche zu feiern, als der erste Kooperationsvertrag zwischen der europäischen und der amerikanischen Long-Drive-Tour abgeschlossen wurde. Die World Long Drive wird alsbald auch in Europa Station machen. Die finalen Runden dieser Events in den USA werden live übertragen. Die Zuschauerzahlen kratzen an der Zehn-Millionen-Marke. Borgmeier selbst hat es in seiner ersten Saison auf der WLD vor vier Wochen, beim Viertelfinaleinzug in Atlantic City, zum ersten Mal in das Live-Programm geschafft. Auch seine Erfolge helfen, die Brücke zu schlagen.

Titel fest im Visier

Als Weltmeister könnte er noch ungleich mehr bewegen. Den derzeit mit 125.000 Dollar dotierten Titel hat er fest im Visier: »Wenn nicht in diesem Jahr, dann später. Man muss bedenken, dass ich das erst zwei Jahre mache, aber einige Gegner schon 15 Jahre und länger dabei sind.« Doch zunächst geht der Blick in den am Rande Bad Lippspringes gelegenen British Army Golf Club Sennelager. Auch wenn McIlroy nicht kommt, ist Samstag und Sonntag (jeweils ab 10.30 Uhr) ein Spektakel garantiert und Borgmeier um eine weitere vollmundige Ansage nicht verlegen: »Wenn ich meinen Ball treffe, knallt’s. Dann gewinne ich.«

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