Do., 07.11.2019

Para-Leichtathletik: Malin Rose (17) aus Thüle sitzt im Rollstuhl und strebt im Kugelstoßen und Speerwerfen die Norm für einen Platz im Nationalkader an Tipps vom Weltmeister

Im Wettkampf wird ein spezieller »Technikerstuhl« verwendet, der mit Spanngurten fest am Boden verankert ist. Malin Rose hat sich im Kugelstoßen zur Deutschen Meisterin ihrer Altersklasse WJU20 gekürt.

Im Wettkampf wird ein spezieller »Technikerstuhl« verwendet, der mit Spanngurten fest am Boden verankert ist. Malin Rose hat sich im Kugelstoßen zur Deutschen Meisterin ihrer Altersklasse WJU20 gekürt.

Paderborn  (WB/jm). In Dubai beginnen am Freitag die Weltmeisterschaften der Para-Leichtathleten. Die Wettkämpfe in den Vereinigten Arabischen Emiraten dauern bis zum 16. November und sind gut neun Monate vor den Paralympics eine wichtige Standortbestimmung für Tokio 2020. Malin Rose aus Thüle ist bei der Wüsten-WM im Kreis der 1400 Athleten aus 120 Nationen nicht dabei. Noch nicht.

»Da, wo die gerade sind, will ich hin. Auf das Niveau«, sagt die 17-Jährige kämpferisch – und drückt besonders zwei ihrer Vereins- und Disziplinkollegen von der BSG (Bewegung, Sport, Gesundheit) Bad Oeynhausen die Daumen: den Kugelstoßern Sebastian Dietz, Weltmeister von 2017, und Birgit Kober. Zwei arrivierte Kräfte, die schon Gold bei den Paralympics gewonnen haben. »Sebastian ist einer der erfolgreichsten Behindertensportler weltweit und ein Vorbild für mich. Er motiviert mich und gibt mir wertvolle Techniktipps, wie ich mich verbessern kann«, sagt die Schülerin am Ludwig-Erhard-Berufskolleg. Dort will sie 2021 ihr Fachabitur bauen.

Trainer Alexander Holstein ein Glücksgriff

Dietz, Kober und Malin Rose haben denselben Trainer: Alexander Holstein. »Ein Glücksgriff«, urteilt Malins Vater Michael Rose. Der ist nicht nur Torwarttrainer des Fußball-A-Ligisten VfB Salzkotten, sondern auch noch Karnevalspräsident in Thüle. Und fördert konsequent die sportlichen Ambitionen seiner Tochter, die vor 17 Jahren mit einem offenen Rücken (Spina bifida) zur Welt gekommen und seit ihrer Geburt querschnittsgelähmt ist.

Sport als Willensschule

Sport als Motor, als Willensschule, als Mutmacher: Malin Rose betreibt Para-Leichtathletik erst seit zwei Jahren und hat entsprechend Entwicklungspotenzial. »Es war mir wichtig, mit dem Rollstuhl Sport zu machen. Ich fand es doof, nur rumzusitzen.« Weil es hier in der Region keine Trainingsmöglichkeiten für sie gab, schloss sie sich der BSG Bad Oeynhausen mit Trainingsstandort in Bad Salzuflen an. Dort ist eine namhafte Trainingsgruppe versammelt. Malin Roses Entwicklung nahm im Kugelstoßen zügig Fahrt auf. Im die fehlende Rumpfmotorik auszugleichen, wird im Wettkampf ein spezieller »Technikerstuhl« verwendet, der mit Spanngurten fest am Boden verankert wird. Im Sommer holte die 17-Jährige in ihrer Altersklasse WJU20 den DM-Titel mit der 3-kg- Kugel. Ihre Bestweite von 5,08 Metern konnte die Thülerin bei den Deutschen Meisterschaften der Para-Leichtathletik in Singen zwar nicht erreichen, doch reichten ihr 4,49 Meter zum Gewinn der Goldmedaille. Bei der Erwachsenen-DM im Singener Münchriedstadion sprang für sie Position fünf heraus – hinter vier Athletinnen, die jetzt auch in Dubai dabei sind.

Speerwurf-Verbesserung im Fokus

»Ziel ist es, so schnell wie möglich die Kadernorm zu erreichen, um in die Nationalmannschaft zu kommen«, erklärt Michael Rose. Mithin in den Genuss einer Förderung wie Fahrtkosten oder Trainingslager im Ausland. Die Kugelstoßnorm ist nach Zusammenlegung der Schadensklassen F56 und F57 (diese Klassifizierungen sind immer wieder Streitthema) allerdings auf 7,95 Meter angehoben worden. »Das ist ein Brett. Aber ich bin positiv gestimmt, dass ich es schaffe«, sagt Malin Rose selbstbewusst. Aktuell liegt der Fokus auf der Verbesserung ihrer Speerwurfweite. Im September schnappte sie sich in dieser Disziplin den NRW-Titel bei den Offenen Landesmeisterschaften. In Bottrop schleuderte sie das Sportgerät auf die Siegerweite von 8,36 Meter. Die Kadernorm beträgt hier 12,20 Meter. »Realistisch in naher Zukunft erreichbar«, glauben die Roses, auch angesichts hoffnungsvoller Trainingsleistungen. »Im Speerwurf ist so eine erhebliche Steigerung leichter zu erzielen.«

Frühere Karnevalsprinzessin freut sich auf den 11.11.

Wer in Dubai die Ränge eins bis vier belegt, ergattert einen Paralympics-Quotenplatz für die Nation. »Da ist es wichtig, möglichst viele zu holen«, erklärt Bundestrainerin Marion Peters. Malin Rose wird die Wüsten-WM im Internet verfolgen und als weiteren Anreiz inhalieren, selber mal auf internationales Parkett zu rollen. Die Wettkämpfe werden im Livestream (www.paralympic.org/dubai-2019) zu sehen sein.

Die Schülerin hat gelernt, mit ihrem Handicap zu leben. Sie schreibt ihre eigene Geschichte, versucht immer das Beste aus sich herauszuholen – und wird vielleicht selber mal ein Paralympics-Zugpferd. Allen Barrieren zum Trotz macht sie sich ihr Leben bunt und wird den Beginn der fünften Jahreszeit am 11. November in Thüle besonders zelebrieren; Familientradition. »Ich verkleide mich oft und gerne. Egal zu welcher Jahreszeit«, grinst die frühere Karnevalsprinzessin.

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