Sa., 20.07.2019

Zehnkämpfer Simon Büthe vom LC Paderborn Vierter der Deutschen Jahresbestenliste Die Lust am Leiden

Noch Steigerungspotenzial: Im Stabhochsprung peilt Simon Büthe die Vier-Meter-Marke an.

Noch Steigerungspotenzial: Im Stabhochsprung peilt Simon Büthe die Vier-Meter-Marke an. Foto: Jörg Manthey

Paderborn  (WB). Zehnkämpfer sind eine außergewöhnliche Spezies. Dass sie in der Leichtathletik ehrfurchtsvoll als »Könige der Athleten« verehrt werden, ist Gustav V. zu verdanken. Der König von Schweden hatte 1912 in Stockholm den ersten Zehnkampf-Olympiasieger Jim Thorpe mit den Worten geadelt: »Sir, Sie sind der wahre König der Athleten!« Dieses Motto hat bis heute Bestand. Der König im LC Paderborn heißt Simon Büthe. Der 16-Jährige hat gerade erst bei den NRW-Mehrkampfmeisterschaften in Bad Oeynhausen ein famoses Zeugnis seines Leistungsvermögens abgeliefert. Mit für ihn »akzeptablen« 6696 Punkten, neue Bestmarke, ist der Rotschopf auf Platz vier der Deutschen Jahresbestenliste vorgeprescht. Und er spürt: »Da ist noch mehr drin!« Apropos: Nach heutiger Wertung hätte Jim Thorpe damals 6575 Punkte erkämpft – Vorteil Simon Büthe!

Der Athlet des LC Paderborn hat sich also für die U18-Mehrkampf-DM qualifiziert, wieder mal. Gleiches Kunststück ist ihm schon dreimal geglückt, dreimal hat er freilich passen müssen. War es beim ersten Mal ein geplanter Urlaub, der die Teilnahme zunichte machte, waren es danach zwei schwerwiegende Verletzungen, die ihn zurückwarfen: Kahnbeinbruch und Bizepsabriss. So hofft er, dass diesmal alles reibungslos läuft und er die Titelkämpfe am 17./18. August in Ulm als DM-Debütant fit bestreiten kann. »Da will ich auf jeden Fall Richtung Top Fünf.« Und dafür benötigt er sechs verschiedene Paar Schuhe.

»Der Sprint muss schneller werden«

Simon Büthe macht in manchen Disziplinen noch reichlich Verbesserungspotenzial aus. »Der Sprint muss schneller werden«, sagt er etwa über seine 100-Meter-Zeit von 11,60 Sekunden, »und der Weitsprung konstanter.« 6,68 Meter ist er schon gesprungen, zuletzt waren es Weiten von nur etwa 6,20 Meter. Im Diskus (35,71 m) soll alsbald die 40-Meter-Marke fallen.

Dass er im technisch anspruchsvollen Stabhochsprung aktuell bei 3,80 Meter kleben bleibt, sei dem Umstand geschuldet, dass »ich erst spät, vor dreieinhalb Jahren, damit angefangen habe. Bis die ganzen Bewegungsabläufe sitzen, dauert es«, erläutert Büthe. Extraschichten sollen helfen, dass die vier Meter möglichst bald fallen. Solch beharrliches Arbeiten hat ihm auch schon beim Speerwurf gute Dienste erwiesen.

Simon Büthe gehört zur Erbenreihe einer langen Tradition. Schließlich ist der Zehnkampf eine Domäne der deutschen Leichtathletik; nicht erst, seit Willi Holdorf 1964 bei den Olympischen Spielen in Tokio Gold gewonnen hat.

Zehn kleine Augenblicke ergeben einen großen

Zehnkampf: Das heißt, die Vielfalt der Olympischen Kernsportart Leichtathletik in zwei Tagen zu absolvieren. Eine komplette Erfahrung für alle Muskelgruppen. Zehn kleine Augenblicke ergeben einen großen. Oder auch nicht, weil jede strapaziöse Etappe die Gefahr des Scheiterns in sich birgt. »Da läuft nie alles perfekt«, sagt Simon Büthe über die geistig sowie körperlich extrem anspruchsvoll Zweitages-Challenge, bei der sich Kraft, Schnelligkeit, Körperbeherrschung und Ausdauer mit Zähigkeit, Konzentration und Willensstärke vermischen.

»Ein bisschen Spaß am Leiden, Lust an der Qual, sollte da sein. Nach den 400 Metern, der Schlussdisziplin des ersten Tages, fühlst du dich, als ob du Muskelschwund in den Beinen hast«, verrät der Landeskaderathlet schmunzelnd. Ein Eindruck, der sich mit jeder weiteren Disziplin vertieft und vor dem finalen 1500-Meter-Lauf ganz laut im Hirn pocht. »Da fragst du dich: Warum tue ich mir das an? Man muss schon ein bisschen verrückt sein, um Zehnkampf zu machen.« Ab der zweiten Runde fange der Schmerz an zu brennen, und die letzten 200 Meter seien wie die Hölle auf Erden. Versüßt wird das Durchziehen, das Wettkampfende, mit einem Wahnsinnsgefühl.

Leiden verbindet und erzeugt eine große Gruppensolidarität. Zehnkämpfer sind wie eine große Familie, auch das hat Tradition. »Es gibt keinen Neid. Jeder gönnt dem anderen krasse Leistungen und beglückwünscht ihn dafür«, sagt der Schüler der Friedrich-Spee-Gesamtschule.

Bis zum Stimmbruch im Domchor

Bis zum Stimmbruch sang Simon Büthe im Domchor, sportelte nebenher als Turner und Schwimmer. Mit zehn Jahren verdrängte die Leichtathletik als Leistungssport alle Nebenbeschäftigungen. Fünfmal Training in der Woche ließen neben der Schule nichts anderes mehr zu. Waren anfangs Hochsprung und Speer seine Passion, so veränderte ein Blockwettkampf alles. »An dem Tag herrschten 28 Grad«, erinnert sich Büthe. »Und die Zitterpartie stand bevor, die 800 Meter.« Die liefen super. 2:32 Minuten stellten für ihn einen Quantensprung dar. Sein früherer Trainer Nils Kapeller nahm Kontakt zu Wladimir Diesendorf auf. Der betreute im LC die Leistungsgruppe Mehrkampf.

Zehnkämpfer müssen langfristig und strategisch denken können. Sie haben lange, harte Trainingszyklen – Simon Büthe trainiert fünfmal die Woche, jeweils zwei bis vier Stunden – bestreiten aber höchstens eine Handvoll Wettkämpfe pro Saison. Immer nur 100-Meter-Sprints, nein, das wäre nichts für Büthe. »Zu eintönig. Das könnte ich nicht. Zehnkampf ist abwechslungsreich.« Ex-Weltrekordler Ashton Eaton hat mal gesagt: »Das sucht man sich nicht selbst aus. Es ist der Zehnkampf, der dich wählt.« Beim Paderborner war der Anfang unspektakulär. Vor zwei Jahren absolvierte er in Bad Oeynhausen seinen ersten Neunkampf und stellte auf Anhieb einen NRW-Rekord für seine Altersklasse auf. »Dann bin ich dabei hängengeblieben.«

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